Wenn die Farbe weg ist

Grenoble hat es als erste europäische Stadt vorgemacht, weniger Werbung- mehr Grün. Welche Folgen hätte ein Werbeverbot auf öffentlichem Grund? Und wie weit geht Zürich für ein fortschrittliches Stadt-Vorbild?

Nirgendwo ist man vor ihr sicher, überall verfolgt sie einem. Auf dem Weg zur Arbeit im Zug, Tram oder Bus. Beim Einkaufen im Laden, auf der Strasse, beim Lesen der Zeitung, im Fernsehen und Internet, ja sogar zu Hause beim gemütlichen Abendkaffe aus der Kapsel werden wir unbewusst aber stetig dazu animiert uns Bilder und Schriftzüge im Gedächtnis einzuprägen, um uns später ganz aus „eigenem“ Willen für das perfekte Erfrischungsgetränk an der Bar zu entscheiden.

Werbung ist allgegenwärtig und es ist kaum möglich sich ihr zu entziehen. Sie prägt unsere sozialen Verhältnisse und beeinflusst nicht nur unser Konsum- sondern auch das Allgemeinverhalten einer Gesellschaft. Sie spielt mit unseren Verlangen und Ängsten, zielt auf vorprogrammierten Reaktionen. Werbung soll beachtet werden und wirken. Sie muss stark, intensiv und laut sein, um sich gegen all die anderen Bilder in unserem Kopf durch- und festzusetzen.

Transportmittel und Werbefläche zugleich

Doch wie sähe eine Stadt wie Zürich ohne Werbung aus? Eine Langstrasse ohne Leuchtschriften. Ein Abaton Kino ohne Megaposter. Strassen und Haltestellen ganz frei von jeglichen Plakaten, Leuchtschriften, Schilder und Videoanimationen? Gar nicht möglich, unvorstellbar, denkst Du?

Die französische Alpenstadt Grenoble macht es vor: Als erste europäische Stadt ist sie gerade dabei sich frei zu machen. Die Hüllen fallen in den nächsten paar Monaten.

326 Werbetafeln werden im Zentrum entfernt, dazu gehören auch 64 der sogenannten Billboards. Anstelle der Werbung werden Bäume gepflanzt und die öffentlichen Räume sollen von lokalen Kultur- und Sozialorganisationen genutzt werden können. Vorbildlich könnte man sagen. Zukunftsweisend für eine grüne Stadt wie Zürich?

Gilt etwa nicht gerade die Aussenwerbung als ein Merkmal einer modernen Stadt? Schliesslich wird sie im Zusammenhang mit anderen stadtgestaltenden Elementen wahrgenommen und gibt ihr ein Gesicht. Durch ihren Ausdruck in Kunst und Grafik agiert sie stellvertretend für unsere Zeit.

„Die aktuellen Regelungen welche wir zurzeit in der Stadt haben genügen“, sagt SP Gemeinderat Patrick Huber. „Es braucht keine weiteren Werbeeinschränkungen. Wir sind eine Gesellschaft, die daran gewöhnt ist Läden anhand von deren Werbung zu erkennen.“

Alles bleibt anders

Grenoble ist nicht die einzige Stadt. Das brasilianische São Paulo geht noch einiges weiter. Das 2007 verabschiedete Verbot umfasst alle privaten Plakatwände, selbst Flaggen, Schilder, Logos sogar Handzettel oder Reklameröhren auf Taxis. Sozusagen ein Gesetz gegen visuelle Umweltverschmutzung.

Patrick Huber: „Solch ein Verbot könnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen!“

Aber wie heisst es doch bei Stefan Zweifel: „Brasilien, ein Land der Zukunft.“ Schliesslich ist São Paulo mit 11.5 Mio. Einwohnern Brasiliens grösste Stadt.

Patrick Huber war vor einiger Zeit selbst in São Paulo und wunderte sich über die seltsam leblosen Strassen. „Ich habe mir meine Fotos angeschaut und konnte mir nicht erklären weshalb alles so grau aussah. Erst später habe ich darüber gelesen, dass diese riesen Metropole ein konsequentes Werbeverbot hat.“ Das Gesicht einer Stadt verändert sich mit solch einer Regelung definitiv. Kritiker warnten vor einer Verödung. Die Menschen würden sich ohne „Werbekunst“ langweilen.

Trotz allem, 70 Prozent der Einwohner von São Paulo begrüssten 2011 das neue Gesetz. Die Stadt zeige erst jetzt ihr richtiges Aussehen. Die Architektur der Gebäude komme nun wirklich zum Tragen. Auch das Leben in der Finanz- und Kulturmetropole scheint etwas stressfreier zu sein. Man hat nicht permanent das Gefühl Werbebotschaften zu lesen.

Auch wenn solch ein Gesetz theoretisch umsetzbar wäre, wird sich bei uns in Zürich vorerst nichts ändern. „Ohne Werbung geht auch ein Stück Lebendigkeit verloren“, meint Patrick Huber. Schliesslich sei es auch in öffentlichem Interesse bei einem politischen Wahlkampf zu zeigen, wer zur Wahl stehe. Würde solch ein Werbeverbot eingeführt, wären auch diese Plakate davon betroffen.

Ein Verbot ist also momentan keine Option. In Zürich gibt es bereits Reglementierungen für Werbung auf öffentlichem Grund. Aspekte wie Dichte und Grösse spielen eine wichtige Rolle bei deren Wirkung im Stadtraum. Aussenwerbung soll sich in die gebaute und landschaftliche Umgebung einfügen und dem Charakter der vorherrschenden Situation entsprechen.

Denn Werbung ist auch Kunst, welche an Wintertagen wie diesen etwas Farbe bringen.

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