One Thousand Deaths – Pt. I

An einem normalen Dezembertag macht Mary skurrile Entdeckungen in Zürich-West. Schliesslich steht sie vor einem Haufen Fragezeichen und hadert mit ihrer eigenen Wahrnehmung der Realität. Der Adventskrimi aus Zürich-West in vier Akten.

Es war kalt und windig an diesem Dezembertag, als Mary beim Escher Wyss-Platz aus dem Tram stieg, Richtung Bahnhof Hardbrücke zusteuerte, am Coiffeur Valentino vorbei und der Hardstrasse entlang. Es strahlten ihr die blitzblank polierten, glücklichen Menschen von den Werbeplakaten entgegen. „Kaufen Sie bei uns, machen Sie Ihre Liebsten glücklich!“ Schon wieder Advent. Schon wieder bemühte sich Mary, sich auf Weihnachten zu freuen. Wie jeden Tag passierte sie die orangen Bänke, die auf dem Platz standen. Heute hielt sie kurz inne, um sie zu begutachten. „Enzos“ sollen die heissen, kam Mary in den Sinn. Das hatte sie doch irgendwann mal auf so einer Quartier-Website gelesen. Sie lief weiter, am langen Gebäude des Kino Abaton vorbei, die Jacke fest um sich gedrückt. Sie schnappte nach Luft, widerspenstig windeten ihr die langen Haare ins Gesicht, als ihr vor dem Jumbo eine Schar Menschen entgegenlief, einige fett mit Geschenken bepackt, andere mit Weihnachtsbaum unter dem Arm. Sie blickte von Gesicht zu Gesicht, jeweils für Bruchstücke von Sekunden, erntete da einen leeren Blick, oder einen gelangweilten, einen gestressten, verschmitzten, entspannten Blick, hier ein Lächeln, da ein Schmollen. Frauen und Männer, Jung und Alt, mit den unterschiedlichsten Kleidern, farbig, grau, oder in Samichlaus-Kostümen. Wie Mary die Besuche dieser Samichläuse liebte, als Kind. Als sie den Erwachsenen die frohlockenden Geschichten noch abkaufte. Als Kind konnte man sich noch verzaubern lassen, dachte Mary, da war Magie noch real. Beim New Point, Escher Wyss Kebab und beim Burrito vorbei, fiel ihr auf Höhe Big Ben Pub eine Frau mit zwei Kindern ins Blickfeld. Ein kleines Mädchen sah sie mit grossen Augen an, einerseits neugierig, andererseits fragend, ihre Lippen ulkig geformt, ihre Hand voll mit heissen Marroni. Mary mimte den Blick des kleinen Mädchens, das mit einem Winken antwortete. Sie ging weiter, an der Baustelle vor dem Bahnhof vorbei. „Lichtstrasse“, las sie da in Höhe Coop Pronto, weissgedruckt auf einem blauen Strassenschild. Der Name gefiel ihr. Er hatte buchstäblich etwas Warmes, er hellte ihr Gemüt auf, und irgendwie passte er einfach an diesen Platz. Als sie das Schild passierte, wie sie es jeden Tag mit dem gleichen Gedanken machte, zuckte ein wohliges Gefühl durch ihren Körper. Weihnachten war doch nicht so schlimm.

