Von Wildtieren und hungernden Kindern

Das Kaffee Lang ist erst seit kurzem geöffnet und ist Nachfolger des "El Greco". Wahnsinnig interessant ist es, auf der Terrasse einen Kaffee zu trinken und dem Geschehen auf der Strasse zuzuschauen. Ich klappe mein Notebook auf, bestelle ein Bier für meine Muse und observiere. Vorhang auf zum ersten Akt.

1. Akt: Die Seiltänzerin. Dicke Frau mit langem Blumenkleid tritt auf, sie kommt aus der Migros. Am rechten Arm hängt eine volle Einkaufstasche, am linken zieht ein Hündchen an der Leine. In diesem Balanceakt befindet sie sich eine ganze Weile, bis sie ins Tram einsteigt und Platz nimmt. Aus einem anderen Tram strömen Fahrgäste. Sie gehen über den Fussgängerstreifen, wo sie plötzlich ihren Gang verdoppeln oder so tun, als seien die Kopfhörer so laut, dass sie nichts mehr hören. Wie aufgeschreckte Wildtiere versuchen sie der bevorstehenden Gefahr zu entkommen.

2. Akt: Afrikas Kinder. Vor der Terrasse des Lang haben Unterschriften-Haie ihren Stand aufgestellt. Sie sind auf Spendenjagt für eine Hilfsorganisation. Zu dritt sprechen sie praktisch jeden Passant an: "D'Chind in Afrika bruuched diini Hilf!" Oder: "Hey, du! Wetsch chli Muet spände?". Dabei hat einer der drei einen guten Trick. Er stellt sich neben den Aschenbecher des Migros-Einganges und redet so lange auf die Raucher ein, bis sie nachgeben. Der Kollege probiert es mit seinem Charakter. Dies zieht bei jungen Mädchen ziemlich gut. Sie drehen sich im Vorbeigehen immer wieder um und versuchen zu erklären, dass sie keine hungernden Kinder in Afrika unterstützen wollen oder können – denken sich dabei aber: "Dich würde ich schon unterstützen." Das bringt dem Unterschriftensammler dann aber auch nichts und er holt sich in der Migros eine Erfrischung.

3. Akt: Musikalische Einlage. Der Kellner des Lang beginnt zu pfeifen, dann singt er den Figaro aus Gioacchino Rossinis "Il barbiere di siviglia". Zwei Takte, dann ist Schluss.

4. Akt: Dramatisches Ende. Der Kellner bringt meine Rechnung.

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