Stadt, Fluss, … Land!

Vor zwei Jahren ist Monika Stauffer der Liebe wegen von Zürich-West raus aufs Land gezogen. So hat sie zwar die unmittelbare Nähe zu Stadt und Fluss aufgegeben, dafür aber viel ländliche Lebensqualität dazugewonnen. Im blühenden Garten draussen im Grünen erzählt mir die Städterin im Herzen jetzt ganz exklusiv von ihrer alten Liebe, Zürich-West.

Monika Stauffer ist 1990 mit ihrem früherem Mann und ihren zwei Kindern in die Bernoulli-Häuser in Zürich-West gezogen. Die 58-jährige Physiotherapeutin, die selbständig in einer Gemeinschaftspraxis in Zürich Seebach arbeitet, war schon immer am Thema Stadtentwicklung interessiert, weshalb sie in den letzten Jahren die Veränderungen vom boomenden Zürich-West stets mit grosser Neugier verfolgte. War sie in einer fremden Stadt zu Besuch, nahm sie oft an Stadtführungen teil um einen besonderen Einblick in das jeweilige Stadtleben zu gewinnen. Eines Tages hat sie selbst damit begonnen, Touristen durch ihre Heimatstadt zu führen. Auf ihren privaten Führungen zeigt sie den Leuten ihr Zürich-West, und öffnet buchstäblich die Türen, indem sie oftmals auch das Innenleben in Zürich-West, am Beispiel eines Bernoulli-Hauses oder einer Wohnung beim Puls 5, zeigt. Obwohl sie jetzt zwar nicht mehr direkt am Puls des boomenden Quartiers von Zürich wohnt, geht sie trotzdem sehr gerne dahin zurück und freut sich deshalb nach wie vor über Anfragen per E-Mail (m.stauffer@gmx.ch) für eine persönliche Zürich-West Führung.

Monika Stauffer vor ihrem Sitzplatz in Bisikon

Du bist der Liebe wegen aufs Land, nach Bisikon im Zürcher Oberland, gezogen. Wie waren deine Gefühle beim Wegzug von Zürich-West?

Nach meiner Scheidung behielt ich mein Bernoulli-Haus und mietete einen Teil unter. Einen Sommer lang wohnten zwei Tänzer bei mir, danach hatte ich feste Untermieter, denn meine Kinder waren mittlerweile ausgezogen. Und dann habe ich eben das Landei von Bisikon kennengelernt. Ich habe doch nie gedacht, dass ich hier in Bisikon landen würde! Eine Zeit lang pendelten wir zwischen unseren zwei Häusern hin und her, doch irgendwann mussten wir uns entscheiden, und ich habe gefunden: Ja, ich wage diesen Ortswechsel. Ich habe meine ganze Kindheit und Jugend, und die letzten 20 Jahre wieder, in der Stadt verbracht. Ich finde, ich konnte wahnsinnig gut ausschöpfen, was eine Stadt und die Nähe dazu alles bietet.

Jetzt gefällt er mir sehr gut hier auf dem Land zu wohnen. Wenn es emotional stimmt, dann bin ich gut verpflanzbar. Wir haben auch mal eine Zeit lang in Südengland gewohnt und haben es sehr genossen. Ich hatte wirklich nie Probleme, mich an einem Ort wohlzufühlen. Die ersten paar Monate in Bisikon war es ein bisschen seltsam, aber ich habe mich sehr schnell gut eingelebt. Für meinen letzten Lebensabschnitt finde ich es schön auf dem Land zu sein. Ich liebe den Garten und kann mich hier jetzt endlich voll ausleben.

Was zeichnet in deiner Erfahrung Stadt und Land aus?

