One Thousand Deaths – Pt. II

An einem normalen Dezembertag macht Mary skurrile Entdeckungen in Zürich-West. Schliesslich steht sie vor einem Haufen Fragezeichen und hadert mit ihrer eigenen Wahrnehmung der Realität. Der Adventskrimi aus Zürich-West in vier Akten.

Fortsetzung des ersten Teils „One Thousand Deaths Pt. I“:

Der Schock sickerte langsam durch Marys Hirn, das damit beschäftigt war, das Bild der zerstückelten Leiche aufzunehmen. Mary ging rückwärts, sie stolperte, warf gleichzeitig einen Eimer um, eine Ladung Knochenteile verbreitete sich auf dem Boden. Instinktiv rannte sie aus dem Badezimmer hinaus, die Treppe hinunter, wie ein Tier auf der Flucht rannte sie, und rannte, und erst als sie draussen stand, realisierte sie die Ereignisse. Wie in Trance wandelte und rannte sie abwechslungsweise in Richtung Hardbrücke zurück. Sie lief am Supermarket vorbei, verhedderte sich in einer Menschengruppe, löste sich, und rannte weiter, ohne zu wissen, wohin sie wollte. Nach einer Weile blieb sie stehen, keuchend und nach vorne gekrümmt, bevor sie intuitiv den Escher Wyss Kebab betrat. Ausser dem jungen Mann hinter der Theke, der eine rote Mütze anhatte, schien das Lokal leer. Dieser sah sie fragend an. Ihr Gesicht war jetzt noch bleicher als vorhin. Plötzlich hörte sie aus dem Hinterzimmer einen Knall wie aus einer Pistole. Sie erschrak erneut, zuckte auf. „Schon wieder der Fernseher, der zu laut ist“, sagte der Mann hinter der Theke. Eindringlich hörte Mary nun den eintönig daherredenden Nachrichtensprecher. Die Tür öffnete sich. Ein dunkelhäutiger, grosser Mann kam aus dem Hinterzimmer heraus. Ein schwarzes Cap auf dem Kopf, eine grosse Narbe auf seiner Stirn, sein Gesicht krampfhaft verzogen. Der Mann schien sichtlich gestresst, fast wütend. Er ging schnellen Schrittes aus dem Lokal. Der Knall klang so echt. Mary hatte etwas für real empfunden, das nicht real war. Vielleicht hat sie sich das blutdurchtränkte Samichlaus-Konstüm auch nur eingebildet? Und die Leichenstücke in der Badewanne? Der Schreck des abrupten Crashs mit Sandra war schliesslich nicht lange vergangen, bevor der nächste Schock blutig anklopfte. Aber nein, das ist unmöglich, dachte Mary. Da konnte doch keine Leiche im Gemeinschaftsbadzimmer liegen, und wenn doch, dann hätte bestimmt schon jemand die Polizei verständigt. Aber was hatte es mit der roten Schrift auf dem Spiegel auf sich? Und mit dem Paar, das so mysteriös im Haus herumzog? Und was ist mit dem Metallica-Clown, der einerseits nett schien, andererseits unerkannt bleiben wollte? Mary traute ihren Sinnen nicht mehr. Sie entschied sich, zurück zu gehen und sich dem Schrecken nochmals auszusetzen. Sie musste sich einen Überblick verschaffen.

