One Thousand Deaths – Pt. IV

An einem normalen Dezembertag macht Mary skurrile Entdeckungen in Zürich-West. Schliesslich steht sie vor einem Haufen Fragezeichen und hadert mit ihrer eigenen Wahrnehmung der Realität. Der Adventskrimi aus Zürich-West in vier Akten.

Erster Teil: One Thousand Deaths Pt. I

Zweiter Teil: One Thousand Deaths Pt. II

Dritter Teil: One Thousand Deaths Pt. III

Fortsetzung:

Mary erstarrte. Nun stand sie am selben Ort wie am Nachmittag, hinter der Mauer beim Wipkingerpark, die zum Limmatufer leitete. Sie lauschte, während sie sich den unsichtbaren Gestalten langsam näherte. Nochmals hörte sie Andis Stimme. „Sagt mir, dass das nicht wahr ist.“ Was hatten Ragbete und Nazif mit Andi am Hut? Hatten sie einen Freund von ihm umgebracht? Dann hörte sie Ragbete. „Wir wollten dich nicht enttäuschen.“ Mary wagte einen Blick hinter die Mauer. Sie sah jetzt wieder die Kiste, der rote Umhang war entfernt. Jetzt sah sie Andi, er hielt den in Alufolie verpackten Gegenstand in der Hand. Langsam packte er ihn aus. „Lass das mal besser, Andi“, hörte sie nun Nazif. Doch Andi überhörte ihn einfach. Als er den Gegenstand fast ausgepackt hatte, verzog er sein Gesicht. Mary konnte den Gegenstand nicht sehen, doch in Anbetracht der Leichenteile, die sie noch gestern Abend in der Badewanne sah, war ihr das recht. „Wie konntet ihr nur?“ Wen hatten sie umgebracht? Mary überlegte, ob sie sich einmischen sollte. Dieser Gedanke erübrigte sich, denn die drei machten sich mit der Kiste aus dem Staub, ehe Mary reagieren konnte. Nachdenklich näherte sich Mary dem Ufer.

