Vom Nullpunkt der Musik

Kaum vorstellbar: Ein Leben ohne Musik. Ganz ohne Musikinstrumente und ohne jegliche Art von Aufnahmen, sei es digital, auf Kassette, Schallplatte, Ipod. Wie würde eine solche Welt aussehen? Mit diesem abstrakten und befremdenden, aber auch inspirierenden Gedanken befasst sich der Regisseur Stefan Schwietert im Film „Imagine waking up tomorrow and all music has disappeared".

Das Rauschen einer Schallplatte: Der Film „Imagine waking up tomorrow and all music has disappeared“ beginnt. Bill Drummond, Mitbegründer der britischen Band The KLF, tritt vor die Kamera. „Stell dir vor, morgen aufzuwachen und die Musik ist verschwunden. Alle Musikinstrumente, alle Musikaufnahmen: Weg. Eine Welt ohne Musik.“

Noch nicht abstrakt genug? Dann bauen wir den Gedanken noch weiter aus: Stelle dir Musik aus der Sicht des Nullpunktes vor. Du weisst nicht mal mehr, wie Musik klang oder wie sie gemacht wird. Doch obwohl du das nicht mehr weisst, weisst du: Sie war wichtig für dich, und für die Gesellschaft, in der du lebst. Stell dir vor, Menschen kommen zusammen, um Musik zu machen. Ohne Instrumente, ohne Vorwissen – mit nichts als ihren Stimmen. Bill Drummond stellt zu Beginn des Films sein Projekt vor: „Die Musik, die dabei herauskäme, ist die Musik von The17.“

1977 spielte Bill Drummond in seiner ersten Punk-Band Big in Japan, Mitte der 80er Jahre stand er mit The KLF an der Spitze der Charts. Dann hat seine Kreativität neue Wege im Umgang mit der Musik beschritten. Sein Kunstprojekt The17 ist weltumfassend: Die ganze Welt ist quasi in dem Chor involviert. Der Chor wechselt ständig die Besetzung, probt nicht, erfindet sich jedes Mal aufs Neue, vom Nullpunkt aus.

Durch Bars, Fabriken, Wohngegenden, Schulen, Strassen ist Bill Drummond in Begleitung von Stefan Schwietert gereist und hat Menschen nach der Bedeutung der Musik befragt. Er hat sie zu Diskussionen und wenig später (mit der nötigen Überzeugungskraft) zum Singen animiert. „Ich nehme es auf, ich gebe den Ton vor, und dann haltet ihr ihn für etwa drei Minuten.“ Verlegenes Lachen, verschmitzte Blicke in der Runde. Was wird aus den Hirngespinsten von Drummond?

Eine andere Szene: Bill Drummond hebt das rote The17-Schild hoch, wirft es in ein Gewässer. „Es schien mir der perfekte Ausstellungsort.“ Warum? „Du siehst es doch, es sieht fantastisch aus.“ Aber hier sieht es niemand. „Ich sehe es. Die Wolken sehen es. Die Kamera sieht es.“ In diesem Projekt gibt es eine neue Art der Öffentlichkeit. Diese scheint hier keine Rolle mehr zu spielen.

„DANN LÖSCHE ALLES“

„Nimm unterwegs Stimmen auf. Am Ende der Reisen, fügst du die Aufnahmen zusammen. Spiele sie ab und hör zu. Nur einmal.“ Instruktionen von Drummond an seine Versuchskandidaten. Und dann? „Dann lösche alles.“ Musik als eine Momentaufnahme. Als eine Erinnerung an ein Gefühl. Und somit als Ort jenseits von Raum und Zeit.

Ist das nicht erschreckend? Alle Aufnahmen des The17 werden am Ende gelöscht. Nein, Drummond stellt dies als eine Art Rebellion gegen das System, als „Reaktion auf iTunes“ dar. Als Musiker fühle er sich zusätzlich vom „Recording-Zwang“ befreit: „Es ist absolut befreiend, nicht mehr Teil dieses Systems zu sein.“ So hat Drummond etwas realisiert, das jenseits von Youtube und Co. existiert, weg vom Internet. Musik machen auf eine ganz neue Art: „Bei The17 in meinem Kopf geht es nicht um Unterhaltung, man wird sie nie im Radio hören. Und man kann sie nicht aus dem Netz herunterladen. Um The17 zu hören, muss man dabei sein.“ Denn Musik verliere an Bedeutung, sobald sie zu jeder Zeit verfügbar sei.

