"Schlafstörungen können die Leistungsfähigkeit einschränken"

Kennen Sie schlaflose Nächte, unruhiges Bettwälzen? Psychotherapeutin Elena Pallas erklärt, wie es zu Schlafstörungen kommen kann und warum es gar normal ist, mehrmals pro Nacht aufzuwachen.

Der Wecker tickt unaufhaltsam, die Gedanken kreisen. Seit Stunden ist das Licht ausgeknipst, das Pyjama übergestreift und die Decke parat, sich mit ihr in den Schlaf zu hüllen. Doch der will diese Nacht einfach nicht kommen. Unruhig wälzt man sich umher, schwitzt oder friert abwechselnd und ärgert sich, dass man sich am nächsten Morgen fühlen wird wie vom Laster überrollt. Solche zähen, schlaflose Nächte erleben die meisten von Zeit zu Zeit einmal - teilweise völlig ohne erkennbare Ursache.

Schlaf- und Psychotherapeutin Elena Pallas erzählt im Interview mit Westnetz, wann Schlafprobleme als Störung gelten und warum auch Manager und Kubaner davon nicht verschont bleiben.

Jeder von uns kennt Nächte, in denen er partout nicht einschlafen kann oder sich unruhig umherwälzt. Ab wann spricht man effektiv von „Schlafstörungen“?

Man differenziert zwischen Personen, die über einen längeren Zeitraum nicht gut schlafen und wo der Schlafmangel zur Belastung im Alltag wird. Problematisch wird es, wenn die schlechten Nächte den Tag dauerhaft beeinträchtigen – dann spricht man von Schlafstörungen. Die Betroffenen merken die Symptome wie schlechtere Stimmung und Leistungsabfall über viele Tage hinweg. Man muss aber zwischen psychologischen und medizinischen Schlafstörungen unterscheiden. Ich behandle die psychologisch ausgelösten Schlafprobleme, aber bei medizinischen sieht das wieder ganz anders aus.

Worin erkennt man den Unterschied?

Das ist oftmals nicht leicht, besonders für Patienten, die nicht merken, dass Sie schlecht schlafen. Ein bekanntes Beispiel sind Leute, die Schlaf-Apnoe haben. Diese fühlen sich den ganzen Tag müde oder schlafen überall ein, haben aber nicht das Gefühl, das es an ihrer fehlenden Nachtruhe liegt. Häufig schlägt es bei Apnoe-Fällen auch nicht unbedingt auf die Psyche durch im Vergleich zu Fällen in denen der Auslöser Stress oder ein Burnout ist. Bei solchen Patienten kreisen die Gedanken dann oftmals den ganzen Tag um das Thema Schlaf. Sie bangen, die nächste Nacht endlich richtig schlafen zu können, weil sie am nächsten Tag sonst nicht mehr leistungsfähig sind.

Sind aber nicht gerade solch „zwanghafte“ Gedanken hinderlich und erhöhen die Barriere noch, einzuschlafen?

Genau. Das ist typisch für die Patienten mit Ein- und Durchschlafstörungen. Die negativen Gedanken kreisen um den Schlaf und es baut sich ein Druck auf: was passiert, wenn ich heute wieder nicht schlafen kann? Daraus kann ein Wechselspiel entstehen. Es können sich Depressionen aus der Schlafstörung entwickeln. Oder es kann durch die Depressionen selbst zu Schlafstörungen kommen, um nur ein Beispiel psychischer Störungen zu nennen, bei denen Schlafprobleme dazugehören.

Was sind neben Depressionen weitere psychische Ursachen für Schlafstörungen?

Es gibt sehr viele psychische Störungen, bei denen Schlafstörungen ausgelöst werden können. Ängste sind natürlich ein weit verbreitetes Problem, das kennen wohl die meisten. Vor einer wichtigen Prüfung oder einem wichtigen Ereignis kann man oft nicht einschlafen. Es gibt aber Personen, bei denen vermehrt Ängste im Alltag auftreten, diese schlafen dann tendenziell noch schlechter. Häufig ist auch Stress ein weitverbreitetes Problem. Ich habe viele Manager therapiert mit einer überdurchschnittlich hohen Arbeitsbelastung. Bei solchen Fällen kann man keine wirkliche psychische Störung diagnostizieren. Sie leiden unter einer extrem hohen Belastung und haben – oder geben – sich keine Zeit für die Erholung und Pausen. Daraus können sich ebenfalls dauerhaft Schlafstörungen entwickeln, wenn Sie über lange Zeit sehr wenig oder nur schlecht schlafen können. Oftmals erwachen gerade Manager um 4 Uhr morgens, und können dann nicht mehr einschlafen.

Sie unterstützen die Menschen beim Überwinden ihrer Schlafstörungen. Wie sieht eine solche Therapie aus?

Das ist sehr individuell. Es gibt keinen standardisierten Therapie-Weg, den ich bei allen Patienten gleichermassen anwenden kann. Gewisse Regeln schaue ich aber mit der Mehrheit an, beispielsweise theoretische Hintergründe wie der Aufbau des Schlafes und wie der Schlaf funktioniert. Die Grundlagen sind wichtig, um den Patienten ein gewisses Knowhow zu vermitteln. Manchmal verändern die Patienten dadurch automatisch bereits ein wenig ihr Verhalten oder ihre Einstellung dem Schlaf gegenüber.