War sie also tatsächlich Zeugin eines Mordes geworden? Was waren das für Menschen, die jemanden umbrachten, in Einzelteile zerhackten und jetzt in der Limmat versenken wollten? Sie lief noch ein Stück dem Ufer entlang, bis sie auf einen purpurrot gemusterten Flyer aufmerksam wurde, der auf dem Boden lag. Mary hob den Flyer hoch. „Das lustige Gruselspektakel in Zürich-West – sei dabei!“ Was für ein schwarzer Humor des Schicksals, dachte Mary, als sie den Flyer las. Dann ging sie ins Big Ben Pub, das ziemlich belebt war. Morgen war Heilig Abend, die Leute waren schon jetzt in Feststimmung. An der Bar bestellte Mary ein Bier und überlegte sich, wie ihr nächster Schritt aussehen würde. Sie dachte an den Zettel, den sie gestern in ihrer Jackentasche gefunden hatte und der immer noch ein Mysterium für sie darstellte. „24.12. Lichtstrasse 12.24.“ Sie hatte das Gefühl, dass der Zettel etwas mit dem Mord zu tun haben könnte. Schliesslich hatte sie den Zettel offenbar vorgestern vom Metallica-Clown erhalten, der wahrscheinlich ein Komplize von Ragbete und Nazif war. Sie entscheid sich, morgen um 12.24 Uhr an die Lichtstrasse zu gehen, um zu sehen, was da vor sich ging. Vielleicht irrte sie sich auch, und der Zettel stand weder für ein Datum noch für eine Uhrzeit. Vielleicht hatte der Zettel nichts mit allem zu tun. Sie nahm sich vor, nichts zu erwarten, und hatte gleichzeitig einen enormen Drang, der Sache auf die Schliche zu kommen. Auch wenn sie morgen keine Antworten bekommen würde, so hatte sie ihre Möglichkeiten immerhin ausgeschöpft. Jetzt war sie so nahe dran. Sie schaute auf den Zettel, und drehte ihn nochmals. „It’s nothing new, you know it drives us insane.“ Sie las die Zeile, und las sie nochmals. Die Zeilen wiederspiegelten Marys Zustand. Tatsächlich wurde sie langsam verrückt von der ganzen Geschichte. Vielleicht verrannte sie sich auch in irgendwas? Plötzlich hatte sie wieder die Musik von „Seek and Destroy“ im Kopf. Sie hatte das Gefühl, als könne sie den Song jetzt nie mehr hören, ohne an das Massaker erinnert zu werden. Sie packte den Zettel weg, leerte ihr Bier und bestellte noch eines. Dann sah sie die zwei Männer ins Pub kommen, die sie heute das erste Mal gesehen hatte. Es waren die Kumpels von Andi, die er heute mit Lukas und Jodok angesprochen hatte. Die zwei schienen Mary noch nicht bemerkt zu haben. Sie standen an der Bar und sprachen miteinander. Dann blieb der Blick des einen Kumpels auf Mary haften. Er lachte und winkte ihr, ähnlich wie heute Nachmittag auf dem Fahrrad, dann kam er auf sie zu. „Cheers!“, sagte er und hob sein Bier um zu prosten. „Cheers“, entgegnete Mary und stiess an. Der junge Mann stellte sich als Lukas vor, seinen Kumpel als Jodok. Mary blickte Jodok tief in die Augen. Irgendwie kamen sie ihr sehr bekannt vor. Jodok nickte ihr zu, dann verschwand er auf der Toilette. „Geht’s dir heute besser?“, fragte Lukas. Mary hob eine Augenbraue. „Als wann?“, fragte sie. „Als gestern Abend. Hohoho!“ Jetzt fiel es Mary wie Schuppen von den Augen. „Du!“ Lukas lachte ausgiebig. „Du warst der Samichlaus?“ Mary schluckte und fing an zu zittern. „Und Jodok der Schmutzli?“ Lukas lachte immer noch. Mary wollte auch lachen, sie war aber den Tränen nah. Der Samichlaus war also nicht tot, und auch nicht in Einzelteile zerhackt. Ein Gefühl der Erleichterung überkam sie von einem Moment auf den anderen, gleichzeitig war sie zu Tränen gerührt. Sie überspielte alles. „Na dann, hohoho!“ Sie nahm einen Schluck von ihrem Bier. „Warum wart ihr verkleidet?“ – „Wir waren bei Kindern zu Besuch. Die haben immer eine Saufreude am Samichlaus.“ Marys Hirn ratterte immer noch. Wen hatten Nazif und Ragbete dann umgebracht? Noch konnte sie niemandem trauen. Sie trank ihr Bier leer und verabschiedete sich von Lukas. Zu Hause angekommen, legte sie sich hin und ging nochmals alles gedanklich durch. Sie dachte an die Geschehnisse im Wipkingerpark, an das zufällige Treffen im Big Ben Pub, und an den Zettel mit der mysteriösen Nachricht. „24.12. Lichtstrasse 12.24 - It’s nothing new, you know it drives us insane.“ Dann schlief sie ein.

Der 24. Dezember war angebrochen. Sonnenstrahlen weckten Mary, die aufschrak und auf die Uhr blickte. Es war 11.30 Uhr. Sie überlegte, ob sie aufstehen sollte, um zur Lichtstrasse zu gehen. Erst schlief sie fast wieder ein, zehn Minuten später stand sie auf, zog sich an und verliess schliesslich ihre Wohnung. Sie lief von der Rosengartenstrasse hinunter zum Escher Wyss-Platz und weiter der Hardstrasse entlang, bis sie fast die Lichtstrasse erreichte. Jetzt verlangsamte sie ihren Schritt. Sie wurde nervös. Vielleicht war da gar nichts, sagte sie zu sich selbst. Es war 12.10 Uhr, als sie die Lichtstrasse aus der Ferne sah. Hier hatte alles begonnen. Hier hatte sie vor zwei Tagen den Velo-Crash mit Sandra, der sie in eine Welt der Kuriosität warf. Ein Lichtstrahl bahnte sich seinen Weg zwischen der Autoeinfahrt und der Fussgängerzone. Mary versteckte sich hinter einer Säule, während sie darüber nachdachte, was sie hier eigentlich machte. War sie schon so verrückt geworden? Oder warum schenkte sie einem kaum lesbaren Gekritzel auf einem Fresszettel so viel Beachtung? Die Zeit zog sich schleichend dahin. Es war 12.18 Uhr, immer noch beobachtete Mary den Platz vor dem Bahnhof Hardbrücke, und das Strassenschild, auf dem „Lichtstrasse“ stand.

