One Thousand Deaths – Pt. III

An einem normalen Dezembertag macht Mary skurrile Entdeckungen in Zürich-West. Schliesslich steht sie vor einem Haufen Fragezeichen und hadert mit ihrer eigenen Wahrnehmung der Realität. Der Adventskrimi aus Zürich-West in vier Akten.

Erster Teil: One Thousand Deaths Pt. I

Zweiter Teil: One Thousand Deaths Pt. II

Fortsetzung:

Herr Müller griff in seine Tasche, holte einen Apfel hervor, schnitt ihn mit dem Messer entzwei, während er an Mary vorbeilief und mit leerem Blick Richtung Bahnhof zusteuerte. „Hey, Herr Müller!“ Der alte, bucklige Mann blieb stehen, blickte zurück. Als er Mary sah, drehte er sich gleichgültig wieder um, ass seinen Apfel und ging seines Weges. „Warum hat der Samichlaus Dreck am Stecken?", rief Mary, versuchte aufzustehen, stürzte auf den Boden, schürfte sich die Knie auf, stand wieder auf und humpelte ihm nach. Nochmals drehte sich Herr Müller um. Mary fiel wieder auf den harten Asphalt, unfähig, ihre Beine zu kontrollieren, die immer noch gelähmt waren vor Kälte. Wäre sie doch nicht einfach so auf der Sitzbank eingeschlafen. „Herr Müller, was hat der Samichlaus getan? Warum hat er Dreck am Stecken?“, rief Mary erneut, jetzt fast flehend. Dann hörte sie Herrn Müller etwas murmeln, während er mit müden Augen ins Nichts blickte. „Jedes Jahr wieder, jedes Jahr nimmt er mir meine Lebensfreude." - „Warum, was macht er?“ Herr Müller murmelte noch etwas daher, das Mary nicht mehr verstand, und lief weiter. "Herr Müller, warten Sie!" Er schien Mary nicht mehr zu hören und entfernte sich immer mehr von ihr. Es hatte wohl keinen Zweck. Entgeistert starrte Mary auf den Weihnachtsbaum, der vor dem VBZ-Gebäude beim Escher Wyss-Platz stand, bevor sie nach ihrem ereignisreichen Aufwachen erstmals anfing, die Umgebung und die Leute auf der Strasse wahrzunehmen. Dann blickte sie auf die Uhr. Es war nicht mitten in der Nacht, sondern halb sieben Uhr morgens. Mary zitterte am ganzen Körper, während sie nun wacklig aufstand und sich entschied, in ihre Wohnung an der Rosengartenstrasse zu gehen, um ein paar Stunden im Warmen zu schlafen. Als ob sie drei Nächte durchgemacht hätte, spürte sie jetzt jeden Knochen in ihrem Körper. Zähneklappernd lief sie die Hardstrasse zurück, überquerte die Limmat, ging an den „Enzos“ und am Coop beim Wipkingerplatz vorbei zu sich nach Hause.

