STEILER WEG ZUM BUCHPREIS

Der Schweizer Buchpreis 2015 stellt eine erstrebenswerte Auszeichnung für Schweizer Schriftsteller und Schriftstellerinnen dar. Mit in der fünfköpfigen Jury wirkt dieses Jahr Corina Caduff, Professorin an der Zürcher Hochschule der Künste. Wir haben sie zum Interview getroffen.

Der Schweizer Buchpreis ist begehrt. 90 Titel wurden für den Schweizer Buchpreis 2015 eingereicht, fünf Autoren haben es auf die Shortlist geschafft und sind nun für die Preisverleihung am 8. November im Rahmen des Literaturfestivals BuchBasel im Theater Basel nominiert. Dem Gewinner winkt ein Preisgeld von 30‘000 Franken. Insgesamt haben sich 51 Verlage angemeldet, davon 32 aus der Schweiz, 13 aus Deutschland und sechs aus Österreich.

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Für die Jury war der Anmeldeschluss im Frühjahr der Startschuss, um die eingereichten Werke zu lesen. Welcher Schweizer Autor, welche Schweizer Autorin schrieb das beste erzählerische und essayistische Werk? Corina Caduff ist Dozentin an der ZHdK und eine der Juroren des Buchpreises. Sie erzählt uns, was ein gutes Buch erfüllen muss und wieso nicht jeder zum Autor taugt.

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Frau Caduff, Sie sind das zweite Mal in der Jury des Schweizer Buchpreises dabei. Was war dieses Jahr generell anders als 2014?

Die Qualität der Bücher ist in etwa gleich wie letztes Jahr, das Verfahren und die Arbeit auch. Einzig die Jury hat sich ein wenig verändert. Für die Diskussionen ist es gut, dass die Jury nicht jedes Jahr aus den gleichen Personen besteht.

Alle diesjährig nominierten Titel haben die Thematisierung aktueller gesellschaftlicher Problemlagen gemein. Welche Rolle spielt das Thema für die Nomination?

Das Thema hat keine Priorität. Wir suchen nach gut geschriebenen Büchern, ohne thematische Einschränkung. Dieses Jahr hat es sich so ergeben, dass alle nominierten Titel einen starken Realitätsbezug haben. Ein solcher ist jedoch kein Kriterium – genauso wenig wie etwa der politische Approach an sich ein Kriterium darstellt, oder die Frage, wie experimentell ein Text ist. Lukas Bärfuss beispielsweise hat den Schweizer Buchpreis letztes Jahr mit einem Buch über Suizid gewonnen. Den Preis bekam er aber nicht in erster Linie, weil wir das Thema cool fanden, sondern wegen dessen sprachlicher Gestaltung. Diese muss überzeugen. Danach kommt alles andere.

Worauf achten sie bei der sprachlichen Gestaltung?

Die Sprache soll einen Ton haben, individuell sein. Man muss etwas mit ihr anfangen können. Das heisst aber auf der anderen Seite wiederum nicht, dass sie ganz besonders aussergewöhnlich sein muss. Es gibt auch sehr gute Titel mit „hundskomuner“ Sprache. Nehmen wir Michel Houellebecq als Beispiel, der eine ganz gewöhnliche Sprache hat, und dennoch auf seine Art grossartig ist.

Unter den Nominierten sind zum Teil bewährte Schriftstellerinnen und Schriftsteller dabei, aber auch eine Newcomerin. Hat die Jury auf eine derartige Durchmischung geachtet?

Nein, es gibt in dem Sinne keine vorbestimmte Position für eine oder einen Newcomer. Aber es ist natürlich schön, wenn es sich so fügt wie jetzt. Ich bin persönlich glücklich darüber, dass wir eine solch durchmischte Szene auf der Liste haben. Das war allerdings nicht geplant.

Wie geht die Jury bei der Selektion vor?

Wir diskutieren alle Bücher durch. Dabei gibt es natürlich Bücher, die man schneller besprochen hat, weil niemand besonders für sie eintritt und andere, bei denen es lange Diskussionen gibt. So schliessen wir immer mehr und mehr Titel aus, bis am Schluss nur noch fünf im Rennen sind. Es ist also nicht etwa so, dass jeder seine fünf Bücher bereits auf einem Zettel parat hat, sondern dass wir uns gemeinsam zu den fünf Besten vorarbeiten. Es ist daher eine recht argumentative Arbeit.

Inwiefern denken Sie, dass Ihre eigenen literarischen Werke Ihr Juryverhalten beeinflussen?

Nun, es gibt natürlich überschneidende Interessengebiete und Themenfelder. Man hat immer gewisse Kriterien im Rucksack, die auch viel zu tun haben mit der eigenen Biographie und Sozialisation, mit eigenen moralischen, politischen und ästhetischen Haltungen. Ich würde sagen, dass solche Kriterien, die von vornherein schon da sind, etwa die Hälfte ausmacht. Die andere Hälfte der Kriterien lese ich aus dem Buch heraus: Es soll mir erzählen, nach welchen Kriterien es beurteilt werden will. Am Schluss gibt’s eine Art Mischrechnung.

