Wäre das Tram jetzt schon voll, hätten wir etwas falsch gemacht

VBZ-Direktor Dr. Guido Schoch sagt, was die Erfahrungen mit einem Jahr Tram Zürich-West sind, und erklärt, wie die Zukunft aus Sicht der Verkehrsbetriebe aussieht.

Vor einem Jahr startete das Tram Zürich-West. Die Bilanz aus Sicht des VBZ-Direktors?

Guido Schoch: Sehr erfreulich. Als das Tram beschlossen wurde, löste das rege Bautätigkeit aus. Ein Tram ist eine fixe Infrastruktur, die den Investoren Gewissheit verschafft, dass sie die nächsten Jahrzehnte bleibt. Diesen Effekt konnte man nicht nur in Zürich-West feststellen, sondern auch bei der Glatttalbahn. Und es ist eigentlich nichts Neues. In den 20er Jahren baute man ein Tram zum Irchel, mit der Absicht, dort die Stadtentwicklung voranzutreiben.

Lässt sich dieser Effekt belegen?

Guido Schoch: Man weiss, dass für Investoren gute Infrastruktur und gute Lage zählen. Nicht umsonst redet man gerne von den drei „L“, die bei Liegenschaften ausschlaggebend sind: Lage. Lage. Lage. Mit einem Tram-Anschluss vor der Türe ist eine Liegenschaft nachhaltig erschlossen und gewinnt an Wert.

Entspricht die Entwicklung des Passagieraufkommens in Zürich-West Ihrer Planung?

Guido Schoch: Die Zahlen haben sich sehr erfreulich entwickelt. Verglichen mit dem Bus, der vor dem neuen Tram zum Bahnhof Altstetten fuhr, haben wir acht Mal mehr Passagiere. Beim Technopark sind es fünf Mal mehr Passagiere. Und die Zahlen steigen weiter. Dazu kommt: Es ist noch sehr viel im Bau. Denken Sie allein an die Hochschule der Künste. Da entstehen 4000-5000 Arbeits- und Studienplätze. Bis 2025 rechnen wir mit insgesamt rund 7000 Anwohnern und 35‘000 Arbeitsplätzen in Zürich-West. Deshalb gehen wir davon aus, das sich die steile Zuwachskurve, die wir dieses Jahr hatten, fortsetzen wird.

Als der 4er neu nicht mehr Richtung Grünau fuhr, sondern an den Bahnhof Altstetten, war ein Argument der Kritiker: Der 4er Richtung Bahnhof Altstetten Nord sei häufig leer.

Guido Schoch: Jede neue Tram- oder Busverbindung braucht zwei bis drei Jahre, bis sie bei allen Leuten angekommen ist. Das ist überall so. Auch bei der Eisenbahn. Dazu kommt die Quartierentwicklung. Nochmals: Insgesamt 7000 Einwohner und 35‘000 Arbeitsplätze in Zürich-West in der Zukunft! Wäre das Tram jetzt schon voll, dann hätten wir etwas falsch gemacht und wären für den Zuwachs nicht gewappnet.

Das klingt alles nach Erfolg. Wo hatten Sie Schwierigkeiten mit der neuen Linie?

Guido Schoch: Was wir unterschätzt hatten, war die Frequenz auf dem neuen 17er Richtung Grünau. Zuerst haben wir da nur Sänften eingesetzt...

Sänften sind?

Guido Schoch: Ein einteiliges Tram 2000 das einen Niederfluranteil in der Mitte hat. Ohne Anhänger. Da mussten wir merken, dass das nicht gereicht hat. Deshalb haben wir dann unsere Trams umdisponiert, um genügend Kapazität bereit stellen zu können.

Da ihr Fuhrpark recht ausgelastet ist, war es offenbar gar nicht so einfach, grössere Trams bereit zu stellen. Haben Sie längerfristig nicht einfach zu wenig Trams?

Guido Schoch: Wir haben es hingekriegt, dass das Gesamtsystem funktioniert. Und wir haben – auch wegen der Engpässe - den Auftrag für neue Trams ausgeschrieben, damit wir 2016 die ersten Lieferungen werden einsetzen können.

Neu in Zürich-West ist der 8er, der über die Hardbrücke fahren wird. Was ist hier der Stand der Dinge?

