"Teppich voller Nadeln"

Seit der Schliessung der Drogenszene am Letten und am Platzspitz hat sich in Zürichs öffentlichem Raum viel verändert. Die „sip züri“ (Sicherheit, Intervention, Prävention) wirkt seit fünfzehn Jahren als soziale Vermittlerin. Zürich-West-Bewohner Christian Fischer ist seit Anfang an bei der „sip züri“ dabei.

Zürich durchlief in den 80er und 90er Jahren drogenpolitisch eine sehr dunkle Zeit. Mitten in der reichsten Stadt der Welt eskalierte eine riesige Drogenszene und versank im grössten Elend. Am Zürcher Letten und im „Needle-Park“ am Platzspitz herrschten damals eigene Gesetze. Drogensüchtige spritzten sich täglich ihren Stoff, vor allem Heroin, fanden dort ihre Wärme und ihr Glück. Sie richteten sich damit selbst zu Grunde, von gewalttätigen Dealern beherrscht, während Behörden hilflos waren. Täglich trafen sich an diesen Plätzen bis zu 3000 Drogensüchtige aus ganz Mitteleuropa, bis im Februar 1995 der Letten geschlossen wurde.

Der Platzspitz heute

Christian Fischer hat das gesundheits- und sozialpolitische Desaster dieser Zeit als Quartierbewohner im Kreis 5 miterlebt. Er erinnert sich an den Teppich voller Nadeln und Hüllen, und an die Leute, die auf dem Platz am oberen Letten starben. Auch danach hatte es in der ganzen Stadt noch Treffpunkte, wie beispielsweise bei der Bäckeranlage und am Stadelhofen, wo sich Drogenabhängige, Alkoholiker und Punks trafen. Im Nachtrag der Schliessung dieser Drogenszene begann die „sip züri“ 2000 mit ihrer Arbeit, die sie selbst zwischen Ordnungsdienst und aufsuchender Sozialarbeit sieht.

Spritze vom Flash-Automat am Helvetiaplatz

An vier Anlauf- und Kontaktstellen bietet die Stadt Zürich Menschen Unterschlupf, um ihre Drogen zu konsumieren. Heute gibt es dafür offiziell Rahmenbedingungen für Süchtige, die ihre Drogen normal konsumieren können, ohne ihr Leben durch Ansteckungsgefahr durch Krankheiten riskieren zu müssen. Die „sip züri“ kontrolliert deren Zutritt und arbeitet mit verschiedenen Einrichtungen zusammen, die Angebote für Drogenabhängige machen. So zum Beispiel mit Polykliniken wie Crossline&Lifeline, an die Süchtige vermittelt werden, und leistet damit ihren Beitrag zur Drogenpolitik. In den Kreisen 1, 2, 4, 5, 6 und 9 gibt es Flash-Automaten, um saubere Spritzen und Kondome zu kaufen. Die Situation hat sich stabilisiert, dabei darf man sich aber nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen. Das weiss auch Herr Fischer. „Nach wie vor braucht es enorme Anstrengungen, um den Drogenhandel und Drogenkonsum weitestgehend aus dem Strassenbild fernzuhalten.“

"sip züri"-Betriebsleiter Christian Fischer

Die Strategie habe sich seit der Lettenräumung nicht verändert, sondern bewährt, sagt Christian Fischer. Die Polizei verfolge den Drogenhandel und Drogenkonsum im öffentlichen Raum, die Sozialen stellten Einrichtungen und soziale Unterstützung für die Drogenkonsumenten zur Verfügung. „Auf den Punkt gebracht: Die Polizei drückt, die Sozialen ziehen.“

Jugend im Fokus

Die Drogenproblematik gab der „sip züri“ den Anstoss zur Gründung, es gab aber relativ schnell eine Ausweitung auf andere Bereiche. Im Verlauf der Jahre wendeten sich vermehrt Lehrpersonen und Hauswarte von Schulhäuser an die „sip züri“, vor allem diejenigen, die im selben Gebäude wohnten und spätabends mit lauten Jugendlichen konfrontiert werden. Seit ihren Anfängen bietet die „sip züri“ Workshops an, wo gezielt Zivilcourage geschult wird. Was ist zu viel, was ist zu wenig? In welchen Fällen muss man helfen, in welchen muss man sich selbst schützen? Inzwischen gibt es zahlreiche Einrichtungen und Beratungsstellen, die die Schulungen der „sip züri“ in Anspruch nehmen.

"sip züri" (Bild: zvg)

Besondere Aufmerksamkeit gilt auch den Bedürfnissen Jugendlicher und junger Erwachsener. Auch hier ist die Zusammenarbeit mit verschiedenen Organisationen der Schlüssel zum Erfolg. Die „Jugendberatung Streetwork“ bietet beispielsweise vor Ort Unterstützung für unter 28 Jährige, berät sie in Krisensituationen und im Partydrogenbereich. Das „Schlupfhuus“ nimmt unter 18 Jährige auf, das „Mädchenhaus“ ist für Mädchen und junge Frauen da, die physisch, psychisch oder sexuell missbraucht werden oder mit dieser Thematik in Berührung kommen.

Der Strichplatz Depotweg im „Westen von Zürich-West“ wurde im August 2013 eröffnet, nachdem die Abstimmung vom 11. März 2012 über die Sexboxen angenommen wurde. Das Ziel war damals, das Quartier vom Strassenstrich am Sihlquai zu entlasten und den Sexarbeiterinnen mehr Sicherheit zu gewähren. Auf dem Strichplatz Depotweg sind täglich zwei Personen von der „sip züri“ im Einsatz, diese schlichten bei Konflikten zwischen Prostituierten und Freiern.