Stefan Schwieterts Dokumentarfilm ist auch als Portrait des Musikers Bill Drummonds zu verstehen. The KLF-Mastertapes kommen ans Licht, alte Videos, Kostüme, Bilder. Von diesen Zeiten hat sich Drummonds längst verabschiedet. Er hält ein Bild vom epischen „America - What Time Is Love?“-Dreh hoch, welches in seinen The KLF-Zeiten und unter anderen mit einem der Ex-Deep Purple (Mk. III/IV)-Leadsänger Glenn Hughes realisiert wurde. „Das hier war alles voller Wasser“, erzählt er, „wir hatten dieses Wikingerschiff besorgt, ich glaube das war von einem Monthy-Python-Dreh.“

The17 für alle

Ein weiterer wichtiger Aspekt von Drummonds Projekt: Jeder kann die Idee von The17 aufgreifen. „Jetzt fangt bitte alle an, eure eigenen Ideen zu entwickelnd und aufzuschreiben“, unterrichtet Drummond in einer weiteren Szene eine Klasse aus Primarschülern. So hat Drummond Menschen rund um den Erdball aufgefordert, selbst „Scores“ zu erstellen, eine Liste mit Anweisungen.

Die Ehrlichkeit von Kindern ist bewundernswert. „Warum haben Sie eine Million Pfund auf der Bühne verbrannt?“, fragt ein Kind der Klasse, nachdem diese zu Fragen aufgefordert wird. Eine brisante Frage, die damals im Jahr 1994 für viel Furore rund um den Erdball sorgte: Die Rede ist von der sogenannten K Fondation, die Drummond zusammen mit Bandmitglied Jimmy Cauty gründete, nachdem sie dem Musikgeschäft den Rücken gekehrt hatten. Die beiden nahmen damals einen Dokumentarfilm names "Watch The K Foundation Burn a Million Quid" auf, in dem sie plakativ eine Million Britische Pfund Schein um Schein verbrannten.

Drummond lacht: „Wer hat dir das erzählt?“, um danach (k)eine Antwort zu geben: „Warum? Gib du mir einen Grund, 1 Mio. Pfund zu verbrennen. Auch für meine Kinder, die fragen das nämlich auch…“ - „Bereuen Sie es, soviel Geld verbrannt zu haben?“, fragt ein anderes Kind. „Ja, manchmal. Besonders, wenn mir meine Kinder die Hölle heiss machen.“

Kritisch und ehrlich

Im Film werden also auch die Schattenseiten Drummonds Geschichte aufgezeigt, schonungslos und ehrlich. Ist es nicht widerwärtig, soviel Geld zu verbrennen, wo so viel Armut auf der Welt herrscht? War es ein Verbrechen? Ein Brandopfer? Investition? Rock’n’Roll?

Dies Teile der damaligen Diskussion, 1994. Bill Drummond und Jimmy Cauty wurden aufs Gröbste verurteilt und gleichzeitig bewundert, sie polarisierten und schieden die Meinungen rund um die Welt. Im Gespräch mit Stefan Schwietert meint er später: „Wir merkten, dass unsere Meinung egal war. Wir hörten auf, darüber zu reden. Versuchten nicht mehr, es zu rechtfertigen. Wir gaben keine Gründe mehr, sondern sagten: Okay, nenn du uns einen guten Grund.“ Für Bill Drummond ein Weg, der Musikindustrie den Rücken zu kehren. Aber nicht der Einzige. War das Verbennen ein Akt der Befreiung? Dazu schweigt Drummond. Es ist nicht mehr von Bedeutung.

Durch den ganzen Film hindurch deckt Freigeist Drummond seine Gedankengänge immer mehr auf, Stück für Stück. Als Zuschauer hat man die Möglichkeit, Drummonds Geschichte und sein Projekt aus seiner Welt aus zu sehen, mitzureisen. Nicht ohne Witz, nicht ohne Bescheidenheit, gesellschaftskritisch und ehrlich. Fragen um Fragen werden aufgegriffen, um ein neues Verständnis, einen anderen, vielleicht natürlicheren Zugang zur Musik zu generieren. Vom Nullpunkt aus.

Seien wir ehrlich: Musik beflügelt das Leben, berauscht die Sinne und ist eigentlich für uns alle - auch wenn in unterschiedlichen Dimensionen - nicht wegzudenken.

Durch das Gedankenexperiment von Bill Drummond wird aufgezeigt, wie Musik die Menschen verbindet – mit einem total neuen Ansatz. Musik komplett neu erfinden: Ihr die Unschuld zumuten, die sie vielleicht verdient? Gemeinsam, in einem Moment, als ein Ganzes. Anspruchsvolle Idee, spannende und lehrreiche Umsetzung.

Stefan Schwieterts Film "Imagine waking up tomorrow and all music has disappeared" startet am 5. November in den Deutschschweizer Kinos. Die Vorpremiere findet am Mittwoch, 28. Oktober im Riffraff-Kino statt.

„Spiele sie ab und hör zu. Nur einmal. Dann lösche alles“ – Bill Drummond

Fotos: Screenshots

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