Hat es letztes Jahr Einwände gegen die Shortlist oder den Preisträger gegeben?

Nein, Einwände nicht, aber die Shortlist und die Preisträger werden natürlich jeweils von der Literaturkritik kommentiert. Zum Glück, denn so wird der Literaturdiskurs angekurbelt. Persönlich hätte ich mir mehr Kommentare, Kritiken, Infragestellungen gewünscht.

Dem Buchpreis-Gewinner am 8. November winkt ein Preisgeld von 30‘000 Franken. Was würden Sie mit dem Geld anstellen?

Gedacht ist das Geld natürlich als Preis, um wieder Zeit zum Schreiben zu haben. Um sich „freie Zeit“ zu kaufen, sozusagen. Aber man kann sich natürlich auch ein Auto damit kaufen, oder damit in die Ferien gehen.

Liest die Jury die Titel in Buchform?

Nein, die Titel für den Schweizer Buchpreis werden uns nur noch digital vorgelegt. Das ist zwar praktisch, aber irgendwie auch schade. Ich mag es, ein Buch in der Hand zu halten.

Corina Caduff ist seit 2004 Professorin an der Zürcher Hochschule der Künste.

Sie haben Germanistik an der Universität Zürich studiert und waren danach in Berlin und den USA. An der ZhdK sind Sie seit 2004 Professorin. Weshalb haben Sie sich damals von dem germanistischen Seminar entfernt?

Der Unterricht an germanistischen Seminarien ist in gewisser Weise sehr stabil, man macht Einführungskurse, man liest Michel Foucault, Roland Barthes, Kafka, Goethe oder andere kanonisierte Autoren... Mich hat damals aber das Verhältnis der Künste sehr interessiert.

Und das hat Sie zur ZhdK geführt?

Ja, ich bin damals mit einem entsprechenden Forschungsprojekt über das Verhältnis von Bildender Kunst, Musik und Literatur an die ZHdK gekommen und bin heute zuständig für eine Plattform, auf der die einzelnen künstlerischen Disziplinen miteinander in Verbindung treten. Die Disziplinen an den Universitäten sind da eher getrennt.

Die wenigsten Autoren können vom Schreiben leben. In welchen Bereichen arbeiten diese?

Das ist sehr unterschiedlich. Viele Autoren haben einen Brotjob, arbeiten im Dienstleistungsbereich oder im Bildungsbereich. Einige können auch von Lesungen und Performances leben. Aber das ist riskant, weil die Anzahl der Auftritte kaum berechenbar ist. So ist es für Autoren generell schwieriger geworden, anlässlich eines neuen Buches zu vielen Lesungen zu kommen.

Was sehr wichtig für Autoren ist?

Ja, denn wirklich verdienen kann eine Autorin, ein Autor heute mit Lesungen, nicht mit dem Buchverkauf. Wer keine Lesungen hat, hat es sehr schwer, ökonomisch auch nur irgendeinen vernünftigen Teilbetrag reinzuholen. Natürlich aber gibt es immer Autoren, die auf der Bühne sehr gefragt sind, zum Beispiel die Ausnahmefiguren Pedro Lenz oder Lukas Bärfuss.

Was ist Ihr Tipp an junge Autoren?

Mein Tipp ist: Wenn jemand etwas zu sagen hat und ein Buch darüber schreiben will, dann soll sie oder er es schreiben. Was für einen selbst wichtig ist, ist aber nicht immer zwangsläufig auch für andere interessant.

Allerdings gibt es ja Marktzwänge und Fristen für Autoren.

Ja, aber ich halte es für fast unmöglich, alle zwei oder drei Jahre etwas Dringliches zu sagen zu haben. Wenn man nur dem Markt folgt, bringt man fast zwangsläufig auch mittelmässigere Bücher heraus. Das führt dann zu der sogenannten saturierten Schweizer Literatur.

Sie haben nach Ihrem Studium als Redaktorin für den Radiosender DRS2 gearbeitet. Fehlt Ihnen das?

Die Studioatmosphäre mag ich bis heute noch sehr, das Atmosphärische fehlt mir schon. Ich habe mich Anfang der 90er Jahre für die Hochschulen entschieden, weil sie mir mehr Raum boten, mich zu entfalten, das war auch gut so. Aber mir liegt bis heute viel an literaturbetrieblichen und journalistischen Aktivitäten.

Corina Caduff ist Autorin, Kultur- und Literaturwissenschaftlerin und Professorin an der Zürcher Hochschule der Künste. Jurykompetenz erlangte sie bereits 2004 beim Radiosender DRS2 (52 Beste Bücher), als Kritikerin beim Literaturclub des Schweizer Fernsehens und als Jurorin bei zahlreichen Preisverleihungen in der Schweiz und in Österreich.

Weitere Infos zum Schweizer Buchpreis: http://www.schweizerbuchpreis.ch/

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