NEWS UNFUCKED

Bereits wenige Monate nach seiner Lancierung anfangs 2014, wurde das nationale Newsportal watson gleich mit drei Award-Ehrungen versehen. Über 100'000 Nutzer hatte die App in weniger als einem Jahr generiert. Warum watson anders tickt als andere Medien - Ein Tag hinter den Kulissen einer ungezähmten Redaktion.

Vor einem Jahr räumte watson nach nur neun Monaten den Preis des "Digital Marketing Award", "Best Swiss Apps 2014 und zu guter letzt den "AppStore-Best of 2014" ab. Der Spruch von Null auf Hundert, oder in diesem Fall Hunderttausend passt hier wie die Faust aufs Auge. Alles nur Glück und Zufall? Wohl kaum. Eine Faust aufs Auge war der Durchbruch watsons wahrscheinlich für "20 Minuten Online", denn hinter dem erfolgreichen Newsportal stecken die bekanntesten Online-Chefredaktoren Zürichs. 2012 führte die geplantemZusammenführung von Online- und Print-Redaktion bei den "20 Minuten" zu einer Kündigungswelle von den Online-Journalisten in Führungspositionen. Nach dem Abgang des damaligen Chefredaktors Hansi Voigt, kündigten auch sein Stellvertetter Franz Ermel und Reporter-Chef Marius Egger, welche heute mit Olaf Kunz die Chefredaktion bei watson bilden. Die Fusion von gedruckter und digitaler Ausgabe der "20 Minuten" sorgte bei den Online-Journalisten für Unruhe, weil diese befürchteten, die Qualität von "20 Minuten Online", welches im Gegensatz zum Blatt mehr fundierte Informationen bot, könne darunter leiden. Beim Medienkonzern Tamedia war man damals von den massierten Kündigungen überrascht.

Auf der Redaktion

Journalisten unter sich: Kleine Gamesession in der Mittagspause bei watson.

Es ist kurz vor neun Uhr morgens, als ich im Redaktionsgebäude von watson eintreffe. In der Redaktion ist es still, obschon schon fast alle Redaktoren vor ihren Computer sitzen. Ein paar Köpfe drehen sich nach mir um, während ich den Gang entlang laufe und das Büro des Chefredaktors suche. Es gibt keinen Empfang, oder eine Frau Sekretärin, die mit einem gelangweilten Augenaufschlag über der Rezeption mir den Weg weisen würde. Ich stehe mitten im Geschehen. Hier also entstehen die News Unfucked, denke ich mir. Sieht gar nicht so bedrohlich aus. Ich soll mich setzen, Franz komme gleich, werde ich höflich angewiesen. Von wem weiss ich nicht, denn kaum habe ich mich für die Information bedankt, schon hat sich der junge Mann wieder seinem Bildschirm zugewandt und tippt angestrengt weiter.

Es gibt also auch keine erkennbare Führungsregie mit geräumigen Einzelbüros, an diesem Ort herrscht offenbar redaktionelle Anarchie. Alles ist offen, überhaupt sieht die Redaktion wie eine riesige Loft aus, ausgestattet mit feinsten Ikea-Möbeln. Ich bleibe stehen, suche einen freien Stuhl, um meine Tasche abzulegen und mein Notizblock herauszusuchen. Hinter mir stehen vier grosse Bildschirme. Über zwei flimmern Nachrichten aus verschiedenen Agenturen, die zwei anderen zeigen interne Statistiken, aus denen ich kaum etwas herauslesen kann. Das beeindruckt mich, warum weiss ich nicht so genau. Aber viel Zeit darüber nachzudenken habe ich nicht, denn Franz Ermel steht vor mir. Es ist nun soweit, ich soll, darf ihm in die morgendliche Redaktionssitzung folgen. An der Redaktionssitzung nehmen jeweils die Chefredaktoren und die Tagesverantwortlichen der verschiedenen Rubriken, wie Wirtschaft, Sport oder Populärkultur teil. Wobei bei watson nicht wirklich von traditionellen Rubriken, wie man sie von anderen digitalen Zeitungen kennt, die Rede sein kann, da sich hier Themen hinter grossen Bildern gerne kreuzen und vermischen.

Hinter den Kulissen

Die Stimmung während der Sitzung ist sehr entspannt, Witze helfen zur Auflockerung. Jeder präsentiert, was sein Team sich zu einem Thema jeweils überlegt hat. Die Anforderung hinter jeder Story ist klar: "Wie bringen wir's anders, als alle anderen?". Nach einer guten Stunde ist das Wichtigste besprochen, schliesslich gibt es viel zu tun, denn auf watson werden bis zu 100 Artikel pro Tag veröffentlicht. Später schreite ich durch die offenen, hellen Redaktionsräumlichkeiten, gucke gespannt dem einen oder anderen Journalisten über die Schulter, sehe wie Blocher mittels Photoshop stolz den Pokal des Schweizer Cups in den Händen hält, oder wie ein Sport Live-Ticker vorbereitet wird.

