Estallido y Fuego, El Ultimo Tango

Hochgradige Leidenschaft brachten María Nieves Rego und Juan Carlos Copes mit ihrem heissblütigen Tangotanz auf die Bühnen der Welt. Fast fünfzig Jahre tanzten sie zusammen, erlebten Achterbahnen der Gefühle, liebten und hassten sich. German Kral hat die packende Geschichte des Tangopaars in „El Último Tango“ verfilmt. Der Dokumentarfilm startet heute, 5. November im Houdini.

Es war nicht die Harmonie, die dieses Paar vorantrieb. Nicht Eintracht oder Friede. Die unglaublichen Choreographien des berühmtesten Tangopaares Argentiniens entstanden aus explosiven Gefühlen, aus dem Wechselbad zwischen Anziehung und Abstossung, Wut und Liebe. Der Film „El Último Tango“ dokumentiert die Geschichte der heute 81-jährigen María Nieves und des 84-jährigen Juan Carlos Copes. Die beiden wirken beide unabhängig voneinander im Film mit, offenbaren ihre Eindrücke und erzählen jeweils aus ihren Leben.

Tango Argentino: Ein leidenschaftliches Spiel zwischen Mann und Frau. (Bild: ZVG)

Vielseitig ist die Kommunikation im Tanz. Als ein „Kampf der Geschlechter“ bezeichnet Regisseur German Kral den explosiven Tango zwischen Maria Nieves und Juan Carlos Copes: „Man sieht Mann und Frau, die sich lieben, aber auch gegeneinander kämpfen.“ Und die dadurch den Tango aus den Clubs von Buenos Aires auf die Theaterbühnen der Welt brachten.

Hohe Kunst, tiefer Schmerz

Der Tango galt früher als „Zeitvertreib der armen Leute“. María Nieves Rego und Juan Carlos Copes beeinflussten die Bedeutung des Tangotanzes enorm. Die beiden lernten sich mit 14 und 17 Jahren kennen, später tourten sie zusammen durch Lateinamerika. Noch später traten sie sogar in New York auf, wobei der Tango in den USA noch unbekannt war. Die verrückte Idee von Juan Carlos Copes, auf dem Tisch zu tanzen, wurde zu ihrem Markenzeichen und öffnete den beiden die Pforten zu den Bühnen der Welt.

María Nieves und Juan Carlos Copes zu Glanzzeiten. (Bild: ZVG)

Ruhm schützt vor Unglück nicht. Mehrere Trennungen und Wiedervereinigungen folgten. Eifersucht, Dramen, Depressionen, aber auch Besessenheit, Selbstzerstörung, Exzess waren dunkle Teile ihres Lebens. María Nieves fand je länger, je mehr ihren Weg als eigenständige Frau und Künstlerin, den sie aus Abhängigkeit von Juan nicht einzuschlagen gesuchte. Während sie in der Rolle einer argentinischen jungen Frau der 30er Jahre heranwuchs, suchte sich Juan Carlos Copes selbst neben der traditionell vorgegebenen Rolle des Mannes dieser Zeit, beide stets beeinflusst von zeitgemässen Gesellschaftswerten.

Die 81-jährige María Nieves in „El Último Tango“. (Bild: ZVG)

Castings, Schweiss und Überredungskraft: Von der Idee zur Umsetzung

Inspiriert wurde German Kral vom Dokumentarfilm „Pina“, der 2011 zu Ehren der deutschen Tänzerin Pina Bausch erschien. Auch er hatte die Idee eines 3D-Films über ältere Tangotänzer. Viele Tänzer hat er getroffen, interessante und weniger interessante. „Aber niemand war so interessant, dass man einen Kinofilm mit 90 Minuten Länge daraus machen konnte“, verrät German Kral bei einem Treffen in Zürich-West.

Also kam er auf die Idee, die beiden zu treffen. Wann er das erste Mal von dem Tänzerpaar gehört hat, weiss er nicht mehr. Verständlich - in Argentinien erlangte das Tänzerpaar während Jahrzenten grosse Berühmtheit. „Wie in der Schweiz zum Beispiel Friedrich Dürrenmatt ein Begriff ist, sind die beiden in Argentinien sehr bekannt.“

Regisseur German Kral: In Buenos Aires aufgewachsen, seit 1991 in Deutschland, hier in Zürich-West.

Choreographien auf höchstem Niveau und tiefgehende Interviews machen einen grossen Teil des Dokumentarfilms von German Kral aus. Natürlich sei auch ein Spielfilm spannend gewesen. Aber auch viel schwieriger umzusetzen. German Kral kommt aus dem Bereich des Dokumentarfilms. „Ausserdem wollte ich unbedingt, dass Nieves und Copes selbst zu sehen sind, dass man sie als Protagonisten erfährt.“ Kein Film rein über sie, sondern mit ihnen. Und mit der Hilfe jüngerer Tänzerpaare, die die Rolle des Paares in verschiedenen Abschnitten spielten. Die Tänzer Ayelén Álvarez Miño und Juan Malizia waren in der Rolle des jungen Paars vertreten, die Rolle des älteren Paars spielten bekannte Namen wie Alejandra Gutty und Pablo Verón, der bereits im Film „The Tango Lesson“ von Sally Potter mitwirkte.