Als sie die Hardstrasse zurücklief, vor dem Bahnhof links abbog, den Viaduktbogen passierte und den schmalen Weg entlang ging, erreichte sie schliesslich das Gebäude, das sie noch vor einer halben Stunde aufgelöst verliess. Jetzt erinnerte sie sich wieder an Herrn Müller, dem sie heute Abend zusammen mit Sandra vor dem Eingang begegnet war. Was hatte er schon wieder gesagt? Mary dachte angestrengt nach. Der Schock hatte sich wie ein Loch in ihr Hirn gebrannt, ihre Erinnerung zwischen Crash und Leichenfund war nur noch teilweise da. Doch dann wurde es ihr von einem Moment auf den anderen wieder glasklar: „Der Samichlaus hat Dreck am Stecken“, hatte er gesagt. Mary hielt das damals für einen Ausdruck des Weihnachtsboykotts. Jetzt wusste sie gar nicht mehr, was sie noch glauben sollte. Sie betrat das Treppenhaus. Die CDs am Weihnachtsbaum blitzten ihr entgegen, das Licht war gedämpft. Vom Keller her drang kein Riffgewitter mehr hinauf. Allgemein war es ruhiger im Gebäude, als noch ein paar Stunden zuvor. Als sie die Treppe besteigen wollte, stolperte sie über einen Stofffetzen am Boden. Sie hob ihn hoch. „Escher Wyss Kebab“, las sie in goldenen Buchstaben auf einer roten Mütze. Das Lokal, in dem sie vorhin war. War der Knall doch real gewesen? „Jetzt denkst du zu weit, du spinnst.“ Sie fing an, mit sich selbst zu sprechen. Ihre Gedanken im Chaos, fixiert auf das Massaker im Gemeinschafts-Badezimmer. Und auf die Menschen, die diese Gräueltat ausübten und sie jetzt jederzeit überraschen konnten. Sie stieg die Treppe empor, ihr Herz raste, kalt und erbarmungslos spürte sie den Angstschweiss auf ihrer Haut. Sie fühlte bereits ein Messer in ihrem Rücken, ein Schuss in ihrer Brust, eine Axt in ihrem Bein. Sie sah ihren Körper schon in Einzelteilen zerhackt, ihre eigenen Leichenteile mit denen des Samichlaus in der Badewanne vermischt. Sie ging gedanklich alles durch. Jetzt war alles möglich. Sie war im dritten Stock angekommen, es waren nur noch zwanzig Stufen bis zum Badezimmer. Doch wie ging es Sandra? Sie klopfte an ihre Tür. Niemand öffnete. Jetzt wünschte sich Mary, nie geklopft zu haben. Die Unsicherheit wuchs. Warum war da niemand drin? Sie versuchte, die Tür zu öffnen. Sie war geschlossen. Sie lauschte. Sie hörte verschiedene Stimmen aus verschiedenen Wohnungen, aber nichts Konkretes. Von oben her war es still. Dann plötzlich eine hohe Frauenstimme, Operngesang aus den tieferen Etagen. Sie stieg die Treppe zum Badezimmer empor. Jetzt stand sie vor der Badezimmer-Tür. Sie schluckte. Dasselbe Szenario wie noch vor kurzer Zeit. Sie versuchte, sich selbst zu beruhigen. Eine Waffe, dachte Mary, brauchte sie. Sie wühlte in ihrer Tasche und klappte ihr Taschenmesser auf. Als sie den Raum betrat, war die Schrift über dem Lavabo entfernt, der Spiegel wieder rein. Ihr Lippenstift lag noch auf dem Lavabo. Die Tür zum Zimmer mit der Leichenbrühe war geschlossen. Sie drückte ihr Gesicht an die Tür, um zu lauschen. Nichts. Langsam und lautlos öffnete sie einen Spalt.