Wärme, Stille, Harmonie. Ein paar Stunden später lag Mary in der Badewanne. Wie ein Embryo in seiner Fruchtblase fühlte es sich an, geschützt wie in einem Kokon. Eins mit dem warmen, schaumigen Wasser um Marys nackten Körper herum, das ihn in einen Zustand der puren Entspannung zu versetzten vermochte. Ein Gefühl der Geborgenheit drang in ihr Inneres und erfüllte sie mit Glück. Bis ihre Lunge nach Luft schrie. Mary tauchte auf, die Badewanne war überlaufen. Sie hielt einen Moment inne, zündete sich eine Zigarette an und trank einen Schluck Kräutertee, bevor ihre Gedanken wieder Struktur erhielten. Noch knapp zwei Stunden, dann würde ihre Inspektion im Wipkingerpark beginnen. Jetzt erst kam ihr der Zettel wieder in den Sinn, den sie gestern im Halbschlaf gelesen hatte. Sie stand auf, wickelte sich in ein Badetuch ein, dann durchsuchte sie ihre Jacke, wühlte die Taschen durch, fand den Zettel zusammengeknüllt unter einem Haufen von Nüssen. 24.12, Lichtstrasse, 12.24. Was sollte das bedeuten? Mary hatte keine Ahnung. Hatte der junge Mann im Clowns-Kostüm den Zettel geschrieben? Ohne den Zettel umzudrehen, verstaute sie ihn wieder in ihrer Jackentasche. Langsam zog sie sich an, streifte ihre Strümpfe über die Beine. Sie fühlte sich einerseits wie neu, als sie den Balkon mit halbnassen Haaren betrat, die Sonne an diesem Dezembertag in sich aufsog und die Autos auf der Hardstrasse beobachtete. Wie neu, und andererseits mit einem Kopf voller Fragen. Wenig später machte sie sich wieder auf den Weg. Schliesslich stand sie wieder beim VBZ-Gebäude vor dem Weihnachtsbaum von heute Morgen. Wie noch ein paar Stunden zuvor starrte sie auf die Weihnachtskugeln. Die waren seit heute Morgen ausgewechselt. Plötzlich hörte sie ein leises Hüsteln, das vom Weihnachtsbaum aus kam. Als sie sich umsah, trat Herr Müller hinter dem Baum hervor. „Herr Müller!“ Seine Hände waren gefüllt mit Dekorationsmaterial und Weihnachtskugeln. Sein abwesender Blick wanderte langsam zu Mary, die nicht einschätzen konnte, ob er sie noch erkannte. „Halt das mal kurz“, sagte er, halb zu Mary, halb zu sich selbst, und drückte ihr eine goldene Weihnachtskugel in die Hand. Dann beugte er sich auf den Boden, hob eine blaue Kugel hoch, beäugte sie und verglich sie mit der in Marys Hand. „Okay, die hier.“ Immer noch schien er zerstreut, und doch geschäftig. Plötzlich hörte Mary eine Stimme, ein junger Mann mit einer roten Kapuze näherte sich ihnen. „Hallo Opa.“ Es war wohl sein Enkel. „Andi, hoi.“ – „Also, wie kann ich dir helfen?“ Dann wanderte sein Blick zu Mary, die immer noch eine Weihnachtskugel in der Hand hielt. „Hi, dich kenne ich doch,“ sagte er. – „Ahja?“ Mary kam das Gesicht auch bekannt vor, sie konnte es aber nicht zuordnen. „Ja, ich habe dir und deiner Kollegin nach dem Unfall gestern aufgeholfen. Ich heisse Andi.“ Aha? Mary konnte sich nicht mehr an ihn erinnern. „Achso. Ich bin Mary.“ - „Hilfst du meinem Opa auch beim Dekorieren?“ Sein Blick haftete auf ihren Händen, die eine Weihnachtskugel hielten. Sie senkte ihren Blick ebenfalls. „Sieht so aus. Du so?“ – „Ja, was tut man nicht alles für seinen Opa.“ Er klopfte Herrn Müller auf die Schulter, der damit beschäftigt war, die nächste Weihnachtskugel auszuwählen. Dann bückte sich Herr Müller, hob eine grosse, viereckige Kiste auf und lief wieder davon. „Eigentlich hasst er Weihnachten“, sagte der junge Mann, und Mary: „Warum?“ – „Meine Grossmutter ist vor zehn Jahren an Heilig Abend gestorben. Das hat er nie verarbeitet.“ – „Und trotzdem schmückt er hier Weihnachtsbäume?“ – „Ja, vielleicht gerade deshalb.“ Mary nickte. Dann fuhr sie fort: „Ja, er scheint den Samichlaus nicht so zu mögen.“ – „Kann man so sagen. Allgemein hegt er Weihnachten gegenüber eine Hassliebe.“ Also war es doch ein Ausdruck des Weihnachtsboykotts gewesen, als Herr Müller sagte, der Samichlaus habe Dreck am Stecken. Als sie mit Andi sprach, kam ihr ihr „Treffen“ in den Sinn. „Ich muss gehen. Bis dann Andi.“ – „Tschau Mary.“ Hastig entfernte sie sich vom Weihnachtsbaum und näherte sich wieder dem Wipkingerplatz. Als sie über die Brücke lief, hielt sie kurz inne und betrachtete das Ufer des Wipkingerparks. Es war fast 14.00 Uhr. Langsam beschlich sie wieder ein seltsames Gefühl zwischen Neugierde und Nervosität.

