Strichplatz Tabulos

Der Strichplatz ist nun seit 100 Tagen offen und mit ihm auch die Webseite, welche das Projekt aus privater Initiative heraus begleitet: Strichplatz.ch. Zum Jubiläum wird ein Buch mit den gesammelten Kommentaren der ersten 100 Tage Strichplatz erscheinen. Das Dokument liest sich wie ein Tagebuch.

Ich treffe den Betreiber der Website Strichplatz.ch. Ich kenne ihn nur unter seinem Pseudonym, Max Power. Er hat es nicht einfach. Niemand möchte mit seinem Projekt in Verbindung gebracht werden. Nichts sagen, nichts hören und nichts sehen. So hätte ich diesen Beitrag auch betiteln können. Aber dies war zu erwarten. Denn niemand wollte den Strichplatz. Böse Zungen behaupten, Altstetten sei der Abfalleimer der Stadt Zürich. Die Künstler mit ihren Ateliers im Basislager und das provisorische Asylzentrum, sie alle wurden in die anonyme Industrie von Altstetten verbannt. Das Gelände fungiert als Zwischennutzung. Vielleicht wird dort einmal das neue VBZ Depot gebaut. Aber das steht noch in den Sternen. Ich treffe also Max Power und stellte ihm folgende, teilweise auch kritische Fragen:

Warum muss ein Strichplatz eine eigene Webseite haben?

Wir leben im Jahr 2013. Heute ist es normal, wenn Plätze twittern und eine eigene Facebookseite haben. Ich bin der Meinung, Einrichtungen von öffentlichem Interesse müssen auf dem Internet präsent sein und mit den Besuchern interagieren. Es braucht einen Ort für den Dialog. Die Plattform dient als Community, innerhalb derer sich alle Beteiligten austauschen können.

Muss eine Webseite wirklich mit seinen Besuchern in Verbindung treten?

Ja unbedingt. Leider sind auch heute noch viele Internetseiten statisch und rein informativ. Das Web 2.0 und das Social Web haben uns aber gezeigt, wie wichtig es ist, Strukturen zu schaffen, in denen die Nutzer selber Inhalte liefern. Feedback zu geben ist heute die Norm, genauso wie Kommentare abzugeben. Kommuniziert wird heute über den Dialog.

Du planst nun ein Buch mit gesammelten Kommentaren. Was macht die Kommentare auf Strichplatz so speziell?

Das Buch behandelt ein Thema, über welches nicht gerne gesprochen wird. Die Kommentare sind Ausdruck von Meinungen. Zudem geben die Kommentare einen Einblick in eine Welt, die einem sonst verschlosssen bleibt. Gerade dann, wenn ein Thema polarisiert, ist es wichtig, Meinungen zuzulassen. Die Meinungsfreiheit soll sich nicht hinter moralischen Mauern verstecken müssen.

Die Meinungsfreiheit in Ehren, aber sind wir doch ehrlich: Die meisten Kommentare sind absolut primitiv und unter aller Sau. Warum willst du diese Kommentare mit einem Buch würdigen?

Die Öffentlichkeit ist das Forum der Demokratie, und jeder hat das Recht, seine Meinung zu schreiben. Es geht um mehr. Es geht um die Glaubwürdigkeit und um die Würde. Es geht darum, die Scheinwerfer auf ein Tabuthema zu richten.

Ok, Meinungen sind relevant. Aber sind Meinungen relevant, die sich durch Form und Audruck selber disqualifizieren?

Die Relevanz von Informationen im Internet ist ein generelles Problem. Was ist wichtig, was nicht. Was interessiert mich persönlich, welche Informationen sind für eine breite Öffentlichkeit wichtig. Und die ganz grosse Frage im Internet ist die Frage nach der Authentizität der Informationen.

Wie authentisch ist denn strichplatz.ch?

Authentizität, also wie echt eine Information ist, hängt von der Quelle und deren Verifizierung ab. Ich könnte die Hürde für eine Registrierung höher setzen. Zum Beispiel einen SMS-Verifizierungscode verlangen. Aber dann hätte ich wohl weniger Kommentare auf der Seite. Die Seite stösst auf grosses Interesse und wird von Leuten aus der Schweiz und dem nahen Ausland besucht.

Wenn ein Bedarf da ist, warum arbeitest Du dann nicht mit Institutionen zusammen die schon in diesem Bereich tätig sind? Flora Dora, die Stadt Zürich, das Sicherheitspersonal SIP und die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration FIZ

Ich habe es probiert. Leider erhielt ich von keiner der genannten Organisationen eine Antwort. Nicht einmal die Aids-Hilfe-Schweiz, deren Plakate auf dem ganzen Areal hängen, nahm Stellung zum Projekt.

.. und trotzdem verlinkst du die offiziellen Stellen:

Ich wurde nie darum gebeten, diese Links zu entfernen. Und ich bin eben der Meinung, dass auf dieser Plattform alle Beteiligten zu Wort kommen sollten.

Hast du nicht das Gefühl, dein Engagement fördert die Prostitution und somit den Frauenhandel?