Die Leichenbrühe war nicht mehr da. „Ha!“ Verwirrung und Erleichterung im gleichen Moment. Sie musste sich das Szenario eingebildet haben. Was ging da vor sich? Schritte, Geflüster. Mary versteckte sich hinter der Tür des Raums mit der Badewanne. Stimmen näherten sich. Wieder das gleiche Paar, zum dritten Mal an diesem Abend, am gleichen Ort, wie vor ein paar Stunden. Nur dass Mary jetzt die im dritten Zimmer war. „Wir müssen es ihm sagen“, hörte sie die Frau, und den Mann: „Unmöglich.“ Eine Pause. Dann etwas, das Mary nicht verstand. Dann wieder die Männerstimme auf Deutsch: „Begraben wir ihn.“ Stille. Mary bemühte sich, so leise wie möglich zu atmen. „Nein, versenken wir ihn.“ – „Und wo?“ Mary spürte, dass sie niesen musste. Fuck. Langsam kam es in ihr auf. „In der Limmat. Beim Wipkingerpark. Morgen um 14.00 Uhr.“ Mary konnte nicht glauben, was sie da hörte. Sie hielt es aber kaum mehr aus, sie musste dringend niesen. „Am helllichten Tag?“ Ein Handy läutete. „Komm, er ist da!“ Die Schritte entfernten sich wieder. Marry nieste ausgiebig. Dann tastete sie sich langsam hervor. Die Luft war rein. Sie trat hervor, schaute sich um. Jetzt entdeckte sie ein einzelnes Knochenstück auf dem Boden. Sie dachte über das gerade Gehörte nach, und sah sich plötzlich wieder im selben Schlamassel. Nachdem sie sich schon damit abgefunden hatte, dass ihre Psyche ihr einen Streich gespielt hatte, wurde sie jetzt wieder direkt in die verhängnisvolle Wirklichkeit katapultiert. Wollen die Frau und der Mann morgen die Leichenstücke in der Limmat versenken? Hatte sie nicht vor ein paar Stunden einen ganzen Eimer mit Knochenstücken umgeworfen? War es also doch keine durch den Velo-Crash verursachte Illusion gewesen? Sie starrte auf das weisse kleine Stück, das in ihrer Hand lag. Plötzlich spürte sie Hände auf ihrem Gesicht, jemand überfiel sie von hinten. Im Affekt schlug sie mit ihrem Taschenmesser um sich, das sie noch in der Hand hielt.

"Aah!" Sandra war da, sie hielt ihren Arm fest, den Mary mit dem Messer getroffen hatte. Das Blut drückte langsam durch den weissen Pullover durch. „Sandra!“ – „Wtf?!“ – „Sorry! Ich dachte… Sorry.“ – „Was geht denn mit dir ab.“ Sandra machte ihren Arm frei und hielt ihn unters laufende Wasser. Nach kurzer Zeit hörte es auf zu bluten. Die Wunde war nicht tief. "Aber schon okay, es ist nur ein Kratzer". - „Nochmals Glück gehabt“, sagte Mary, „wo warst du?“ - „Ich habe dich gesucht, ich habe dich runterrennen gehört“, entgegnete Sandra, und Mary: „Warst du vorhin hier oben?“ – „Nein, ich bin dir gefolgt.“ Nun zog Mary Sandra aus dem Badezimmer und forderte sie auf, mit ihr in Sandras Wohnung zu gehen. Sie musste in geschützter Umgebung mit ihr sprechen. Als sie drin waren, legte Mary los: „Du glaubst nicht, was ich hier gesehen habe. Ohne Witz: Die Badewanne im dritten Raum war voller Leichenstücke, wahrscheinlich von jemandem in einem Samichlaus-Kostüm, das neben der Badewanne lag.“ Mary flüsterte, mit todernster Miene starrte sie Sandra an, die verwirrt zurückblickte. Dann fing Sandra an zu lachen. „Du siehst Geister Mary, echt!“ Na toll. Hätte sie doch ein Bild von dem Massaker geschossen. Jetzt, wo sie das Knochenstück gesehen und das Gespräch gerade mitverfolgt hatte, wusste sie, dass zumindest nicht alles Einbildung sein konnte. Ihr war nicht zum Lachen zumute. Sie bohrte im Flüsterton nach: „Kennst du ein Paar im Haus?“ - „Ja, Nazif und Ragbete, aber nur flüchtig. Sind ab und zu im Hive am Raven. Warum?“ - „Woher kannten uns der Samichlaus und der Schmutzli?“ – „Keine Ahnung, ich glaube nicht, dass die uns kannten.“ – „Kennst du jemanden, der im Haus Musik macht, und sich als Clown verkleidet?“ – „Nö. Im Keller haben zwei Bands einen Proberaum. Der eine ist zwar recht freakig unterwegs, aber nicht als Clown.“ – „Wer ist dieser Herr Müller, den wir gestern beim Eingang trafen?“ – „Der Hauswart, der nicht alle Tassen im Schrank hat.“ - „Was heisst das?“ – „Er fantasiert, jedes Mal redet er von einem Samichlaus, nimm das nicht ernst.“ Mary kam die rote Mütze mit dem Escher Wyss Kebab-Logo in den Sinn. Sie fragte: „Arbeitet jemand hier im Escher Wyss Kebab?“ – „Keine Ahnung.“ - „Ist dir nie irgendetwas Eigenartiges im Haus aufgefallen?“ Mary war immer noch im Detektiv-Modus, sah Sandra eindringlich an. Diese lachte. „Kommt drauf an, im Grossen und Ganzen ist das ganze Haus eine Art Freakshow.“ - „Nun.“ – „Was?“ – „Ich glaube, ich rufe die Polizei.“ - „Nein, warum?“ – „Entweder spinne ich, oder wir haben einen blutrünstigen Mörder hier im Haus.“ - "Die würden dich sofort in die Klapse einliefern lassen. Die Badewanne ist leer." „Ja. Stimmt…“ – „Nein, lass das mal besser mit der Polizei.“ Vielleich hatte Sandra Recht. Was wollte die Polizei anrichten? Mary fand schon noch selbst heraus, was da vor sich ging. Spätestens morgen um 14.00 Uhr wusste sie mehr. "Ich geh mal pennen. Verschieben wir das mit den Space Cookies? Ich habe morgen noch etwas anderes vor", sagte sie. „Ja klar.“ – „Hast du noch Zigaretten? Ich habe keine mehr. Nur für auf dem Weg.“ – „Im Schlafzimmer hat es eine Stange Marlboro Gold. Schnapp dir ein Pack.“ – „Okay danke.“ Als Mary Sandras Schlafzimmer betrat, das sehr stark nach Marihuana roch, sah sie eine Stange Marlboro Gold auf einem überhäuften Schreibtisch liegen. Sie nahm ein paar Zigaretten aus einem Pack. Dann wurde sie auf einen Haufen blutiger Kleenex-Taschentücher aufmerksam, die auf Sandras Bett lagen.