Sie lief die Treppe zum Wipkingerpark hinunter und kontrollierte, ob das verdächtige Paar schon auf dem Platz war. Dann ging sie am sonnenbedeckten Ufer entlang, erreichte die Wiese, auf der sich einige Leute tummelten. Allerdings machten die auf Mary nicht den Eindruck, als würden sie gerade ein Verbrechen ausüben wollen. Mary kehrte in Richtung Treppe zum Wipkingerplatz zurück. Da sah sie aus der Ferne einen Mann und eine Frau, die Mary als das Paar im Treppenhaus erkannte. Sie kamen vom Wipkingerplatz herunterspaziert. Nun erkannte sie auch den Mann, der eine Narbe auf der Stirn trug. Es war derselbe grossgewachsene, dunkelhäutige Mann aus dem Escher Wyss-Kebab. Die beiden trugen wieder eine grosse, rechteckige Kiste, ähnlich der von gestern, mit einem roten Umhang überdeckt. Ihre Kleidung war nicht auffällig, die Frau zusätzlich mit einer dicken Tasche bepackt. Unterhalb der Treppe angekommen gingen sie ein paar Meter weiter zum Gelände des Limmatufers. Hatten die zwei Mary gestern gesehen, als sie sie im Treppenhaus beobachtete? Oder hatten sie sie gar im Badezimmer niesen gehört? Sofort blieb Mary stehen, versteckte sich hinter der Mauer, die sich gleich unterhalb der Treppe befand. Dann näherte sie sich weiter, lehnte an die Mauer, als würde sie sich sonnen. Von hier aus hatte sie die beiden im Blickfeld und war gleichzeitig unsichtbar. „Ich kann's nicht glauben, Nazif. Echt traurig, die ganze Geschichte“, hörte sie die Frau sprechen, und dann den Mann: „Ja, aber für alle ist es einmal zu Ende.“ Die Frau fing an zu schluchzen. „Hör auf zu weinen, Ragbete. Jetzt können wir nichts mehr ändern“, sprach der Mann ihr sanftmütig zu. Marys Neugier stieg stetig. Es war also das Paar, das Sandra gestern erwähnte: Nazif und Ragbete. Aber was befand sich unter dem roten Tuch? Waren die Leichenstücke dort drin versteckt? Und falls schon, warum trafen sich die beiden dann am Tag? Die Frau zog sich Handschuhe über, grub dann in ihrer Tasche. Sie nahm verschiedene Tücher hervor, dann hob sie den roten Umhang, der über der Kiste hing, und nahm etwas Handgrosses heraus. Mary erkannte nicht, was es war, denn es war in Alufolie verpackt. „Okay, bringen wir’s hinter uns“, hörte sie die Frau sagen. Waren alle Leichenteile einzeln in Alufolie verpackt? Wollten sie die Leichenteile jetzt nach und nach in der Limmat versenken? Plötzlich klingelte Marys Handy. Shit. Sie hatte es nicht lautlos gestellt. Nazif und Ragebte schienen es bemerkt zu haben, denn nun hörte Mary ein „Schhh!“, ein Geflüster, das Rascheln des Alufolienpapiers, und Schritte, die sich ihr näherten. Mary bekam ein Déja-Vu von gestern im Badezimmer, wandte sich sofort ab, lief die Treppe zum Escher Wyss-Platz hinauf, während sie ihr Telefon abnahm. Sandra war dran. „Hey, was ist?“, sagte Mary, und Sandra: „Ich muss mit dir sprechen.“ - „Was heisst das, glaubst du mir jetzt?“ – „Vielleicht ist mehr dran, als ich dachte.“ – „Ich komme später vorbei.“ Mary legte auf. Nun lief sie die Treppe zum Ufer wieder herunter. Als sie möglichst beiläufig das Ufer unter der Brücke passierte, waren Nazif und Ragbete verschwunden. Na super, dachte Mary. Sandra hatte exakt im falschen Moment angerufen. Jetzt wusste sie etwa so viel wie vorhin. Sie näherte sich der Limmat, betrachtete das Ufer, konnte aber nichts Auffälliges vorfinden. Enttäuscht und ein bisschen verärgert machte sie sich auf den Weg zu Sandra. Sie lief zur Bushaltestelle beim Escher Wyss-Platz und nahm den Bus bis zur Hardbrücke. Dort angekommen, fuhr sie mit dem Lift hinunter und verliess den Bahnhof. Als sie vor dem Helsinki rechts abbiegen wollte, machte sie kurz Halt und dachte nochmals an den gestrigen Velo-Unfall mit Sandra. Dann wanderte ihr Blick zum Strassenschild, das schliesslich der Auslöser des Crashs war. „Lichtstrasse!“ Hatte sie nicht auf einem Zettel ein Gekritzel gelesen, etwas mit „Lichtstrasse“ drauf? Sie durchforstete ihre Jackentasche und fand den Zettel wieder. Sie öffnete ihn. „24.12., Lichtstrasse, 12.24“, las sie erneut, und nochmals, und diesmal wurde ihr klar, dass „Lichtstrasse“ für diesen Ort stehen musste. Aber was hatte es mit den Zahlen auf sich? 24.12. Ein Datum? 24.12., 24. Dezember? Das wäre morgen. Aber warum 12.24? Wer steckte überhaupt dahinter? Der Metallica-Clown? Sie drehte den Zettel beiläufig. „It’s nothing new, you know it drives us insane“, las sie da auf der Rückseite, zum ersten Mal bei vollen Bewusstsein. Das hatte sie schon einmal gelesen, allerdings mitten in der Nacht im Halbschlaf. Verwirrt starrte Mary auf den Zettel. Was sollte das jetzt bedeuten? War der Zettel eine Einladung, eine Drohung, eine Verarschung? War der Clown ein Psychopath? Steckte er mit Nazif und Ragbete unter einer Decke? Jetzt musste Mary erstmals mit Sandra sprechen. Diese machte vorhin am Telefon den Anschein, als wüsste sie mehr.