Vielleicht war das Schild zur falschen Zeit am falschen Ort, um Marys Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ihre Tagträumerei nahm abrupt ein Ende, als sie den Blick langsam wieder nach vorne richtete. Wham! Sie lag am Boden. Schwarz war ihr vor Augen, Sterne sah sie blitzen, als sie zu Bewusstsein kam, ihr Gesicht auf den Asphalt gedrückt. Sie hob den Kopf, ihr Blick war verschwommen, sie konnte aber jemanden neben sich liegen sehen, einen Meter weiter ein verbeultes Fahrrad. Oh fuck, dachte sie. „Oh fuck“, sagte sie. Der Mensch neben ihr bewegte sich, noch konnte sie nur einen Busch mit blonden Locken erkennen, noch war ihr das Gesicht aber fern. Dann drehte sich eine junge Frau zu ihr um, berührte ihr unverschontes, hübsches, sanftes Gesicht, wie Mary jetzt erkannte. Die beiden starrten sich an. Mary strich mit ihren dreckbezogenen, blutigen Händen über ihr ebenso dreckiges Gesicht, sie spürte die Schnitte in ihrer Haut, die Wunden in ihrem Gesicht, und ihr wurde klar, dass sie leicht zugerichtet und zugleich leicht benommen aussehen musste. Ihr Körper funktionierte aber, stellte sie fest. Schmerzen hatte sie noch keine, das Adrenalin war stärker. Danke, an wen auch immer, dachte sie. „Alles okay?“, sagten die beiden gleichzeitig. Die Mimik der fremden jungen Frau veränderte sich, die wohlgeformten Wangen hoben sich zu einem herzlichen Lachen. Mary versuchte zurückzulachen, doch ihr Körper machte, was er wollte, ihre Augen tränten, ihr Gesicht brannte, es schmerzte, und es fühlte sich gut an. Da lag sie also im Herzen Zürichs auf dem stinkenden, dreckigen, matschbezogenen Teer und fühlte sich gesegnet wie nie zuvor. Im Rausch des Glücks, noch zu leben, und im Rausch des Schocks, der jeglichen Schmerz betäubte, lachten die beiden über die Komik der Situation. Drei Männer und eine Frau kamen auf sie zu und halfen ihnen auf, ein Dutzend Schaulustige standen um sie herum. Mary, noch zu benommen, um das Geschehene einzuordnen, fühlte sich wie aus einem Traum gerissen. „Komm, wir holen Verbandzeug, und dann gehen wir zu mir, ich wohne gleich da“, sagte die Unbekannte, und zeigte in Richtung Geroldstrasse. Ehe Mary einen klaren Gedanken fassen konnte, packte sie die Unbekannte am Arm und zog sie mit, Richtung Coop Pronto, den Rucksack gerichtet, das verbeulte Fahrrad vor sich her schiebend, die Menschengruppe hinter sich lassend. „Da hatten wir Schwein, hm“, hörte Mary sie sagen, „ich bin übrigens Sandra.“ „Mary, erfreut.“ Langsamen Schrittes steuerten sie dem Coop Pronto zu. „Geht’s mit den Schmerzen?“ – „Schmerzen? Achso. Ja klar.“ Mary spürte kaum Schmerzen. Nachdem sie Sandra ins Coop Pronto gefolgt war, standen sie nun an einer langen Schlange an der Kasse. Als sie schliesslich wieder draussen standen, vor dem Prime-Tower, bemerkten sie, dass es bereits dunkel war. „Also, jetzt zu mir.“ Eigentlich wollte Mary zu sich nach Hause, auch sie wohnte in der Nähe, oberhalb des Escher-Wyss-Platz an der Rosengartenstrasse. Sie war aber zu erschöpft, um zu intervenieren, und ging mit Sandra mit. Sie passierten stillschweigend und Zigaretten rauchend die Unfallstelle, auf der nichts mehr von dem Crash zu sehen war, dann den Helsinki-Club, das Heilsarmee-Brocki, Frau Gerolds Garten, den Freitagsshop.

Nachdem sie beim Supermarket, beim Hive und an der Yonex Badmintonhalle vorbeiliefen, durch die Unterführung beim Viadukt hindurch, gingen sie einen schmalen Weg entlang und blieben vor der Eingangstür eines braunen Gebäudes stehen. Daneben stand ein älterer, graumelierter Herr, wühlte in einem Abfallsack. Als er die beiden Frauen sah, musterte er sie kurz. Sein Körper war gebückt, sein Gesicht streng. „Der hat Dreck am Stecken, der Samichlaus“, sagte er plötzlich, mit mysteriös gesenkter Stimme. Mary entgegnete: „Ja, ich fühle mit Ihnen.“ - „Das ist Herr Müller, beachte ihn einfach nicht“, flüsterte Sandra Mary zu, bevor sie ihren Schlüssel in ihrer Tasche fand. Sie betraten das Treppenhaus. Ein Weihnachtsbaum stand da im Untergeschoss, geschmückt mit alten CDs. David Bowie, las Mary, Stephan Eicher, Eminem, The Kelly Family. Es war laut im Treppenhaus, brummende Trash-Metal-Bässe quollen aus dem Keller, wilde Flamenco-Takte aus den höheren Etagen. Sie gingen die knarrende Treppe hinauf, hörten Kinder schreien, Hunde bellen, Staubsauger dröhnen, Menschen reden, lachen, stöhnen. Der Duft änderte sich ebenfalls in jeder Etage. Zentralamerikanisches Essen drang im ersten Stock in Marys Nase, gefolgt von Parfum, Zigarettenrauch, Duftkerzen, Marihuana. Ein skurriler Ort, dachte Mary. Nun hörten sie zwei Männer miteinander sprechen, die die Treppe hinter ihnen emporsteigen. Beim Passieren sahen sie, dass die Männer als Samichlaus und Schmutzli verkleidet waren. „Hohoho“, sprach der Samichlaus, und sah Mary ins verwundete Gesicht. „Geht's wieder? Wird wieder bessere Tage geben!“ Er passierte die beiden, stieg ein Stockwerk höher, der Schmutzli hinter ihm nach. Der sagte nichts, aber sah Mary ebenfalls neugierig an. Seine Augen waren weich, mandelförmig braun, der Mensch darunter schien jung zu sein. Mary war es, als ob sie die Augen schon einmal gesehen hätte. "Warum wieder, kennst du die?", flüsterte Mary Sandra zu, die nur mit den Schultern zuckte und abwinkte. Im dritten Stock betraten Mary und Sandra eine alte Wohnung. Sie war ähnlich einem Labyrinth verzweigt und mit antiken Möbeln geschmückt. Auch hier roch es nach Marihuana. „Fühl dich wie zu Hause, setz dich.“ Mary setzte sich auf ein braunes Ledersofa aus den 70er Jahren, das in einem heimeligen kleinen Wohnzimmer stand. Sandra suchte etwas in einer riesengrossen Tasche, dann wühlte sie in dem Coop-Plastiksack und reinigte Marys Gesicht, betuchte es mit irgendwas Desinfizierendem. Mary verkrampfte schmerzerfüllt ihr Gesicht, jetzt spürte sie sich langsam wieder, während Sandra aufstand, in die Küche lief und mit zwei Shot-Gläsern zurückkam. „Cheers!“ Die beiden tranken auf ihr Glück. Mary stand auf, begutachtete die Wohnung näher. „Wo ist das Badezimmer?“, fragte sie. Ihr war leicht schwindlig und sie spürte, dass ihr ein Gang in das Badezimmer nicht schlecht tun würde. „Wir haben ein Gemeinschafts-Badezimmer im oberen Stock“, erklärte Sandra. Es habe einen Kleber mit „Öffnen auf eigenen Gefahr“ drauf. Als Mary die Wohnung verliess, um in den ersten Stock zu gehen, kam ihr ein junger Mann von oben entgegen, weissgeschminkt, mit roten Lippen, schwarzumrahmten Augen, einer leuchtend grünen Sonnenbrille, einer rotgelockten Perücke, einem blau-grün-gemusterten Onesie und einer ausgefransten Lederjacke. In der linken Hand trug er einen Hardcase-Gitarrenkoffer, der mit einem Sticker geschmückt war. Mary erkannte darauf das Logo von Metallicas erstem Studioalbum. „Kill 'em all“, darüber ein Hammer, eine Hand, eine Blutlache.