Ich finde die Stadt wie auch das Land haben viel zu bieten. Auf dem Land kann man sehr gut Herunterfahren und es ist ein Ort der Entschleunigung. In der Stadt hat man oft das Gefühl, etwas zu verpassen, weil das Angebot stets so gross ist. Manchmal fängt man deshalb schon fast an zu „hypern“. Trotzdem finde ich die Stadt Zürich, mit ihrer Fülle von Gastronomie und Kultur, für Junge perfekt. Es ist einfach ungemein spannend, und gerade so ab dem Teenageralter weiss man dieses Angebot auch zu schätzen. Ich denke es ist wahrscheinlich ideal, ab der Pubertät bis etwa 30 in der Stadt zu leben. Nachher, mit kleinen Kindern, schätzt man dann wahrscheinlich auch das Ländliche wieder. Ich war, seit ich jetzt in Bisikon wohne, übrigens erstmals an einer offiziellen 1. August Feier. Ich habe das Feuer und alles was dazu gehört erlebt, mit Jodelchörli, Ansprache und Fackelzug! In der Stadt wäre ich nie auf die Idee gekommen, an die offizielle Feier zu gehen, das macht die Mehrheit der Städter auch nicht. Man ist schon anders, diesbezüglich. Auf dem Land erlebt man mehr gelebte Tradition.

Doch ich glaube, wenn ich jetzt plötzlich wieder alleine wär, würde ich ganz klar in die Stadt zurückziehen. Alleine wäre es mir hier auf dem Land zu einsam und hier im Haus konkret auch zu gross. Ich würde also sicher wieder die Stadtnähe suchen. Ich denke sowieso, dass die Stadt besonders für Ältere oder Single-Personen eine sehr gute Sache ist. Man ist automatisch näher bei den Leuten und kann viele Dinge alleine unternehmen und ist trotzdem unter Leuten. Ich weiss von vielen älteren Frauen, die das Leben in der Stadt sehr geniessen. Sie gehen beispielsweise Schiff fahren oder mal ins Lunch Kino. Da habe ich das Gefühl, dass man im Alter auf dem Land und ab vom Schuss schon einfacher vereinsamen würde.

Sind dir, aus eigener Erfahrung, noch andere Unterschiede zwischen Stadt und Land aufgefallen?

Ich sehe Stadt gegen Land allgemein nicht so eng. Das ist aber wahrscheinlich auch personenabhängig. Ich bin ein sehr offener Mensch, und grüsste die Leute im Quartier in Zürich und mache das jetzt eben im Dorf an der Bushaltestelle. Meiner Meinung nach lebt man in der Stadt wohl grundsätzlich anonymer, aber auch grosszügiger und weltoffener. Auf dem Land ist eher jeder für sich, man weniger spontan und oft auch ein bisschen kleinkariert. Natürlich ist auch das typenbedingt, aber im Allgemeinen konnte ich diese Unterschiede also schon erkennen.

Einmal Stadtkind, immer Stadtkind?

Wenn man so lange in der Stadt gelebt hat wie ich, ist man ganz klar ein Stadtmensch. Ich habe das Gefühl, man ist toleranter im Geist und nicht ganz so engstirnig. Ich erlebte städtische Leute als sehr weltoffen. Die Leute auf dem Land habe ich mittlerweile als ernster oder kleinkarierter als die meisten Städter kennengelernt. Ich würde mich auch als Städterin bezeichnen, doch vom Charakter her bin ich da eigentlich auch sehr pragmatisch. Wenn nämlich vieles rundherum stimmt, dann fühle ich mich an vielen verschiedenen Orten wohl. Ich hole mir halt die Dinge, die ich brauche. Seit ich hier wohne, nütze ich jetzt beispielsweise auch oft das Kulturangebot im nahen Effretikon. Gleichzeitig nütze ich aber auch weiterhin das vielfältige kulturelle Angebot der Stadt Zürich, auch wenn es jetzt halt weiter weg ist. Meine Verbindung zur Stadt ist ja sowieso geblieben, mit meinem Job und dem Grossteil der Familie, die dort lebt.