„Was ist denn da passiert?“, fragte Mary, als sie zurück ins Wohnzimmer kam. „Was? Achso. Das erklär ich dir ein anderes Mal.“ - "Okay." Mary war zu fertig, um nachzuhaken. Sie tauschten ihre Nummern aus, bevor sie sich verabschiedeten. Mary lief die Treppe herunter. Vor dem Tannenbaum im Erdgeschoss entschied sie sich, noch kurz die Bandräume im Keller zu inspizieren. Doch die Tür zum Keller war geschlossen, es war niemand mehr da. Als sie das Gebäude verliess, lief sie erneut an der Geroldstrasse Richtung Hardbrücke entlang. Nachdem sie ungefähr drei Zigaretten nacheinander geraucht hatte, kam sie bei den orangen Bänken auf dem Escher Wyss-Platz, bei den „Enzos“ vorbei. Sie hielt an und setzte sich. Sie schaute auf ihr Handy. „Keine Polizei, okay?“, las sie in einer SMS von Sandra, und packte ihr Handy wieder ein. Sie legte sich hin, und dachte an den Metallica-Clown, mit dem sie heute Abend im Treppenhaus gesprochen hatte. Eigentlich war er schon recht schräg, dachte Mary. Er hatte ihr ja noch Erdnüsse geschenkt. Wozu? Sie vergrub ihre Hand in der Jackentasche und nahm ein paar Nüsse hervor. Da entdeckte sie einen Fresszettel, der sich zusammen gerollt in den Nüssen befand. Sie öffnete ihn und sah ein fast unleserliches Gektritzel. Sie gab sich Mühe und las: "24.12., Lichtstrasse, 12.24". Sie drehte den Fresszettel um, auch dort stand etwas. "It's nothing new, you know it drives us insane." Ehe Mary sich über den Zettel Gedanken machen konnte, schlief sie auf einer der orangen Sitzbänke ein.

Benommen wachte Mary auf. Es war wohl mitten in der Nacht, sie musste schon lange auf der Sitzbank gelegen haben, denn ihre Hände und Füsse hatten vor Kälte kein Gefühl mehr. Plötzlich stand ein älterer Mann neben ihr. Seine gebückte Haltung kam Mary bekannt vor. Es war Herr Müller. In der einen Hand ein Messer, in der anderen eine geballte Faust, kam er langsamen Schrittes auf Mary zu.

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