Raus aus der Komfortzone

Eine düstere Wolke breitet sich über der Zentralschweiz aus. Ungewissheit und aufkommende Angst: Was für ein Unheil braut sich da über der Schweiz zusammen? Zehn junge Autorenfilmer und -Filmerinnen aus der Deutsch- und Westschweiz regen mit „Heimatland“ einen brisanten Diskurs an. Schonungslos, selbstkritisch und mutig.

Ein riesiger Sturm droht über die herbstlich kalte Schweiz zu ziehen. Die Meteorologen können es nicht erklären. Sie wissen nur: Die Wolke wächst stetig. Das Volk wird nervös. Die Business-Leute der Versicherungsfirma diskutieren noch sachlich in über die grosse Schadenssumme, die der bevorstehende Sturm mit sich bringen könnte. Ein Mädchen streitet mit ihrer Schwester, die abklärt, was vor sich geht. Eine alte Dame führt Selbstgespräche, wartet in ihrer Wohnung auf den Sturm. Stromausfälle häufen sich in der ganzen Schweiz.

„Eine mysteriöse Wolke bedeckt bereits weite Teile der Zentralschweiz und breitet sich rapide aus“, lesen drei BSC Young Boys-Fans in der Zeitung, sprechen im Zug darüber, wüten später im Stadion. Ein Bettler auf der Strasse warnt die Schweizer vor dem Untergang: „Machet dOuge uf, er chunt bald! Oh Schweiz du Hure Babylons!“ Eine Polizistin hört Stimmen, fantasiert von einem Nigerianer, den sie in der Vergangenheit erschossen hat und gedanklich nicht mehr loslassen kann.

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Ein junges Paar flüchtet mit Partys und MDMA vor der ungewissen Zukunft, redet darüber, während dem Sturm miteinander Sex zu haben. Im Supermarkt herrschen anarchische Verhältnisse. In einem Schwyzer Landgebiet hält ein Rechtspopulist rassistische Parolen und wird stark umjubelt. Er macht junge vermeintliche Opfer zu Tätern. Panik macht sich im ganzen Land breit. Es sind die Eidgenossen, die im grössten Chaos aus der Insel Schweiz flüchten wollen und an der Grenze zur EU abgewiesen werden.

Zehn Regisseure, ein Thema

Ideen von zehn Schweizer Regisseuren sind in dem politischen Kollektivwerk integriert. Alle arbeiteten sie am selben Thema: Der Sturm und die Angst der Eidgenossen um ihr Land. Und alle bringen sie in „Heimatland“ eine kritische Sicht gegenüber der Schweiz zum Ausdruck. Die einzelnen Teile waren anfangs unabhängig voneinander, fliessen nun im Film ineinander ein: Verschiedene Lebensverhältnisse vor einer allesumfassenden Katastrophe.

Die Autorenfilmer und -Filmerinnen von „Heimatland“ vor dem Riffraff.

Die beiden Projektinitianten Michael Krummenacher und Jan Gassmann begannen vor rund fünf Jahren, die Sache aufzugleisen. Damals haben die beiden verschiedene Schweizer Regisseure und Regisseurinnen gefragt, ihnen Geschichten einzureichen. Daraus haben sich nach gemeinsamer Bearbeitung und langwierigen Gesprächen die Grundpfeiler von "Heimatland" ergeben. Dabei war es wichtig, die Balance zwischen Gesamtfilm und eigenen Vorstellungen zu halten.

Benny Jaberg ist einer der zehn Regisseure. Er sagt, man lasse sich auf etwas Unbekanntes mit offenem Ausgang ein – sowohl beim Schreiben des Drehbuchs, bei der Arbeit auf dem Set als auch während der Montage. Als Macher verfüge man zu keinem Zeitpunkt über jene Distanz, die ein unvoreingenommener Zuschauer zum Film hat. „Das führt zu Zerrbildern der eigenen Arbeit. Zwischenzeitlich verliert man das Gefühl dafür, was es genau ist, woran man da so akribisch arbeitet“, erzählt Jaberg weiter.

Michael Krummenacher (l.) und Benny Jaberg vor der Premiere im Riffraff.

Die Schweizer in ihren eigenen Grenzen gefangen, als Flüchtlinge abgewiesen. "Heimatland" punktet, weil er nah ist. An Ort und Zeit, aber auch nah am Gefühl. Er spielt einerseits mit typisch Schweizer Elementen, stellt diese gleichzeitig ihren Schatten gegenüber. „Das Allerwichtigste ist, sich in andere Menschen hinein zu versetzen, zu merken, dass man sich nicht anders fühlen, nicht anders handeln würde“, führt Benny Jaberg aus. Dieses Ziel ist erreicht, der Realitätsbezug gegeben. Die Bilder sind sehr deutlich, und das war beabsichtigt.

„Keiner von diesen berühmten Schweizer Kompromissen“

Ja, "Heimatland" hat eine bestimmte Richtung, und eine klare Message. Der Film thematisiert offen die SVP-Initiativen der letzten Jahre, und geht dabei sehr direkt mit den Ängsten der Schweizer um. „Wenn üses stolzi Heimatland am Bode lit, wärdets cho, vom Süde und vom Oschte“, ist Teil der Parole des verschwitzten Schwyzer Rechtspopulisten, „und überall strömet si i üses Land, aber nid öpe um üs z hälfe, näi, um üs sLetschte z näh was dr Sturm verschonet!“ Dies erinnert an andere Zeiten und andere Anführer, aber auch an jetzige Zeiten, an Prominente mit ähnlicher Rhetorik.

