Unerreicht

Die meisten Trashfilme, die wir hier behandelt haben, sind eher älteren Datums und bewegen sich meist im Horror-, Actiongenre. Dieses Mal machen wir alles anders. Schliesslich spielt Silvester Stallone in einer Romantik-Komödie von 2014 mit.

Der Film Reach Me war bereits schon in der Produktionsphase ein Desaster. Die Investoren sprangen plötzlich ab und so stand die Crew ohne Geld da. Wahrscheinlich wurde den Geldgebern immer mehr bewusst, was für ein Unsinn sie da unterstützten. Aber zum Glück gibt es ja Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter und schnell hatte man wieder einigermassen genügend Geld, um den Film zu Ende zu bringen. Schade.

Der Streifen zeigt verschiedene Lebensgeschichten unterschiedlicher Individuen. Da wäre etwa die Desperate Houswife, die ihr eigenes Haus abgefackelt hat und nun im Gefängnis sitzt. «Das dumme ist nur, dass mein Mann nicht im Haus war, als es abbrannte», witzelt sie. Eigentlich ist sie aber eher Miss Suneshine und hat ein warmes Herz. Bei ihrer Entlassung wird sie von ihrer Nichte aus London abgeholt. Diese versucht sich in den Staaten gerade als Schauspielerin und hat ihre erste Rolle im Bett. Teilen muss sie dies mit einem arroganten Filmstar, der sich aber galant um sie kümmert und ihr Mut macht, dass man sich für so eine Filmszene nicht schämen müsse. Als dann die Kamera läuft zeigt er sein Können, alle sind zufrieden, nur die Nichte aus London fühlt sich ausgenutzt.

Auf dem Nachhauseweg vom Gefängnis kommt es zum Verkehrsunfall mit einem selbsternannten Sheriff. Dieser hilft ab und zu einem richtigen Polizisten aus, um Räuber zu stellen und meist danach zu erschiessen. Für ihn tritt Gerechtigkeit erst mit dem Tod der Bösen ein. Dafür darf er sich natürlich nicht erwischen lassen – er lebt deshalb ein Leben «on the edge». Beim Pfarrer, ist glaubs sein Vater, beichtet er jeweils seine Taten und alles ist wieder gut. Doch der Pfarrer will, dass das alles aufhört und verbietet ihm zu töten. Das ist natürlich Mumpitz, denn eben, nur ein toter Räuber ist ein guter Räuber. Doch jetzt ist dieser Verkehrsunfall passiert mit den beiden Frauen – ist das der Wendepunkt seines Lebens? Die beiden müssen sich um ihn kümmern, da es ihm schlecht geht. Irgendwann findet er die Geschichte mit dem arroganten Schauspieler heraus und dass sich die Nichte aus London danach schlecht fühlte. Der Hobby-Sheriff will kurzen Prozess mit dem Typ machen, besinnt sich aber an die Worte seines P/Vaters und haut ihm nur ein paar Zähne aus seinem perfekten Gebiss.

Nach dem Unfall

Zähne aus dem Gebiss schlagen wollen auch die beiden Schlägertypen – es sind die Schergen eines Mafiabosses. Dieser ist wiederum ein Scherge eines noch grösseren Mafiabosses. Jesses! Item. Die beiden Schergen sind gerade daran, einen bösen Deutschen zu verprügeln, als sie plötzlich eine Eingebung haben. Das Duo erinnert irgendwie an Pulp Fictions Vincent Vega und Jules Winnfield. Sie streiten sich um ein Buch, das der eine gerade liest. In dem Buch geht es hauptsächlich, kurz zusammengefasst, darum, dass man seine Träume verfolgen soll. Das wollen sie nun auch tun: zusammen ein Pub mit Küche eröffnen... Das Buch hat nicht nur die beiden inspiriert – so ziemlich die ganze Welt spricht darüber. Dies veranlasst Medienmogul Gerald, gespielt vom unglaublich einfühlsamen Silvester Stallone, nach dem Autor zu suchen, der das Buch anonym geschrieben hat. Seine Zeitung soll die erste sein, die ein Interview mit dem Autor veröffentlicht.

