Weihnachten und andere Katastrophen

Oskar will Georgios. La Boume den Oskar. Aber wen vernascht Georgios? Eine Weihnachtsgeschichte in vier Akten.

Als Oskar aus dem Bett kriecht und sich den seidenen Morgenmantel überstreift, ist es bereits elf Uhr. Draussen, wie in ihm drin, ist es kalt und grau. Er reisst das Kalenderblatt ab, verweilt kurz vor dem ominösen Datum, schnappt sich entgegen seiner täglichen Routine eine Flasche Whiskey und setzt sich auf die Terrasse. Der 1. Dezember. In den Schaufenstern wird der Liebe ein Preisschild angehängt, die Menschen hasten abends von einem überteuerten Glühweinstand zum nächsten Winterzauber und die Heilsarmee betreibt im Namen der Nächstenliebe akustische Umweltverschmutzung. „Oh Du Fröööhlichehee!...“ Im Arsch. Mit steifgefrorenen Fingern und brennendem Magen schleppt er sich ins Bad. Nach der Nassrasur klatscht er sich eine Schicht „La Mer“ ins Gesicht und bändigt seine dunklen Locken. Seine sonst saphirblauen Augen gleichen dumpfen Kieselsteinen. Im begehbaren Kleiderschrank ist Oskar von den unzähligen Massanzügen überfordert. Lustlos lässt er seine Hand über die feinen Stoffe gleiten. Kaschmir. Nachtblau. Der Streifzug kommt ins Stocken. Es ist genau vier Jahren her, als er diesen Blazer das letzte Mal getragen hat. Er stand vor dem Elternhaus am Zürichberg und beaufsichtigte die Möbelpacker beim Verladen seiner Habseligkeiten. Hinter dem Vorhang im ersten Stock die Silhouette seiner Mutter. Ein drohender, bleierner Schatten. Das Knurren seines Magens holt ihn in die Gegenwart zurück. Unwirsch schnappt er sich den nächstbesten Blazer aus grauer Merinowolle mit giftgrünem Innenfutter und schlüpft in seine Lieblingsjeans. Auf der Terrasse lässt er den Blick über seine Christrosensammlung gleiten. Wenigstens etwas Gutes hat der Winter. Passend zum Innenfutter schneidet er eine grüne Blüte ab und steckte sie behutsam ins Knopfloch. Von seinem Loft am Puls 5 schlendert er über den Escher-Wyss-Platz Richtung Limmatplatz und setzt sich in seine Lieblingsecke im Café Lang. „Hallo Oskar! Was darf ich Dir bringen?“, fragt David. „Hi David. Das Übliche bitte“. Als der Capuccino mit extra viel Schaum, einer Prise Zimt und einem Gipfeli vor ihm steht, bessert sich seine Laune ein bisschen. Er verliert seinen Blick im steten Menschenstrom, der an der Fensterfront des Cafés vorbeizieht. Mittagszeit. Er sieht seine Mutter im Nachthemd am Küchentisch sitzen und telefonieren. Vielleicht führt sie aber auch ihren Pelz an der Bahnhofstrasse gassi und bringt die Verkäuferinnen diverser Boutiquen zum Weinen. Er vermisst sie. Manchmal. Aber dann erinnert er sich an den Nachmittag, als sie plötzlich in seinem Zimmer stand und ihn in flagranti mit ihrem Chauffeur erwischte. Mario machte sich schnell aus dem Staub. Oskar blieb unter den Laken, festgenagelt vom vernichtenden Blick seiner Mutter. Reglos stand sie da. Einzig der Martini in ihrer Hand zitterte bedrohlich. Als sie sich endlich abwandte und ging, sagte sie mit tonloser Stimme: „Wenn ich morgen vom Coiffeur zurückkomme, möchte ich Dich nicht mehr in diesem Haus antreffen“. Den Coiffeurtermin liess sie platzen. An ihrem Entschluss hielt sie jedoch fest. Ihr Sohn musste gehen. Ihr Chauffeur nicht. Eine Duftwolke reisst Oskar aus seiner Gedankensuppe. Hinter ihm hat sich Jemand auf das Sofa gesetzt. Er stellt den Capuccino zur Seite und saugt die neue Geruchsnote auf. Bergamotte, Pfeffer, Tee und... was war das? Feige? Jeder Mann sollte so riechen, denkt sich Oskar. Ein Handy vibriert „Hi Naike!... Gut, danke. Wie geht’s Dir?“ Und dann noch diese rauchige, tiefe Stimme! Oskars Neugierde ist nun vollends geweckt. Er lauscht weiter. „...Heute Abend? Nein, da kann ich leider nicht. Ich gehe in den Weihnachtssalon in die Matchbox. Du weißt schon – der theatralische Adventskalender... Nein. Ich hab’s Simone versprochen, dass ich hingehe... Klar, gerne! Dann ein andermal. Ciao! Danke für den Anruf! Wir sehen uns ja spätestens Übermorgen!“ Oskar schiebt sich hinterm Tisch hervor. Auf dem Weg zur Toilette erhascht er einen Blick auf die geöffnete Aktentasche des Neuankömmlings. Lugte da hinter der NZZ nicht ein Exemplar der neusten Männer-Vogue hervor? Bingo! „Der ist sicher schwul“, denkt er sich. Nachdem Oskar auf der Toilette seine Brauen geglättet und den Blazer zurechtgerückt hat, schlenderte er langsam zurück an seinen Platz. Dabei tastet sein Blick den duftenden Unbekannten ab. Seine unberingten (!), kräftigen Hände ruhen auf einem Zeitungsartikel. Unter seinem weissen Hemd zeichnet sich ein athletischer Körper ab. Rabenschwarze kurze Haare umrahmen sein gebräuntes Gesicht. Als Oskar neben seinem Tisch ankommt, erhebt der Unbekannte seine grünen Augen von der Zeitung. Für eine kleine Ewigkeit kreuzen sich ihre Blicke. Oskars Herz setzt zwei Takte aus. Mit einem unbeholfenen Lächeln geht er vorbei und stiehlt sich zurück an seinen Platz. Das Abendprogramm war gesetzt. Oskar würde sich um keinen Preis der Welt den heutigen Weihnachtssalon entgehen lassen. Matchbox? Das war doch im Schiffbau. Ob die noch Karten haben? Zu Oskars Freude beantwortet die Kassiererin die Frage mit einem Ja. Und nicht nur das. Die Vorstellung sei gratis. Vielleicht würde er dieses Jahr doch nicht alleine Weihnachten feiern. Als er auf dem Heimweg an einem singenden Duo der Heilsarmee vorbeikommt, lässt er ein paar Münzen in den Kessel fallen.