„Yeah, Seek and Destroy“, sagte Mary erfreut, mit der Hand ein Metal-Zeichen formend, und fing an, den Song von dem Album zu summen. Der Clown entgegnete nichts. Er war aber sichtlich nervös. Mary, ein bisschen irritiert und enttäuscht über die Reaktion des Clowns, betrat den Raum, der mit „Öffnen auf eigene Gefahr“ markiert war. Das Badezimmer war verwinkelt und in drei Räume aufgeteilt. Beim Betreten war das Lavabo zu sehen, eine Tür leitete in einen kleinen Raum mit Toilette. Daneben hatte es noch einen Raum, dessen Tür geschlossen war. Mary betrachtete sich im Spiegel. Ihre Wunde, die einige Zeit vorher noch so schrecklich brannte, sah jetzt nur noch einer Kratzspur gleich. Dafür war ihr Gesicht totenbleich. Ihr war übel, und sie wollte erbrechen. Sie stiess sich einen Finger in den Rachen, aber es passierte nichts. Dann warten wir halt noch, dachte sie. Vielleicht ging es ja bald besser. „Tata-tata, ta-tata, tata tata tatata“, sang sie, „Seek and Destroy“ im Ohr. Dann plötzlich überfiel es sie, sie übergab sich. Eine braune Suppe war da jetzt im Lavabo. Wunderschön, dachte Mary, und versuchte, das Erbrochene mit dem Wasserstrahl des Lavabos wegzuspülen. Dann reinigte sie ihr Gesicht und ihre Hände, bemalte ihre Lippen rot. Jetzt sah sie verschwommen ihr Spiegelbild, das dem Metallica-Clown ähnelte, und musste lachen. Plötzlich hörte sie Geräusche aus einem Nebenraum. Sie erschrak. Es musste noch jemand im Badezimmer sein. Wahrscheinlich hinter der dritten Tür. „Hallo?“, sagte sie. „Hey, sorry, wir hätten uns früher anmelden sollen“, sagte eine Frauenstimme. Dann eine Männerstimme, in gebrochenem Deutsch: „Wir waren zu beschäftigt.“ Okay, die Sache war klar für Mary. Während sie ihre Übelkeit auskotzte, vergnügte sich da nebendran ein Paar. „Kein Problem, sorry für die Störung“, rief sie, besprühte den Raum mit Deo, um den miefigen Kotz-Geruch loszuwerden, und machte sich auf den Weg zurück in die Wohnung von Sandra. Sie öffnete die dicke Tür des Badezimmers, betrat das Treppenhaus erneut. Der Clown war wieder da, oder immer noch. „Our brains are on fire with the feeling to kill“, sagte er, sein Mund mit den blutroten Lippen formte sich zu einem Grinsen. Er hatte schöne Zähne, fiel Mary auf, und seine Stimme gefiel ihr, auch wenn sie noch nicht viel davon zu hören bekam. Allgemein machte der Clown einen interessanten Eindruck. Die Augen waren für sie nicht sichtbar. Sie fragte sich, weshalb er so nervös schien. Dass er den Songtext von "Seek and Destroy" kannte, freute sie aber, und sie grinste zurück. Der Clown nahm Marys Hand und füllte sie mit Erdnüssen. Als er sie berührte, fühlte Mary eine Wärme in sich aufkommen. „Danke“, sagte Mary, verbarg die Handvoll Nüsse in ihrer Jackentasche. „Was spielst du so ausser Metallica?“, fragte sie. Der Clown schwieg wieder, stand nur da. Stille. Er war wohl nicht so in Gesprächsstimmung. Mary eigentlich auch nicht so. Skurriler Ort, dachte Mary erneut, sie fand den schrägen Clown aber irgendwie sympathisch. Es nahm sie Wunder, wer sich hinter dem Kostüm verbarg. Sie war aber zugleich müde und nicht ganz bei sich, also verabschiedete sie sich mit einem Nicken von ihm, ging die Treppe wieder herunter, betrat Sandras Wohnung erneut. „Und, was gibt’s?“, hörte sie Sandras Stimme aus der Küche. „Mein Gesicht ist wie neu, danke“, entgegnete Mary und betrat die Küche. Sandra räumte ihren Küchenschrank aus, holte verschiedene Backformen hervor. „Komm doch morgen backen, was meinst du?“ – „Ja, warum nicht.“ Es roch immer noch nach Marihuana. „Wir können Space Cookies machen, zum Beispiel“, schlug Sandra vor, ihr Blick wanderte zu Mary. „Bin dabei.“ Sie tranken noch etwas Bier, zappten den TV durch. Danach schaute Mary das erste Mal auf die Uhr. Die Zeit war wie im Flug vergangen. Sie verabschiedete sich. Als sie die Haustür zu Sandras Wohnung schloss, hörte sie dieselben Stimmen, die sie vorhin im Gemeinschafts-Badezimmer hörte. Diesmal allerdings von einer Etage weiter unten. „Sssch, pass doch auf!“ Mary blickte die Treppe herunter, und sah jetzt von hinten einen grossen, stämmigen Mann und eine kleine, vollschlanke Frauengestalt, beide schwarz bekleidet, die zusammen ein grosses, rechteckiges, schwer aussehendes Paket die Treppe hinuntertrugen, das mit einem roten Umhang überdeckt war. Die beiden schienen Mary nicht gesehen zu haben. Na dann, das Badezimmer scheint wieder frei zu sein, dachte Mary schmunzelnd, und lief die knarrende Treppe zum Badezimmer wieder hoch. Die Tür stand offen. Sie betrat den Raum. „DYING ONE THOUSAND DEATHS“, stand da mit roten Lettern auf dem Spiegel über dem Lavabo, wo ihr Lippenstift lag.