Nein. Prostitution ist nicht dasselbe wie Frauenhandel. Und gerade ein solches Projekt hilft, die Prostituion zu enttabuisieren und sauber vom Frauenhandel zu trennen. Es ist wichtig, dass alle Beteiligten nicht bloss eigene Kanäle bewirtschaften. Sie sollten auch in einer gemeinsamen Community kommunizieren.

Warum denkst du wird dein Projekt nicht von offiziellen Stellen unterstützt?

Ich weiss es nicht. Es kommt mir so vor, als wolle niemand etwas damit zu tun haben. Nach dem Motto: "Aus dem Auge aus dem Sinn". Vielleicht bin ich auch jemandem gewaltig auf den Schwanz getreten. Ich weiss es nicht. Dabei wäre die Seite eine grossartige Bühne für die Pressearbeit aller Beteiligten und letztendlich gute Werbung für dieses fortschrittliche Projekt.

Welche Vision hast du mit der Domain? Wie wird Strichplatz.ch in Zukunft aussehen?

Hier sei das Stichwort Web 3.0 erwähnt: Das Internet der Dinge. Die Stadt wird zur Smart City und der Strichplatz interaktiv. Die Boxen melden automatisch ihre Auslastung. Algorithmen berechnen den besten Preis anhand der Verkehrsdichte und senden die Empfehlung direkt auf das App der Sex-Workerin. Dank RFID-Chips werden gleich beim Befahren der Anlage dem Freier Sonderangebote gezeigt. Die Sexworkerin wird umgehend über Geschlechtskrankheiten ihrer Kunden informiert. Strichplatz.ch wird von der inoffiziellen zur offiziellen Webseite des Platzes. Bezahlt wird in Bitcoin. Die Freier informieren sich über Öffnungszeiten und die Sexworkerinnen über Angebote im Gesundheitsbereich. Und was noch viel wichtiger ist, alle Beteiligten stehen miteinander im Dialog. Die Seite Bündelt neben privaten Meinungen auch offizielle Mitteilungen und zeigt transparent auf, welche Akteure am Betrieb der Anlage beteiligt sind. Das Crowdsourcen von Innovation fördert den Komfort der Anlage.

Wie geht es weiter mit strichplatz.ch?

Der Betrieb geht weiter, nur muss jetzt abgeklärt werden, wie der langfristige Unterhalt aussehen soll. Mittels Spendenaufruf werde ich versuchen, Mittel zu gewinnen, um die Seite weiterzubringen. Es geht hier nicht um den Strassenstrich, sondern um den Zürcher Strichplatz!

  • Claudio Hubacher 04.12.2013 11.50 Uhr

    Super Projekt das mit der Strichplatz-Seite. Eigentlich ein Armutszeugnis für die Stadt wenn es stimmt das sie die Seite nicht selber betriebt. Die Webseite scheint ja auf reges Interesse zu stossen und auch einem Bedürfnis gerecht zu werden mehr über die Anlage und den Strichplatz zu erfahren.

    Es hat wirklich viel Inhalt, sicher auch primitive und sehr einfache Aussagen, aber auch interessantes. Wie viel die Anlage im Unterhalt kostet wusste ich nicht. Welche Institutionen am Projekt mitwirken wurde mir auch erst bewusst als ich es gelesen hatte. Finde die Seite wirklich nützlich um sich über den Platz zu informieren.

    Was ich mir wünschen würde wäre etwas mehr tiefe in den einzelnen Bereichen. Welche Aufgaben übernimmt die Sip oder die Flora Dora auf dem Gelände. Wie wird der Zuhälterei entgegen getreten. usw...

  • Robert Iten 04.12.2013 13.23 Uhr

    Bitte löschen sie diese schlimme Webseite! Ich hoffe wirklich das in Frankreich diese elende Prostitution endlich verboten wird und dann auch hierzulande verschwindet. Der Platz ist eine Schande für unsere schöne Stadt.
    R.

  • Marco Spitzbarth 04.12.2013 14.18 Uhr

    Danke für den lesenswerten Beitrag. Selber habe ich ein Atelier im Basislager, bin also quasi direkter Nachbar und habe mich schon selber zum Thema auf Westnetz geäussert.

    Wenn jetzt aber wirklich ein Verbot der Prostitution gefordert wird finde ich es mehr als nur bedenklich. Der Strichplatz ist ein sehr vorbildliches Projekt und hilft den Sexarbeiterinnen in einem sicheren und sauberen Umfeld anzuschaffen.

    Die Seite selber hatte ja schon vor einiger Zeit ihren Auftritt als sich die Stadt von ihr distanzierte, fair enough. Wenn aber jetzt, nach hundert Tagen, eine inoffizielle Webseite an die Strichplatz-Anlage erinnern muss ist das schon krass.
    Du hast sicher Recht: aus den Augen aus dem Sinn

    Oder interessiert es jemanden WO das horizontale Gewerbe seine Dienste anbietet? Die Nachfrage will ja befriedigt werden!

    ---
    Dazu ein letztes Wort zum modernen Menschen von Albert Camus:
    "Er hurte und er las Zeitung, womit der Gegenstand, wenn ich sagen darf, erschöpft wäre."

Karte wird geladen ...

Logo Westnetz