Weniger Kinder, mehr Qualität?

Die Gemeinden und der Kanton sollen 120 Millionen Franken in die Hand nehmen, um die Klassengrösse auf 20 Kinder pro Klasse zu beschränken. Die Initiative der Evangelischen Volkspartei, EVP, will damit das Lehrpersonal entlasten und die Unterrichtsqualität steigern. Sind die Zürcher Schulklassen wirklich überbelastet?

Ende November geht es um die Frage, ob die Schülerzahl pro Klasse auf 20 begrenzt werden soll. Entscheiden müssen wir uns zwischen der von EVP eingereichten Klassengrösse-Initiative und dem Gegenvorschlag der Kommission für Bildung und Kultur (KBIK).

Die Initiative der EVP "Mehr Qualität im Unterricht dank kleiner Klassen" fordert, dass die Klassengrösse im Kanton auf eine Höchstzahl von 20 Schülerinnen und Schüler pro Klasse definiert wird. Im Zürcher Kantonsrat steht die Mehrheit diesem Anliegen aber kritisch gegenüber. Es wird nicht nur bezweifelt, mit kleineren Klassen die Unterrichtsqualität erhöhen zu können, sondern auch für die Kosten eines solchen Vorhabens überhaupt aufkommen zu können. Ein Gegenvorschlag mit moderaten Kostenfolgen kommt besser an im Parlament.

Studenplan der Lehrpersonen im Limmat A Schulhaus. Die Initiative will überbelasteten Lehrern entgegenkommen.

Lehrpersonen brauchen Entlastung

Den Initianten geht es vor allem darum, Entlassungsmassnahmen zu ergreifen. Lernende weisen oft unterschiedliche Lernstände auf. Schüler mit Lernbehinderungen werden heute in Regelklassen integriert. Bei einer maximalen Kapazität von 25 Kinder pro Klasse, wie zur Zeit, können individualisiertes Lernen, Integration und Fremdsprachenunterricht zu hohen Belastungen für die Lehrpersonen führen. Dass heute erst ab dem 29. Schüler Entlassungsmassnahmen ergriffen werden, sei nicht mehr zeitgemäss, heisst es vom Ja-Komitee.

Johannes Zollinger vom Initiativ-Komitee sagte an einer Medienkonferenz, er wisse, dass es eine krasse Initiative wäre. Krass deshalb, weil ihre Forderungen nicht einfach umsetzbar seien. Dennoch plädiert das Ja-Komitee, bestehend aus EVP, SP, dem Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband (ZVL), den Sekundarlehrkräften des Kantons Zürichs, sowie dem VPOD Zürich für eine Klassengrösse von maximal 20 Schülern. Die Lehrpersonen seien am Rande ihrer Kräfte, meinen die Initianten. Mit kleineren Klassen könne man der Heterogenität und kulturellen Vielfalt gerecht werden, ausserdem würden somit die Lehrer zeitlich entlastet werden. Um die Lehrpersonen zu entlasten hat der ZVL bereits schon vor einem Jahr bei der Bildungsdirektion angeregt, Kinder mit besonderen Bedürfnissen in Bezug auf die Klassengrösse stärker zu gewichten. Doch der Vorschlag wurde von den zuständigen Stellen abgelehnt. Mit der Initiative erhoffen sie sich mehr Erfolg.

Kantonsrat Res Marti: "Wir nehmen die Probleme der ZVL ernst, aber die Initiative würde kostenschwere Folgen haben für die Gemeinden und dem Kanton."

Wer soll das bezahlen?

Sollte die Initiative angenommen werden, so sind gemäss der Bildungsdirektion des Kantons Zürichs mit Kosten von 120 Millionen Franken zu rechnen. 80 Prozent davon müssten die Gemeinden, 20 Prozent der Kanton berappen. "Das können wir uns nicht leisten", erklärt der Kantonsrat der Grünen Partei Res Marti. Deshalb haben sie im Kantonsrat den Gegenvorschlag der KBIK mit 98 zu 70 Stimmen angenommen. Darin soll eine leichte Verringerung des festgeschriebenen Durchschnittswerts für die Schülerzahl pro Lehrerstelle festgesetzt werden.

Der bestehende kantonale Lehrerpool würde von 150 auf 200 Lehrpersonen vergrössert werden, die bei ausgewiesenem Bedarf eingesetzt werden können. Die Klassengrösse spiele dabei keine Rolle, beteuert Marti, denn auch kleinere Klassen dürften diese Ressourcen beanspruchen. Die Kosten dafür würden sich auf 15 Millionen Franken belaufen. Grosse Klassen sind nicht das Problem, daher ist so eine Obergrenze auch nicht die Lösung, so der Sozialwissenschaftler weiter. Anstatt dort einzuschreiten, wo es in Problemfällen wirklich nötig ist, verfährt die Initiative nach dem Giesskannenprinzip und ist schwierig umzusetzen. Mit kleineren Klassen ist Schülern mit Lernschwierigkeiten auch nicht geholfen.

Im Limmat A Schulhaus sind die Klassen nicht überfüllt.

Keine überfüllten Klassen im Quartier

Die FDP und die SVP lehnen die Klassengrössen-Initiative und den Gegenvorschlag ab. Es sei nicht erwiesen, dass die Qualität durch kleinere Klassen gesteigert werden könne. "Gegenvorschlag wie Initiative sind ineffizient und kosten den Gemeinden nur viel Geld", heisst es bei der FDP.

Auch die Schulleitung im Limmat A zeigt Bedenken. Kleinere Klassen bedeuten mehr Raum. Wie würde dieser geschaffen werden? Ausserdem, woher nimmt man die Lehrer, ist die Frage. Immerhin bräuchte es rund 800 weitere Schulklassen und 1000 zusätzliche Lehrstellen. Das sei kaum umzusetzen beim gegenwärtigen Lehrermangel. Im Limmat A Schulhaus haben sie keine überfüllten Klassen, im Gegenteil, bei den Oberstufen müssen sie darauf achten, die Klassen überhaupt füllen zu können. In der Tagesschule ist die Schüleranzahl ohnehin schon auf 20 limitiert worden. Die Schule weist keine Anzeichen von Überbelastung auf. Heute spielen bei den Klasseneinteilungen verschiedene Faktoren eine Rolle. Zum Beispiel muss auf den Schulweg, oder einer heterogene Mischung verschiedener Nationalitäten, geachtet werden. Eine Obergrenze wäre ein weiteres Kriterium, das es zu beachten gäbe, befürchtet die Schulleitung. Für die Kreisschulpflege könnte dies zu mehr Komplikationen bei den Klasseneinteilungen führen. Aber vielleicht auch nicht, heisst es.

Schüler mit Lernschwierigkeiten brauchen Raum und intensive Pfege.

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