Beim Philipp Meier erfahre ich wie man Facebook-Beiträge am Schlausten koordiniert und Maurice Thiriet erklärt mir warum es auch bei seriösen Themen wie Politik und Wirtschaft nicht an Humor fehlen darf. Auf dem zweiten Stock des vierstöckigen Gebäudes befindet sich die Sales- und Marketingabteilung, welches für die freche Plakatkampagne des letzten Jahres verantwortlich war. Sprüche wie "We Gif a Shit!" oder "Officially Unfucked" sollten watson von den anderen Medien abheben und zeigen, dass sie anders sind und wollen. Nach ein paar Stunden ist mir klar, watson sieht von Weitem wie jede andere moderne Redaktion aus, aber wenn man näher hinschaut, dann tickt sie wirklich anders.

Hansi Voigt. Chefredaktor von watson.

Herr Voigt, ihr habt am 22.1. Euer einjähriges Bestehen gefeiert. Wie ist Ihre Jahresbilanz 2014, wie lief es für Euch?

Es lief wirklich gut für uns. Zuerst mussten wir uns technisch die Plattform erarbeiten, welche am Anfang nicht mal ansatzweise fertiggestellt war und wir mussten redaktionell unsere eigene DNA finden, und das unter der scharfen Beobachtung der Branche. Wir haben viel ausprobiert und einige Fehler gemacht, aber grundsätzlich ist unsere Entwicklung sehr positiv und wir kommen an. Wir haben inzwischen täglich über 120'000 Unique Clients. Das hatten wir alles gehofft, erstaunlich ist es trotzdem.

Watson deckt verschiedene Gattungen wie zum Beispiel Populärpresse oder Tagespresse. Man kann es nicht wirklich einordnen. Wird das in Zukunft auch so offen bleiben?

Ja, wir wollen nicht in eine Nische gedrängt werden. Wir wollen auch für ein jüngeres Publikum ein interessanter Tagesbegleiter sein. Die Aktualität spielt eine entscheidende Rolle. Neben den aktuellen Informationen wollen wir auch Zeitvertreib und Unterhaltung einbauen und immer wieder Kommentar und Hintergründe liefern. Watson soll möglichst kontrastreich und überraschend bleiben.

Auf was werdet Ihr im 2015 besonders achten?

Am Anfang waren wir noch sehr mit der Lancierung beschäftigt. Unsere Verbreitung begann über die eigenen Social Media Kanäle und war recht zürichlastig mit Zentrum Kreis 5. Wir wollen als nationales Medium wahr genommen werden. Ausserdem werden wir im Bereich Bewegtbild Verschiedenes ausprobieren und vor allem unsere User-Community viel mehr einbauen und ihnen mehr Spielraum geben den Inhalt auf der Seite mitbestimmen zu können.

Was bedeutet „News Unfucked“, ein Jahr nach der Lancierung?

Es bedeutet, Nachrichten und Inhalte so zu bringen, dass sie beim Publikum ankommen. Wir stellen uns deshalb die Frage, ob es in den neuen Medien andere, einfachere Wege gibt, Nachrichten zu erzählen, als die altbekannten Buchstabenreihen in spaltenform. Muss es immer geschrieben sein, kann man es auch gestalterisch auf den Punkt bringen? Denn wir müssen bei Watson ja nichts mehr drucken.

Wann gelang das zum Beispiel?

Als Appel im letzen Quartal 18 Milliarden Gewinn gemacht hat, kann man das melden. Aber was heisst 18 Milliarden Gewinn, kann man das irgendwie veranschaulichen? Wir haben dann mal durchgerechnet, dass man den 300'000 chinesischen Arbeitern, welche die Iphones herstellen, den Lohn verdoppeln, je eine Universitätsausbildung, eine tolle Rente, eine tägliche Massage und ganz viele Kreativ-Elememente wie Rutschbahnen am Arbeitsplatz zahlen könnte, und Apple würde immer noch vor Geld platzen. „Unfucked“ heisst Nachrichten plakativer aber nicht bösartiger erzählen. Das gelingt uns nicht immer, aber wir versuchen es und erreichen damit Leute, die andere Medien nicht mehr erreichen.

Können Sie in drei Worte die Erfolgsstrategie von watson bündeln.

Mobil. Sozial. Frech

Momentan hören und lesen wir in den Medien ständig das Wort Pressefreiheit. Ist für Sie in der Schweiz alles in Ordnung mit der Pressefreiheit?

Wir haben nicht die gleichen Probleme wie ein saudischer Blogger, der 1000 Peitschenhiebe kassiert, wenn er etwas falsches schreibt, aber wenn der kommerzielle Druck noch weiter zunimmt, nimmt die redaktionelle Unabhängigkeit ab. Es gibt keine grössere Zeitung mehr, die sich noch traut, kritisch gegenüber Migros oder Coop zu berichten. Diese Spezialbehandlung geht von den Redaktionen und deren Geschäftsleitungen aus. Das liegt nicht an Migros oder Coop, die eigentlich recht kritikfähig sind.

Glauben Sie, dass so ein Anschlag wie in Paris auch in der Schweiz passieren könnte?

Die Schweiz hat jahrelang das Geld von Despoten eingesammelt und ist bevorzugte neue Heimat von Oligarchen im Vorruhestand. Obwohl ein riesiges Umdenken stattgefunden hat, könnte das dem einen oder anderem schon sauer aufstossen eines Tages. Aber grundsätzlich sollte man sich als Gesellschaft ja nicht alles verbieten, was irgendeinem Irren in den falschen Hals kommen könnte. Das wäre kollektives Duckmäusertum.

Was wünschen Sie sich für die Schweizer Medien?

Ich wünsche mir, dass man nicht immer nur zurückblickt, sondern nach vorne.

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