Jetzt sah sie einen Mann, der einen Plastiksack trug und dem Strassenschild zusteuerte. Er schaute sich um, als würde er etwas suchen. Jetzt erkannte Mary ihn. Zufall, dass Jodok gerade jetzt hier durchläuft, dachte Mary. Sie überlegte, ihm zuzurufen. Das Timing liess es aber nicht zu. Vielleicht würde sie gerade vom Metallica-Clown beobachtet werden, während sie Jodok ansprechen würde. Ausser Jodok selbst steckte hinter der Clown-Fassade? Nein, das war ausgeschlossen. Am selben Abend war er ja mit Lukas als Schmutzli unterwegs gewesen. Ausserdem traute sie Jodok vom Gefühl her keinen Mord zu. Jodok blieb beim Strassenschild stehen, er schien auf jemanden zu warten. Mary schaute nochmals auf die Uhr. Es war genau 12.24 Uhr. Jetzt versuchte Mary, sich das Bild des Clowns nochmals zu vergegenwärtigen. Wie in einem Traum kam ihr die Szene von vorgestern Abend jetzt vor. Hatte sie sich den Clown vielleicht nur eingebildet? War der Zettel gar nicht an sie adressiert? Während sie hinter der Säule wartete und überlegte, was sie tun sollte, sah sie, wie Jodok von dannen zog. Sie schaute auf die Uhr. Es war 12.30 Uhr, und es war nichts passiert. Nun näherte sie sich dem Strassenschild. Ein Plastiksack lag darunter, Jodok musste ihn hier vergessen haben. Lohnte es sich, noch zu warten? Sehr viel Action schien sie hier nicht mehr vorzufinden. Sie packte den Plastiksack und wollte gerade Richtung Geroldstrasse rennen, wo Jodok verschwunden war. Jetzt bemerkte sie, dass sich eine Schallpaltte in dem Plastiksack befand. Sie warf einen Blick in den Plastiksack, und sah das Cover von Metallicas „Kill 'em all“, darauf ein Post-It mit ihrem Namen. Also steckte doch Jodok hinter dem Psychospiel? Hatte er sich mit Nazif und Ragbete zusammengetan? Das konnte nicht sein. Er hatte doch das Haus schon früh im Schmutzlikostüm verlassen? Mary blieb nicht viel Zeit, um darüber nachzudenken. „Frohe Weihnachten. Gefällt sie dir?“, hörte sie Jodok plötzlich. Er stand hinter ihr. Tatsächlich hatte er dieselbe Stimme wie der Clown. Entrüstet wandte sich Mary ihm zu. „Was soll das?“, wollte sie von Jodok wissen, der sie erst erwartungsvoll ansah. „Ich wollte dich überraschen. Cool, dass du die Nachricht deuten konntest.“ - „You know it drives us insane?“, sagte Mary und sah ihn ungläubig an, „was soll daran gedeutet werden?“ Jodok zeigte auf die Booklet-Beilage der Schallplatte, auf der die Lyrics ersichtlich waren. Es war ein Teil von „Seek and Destroy“.