Alles nur übertriebene Linkspropaganda? Mit solchen Vorwürfen hat "Heimatland" durchaus zu kämpfen. "Heimatland" liebt oder hasst man scheinbar. „Absolut wichtiges und geniales Werk“ wechselt sich mit „pseudo-moralisierende, langweilige Geld- und Zeitverschwendung“ ab, je nach Auffassung und Hintergrund des Kritikers. Ziel war es, den Diskurs anzukurbeln, die Augen zu öffnen, Handlungen hervorzurufen. Der Film soll bewegen, die heftigen Reaktionen haben die Regisseure erwartet und auch bezweckt. Sie wollten „keinen von diesen berühmten Schweizerischen Kompromissen“ eingehen, sondern Zeichen setzen.

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Linke Propaganda sei der Film entgegen einiger Kommentare jedoch nicht. Sondern als subjektive, selbstkritische Momentaufnahme lediglich ein Ausdruck der so wichtigen freien Meinungsäusserung. Einige kritisieren, der Film sei zu polarisierend. Benny Jaberg entgegnet: „Wir können auf die deutliche Verschärfung von rechts nicht immer nur handzahm reagieren.“ Der Film soll ein breites Publikum ansprechen. Er erreiche bestimmt selbstkritische Leute, die "sich nicht von der Propaganda von rechts einlullen lassen“, so Benny Jaberg, „aber hoffentlich vor allem auch jene Leute, die unentschieden sind, bei denen man vielleicht gar noch etwas bewegen kann.“

„Nach den Wahlen ist vor der Abstimmung“

Am 12. November war der offizielle Kinostart von „Heimatland“, im Moment läuft er schweizweit in 19 verschiedenen Kinos. Das Timing der Veröffentlichung könnte man als eher unpassend sehen. Nicht nur wegen dem warmen Wetter oder der Tatsache, dass James Bond gerade durch die Kinos flimmert. Der Film kam nach den nationalen Wahlen heraus. Hätte er bei einem vorzeitigen Kinostart nicht vielleicht etwas bewegen können? „Es wäre schon schön gewesen, wäre er früher in die Kinos gekommen“, sagt Benny Jaberg, aber „nach den Wahlen ist vor der Abstimmunng“. Einen Anstoss gibt er sowieso. Aus diesem Sichtpunkt kommt der Film nicht zu spät: Die nächste Abstimmung steht bevor.

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Tiefe Gräben in der Schweiz aufgerissen hat bereits die Schwarzenbach-Initiative „gegen die Überfremdung und Überbevölkerung der Schweiz“ von 1970. Die Zahl der ausländischen Bevölkerung sollte bei Annahme in allen Kantonen auf 10 Prozent begrenzt werden. Auf gut Deutsch hätten etwa 300'000 Ausländerinnen und Ausländer die Schweiz von einem Tag auf den andern verlassen müssen. Der Wahlgang war entsprechend emotional, gefolgt von hiesigen Meinungskämpfen um die Ausländerpolitik. Fast 75 Prozent aller Stimmbürger gingen 1970 an die Urne. Die Schwarzenbach-Initiative wurde mit 54 Prozent knapp abgelehnt. Schwarzenbach konnte sich aber eine grössere Anhängerschaft aufbauen, als von der Öffentlichkeit vermutet wurde. Gegen aussen blieb alles gleich, doch seit diesem Punkt gärt, rumort, wächst die Angst des Schweizer Volks vor „Überfremdung“, zur Dominanz getrieben von der SVP, mit teils menschenunwürdigen Plakaten, über Minarett-Verbot, Ecopop, Ausschaffungsinitiative hinaus.

Die nächste SVP-Initiative, die Durchsetzungsinitiative vom 28. Februar 2016 steht bevor, welche die Forderung der Ausschaffungsinitiative von 2010 aufnimmt. Eine nächste Prüfung für das Volk: Die völkerrechtsgefährdende Initiative verlangt die Ausschaffung krimineller Ausländer, zum Teil ungeachtet ihrer Strafhöhe. Die SVP hat Angst, nachdem der Nationalrat im März 2015 die Umsetzung der Ausschaffungsinitiative verweigert hat. Man darf sich auf weitere gehässige Kämpfe gefasst machen.

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Die neutrale, saubere Schweiz, nun einmal nicht mehr ganz so rein dargestellt. Sowie die Eidgenossen, die von Stolz, Ehre, von Schutz, Einheit und Brüderlichkeit reden, um ihre tiefgreifende Angst nicht spüren zu müssen, sie zu verdrängen und lautlos - oder auch lauthals - in Wut und Ausländerfeindlichkeit umzuwandeln.

Der satirische, provokative Film versetzt den Zuschauer in eine nachdenkliche Stimmung. Nach dem ersten Kinobesuch, aber auch nach dem zweiten. Die Vielschichtigkeit des Endprodukts macht es aus, viele verschiedene Sichtweisen und Umstände sind in 90 Minuten verpackt, mit dem Schlussbild der Schweizer an ihrer eigenen Grenze. Das absurd erscheinende Szenario zeigt auf, was wir mit der fremdenfeindlichen Haltung, den bilateralen Verträgen und der Isolation der Schweiz riskieren. Und dass das Szenario der alleingelassenen Schweiz im Vergleich zu absurden Abstimmungsergebnissen vielleicht gar nicht so absurd sein muss.

„Heimatland“ wagt etwas, ungeachtet, wem damit auf die Füsse getreten wird. Er setzt haarscharf Zeichen, konfrontiert den Zuschauer mit eigenen Ängsten und der eigenen Wut. Er regt zum Reflektieren, Diskutieren, und in Anbetracht der nächsten Abstimmung am 28. Februar sowie der allgemein niedrigen Schweizer Wahlbeteiligung, vielleicht zum bewussteren Handeln an.

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