Als sie vor dem Haus hinter dem Viaduktbogen ankam, stand Herr Müller wieder neben der Eingangstür. Diesmal sortierte er CDs in einer Kiste. „Hallo, Herr Müller, lange ist’s her“, sagte sie, und lachte über ihren eigenen Witz. Doch Herr Müller ignorierte sie erneut. Da kam sein Enkel aus dem Gebäude, Andi. Er schob ein Fahrrad vor sich hin, zwei Kumpels kamen ihm nach. „Hey Mary, was geht ab.“ – „Hallo, du wohnst hier?“ Mary war überrascht. Wohnte Andi hier mit seinem Grossvater? Dann wusste er ja vielleicht etwas über den abgespacten Clown, oder über den Samichlaus und den Schmutzli. Andi antwortete: „Nein, ich arbeite nur hier.“ – „Als?“ – „Mädchen für alles, sozusagen“, sagte Andi, und lachte. „Jodok, Lukas, Mary, Opa. Ich muss los, man sieht sich. Hasta la Vista!“ Bevor Mary Andi aufhalten konnte, um mit dem Verhör zu beginnen, war er losgeradelt. Zur gleichen Zeit winkten ihr die beiden Kumpels von Andi zu, die ebenfalls losradelten, allerdings in eine andere Richtung. Mist, das wären neue Informationsquellen gewesen, dachte Mary. Sie betrat den Eingang zum Treppenhaus, erneut fiel ihr der Weihnachtsbaum ins Auge. Der war jetzt nicht mehr mit CDs geschmückt, sondern mit denselben Kugeln wie vor dem VBZ-Gebäude. Herr Müller war fleissig, dachte Mary, bevor sie die Treppe hochlief. Vor Sandras Haustür hielt sie an und klingelte. Sandra öffnete. „Komm herein, setz dich“, sagte sie aufgeregt. „Was gibt’s?“ – „Du hast mir doch erzählt, du hättest Leichenteile in der Badewanne des Gemeinschaftsbadezimmers gesehen.“ – „Ja, du auch?“ – „Nein.“ – „Achso." Eine Pause. Mary fuhr fort: "Was dann?“ – „Als ich heute Morgen duschen wollte, war das Badezimmer besetzt. Als ich eine halbe Stunde später nochmals raufging, war die Badewanne blutüberströmt. Ich habe es fotografiert.“ Sandra hielt Mary ihr Handy vor die Nase, auf dem ein Bild mit einer Blutlache zu sehen war. Gegen den Anblick von gestern Abend war das gar nichts. „Immerhin glaubst du mir jetzt“, sagte Mary ungerührt. „Apropos: Was waren das gestern für blutige Kleenex-Tücher auf deinem Bett?“ – „Die habe ich auch im Badezimmer gefunden.“ – „Aha, und das sagst du mir jetzt?“ – „Ich wollte dich nicht noch mehr beunruhigen, du warst sonst schon total aus dem Häuschen.“ Doch Mary kam das komisch vor. „Warum wolltest du denn, dass ich die Polizei nicht einschalte?“, fragte sie. Sandra antwortete mit einem vorwurfsvollen Blick. „Hallo? Ich habe eine Indoor-Anlage in meinem Schlafzimmer!