Fassungslos stand Mary da, starrte auf die Lyrics. Tatsächlich kamen die Zeilen in „Seek and Destroy“ vor. Dann wanderte ihr schockierter Blick wieder zu Jodok. Jetzt redete sie Tacheles mit ihm. „Was hast du mit dem Mord zu tun?“, fragte sie ihn. Jodok schien verwirrt. "Ich weiss nicht, wovon du sprichst."- „Warum warst du vorgestern als Clown verkleidet?“ – „Ich arbeite für Andi, der für den Zirkus eine Show vorbereitet. Ich spiele auch mit ihm und Lukas in einer Trash-Metal-Band." Mary überlegte. Deshalb hatte er damals seinen Gitarrenkoffer dabei. "Aber du warst doch an diesem Abend als Schmutzli unterwegs?" - "Ja, wir hatten am selben Abend einen Besuch bei einer Familie." Mary erinnerte sich an den Spiegel im Badezimmer, auf dem "One Thousand Deaths" stand. Sie erkannte die Worte damals, weil sie im Refrain von "Seek and Destroy" vorkamen, und hielt es für eine nette Geste vom Metallica-Clown. Bis sie die tausend Leichenstücke in der Badewanne entdeckte. „Das warst also nicht du, der 'One Thousand Deaths' auf den Spiegel geschrieben hat?“ – „Doch, das gehörte zu meiner Überraschung dazu. Gehörte der Lippenstift dir?“ – „Zufälligerweise, ja.“ – „Achso, sorry.“ Mary kam das alles suspekt vor. Allgemein hatte sich Jodok vorgestern als Clown zu seltsam verhalten, um ihm jetzt einfach zu glauben. Sie bohrte weiter: „Wie bist du auf Lichtstrasse gekommen?“ – „Ich habe dich hier das erste Mal gesehen, bevor du verunfallt bist. Du hast so entspannt ausgesehen, als du das Schild betrachtet hast." Mary erinnerte sich. Sie war im Rausch, als sie das Strassenschild passierte. Jodok hatte sie also beobachtet. Nach einer Weile fuhr Jodok fort: "Andi, Lukas und ich haben euch nachher aufgeholfen. Der Unfall sah ganz schön heftig aus.“ Mary dachte angestrengt nach. Schon als der Samichlaus sie damals im Treppenhaus mit „Geht’s wieder?“ ansprach, war ihr das merkwürdig vorgekommen. Deshalb hatte sie das Gefühl, als hätte sie den Schmutzli alias Jodok schon einmal gesehen. „Wie bist du auf die Idee mit dem Zettel gekommen?" – „Ich fand es eine originelle Idee. Ist wohl etwas in die Hose gegangen. Vielleicht hätte ich einen anderen Lyric-Teil auswählen sollen." Immerhin war Jodoks Plan aufgegangen, Mary hatte die Lichtstrasse am richtigen Tag zur richtigen Zeit aufgesucht. Auch sie wusste jetzt mehr. Jodok sah Mary nachdenklich an, dann sagte er: "Erzähl mir von dem Mord. Wo hat sich das abgespielt?" - "Im dritten Raum des Gemeinschaftsbadezimmers." - "Da war ich vorgestern gar nicht drin." - "Wer dann?" - "Ragbete und Nazif haben dort etwas für Andi gemacht." - „Du kennst Nazif und Ragbete?“, fragte sie. „Ja, das sind Freunde von uns, sie machen auch bei der Zirkusnummer mit.“ Mary war verwirrt. Was hatten Leichenteile in einem Zirkusstück zu suchen? „Ich glaube nicht, dass die beiden an einem Zirkusstück dran waren.“ Jodok schwieg wieder. Er schien tatsächlich nicht zu wissen, wovon Mary sprach. Dann fragte er: „Was hast du denn genau gesehen?“ – „Gefühlte tausend Leichenstücke in einer Badewanne, ein blutiges Samichlaus-Kostüm daneben, die Wände blutverschmiert.“ Jodoks Augen weiteten sich. Ungläubig sah er Mary ins Gesicht. „Ja klar“, sagte er nach einer Weile, als hätte Mary einen Witz gemacht. Diese antwortete: „Ob du mir glaubst, oder nicht. Ragbete und Nazif wollten die Leichenteile gestern in der Limmat versenken.“ – "Du hast sie bestimmt verwechselt.“ – „Jodok, ich muss mit Andi sprechen, er weiss Bescheid. Weisst du, wo er sich aufhält?“ – „Ja, wir sehen uns nachher im Bandraum. Ich kann dich zu ihm begleiten.“ Mary nahm das Angebot von Jodok an. Sie packte die "Kill 'em all"-Platte wieder in den Plastiksacksack und lief zusammen mit Jodok der Geroldstrasse entlang, durch die Unterführung des Viaduktbogens hindurch. Mary drehte sich um und blickte nochmals zurück. Konnte sie Jodok trauen? Sie entschied sich dafür.

Als sie beim Gebäude ankamen, gingen sie die Treppe zum Keller hinunter. Es war noch niemand da. „Komm, wir holen schnell meine Kollegin“, sagte Mary, und zusammen liefen sie die Treppe hinauf. Bei Sandras Tür angekommen, hörten sie, dass ein schriller Operngesang aus dem Gemeinschafts-Badezimmer kam. Den gleichen Gesang hatte sie vorgestern von untenher gehört. Mary runzelte die Stirn, bevor sie zu Jodok blickte. „Das ist Andis Freundin. Die beiden planen zusammen eine Show für’s Schauspielhaus. Ein lustiges Gruselspektakel oder sowas....“ In diesem Moment kam Sandra aus ihrer Wohnung. „Ganz schön laut da oben, hm“, sagte sie und winkte Mary hinein. Doch Mary wollte sich das genauer ansehen. „Ich werfe da mal einen Blick rein“, sagte sie. Sandra und Jodok schlossen sich ihr an, zu dritt liefen sie die knarrende Treppe zum Gemeinschaftsbadezimmer hoch. Dann öffnete Mary die Tür, die immer noch mit „Öffnen auf eigene Gefahr“ beschriftet war. Nichts Auffälliges war im ersten und zweiten Raum vorzufinden, doch der Operngesang, der aus dem dritten Raum kommen musste, erfüllte den ganzen Komplex. Intuitiv steuerte Mary dem dritten Raum zu und öffnete ohne zu zögern die Tür.

