Tramfahrt

Einmal mit dem 4er-Tram vom Süden in den Westen. Daraus entstand eine Ode an Zürich. Beurteilen dürft es ihr.

Mein Kopf ist leer

Das Tram rieselt sacht in die Wildbachstrasse

Vorbei an Apotheken, Antiquitäten, die Strassen ruhig, der Reichtum sichtbar

Ein paar Plätze sind besetzt, höre Spanisch, verstehe nur Bruchstücke

Man sollte anderen nicht zuhören, nicht in fremde Gewässern fischen, auch an der Fröhlichstrasse ist das wohl kaum sittlich

Mein Kopf schüttelt sich, junge Gesichter mustern mich, ich kenne sie nicht

Raus aus dem Seefeld über die Feldegg ins Wirrwarr der Stadt, wir merken es kaum, doch ein neuer Abschnitt beginnt

Schon sind wir beim Opernhaus, des Trams Auftakt ist wenig meisterlich

Man fühlt's, das Leben ist kein Spitzentanz, so setzt man sich geschwind

Mein Kopf verrenkt sich, es gibt Dinge, die gibt es nur einmal, nennen wir sie legendär, den Sternen Grill und das Odeon

Suche die Bergen hinter dem Bellevue, die Sicht war auch schon besser, aber im Grunde kenn ich das alles schon

Am Limmatquai scheint die Zeit still zu stehen, seit der Kran verschwunden ist, dürfte alles wieder beim Alten sein

Mein Kopf füllt sich, der Umsturz liegt weit zurück, so auch die Pest, die einst mal diese Stadt ausrottete, der Alte Brun beobachtet uns, verewigt in Stein

Mein Kopf schwebt, meine Augen fixieren die heilige Meerjungfrau auf dem Starbucksemblem

Im Hotel Limmathof wird geputzt, so putzt sich ein Obdachloser lieber selbst auf einer Bank, die Strasse spaltet sich

Mein Kopf ist schwer, die Punks haben die Kreuzung beim Bahnhof Quai verlassen, die Kälte wurde wohl zum Problem

Wo sind sie hin, zurück in ihren behüteten Villen, zurück zu Hotel Mama, wo sind unsere Punks, das frage ich mich tatsächlich?

Mein Kopf hebt sich, das nur scheinbar alt aussehende Landesmuseum verdeckt ein dunkles Geheimnis der Stadt

Platzspitzpark, so soll es heissen, es ist nicht lange her, und doch schon völlig vergessen aus der städtischen Erinnerung gelöscht

Das Elend vergraben, die Junky-Seelen schweben über dem Letten, so schnell verlassen sie uns nicht, dafür war ihre Zeit zu gut

Mein Kopf senkt sich, das Drogenbild erlischt, es wird verschwinden, zuerst in den Köpfen, bald auch aus den Archiven

Mein Kopf brummt, ein Kleinkind schreit, Reime über Tits'n'Ass, Whiskey und Hip Hop sind nicht mehr, heute essen dort Öko-Mamis mit ihren Kindern veganische Döner

Es beginnt das westliche Paradies, Integrität und Individualität werden gross geschrieben

Man findet sie in den Galerien an der Limmatstrasse, Kunst vermittelt das Unausprechliche und etwas mehr

Mein Kopf dreht sich, so viele starren nur auf ihr Telefon, ohne jemals den Kopf zu heben, und wir wundern uns, dass wir uns ständig einsam fühlen?

Mein Kopf wird erleuchtet, seh ich zum ersten Mal Strassenkunst, so gross, dass ich es nicht verneinen kann

Beim Schiffbau fühl ich mich gestrandet, da gehen Lichter auf, beleuchtet ist auch das Mafioso Geschäft New Point, macht der jemals die Lichter aus?

Mein Kopf ist ziemlich verwirrt, das Novotel scheint kahl und entvölkert, auf der Pfingstweid gibt es schon lange kein Gras mehr, oben geht's zur Autobahn

Warum die Swisscom ihr Gebäude auf Englisch angeschrieben hat, würde ich gerne mal wissen, jetzt geht's nur noch geradeaus

Mein Kopf ist orange, das grosse M der Migros scheint grotesk und imposant, Studenten steigen ein mit starren Minen

Schauen mich an, niemand spricht, nie spricht jemand, vom Sportweg in die Argauerstrasse führen triste Strassen, karges Industriegelände

Das Einzige Grün weit und breit ist das Gras in der Generation M Werbung der omnipräsenten Migros

Mein Kopf ist dumpf, beim Würzgraben ist alles dunkel, erhängen könnte man sich hier, keiner würz merken

Vom Süden in den Westen, es ging schneller als gedacht

Wir sind angekommen, mein Kopf ist voll

Das Tram leer

Und so bleiben wir eine Weile stehen

Bild: Makanart

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