Hastig knöpft sich Oskar ein zweireihiges Gilet aus dunkelblauer Merinowolle zu. Er schnappt sich die goldene Taschenuhr seines Grossvaters – halb sechs! – fummelt die Uhrenkette an den mittleren Knopf und lässt das Erbstück in die Seitentasche des Gilets gleiten. Verdammt, welche Schuhe?! Er schnappt sich zweifarbige Budapester und den dunkelblauen, leicht taillierten Kaschmirmantel. Nach einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel stopft er sich noch schnell Kaugummis in die Tasche seiner verwaschenen Vintage-Jeans und hastet zur Türe hinaus. Ausser Atem kommt Oskar um zehn vor sechs bei der Matchbox an, wo gerade die letzten Besucher den Theaterraum betreten. Oskar bewundert kurz die opulente Kulisse, sucht dann aber fieberhaft die Sitzreihen ab. Ob der schöne Fremde doch nicht kommt? Gerade als sich bittere Enttäuschung in seiner Magengegend breit machen will, entdeckt er ihn in der dritten Reihe. Ein Adrenalinstoss später erkennt Oskar, dass neben ihm ein Platz frei ist. „Verzeihung!... Darf ich kurz? Danke... Entschuldigen sie...“ Begleitet von erstaunten und verärgerten Blicken rempelt er sich durch die platzsuchende Menge und schafft es gerade noch, sich auf den gewünschten Platz fallen zu lassen, bevor eine alte Dame am Stock ihn erreichen kann. Mit einem giftigen Blick stöckelt sie an ihm vorbei und rammt ihm dabei ihren Gehstock in den Fuss. „Oh, äxgüsi, Ich ha sie gar nöd gseh!“ sagt sie mit zuckersüsser Stimme und schadenfrohem Grinsen. Egal. Er hat es geschafft. Mit unendlicher Genugtuung inhaliert Oskar den bekannten Duft seines Sitznachbarn. Während der Vorstellung sind Oskars Sinne geschärft wie eine Rasierklinge. Er stiert auf die Bühne, ohne etwas von der Aufführung mitzukriegen. Nach einer Weile verlagert Oskar unauffällig seinen Oberkörper nach hinten. Ausserhalb des Blickfeldes des Fremden wagt er es, den Kopf leicht zu wenden und das Profil des unbekannten Schönen zu betrachten. Unter den dunklen Brauen schimmern dichte Wimpern im Abglanz der Bühnenbeleuchtung. Die hellen Augen verfolgen gespannt die Handlung. Darunter verläuft ein gerader, leicht kantiger Nasenrücken bis zu den Lippen. Die markante Kinnpartie ist dicht mit schwarzen Stoppeln übersäht, die am weissen Hemdkragen kratzen. In Gedanken wandert Oskar weiter nach unten und löst den dritten Knopf des Hemdes. Er sieht die getrimmten Haare unterm Schlüsselbein und entblösst mit jedem weiteren Knopf die leichte Rinne zwischen den Brustmuskeln. Während Oskar die restlichen Knöpfe öffnet, nähert er seine Lippen der perfekten Mulde zwischen den Schlüsselbeinen. Die Lippen berühren die warme, zarte Haut. Zum pfeffrigen Feigenduft gesellt sich eine herbere Note. Er riecht so gut! Oskar küsst abermals die Mulde, wandert mit seinen Lippen am Adamsapfel vorbei seitlich den Hals entlang. Seine Stoppeln kratzen angenehm Oskars empfindliche Lippen. Endlich finden sie die seinen. Unendlich weich und warm teilen sich diese und plötzlich erhebt sich tosender Applaus. Verstört stellt Oskar fest, dass das Licht im Zuschauerraum wieder angegangen ist. Mit feuchten Händen beklatscht er noch enthusiastischer als die anderen die sich verneigenden Schauspieler. Was jetzt?! Als Oskar sich seinen Mantel überstreift, sucht er panisch nach dem geeigneten Anmachspruch. Beim Hinausgehen achtet er darauf, dass sie nebeneinander gehen. In seinen Ohren pocht es, zwischen ihnen eine heliumartige Leere. „Und, hat ihnen die Aufführung gefallen?“ dringt eine tiefe Stimme zu Oskar hindurch. „Oh, ja, ja, wunderbar!“ stammelt Oskar zurück. Der Fremde hat doch tatsächlich IHN angesprochen! In Gedanken ohrfeigt er sich für seine piepsige Stimme. „Und wie hat es ihnen gefallen?“, fragt Oskar. „Ja, auch ganz gut. Mir tut nur der eine Schauspieler leid, der sich am Ende wahrscheinlich den Fuss gebrochen hat, als er vom Tisch gesprungen ist“. Oskar versucht die Röte zu unterdrücken, die ihm ins Gesicht steigt. „Ja, schrecklich. Gehen sie oft ins Theater?“, fragt er den Fremden. „Ja, sicher zwei Mal im Monat. Da ich in der Nähe wohne, bietet sich der Schiffbau an.“ „Wo wohnen sie denn?“ „Ich habe eine Wohnung im Mobimo Tower.“ „Wirklich? Schön!“ sagt Oskar, und fummelt an seinem Siegelring herum. Mittlerweile drücken auch sie sich mit der restlichen Menschenmenge in die Eingangshalle des Schiffbaus. „Dann kennen sie sicher schon die Nietturm Bar?“, fragt Oskar. „Ja, aber nur von meinem Schlafzimmerfenster aus. Ich war noch nie drin.“ „Sie ist ganz hübsch! Besonders die Aussicht. Aber wahrscheinlich ist die ein Klacks gegen die, die sie von ihrer Wohnung aus geniessen. Aber... na ja, vielleicht haben sie trotzdem Lust, ich meine, also ich wollte da jetzt sowieso hin und vielleicht sind sie auch durstig?“ Der Fremde mustert ihn kurz und schaut auf seiner Uhr. Nach kurzem Zögern sagt er: „Ja, warum nicht. Mein Name ist übrigens Georgios.“ Oskar kann sein Glück kaum fassen. „Natürlich, wo bleiben meine Manieren. Ich heisse Oskar.“

