„Sexarbeit ist noch immer eine diskriminierte Arbeit“

Sexboxen, Prostitutionsgewerbe-Verordnung, geplante Schliessung des Strassenstrichs am Sihlquai – es tut sich einiges im Sexgewerbe. Doro Winkler von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration FIZ freut sich, dass die Stadt handeln will. Am Ziel sieht sie ihre Arbeit jedoch noch lange nicht.

Er liegt etwas versteckt, der Hauseingang der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration FIZ. Einziger Hinweis ist eine kleine, unaufdringliche Beschriftung neben der Türklingel. „Meistens werden die Frauen, die zu uns kommen, über andere Organisationen an uns vermittelt. Die wissen dann schon, wo sie hin müssen“, erklärt Doro Winkler. Doro arbeitet seit 14 Jahren für die Fachstelle und ist für deren Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Sie hat, wie so oft, alle Hände voll zu tun. Kein Wunder, bei den zahlreichen politischen Massnahmen, die momentan diskutiert werden, um die Probleme im Stadtzürcher Sexgewerbe anzupacken. Zeit für ein Interview hat sie dennoch gefunden.

Doro, kürzlich hat der Zürcher Gemeinderat die neue Prostitutionsgewerbe-Verordnung gutgeheissen. Bist du zufrieden mit den neuen Regelungen?

Uns hat gefreut, dass das Stadtparlament viel von dem, was wir im Vorfeld an der Verordnung kritisierten, berücksichtigt hat. Wir begrüssen, dass die Prostitution in der Stadt Zürich nun nicht mehr, wie bis anhin, als „sittenwidrig“ betrachtet wird, sondern als Dienstleistung, bei deren Ausübung rechtsgültige Verträge entstehen. Gut finden wir auch, dass in Zukunft die Salonbetreiber in die Pflicht genommen werden. Nichtsdestotrotz stehen wir der Verordnung ambivalent gegenüber.

Warum?

Die Verordnung will zu viel unter einen Hut bringen: Schutz und Sicherheit der Anwohner, Schutz der Sexarbeiterinnen und Bekämpfung des Menschenhandels. Möglich, dass sie bessere Bedingungen schafft für Frauen, die ihre Arbeit selbstbestimmt und freiwillig ausüben. Massnahmen, die gegen Frauenhandel greifen, enthält die Verordnung jedoch nicht. Dass sie dennoch als Schutz vor Menschenhandel verkauft wird, ärgert mich.

Neu müssen Frauen, die sich in der Stadt Zürich prostituieren wollen, über eine entsprechende Bewilligung verfügen. Nützen solche Massnahmen nicht gegen Frauenhandel und Ausbeutung?

Die Bewilligung bringt der Sexarbeiterin nichts, wenn sie sich in einer gewalttätigen oder ausbeuterischen Situation befindet. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass gewaltbetroffene Sexarbeiterinnen und Opfer von Menschenhandel ihre Situation in der Regel nicht sofort offenlegen. Unfreiwillige Prostitution kann also nicht einfach mit einem polizeilichen Bewilligungsgespräch erkannt werden.

Was muss aus Sicht der FIZ unternommen werden, damit sich die Situation von Prostituierten nachhaltig verbessert?

Für beide Bereiche, das heisst für die Sexarbeit, welche die Frauen selbstbestimmt und freiwillig machen und für den Frauenhandel müssen Massnahmen her. Grundsätzlich fordern wir, dass Prostitution auf nationaler Ebene nicht mehr als „sittenwidrig“ betrachtet wird. Das ist ein alter Zopf. Obwohl Sexarbeiterinnen Steuern bezahlen müssen, gibt es in der Schweiz kein Gesetz, das Sexarbeit als Beruf anerkennt. Man muss sich aber natürlich auch fragen, warum Sexarbeit noch immer eine diskriminierte Arbeit ist und warum Freier, die im Vergleich zu den Prostituierten in der Überzahl sind, im gesellschaftlichen Diskurs kein Thema sind.