Also man muss es annehmen, dass Stallone diesen Auftrag seinem Assistenten gibt, denn die gelifteten Botox-Lippen verschlimmern Stallones Nuscheln nur noch mehr und man konzentriert sich unweigerlich auf den Speichelausstoss aus seinem schrägen Mund. Der Assistent macht sich also auf, um den Autor zu suchen, scheitert aber und Stallone wird sehr böse. Noch mehr Speichel! Der Assistent ist genervt, gibt aber nicht auf. Dann endlich findet er den Autor und will ein Interview, doch dazu kommt es nicht, weil der Assistent sich lustig über das Buch macht. Schliesslich will er schon seit Jahren aufhören zu rauchen, schaffte es aber nie, auch nicht mit dem Buch, das alle so toll finden. Ein Fall für den Autor! Sie verbringen zusammen die ganze Nacht am Meer. Der Assistent schreit bis zum Morgengrauen «Ich rauche nicht!», in die weite See. Sie werden zu Freunden und nun ist das Interview plötzlich nicht mehr so wichtig.

Nun kommt aber der Autor ins Schwitzen. Er soll eine Lesung geben, obwohl er doch eine unsägliche Angst vor Menschen hat. So wie Axl Rose nur noch unter Drogen auf die Bühne kann, braucht der Autor Hilfe. Der Assistent unterstützt ihn und erliebt sich dabei gerade noch in die Tochter des Autors, die das ganze organisiert und auch den Vertrieb des Buches vorangetrieben hat. Es kommt also alles gut, der Autor willigt ein, eine Lesung zu geben. Dort gehen natürlich alle hin. Die Ex-Knasti mit ihrer Nichte aus London, der Hobby-Polizist, der nun mit der Nichte aus London ein Techtelmechtel hat, die beiden Ex-Schergen und designierten Gastronomen und dessen Ex-Boss, der die beiden für diesen Entscheid abmurksen will. Alle sind sie gekommen. Unglaublich! So viele verschiedene Geschichten und alle führen am Schluss zusammen. Wow.

Kurz vor dem grossen Auftritt des nervösen Autors herrscht hinter der Bühne Hektik. Denn Silvester Stallone tritt in den Backstage und fährt seinen Assistenten aber so was von an. Schliesslich sollte dieser doch ein Interview schreiben, hat sich seit dem letzten Treffen aber nicht mehr gemeldet. Dem Assistenten fliegen verbale Atombomben um die Ohren und Speichelspritzer ins Gesicht. Das ist nun wirklich zu viel – er haut ab. Der Autor versteht Stallones Ausbruch nicht und will etwas gescheites sagen. Doch Stallone ist ihm natürlich auch intellektuell massiv überlegen. «Du hast wohl Angst, auf die Bühne zu gehen, was?» Stallone lächelt und macht sich bereit für das Quote, das in allen Filmkritiken später hochgelobt werden soll. «Mut bedeutet seine Ängste zu konfrontieren und weiterzugehen.» Der Autor ist sprachlos, Stallone dreht sich um, richtet seinen Hut, lächelt in die Kamera und geht ab. Das war jetzt aber wirklich sehr eindrücklich. Der Autor geht auf die Bühne und beginnt seine Lesung.

Nun sind ja aber noch die Schergen im Publikum, die umgelegt werden sollen. Sie werden mit versteckter Pistole im Mantel hinter die Bühne geführt. Natürlich merkt unser Hobby-Beamter das sofort und geht ihnen nach. Hinter der Bühne kommt’s zur Schiesserei, es sterben aber nur die Bösen. Nun kommt das Ende. Da gibt es ja immer wieder solche Geschichten, bei denen das Ende relativ offen ist und man nur ansatzweise erfährt, wie die Protagonisten weiterleben. Hier natürlich nicht, man erfährt von jedem Individuum, wie sich das Blatt für sie gewendet hat. Die Nichte aus London ist immer noch mit dem Hilfs-Sheriff zusammen, die Desperate Housewife hat sich den Autor angelacht und die beiden Schergen haben nun ein Schottisches Pub eröffnet, der eine im Service, der andere in der Küche.

Der Autor und die Desperate Housewife
Die beiden Ex-Schergen

Ach ja und der rauchfreie Assistent ist nun mit der Tochter des Autors zusammen.

THE END.

Fast. Denn der Kommentar von Rotten Tomatoes über den Film, möchte ich natürlich nicht vorenthalten. Rotten Tomatoes gibt dem Streifen übrigens eine Bewertung von 0%. «Reach Me is so fundamentally misbegotten that its title reads more like a threat.»

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