Nach dem zweiten Whiskey Sour an der Bar lockert sich Oskars Zunge. Georgios, Besitzer eines Vermögensverwaltungsbüros ist alles, was sich Oskar je von einem Mann erträumt hat. Schön, witzig, reich und galant ist er, ist griechischer Abstammung und liebt japanische Küche. Aber ist er wirklich schwul? Oskar hat noch keine eindeutigen Informationen sammeln können. Manchmal scheint Georgios ihn etwas zu lang und intensiv anzuschauen, was er sich aber auch einbilden könnte. Gerade als Oskar fragen will, ob Georgios sein Penthouse im Mobimo Tower alleine bewohnt, drückt sich ein riesiges Paar Brüste zwischen sie an die Theke. „Pardon Messieurs!“, haucht eine tiefe Frauenstimme und bestellt beim Barkeeper ein Glas Champagner. Während der Barkeeper der Bestellung nachkommt, mustert die kurvenreiche Frau im engen roten Kleid Oskar. Ihr Blick verweilt kurz bei der goldenen Uhrenkette und dem Siegelring. Daraufhin schenkt sie ihm ihr strahlendstes Lächeln und streckt ihm ihre Hand mit Feuerrot lackierten Fingernägeln hin. „La Boum. Sonja“, haucht sie. „Von Arx“, erwidert Oskar kühl. Ob er sie aufklären soll, dass die Uhrenkette, der Sigelring und der Name nichts zu bedeuten haben? Oskars Besitz beschränkt sich auf das, was er vor vier Jahren in den Umzugswagen geladen hat und die Wohnung, die Oskars Vater ihm kurz vor seinem Tod überschrieben hatte. Ansonsten lebt er mehr schlecht als recht von 1000 Franken, die seine Mutter ihm für die Dauer seines Studiums monatlich überweist. Dieses Wissen würde Sonjas Interesse bestimmt schnell verblassen lassen, denkt sich Oskar. „Ich habe heute Geburtstag. Stossen sie mit mir an?“, fragt Sonja. „Herzlichen Glückwunsch. Ich bin jedoch in Begleitung hier“, sagt Oskar. Sonja dreht sich zu Georgios um und beäugt ihn abschätzig. „An meinem Tisch hätte es durchaus Platz für zwei“, sagt sie. Was Oskar noch mehr irritiert als das aggressive Flirtverhalten der Blondine ist Georgios Blick, der am ausladenden Dekolleté der Frau klebt wie Fliegen an einem Fliegenpapier. „Was meinst Du Oskar?“ fragt Georgios, ohne den Blick von den zwei gewichtigen Argumenten dafür abzuwenden. „Ja, Oskar, was meinst Du?“ flüstert Sonja Oskar ins Ohr und schwingt ihre Hüften in den hinteren Teil der Bar. Als Georgios diesen schon folgt, gibt sich Oskar geschlagen. Er bestellt sich einen Wodka-Shot und trottet hinterher. Das läuft definitiv nicht wie geplant.