Grelles Licht schien ihr entgegen. Die Wände waren wieder blutverschmiert, die Badewanne gefüllt mit Leichenstücken, rechts davon stand die Opernsängerin, die abrupt verstummte, links Andi. Mary kannte den Anblick von vorgestern, dennoch traute sie ihren Augen kaum. Sie blickte zu Jodok und Sandra, die ebenso entsetzt auf das Szenario blickten. Dann hob Jodok seinen Kopf, blickte zu Andi und sagte: „Dude?“ Andi fing an zu lachen. „Keine Panik“, sagte er, steckte eine Hand in die Badewanne und nahm eines der Leichenteile heraus. Der Anblick war scheusslich. „Die sind nicht echt, also alles easy.“ Mary starrte immer noch vor sich hin, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Hatte sie das gerade richtig verstanden? Es war also nur Kunstblut? Das Gemetzel war gar nicht echt gewesen? Was sollten Nazif und Ragbete dann in der Limmat versenken? „Wir sind gerade bei den Vorbereitungen für unsere Show, dem lustigen Gruselspektal in Zürich-West“, fuhr Andi fort. Und nach einer Weile enthusiastisch: „Sieht aber beängstigend echt aus, nicht wahr?“ – „Krass, echt“, sagte Jodok und griff ebenfalls mit seiner Hand in die Badewanne. "Woher hast du das Zeug?" - "Habe ich von einem Freund von der ZHdK bekommen. Ich finde es perfekt für unser Gruselspektakel." Da betrat Herr Müller den Raum. Er schien von der Show zu wissen, denn im Gegensatz zu Mary, Jodok und Sandra verzog er keine Miene. „Andi, hoi. Das Essen ist fertig“, sagte er nur, kurz bevor Nazif, Ragbete und Lukas den Raum betraten. Die drei schienen auch nicht überrascht von dem Gemetzel, wohl aber von den neuen Zuschauern. „Habt ihr Vollversammlung oder sowas?“, fragte Ragbete, die ihre Kiste mit dem roten Umhang wieder bei sich trug. Jetzt war Mary komplett verwirrt. Ragbete stellte die Kiste auf den Boden, bevor sie den Umhang wegzog und nun einen Hamster in den Händen hielt. „Schau Andi, das ist dein neuer Freund“, sagte sie und hielt ihm den Hamster vors Gesicht. Dieser nahm ihn entgegen. „Er ersetzt Trashy nicht, aber immerhin. Danke.“ Jetzt schaltete sich Mary ein. „Wer ist Trashy?“, fragte sie, und hörte Jodok antworten: „Der Hamster von Andi, der Teil eines Zirkusstücks ist. Aber die Frage ist eher: Wo ist Trashy?“ Alle verstummten. Ragbete, Nazif und Andi blickten einander kurz an. Ragbete senkte den Kopf, Andis Augen wurden traurig. Dann antwortete Nazif: „Er ist leider gestorben. Er ging in der Badewanne schwimmen, als ihn niemand beaufsichtigte, und ist im Kunstblut ertrunken.“ Mary wurde langsam klar, was sich gestern in der Alufolie befand. Es waren keine menschlichen Leichenteile drin gewesen. Nazif und Ragbete hatten den toten Hamster in Alufolie gepackt, sie hatten die ganze Zeit von ihm gesprochen. Mary sah zuerst zu Sandra, dann zu Jodok, beide schienen immer noch überwältigt von den künstlichen Leichenstücken in der Badewanne. „Aber trotzdem, frohe Weihnachten", sagte Andi und sah jetzt wieder optimistischer aus. "Darauf trinken wir einen“, sagte Sandra, „ich spendiere.“ Sie ging hinunter in ihre Wohnung, kam mit einer Vodka-Falsche, neun Shotgläsern und einem Tablet voller Cookies zurück. Nachdem sie die Shotgläser gefüllt hatten, stiessen Sandra, Mary, Jodok, Lukas, Andi, Andis Freundin, Herr Müller, Nazif und Ragbete zusammen an.

Nach einer Weile verliess Mary das Haus wieder. Sie fühlte sich befreit wie nie zuvor, als sie mit Jodok das Gebäude verliess und die Geroldstrasse zurücklief, das Strassenschild „Lichtstrasse“ passierte und der Hardstrasse entlanglief. Der Weihnachtsbaum vor dem VBZ-Gebäude leuchtete jetzt hell auf. Magie scheint doch noch real zu sein, dachte Mary, bevor sie mit Jodok ihre Wohnung betrat und die Tür hinter sich schloss.

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