Sexboxen am Strichplatz Depotweg in Zürich-West (Bild: zvg)

Die Sexarbeiterinnen werden durch die Frauenberatung „Flora Dora“ unterstützt, die auf dem Platz mit einem Rückzugsort in Form eines Beratungspavillons präsent ist. Zu diesem Pavillon haben nur Sexarbeiterinnen und das Personal von „Flora Dora“ Zutritt. Dabei geht es hauptsächlich darum, den Sexarbeiterinnen zu einer verbesserten Lebenssituation zu verhelfen, ihre Selbstachtung zu fördern und Gewalt auf dem Strich zu verhindern.

Methoden der Sozialarbeit

Mit den blauen Uniformen haben die „sip züri“-Mitarbeitenden schon optische Ähnlichkeit mit Polizisten oder Securitas. Aber nur die Polizei verfügt über das Gewaltmonopol, während die “sip züri“ mit den Methoden der Sozialarbeit agiert und beispielswiese nicht befugt ist, jemanden vom Platz zu verweisen. Der Hot-Spot-Klassiker der „sip züri“-Patrouillen war und ist immer noch das Langstrassenquartier im Kreis 4. Aber auch im jungen Westquartier sind die Patrouillen unterwegs.

Die "sip züri" im Einsatz. (Bild: zvg)

Beispielsweise beim Bahnhof Hardbrücke oder der Josefswiese, bei den Viaduktbögen, wo Jugendliche am Wochenende „abhängen“, erzählt Christian Fischer, der selber schon lange an der Limmatstrasse wohnhaft ist. Aber auch am See, in den öffentlichen Parks, Schulhäusern, im Niederdorf, beim Stadelhofenplatz oder in Oerlikon sind die sip-Mitarbeitenden häufig anzutreffen, wie auch an der Hohlstrasse und beim Bahnhof Altstetten. Jetzt im Winter allerdings hält man sich eher „im Schärmen“ auf. Diverse Aufenthaltsplätze sind der „sip züri“ aber bekannt. „Es gibt randständige Leute, Obdachlose, deren Aufenthaltsort wir kennen und die wir an ihren Plätzen besuchen“, erzählt Christian Fischer. Wenn es die Umstände fordern, zum Beispiel im Winter bei grosser Kälte, zieht die „sip züri“ in für die Betroffenen gefährlichen Situationen einen Notarzt bei. Die Mitarbeitenden versuchen auch, die Menschen dazu zu motivieren, in der Notschlafstelle zu übernachten.

Projekt im Zentrum Juch abgeschlossen

Bis am 30. September dieses Jahres war die „sip züri“ im Zentrum Juch der Asylorganisation Zürich (AOZ) für die Zutrittskontrolle zuständig. Diesen Vertrag liess die „sip züri“ aber auslaufen, um ihr Profil zu schärfen. Die Führung und Verantwortung liegt nun ganz bei der Zentrumsleitung der AOZ, die die Methoden und die Organisation und einen Teil des Personals übernommen hat. Zwei Jahre zuvor, als die „sip züri“ begonnen hatte, Aufgaben des Auftraggebers AOZ auszuführen und das Asylzentrum zu betreuen, wurden vermehrt Politikerinnen und Politiker auf sie aufmerksam. Zwei GLP-Gemeinderäte haben den Stadtrat im Juni 2014 in einem Postulat aufgefordert, die Rechtsgrundlage von der „sip züri“ zu prüfen und sie allenfalls anzupassen.

Die „sip züri“ sei eine Erfolgsgeschichte, die gerade aus dieser Mischung zwischen sozialarbeiterischem und ordnungsdienstlichem Auftrag hervorginge, erklärt Guido Hüni (GLP) an der Ratssitzung vom 11. Juni 2014, die „sip züri“ begebe sich aber „in ein heikles Gebiet, für das noch keine Rechtsgrundlage bestünde“. Raphael Golta (SP), Vorsteher des Sozialdepartements, nahm wie folgt Stellung: „Wir müssen diskutieren, welche Aufgaben von der sip züri übernommen werden sollen.“

Der Zürcher Stadtrat hat die Aufgaben der „sip züri“ nun aktualisiert und präzisiert, und zwar weil „sich sowohl die Nutzung des öffentlichen Raums als auch die Aufgaben von sip züri über die Jahre verändert haben“, wie dieser in einer Medienmitteilung von vergangenem Mittwoch schreibt. Die Aufgaben sollen nicht weiter ausgebaut, aber eine modernisierte rechtliche Grundlage gestellt werden. Er beantragt dem Gemeinderat eine entsprechende Vorlage zuhanden der Stimmbevölkerung.

Flash-Automat beim Helvetiaplatz

Die Zahl der Heroinsüchtigen schweizweit ist in den letzten zwanzig Jahren um ein Drittel zurückgegangen. Das Drogenangebot in der Stadt hat sich seither vervielfältigt, an die Zürcher Drogenhölle der 90er Jahre ist aber nicht mehr zu denken. Tatsächlich redet man nicht gerne über diese traurige Zeit in Zürich. Die Leute sind zwar nicht einfach so verschwunden, nur weil sie unsichtbar sind. Sie bekommen an den Kontakt- und Anlaufstellen aber die Möglichkeit, an einem geschützten und sicheren Ort unter Gleichgesinnten ihre Drogen zu konsumieren. Mittlerweile haben verschiedene Schweizer Städte das Konzept der „sip züri“ übernommen. In Biel, Luzern und Langenthal gibt es zum Beispiel eine „SIP“, andere Städte haben ähnliche Einrichtungen.

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