Als Oskar die Augen aufschlägt, ist es draussen noch dunkel. Mit pelziger Zunge und pochenden Schläfen rafft er sich auf. Er ist in seinem Bett, aber wieso in voller Montur? Schwankend läuft er ins Bad. Was klebt da an seiner Backe? Auf dem Zettel steht: „Brunch bei mir nächsten Sonntag um 12:30. Bei Papadopulous klingeln. Freu mich! G.“ Die Freude über den bevorstehenden Brunch mit Georgios lässt ihn kurz die Kopfschmerzen und die Übelkeit vergessen. Was ist in den letzten Stunden passiert? Er erinnert sich wage an Sonjas Finger in seinem Nacken. An Georgios Gelächter. Und an einen verärgerten Hotelbesitzer. Hat er sich tatsächlich in eine Lobby erbrochen? Und warum hat es Lippenstiftspuren an seinem Kragen!? Als er sein Hemd auszieht, entdeckt er eine Handynummer, die jemand mit einem Edding quer über seine Bauchmuskeln geschrieben hatte. Auf dem Bauchnabel darunter ein verschmierter Kussmund in grellem Rot. La Boum. Zu kaputt um sich darüber aufzuregen streift er ein Tshirt über, putzt sich die Zähne und geht wieder ins Bett. Bleibt nur zu hoffen, dass Georgios nicht auch noch Sonja zum Brunch eingeladen hat.

Wen Georgios an seinem Frühstückstisch sitzen hat, erfahren die Leser hier:

2. Teil der Adventssoap aus Zürich-West.

3. Teil der Adventssoap aus Zürich-West.

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