Guido Schoch: Wir sind auf Kurs. Der politische Prozess bei der Stadt wurde eingeleitet. Beim Kanton startet dieser erst im nächsten Herbst, weil man noch abwartet, ob der Bund einen Teil finanzieren wird. Das heisst, voraussichtlich werden wir die Tramverbindung Hardbrücke statt 2016 ein Jahr später in Betrieb nehmen.

Sie sind also zuversichtlich, dass Sie 2017 das Tram über die Hardbrücke einweihen?

Guido Schoch: Da sind wir sehr zuversichtlich, ja.

Stichwort Kanton. Ein Resultat der Diskussion um die Anbindung des Quartiers Grünau ab 2017 war, dass der 17er während der Stosszeiten vom Hardturm direkt zum HB fahren wird. Kann man sagen, dass das Rumoren in der Bevölkerung dazu geführt hat, dass man dem Zürcher Verkehrsverbund, also dem Kanton, nochmals etwas abringen konnte?

Guido Schoch: Es gab verschiedene Gründe. Was wir auf jeden Fall unterschätzt haben, war das Passagieraufkommen auf der Linie. Man hat sehr deutlich gesehen, dass es da eine grosse Nachfrage gibt. Und der Kanton hat sich bereit erklärt, die Mehrkosten zu finanzieren.

Auf beiden Linien, dem 4er und dem 17er, haben Sie mehr Passagiere. Lässt sich das auch in höhere Einnahmen übersetzen?

Guido Schoch: Die Tarifhoheit liegt beim Zürcher Verkehrsverbund, die Einnahmen gehen also direkt dorthin. Aber man darf davon ausgehen, dass man grosso modo die gleiche Steigerung, die man im Gesamtnetz bei den Frequenzen hat, auch bei den Einnahmen erzielt.

Was sind für Sie als VBZ-Direktor Ihre grössten Baustellen?

Guido Schoch: Das ist die Tramverbindung Hardbrücke, das ist die ausstehende Tram-Beschaffung, das ist die Linien-und-Netzentwicklung 2030, also die Frage, wie es langfristig weitergehen soll. Dann: Die Klärung der Frage, was die dringendsten Verbindungen und Verkehrsführungen sind. Ausserdem verfolgen wir ein Effizienzsteigerungs- und ein Kulturprogramm.

Wenn die VBZ in einen Unfall involviert ist, taucht in den Medien die Frage auf, ob es bei Ihnen besonders viele Unfälle gibt.

Guido Schoch: Im Gegenteil, Tram und Bus sind in der Stadt die sichersten Verkehrsmittel. Unsere Passagiere fahren sicherer als alle anderen. Und vergessen Sie nicht: Die VBZ fahren täglich zwei Mal um die Welt!

Die VBZ fahren jeden Tag zwei Mal um die ganze Welt?

Guido Schoch: Täglich fahren wir etwa 80‘000 Kilometer. Da lassen sich – leider! – Unfälle nicht immer vermeiden. Festhalten muss man, dass es meist nicht unsere Chauffeusen und Chauffeure sind, die Unfälle verursachen, sondern andere Verkehrsteilnehmer. Aber jeder Unfall ist einer zu viel.

Wie fahren Sie zur Arbeit?

Guido Schoch: Mit dem 80er fahre ich von Höngg aus zur Arbeit. Und mit dem Tram fahre ich von Altstetten aus in die City an Sitzungen. Pro Tag bin ich im Schnitt mehrmals im Tram oder in einem Bus unterwegs.

Seit wann sind Sie bei den VBZ?

Guido Schoch: Seit drei Jahren. Davor war ich bei der Südostbahn. Ich bin seit 20 Jahren für den öffentlichen Verkehr tätig.

Und wie sind Sie da gelandet?

Guido Schoch: Ich habe in St. Gallen Betriebswirtschaft studiert. Dann war ich bei der UBS. Aber der öV hat mich immer fasziniert. Und es ist eine Arbeit, die Sinn stiftet. Ich kann meinen Beitrag zur Lebens- und Umweltqualität in Zürich leisten. Das ist ein grossartige Aufgabe.

  • Philippe Keiser 19.12.2012 13.59 Uhr

    "Wäre das Tram jetzt schon voll, dann hätten wir etwas falsch gemacht und wären für den Zuwachs nicht gewappnet." Diese Aussage trifft den Nagel auf den Kopf. Viele der Tram-Gegner, vergessen diesen Punkt in ihrer Argumentation der "leeren Trams". In ein paar Jahren werden sie froh sein, hat die VBZ vorausgedacht. Zürich-West wird weiter stark wachsen.

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