Oft wird in der Diskussion um Frauenhandel die Forderung laut, den Strassenstrich grundsätzlich zu verbieten.

Das ist keine Option für uns. Unter repressiven Massnahmen haben schlussendlich nur die Frauen zu leiden. Auch wenn ich die Situation am Sihlquai nicht beschönigen will: Man muss sehen, dass es auch Frauen gibt, die explizit auf dem Strassenstrich anschaffen wollen, weil sie dort keinem Salonbetreiber unterstellt sind, keine Miete bezahlen müssen und von mehr Freiheit profitieren. Fakt ist auch, dass Frauen nicht nur auf dem Strassenstrich ausgebeutet werden. Überall wo Prostitution stattfindet, kann es zu Ausbeutung kommen: in Bordellen, Kontaktbars, sogar in Cabarets. Wir sind froh, dass die Stadt den Mut hat mit den Sexboxen etwas Neues auszuprobieren.

Inwiefern profitieren die Prostituierten von den geplanten Sexboxen, die künftig an der Aargauerstrasse in Zürich-Altstetten stehen sollen?

Die Boxen schützen die Sexarbeiterinnen vor Freiergewalt. Sie sind so angelegt, dass der Freier mit seinem Auto in die Box fahren, die Tür jedoch nicht öffnen kann. Hingegen hat die Frau auf ihrer Seite genügend Platz, um im Notfall die Tür zu öffnen. Ein Notfallknopf in der Box sorgt zusätzlich für Sicherheit. Und, was auch ganz wichtig ist, es soll Betreuung vor Ort geben, die durch die Organisation Flora Dora gewährleistet wird.

Auf dem Strichplatz sollen etwa zehn solcher Boxen stehen. Ist das nicht viel zu wenig?

Klar, es wird nicht für alle eine Box geben. Es ist deshalb wichtig, dass es neben dem Strichplatz an der Aargauerstrasse auch noch andere Orte gibt, wo die Frauen legal anschaffen dürfen. Die Stadt plant ja auch Strichzonen im Niederdorf und in der Brunau. Wir wünschen uns aber, dass es zusätzlich im Langstrassenquartier einen Bereich gibt, wo Sexarbeiterinnen legal arbeiten können.

Die Stadt möchte das Langstrassenquartier momentan eher aufwerten..

Strassenprostitution müsste ja nicht im ganzen Quartier erlaubt sein. Aber es müsste vielleicht eine Strasse oder eine Fensterfront geben, wo Fensterprostitution betrieben werden dürfte.

(Längeres Schweigen)

Ich bin es so leid zu hören „Ach die arme Chind, wo uf ihrem Schuelwäg Prostituierte begägned“. Prostitution ist nicht ansteckend und sie ist nicht gefährlich. Sie ist einfach eine gesellschaftliche Realität. Ausserdem sehen Kinder heutzutage ja sowieso ständig blutte Frauen in der Werbung.

Du hättest also kein Problem, wenn deine Kinder auf dem Schulweg Prostituierten begegnen würden?

Nein, ganz und gar nicht. Man muss doch mit Kindern über diese Situation sprechen. Alles andere ist nur vorgaukeln einer heilen Welt, die gar nicht existiert. Ich will, dass meine Kinder sich mit Themen wie diesen auseinandersetzen und mitdiskutieren können.

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  • Marco Spitzbarth 14.2.2012 00.12 Uhr

    Richtig! Tabuisieren bringt schlussendlich nicht sehr viel. Nur eine breite Akzeptanz hilft mit die Strassenprostitution zu entkriminalisieren.

  • David Schaefer 15.2.2012 16.38 Uhr

    Man mag von Prostitution halten, was man will, aber ein Langstrasse-Quartier ohne ist irgendwie undenkbar. Leider oder nicht leider sei dahingestellt.

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