“ Nun kam Mary in den Sinn, wie stark es in Sandras Schlafzimmer nach Gras roch. Sie stand auf, betrat das Zimmer nochmals. Tatsächlich stand da eine Indoor-Anlage in Sandras Zimmer. Im Eifer des Gefechts hatte sie die gestern total übersehen. Die Erklärung von Sandra hörte sich plausibel an. Sie überlegte, ob sie Sandra über den Vorfall im Wipkingerplatz aufklären sollte. „Ich habe eine starke Vermutung, wer dahinter stecken könnte“, sagte Mary nach einiger Zeit. Gedankenversunken schaute sie durch das Fenster von Sandras Küche auf die Josefswiese hinunter. „Ich habe Nazif und Ragbete heute im Wipkingerpark gesehen. Ich glaube, sie wollten die Leichenteile heute Nachmittag in der Limmat versenken.“ Sandra starrte Mary entgeistert an. „Was?“ – „Krass, nicht wahr?“ – „Bist du dir sicher?“ – „Nein, ich habe die Leichenteile nicht gesehen. Du bist mir in die Quere gekommen.“ – „Was soll das jetzt heissen.“ – „Sie wollten die Leichenteile gerade auspacken, als du angerufen hast.“– „Was machen wir jetzt?“ – „Ich gehe nachher nochmals hin. Vielleicht finde ich doch noch ein Indiz. Ich halte dich auf dem Laufenden. Ach und übrigens. Herr Müller ist voll okay.“ Kurze Zeit später machte sich Mary wieder auf den Weg. Als sie das Haus verliess, war es bereits wieder dunkel. Die Zeit war erneut wie im Flug vergangen. Beim Escher Wyss-Kebab warf sie einen Blick durchs Schaufenster. Sie achtete sich, ob Nazif sich wieder dort aufhielt. Es war wieder jemand anderes hinter der Theke. Sie betrat das Lokal und bestellte einen Lamm-Pepito und eine Cola, um etwas Zeit vergehen zu lassen. Vielleicht bekam sie ja hier drin noch etwas heraus. Der Mann an der Theke machte ihr den Pepito parat. Mary versuchte es mit Smalltalk. "Arbeitest du schon lange hier?", fragte sie ihn. "Ja, so zwei Jahre. Wohnst du in Zürich?" - "Ja, gleich um die Ecke." Nach einer Weile wickelte er den Lamm-Pepito in Alufolie ein, dann fing er an zu fluchen. „Alles okay?“, fragte Mary. Als hätte er Marys Anwesenheit vergessen, schreckte er kurz auf. Dann winkte er ab: „Ja sicher, nur wiedermal die Alufolie, die alle ist.“ Achso, die Alufolie, dachte Mary. Beim Gedanken an die eingewickelten Leichenteile machte sie der Lamm-Pepito nicht mehr so an. „Ist okay, ich esse ihn so." Sie nahm den Lamm-Pepito entgegen, wickelte ihn in Servietten ein und verliess das Lokal wieder. Sie verlangsamte ihren Schritt, als sie beim Kino Abaton vorbeilief. Bald erreichte sie wieder den Wipkingerpark. Kurz bevor sie die Treppe hinunterlief, blieb sie stehen und atmete langsam ein und wieder aus.

Dann schaute sie nochmals um sich. Niemand schien sie zu beobachten. Sie lief langsam die Treppe zum Ufer hinunter. Unter der Brücke hörte sie wieder Stimmen. Die Stimme von Nazif, dann Ragbete. Und schliesslich eine entsetzte Stimme, die Mary ebenfalls kannte. „Ihr wolltet ihn in der Limmat versenken?“ Es war die Stimme von Andi.

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