Wie funktioniert denn der Schlaf?

So einfach lässt sich das nicht erklären. Natürlich gibt es Tiefschlaf – und oberflächlichere Schlaf-Phasen. Dieses Wissen allein hilft den Patienten jedoch meist noch nicht viel. Was aber oftmals hilft ist zum Beispiel den Fakt zu vermitteln, dass es völlig normal ist, in der Nacht aufzuwachen. Die meisten Personen haben das Gefühl, sie müssen abends im Bett ins Koma fallen und morgens erst wieder erwachen. Gerade in der Nacht ist aber das Gehirn sehr aktiv. Im Schlaflabor gilt bis zu zehn Mal aufwachen pro Stunde Schlaf in der Nacht als normal. Wenn Sie das ausrechnen also alle 6 Minuten – und das wird noch als üblich klassifiziert. Im Tiefschlaf erwacht man weniger, während der oberflächlicheren Schlafphasen mehr. Die Frage stellt sich eher, wie lange man dann braucht, um wieder einzuschlafen. Das ist ein Thema, das ich intensiv mit den Patienten behandle – Ihre Vorstellungen vom Schlaf im Vergleich zur biologischen Realität.

Eine Therapie ist zweifellos eine sichere Lösung, um Schlafprobleme zu bewältigen. Gibt es sonst Tipps, die man zuerst beherzigen kann, wenn man merkt, man hat Probleme mit Schlafen?

Man sollte sich konträr zum Bedürfnis nicht den ganzen Tag über immer wieder hinlegen, auch wenn man müde ist. Ebenfalls sollte man nicht aus dem Gedanken, besser oder mehr schlafen zu können sich dann für 12 Stunden ins Bett legen. Das funktioniert nicht. Wenn man nachts aufwacht und nicht rasch wieder einschlafen kann, ist es besser kurz aufzustehen und sich ein wenig abzulenken, beispielweise mit Lesen oder Musik. Auch falls man morgens zu früh erwacht, lieber aufstehen, selbst wenn man einmal zu wenig geschlafen hat. Sport hilft sicherlich enorm, das lindert den Schlafdruck. Um zum Beispiel des Managers zurückzukommen, hilft es häufig, regelmässige Pausen einzulegen. Das sind aber alles sehr allgemeine Regeln. In der Wirklichkeit betrachtet man den individuellen Tagesablauf, die routinierten Zeiten, das spielt alles eine wichtige Rolle. In der Therapie betrachte ich das einzeln mit dem Patienten und versuche spezifisch mit ihm zusammen die wichtigsten Regeln festzumachen, die in seinem Fall gelten.

Schlägt eine Therapie nicht an, verschreiben viele Ärzte Schlaftabletten. Lösen solche Mittel Schlafprobleme oder werden sie bloss verdrängt?

Es kommt darauf an, welche. Benzodiazepine empfehle ich wirklich nur Personen in einer akuten Notsituation, wo es ohne Tabletten gar nicht mehr geht. Sie sind rasch wirksam, machen aber auf Dauer abhängig und sollten nur kurzfristig eingesetzt werden. Sie verändern auch die Schlafstruktur nicht zum besseren. Bei Situationen wie in einem Todesfall oder Prüfungssituationen, in denen sie aber eine Woche unbedingt Schlaf brauchen, kann es durchaus helfen. Es ist aber bestimmt keine langfristige Lösung. Daneben gibt es schlafanstossende Antidepressiva, Neuroleptika und neure Mittel, die zusätzlich einen beruhigenden Effekt haben und dadurch beim Ein- und Durchschlafen helfen. Diese kann man auch längerfristig einsetzen, ohne die Gefahr einer Abhängigkeit.

Sind Schlafstörungen ein Phänomen, das immer mehr zunimmt?

Das ist schwierig zu sagen, tendenziell gehe ich aber davon aus. Es ist aber sicherlich ein Problem, das mit unserer heutigen schnelllebigen (Leistungs-) Gesellschaft zusammenhängt. Es wird vermehrt in den Medien thematisiert und gilt nicht mehr als Tabu. Andererseits war ich vor einiger Zeit in Kuba und habe dort mit gewissen Einheimischen über Schlafstörungen gesprochen. Sie meinten einstimmig, das sei bei ihnen durchaus auch ein Thema – obschon sie ganz andere Tagesroutinen haben. Es sind bloss andere existenzielle Probleme, die ihnen dort den Schlaf rauben.

Merken Sie einen Unterschied zum Winter oder Sommer?

Ja, ganz klar. Allgemein hat man im Winter mehr Anmeldungen zu Therapien aller Art. Ich glaube zwar nicht, dass es weniger Schlafstörungen gibt im Sommer. Viel eher denke ich, man nimmt sie weniger ernst oder hat weniger Lust, sich in einer Therapie damit auseinanderzusetzen. Depressionen sind aber sicherlich weniger verbreitet und ausgeprägt im Sommer, wenn es draussen schön ist, als in der kalten und dunklen Jahreszeit.

Lic. phil. Elena Pallas, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP.

Röntgenstrasse 76, 8005 Zürich

Hier gehts zum Artikel: "Was tun gegen Herbstdepressionen?"

Titelbild: sxc

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