Was mir aber selber auffällt, ist, dass die Stadt rein vom Gefühl her viel weiter weggerückt ist. Wenn man um sechs Uhr abends zuhause in Bisikon ist und um 20 Uhr nochmals in Zürich zu sein will, liegt dazwischen in der Vorstellung eine riesige Distanz. Wahrscheinlich bräuchte es etwa 45 Minuten – so lange wie ich vom Bernoulli-Haus ins Seefeld brauchte – aber gefühlsmässig ist die gleiche Distanz von der Stadt aus viel näher als vom Land.

Wenn man von Zürich-West redet, fällt recht oft der Begriff „Quartier“. Hast du diesen Quartiercharakter auch gespürt?

In den Bernoulli-Häusern hatten wir sehr guten Kontakt untereinander. Jedes Jahr ist dort ein anderer Hof an der Reihe, das Sommerfest zu organisieren. Die IG Hardturmquartier setzt sich auch für das Quartiergefühl ein und besteht zudem hauptsächlich aus Leuten die dort wohnen. Was aber definitiv fehlt in Zürich-West, finde ich, ist ein richtiges Zentrum, das die Anwohner gefühlsmässig um einen „Dorfkern“ herum im Quartier situiert. Die Bernoulli-Siedlung hat im Kleinen viel Zusammenhalt gegeben. Das ist aber, glaube ich, auch eher die Ausnahme. Ich finde es schwierig, Zürich-West wirklich als Quartier wahrzunehmen, da so ein grosser Teil wirklich nur tagsüber für die Arbeit dort ist. Somit ist die Dynamik ganz anders als in einem Dorf oder einer Gemeinde. Mit dem Umzug der ZhdK ins Toni-Areal sehe ich gewisses Potential zur positiven Veränderung, denn das Quartier wird jetzt tagsüber ungemein durch die vielen Studenten belebt.

Was aber definitiv fehlt, ist ein Ort um richtig einkaufen zu gehen. Das wurde auch immer wieder kritisiert in der Bernoulli-Siedlung. Es gibt einen kleinen griechischen Laden bei der Haltestelle Fischerweg, und den Migros im Puls 5. Die Leute müssen also an den Limmatplatz oder bis zum Letzipark. Für das Wichtigste hat mir der Migros im Puls 5 gereicht, vom Quartier habe ich dort aber eigentlich niemanden angetroffen. Am Limmatplatz ist auch unser Quartierbüro und die Post des Kreis 5, doch irgendwie war das vom Gefühl her zu weit weg, um wirklich als Quartierzentrum zu fungieren.

Vermisst du bestimme Orte in Zürich-West?

Was ich wirklich vermisse, ist die Limmat. Ich konnte tatsächlich einfach mit den Badhosen aus dem Haus, und nach wenigen Schritten in die Limmat springen und mich runterdriften lassen. Jeden Sommer haben wir das mit den Kindern gemacht. Ein anderer meiner Lieblingsorte war das Sphères. Diese spezielle Kombination von Buchladen, Café und Kulturplatz genoss ich sehr. Im Moods war ich auch oft, da ich Jazz liebe. Das habe ich in diesem Sinne nicht mehr gleich vor der Haustüre, aber ich finde, ich habe das Angebot während meiner Zeit in Zürich-West sehr intensiv genutzt.

In der Stadt haben mich nämlich irgendwann diese ganze 24h-Gesellschaft und die Parties am Wochenende aufgeregt. Ich fand es schon fast grenzwärtig, gegen Mitternacht mit dem Tram, zusammen mit dem ganzen Partyvolk, nach Hause zu fahren mit dem Tram. Das Rohstofflager, als einer der ersten Clubs in Zürich-West lockte halt schon früh viele Nachteulen an, die sich am Wochenende leider teils wie Schweine. Bis zu meinem Umzug hatte ich dann tatsächlich irgendwann eine Überdosis „Stadt“.

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