Es war ein Teil des Refrain von „Seek and Destroy“. Achso, der Clown, dachte Mary, halb gerührt, halb genervt. Ist ja nett von ihm und so, aber dazu hätte er wirklich nicht meinen Lippenstift benutzen müssen. Den konnte sie jetzt nämlich wegwerfen. Jetzt wurde sie neugierig, was sich in dem dritten Raum befand. Langsam drückte sie die metallene Klinke herunter. Sie öffnete die Tür, grelles Licht schien ihr entgegen, das ihre Augen schmerzen liess. Sie sah ein blutdurchtränktes Samichlaus-Kostüm neben einer Badewanne, die Wände waren blutverschmiert. Die Badewanne war gefüllt, Mary konnte noch nicht erkennen, womit. Sie näherte sich. Es schwammen gefühlte tausend Leichenstücke in der roten Brühe.

  • Isabelle Romano 18.12.2015 05.54 Uhr

    spannender, originell ausgestatteter Krimi mit scharf beobachteten Alltagsgegebenheiten. Die Geschichte beginnt und der Leser, die Leserin ist drin, eingefangen in die Stimmung, in die klaren und gleichzeitig verschwommenen, schon von Beginn an etwas nach Blut riechenden Gedanken von Mary. Eingelullt in die verschiedenen Stockwerkgerüche, denen man/ frau einfach folgen muss. Es zieht einem in diese Welt des Krimis von Autorin Selina Moser, die es schafft, Augenblicke in die Fülle und Leere der Adventszeit einzufangen. Man will Mary weiterfolgen und darf gespannt sein auf die nächsten Folgen. Isabelle Romano

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