Tänzer und Tänzerinnen bei den Dreharbeiten. (Bild: ZVG)

Kompliziert: Gemeinsam am Set

Die richtigen Protagonisten zu finden, die die Rollen der jungen María Nieves und des jungen Juan Carlos Copes spielen, war nicht leicht und erst nach mehreren, langwierigen Castings gelungen. Aber wie reagierten eigentlich die beiden Hauptprotagonisten selbst auf die Idee, einen Film zusammen zu drehen? Wie schaffte es der Regisseur, die beiden nach einem dermassen intensiven Erfahrungswert für die Dreharbeiten zu gewinnen? Wer den Film gesehen hat, erfährt, dass die Beziehung zwischen den beiden auch heute noch kompliziert ist. Und dass es nicht einfach war, sie für einen gemeinsamen Film zusammenzubringen. Da musste Überzeugungskraft her.

Während María Nieves sich der Idee eines Films gegenüber von Anfang an aufgeschlossener zeigte, stellte sich die Einwilligung von Juan Carlos Copes als ein Brocken härter heraus. Dieser zeigte sich nämlich interessiert - bis er hörte, dass María Nieves auch dabei wäre. Direkter Kontakt war nicht erwünscht. Nach einem Gespräch mit Copes und seiner jetzigen Frau, die mit ihm zwei Kinder hat und die ebenfalls im Film mitwirkt, fanden sie einen Kompromiss. Copes willigte ein. „Aber nur, wenn Copes und Nieves nicht gemeinsam am Set sein würden.“ Das war die Bedingung von Copes und seiner neuen Frau. Die Erfindung des Schnitts in der Geschichte des Films machte das möglich. Die gemeinsame Arbeit begann.

Juan Carlos Copes im Film, 84 Jahre alt. (Bild: ZVG)

Erstaunliche Szenen: Am Anfang und am Schluss des Films sieht man das Tangopaar tatsächlich zusammen am Set. Bis dies zu Stande gekommen war, bedurfte es allerdings vieler Arbeit, dreier Jahre mit unzähligen Telefonaten und Gesprächen. Ein Hin und Her, das sich zumindest für den Dokumentarfilm gelohnt hat. „Sie merkten mit der Zeit vielleicht auch, dass es ein ernsthafter Film sein würde. Das hat Copes und seiner Frau geholfen, sich für die Mitarbeit zu entscheiden“, so German Kral.

Bilddokumente des berühmtesten Tangopaars. (Bild : ZVG)

Y al fin andar sin pensamiento

„El Último Tango“ ist für German Kral eine Liebeserklärung an den Tango. Nicht immer konnte sich der Regisseur allerdings wie heute mit dem Tango identifizieren. Tango war German Kral früher bekannt als Musik der älteren Generation. Tango effektiv als Musik wahrzunehmen und zu spüren, begann er, als er nach Deutschland kam und ein Freund ihm eine Musikkassette von Roberto Goyeneche näherbrachte. Der Refrain des Songs „Nranjo en flor“ war für German Kral bedeutend.

Primero hay que saber sufrir

despues amar, despues partir

y al fin andar sin pensamiento...

Zuerst lernst du zu leiden, dann zu lieben, dann wegzugehen, und schliesslich, gedankenlos zu laufen. Lyrics sind auch im Tango bedeutend. Durch die Trennung des Tangos als Tanz und als Musik würden die Lyrics zu wenig beachtet. Das sei vor allem in Europa so. „Man identifiziert den Tango hier eher als Tanz. Die Lyrics können aber genauso tief sein.“

„El Último Tango“: Ab 5. November im Houdini.

Tief gehen Tanz und Musik, Text und Bilder. Und die Liebes- und Leidensgeschichte eines Paares, das sogar in Zeiten zusammen tanzte, wo kein vernünftiges Wort untereinander mehr möglich gewesen ist. Trotz aller Schwierigkeiten haben María Nieves und Juan Carlos Copes immer wieder zusammengefunden. Haben Kunst und Gefühle einerseits getrennt, andererseits ineinander integriert. Ein bisschen Irrsinn hat die ganze Geschichte ja schon. Wer macht das so lange mit? German Kral hat Juan Carlos Copes diese Frage gestellt. „Sagen Sie Maestro, warum haben Sie so lange mit María getanzt?“, fragte er den 84-jährigen Tango-Profitänzer. Der erwiderte, er könne mit jeder Frau tanzen. Aber nur mit María habe er gestrahlt.

Heftige Emotionen bereicherten ihre Kunst. Aus Schmerz und Streit profitierten sie letzten Endes. Starke Gefühle bewegen viel. Dass das auch im Tango der Fall ist, haben María Nieves und Juan Carlos Copes bewiesen.

Titelbild: María Nieves und Juan Carlos Copes in jungen Jahren (Bild: ZVG)

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