Neue Räume

Bekannt geworden durch den Bürostuhl schlechthin, ist der Möbelhersteller Vitra weltweit aktiv. Auch in Zürich-West tragen viele Räume Vitras Handschrift. Ein Besuch bei Bettina Atzgerstorfer im Showroom an der Giessereistrasse zeigt, wie komplex das Einrichten von Büros sein kann.

Leere Räume- ohne Möbel, Pflanzen, Soundanlage, frisch gestrichen und geputzt, sind offen für neue Bewohner. So sieht der Einzug anfänglich meistens aus. Wie positioniere ich nun aber Bett, Tisch, Schränke und meine Designerlampe? Praktische Fragen, die uns alle beim Einrichten neuer Räume beschäftigen.

Was- wenn ganze Büroetagen von Unternehmen einzurichten sind? Wo fängt man an und wie nutzt man Räume optimal aus? Beim Schweizer Möbelhersteller Vitra an der Giessereistrasse in Zürich-West, im Büro zwischen dem Schiffbau und der Opernhausbühne, geht es täglich um diese Fragen. Ein Ort, der Einrichtungen von Büros für Gross- und Kleinunternehmen plant und konzipiert.

Die Form des Bürostuhls

Die Entscheidung liegt bei dir

Wenn Bettina Atzgerstorfer, Workplace Consultant von Vitra morgens in ihrem Büro ankommt, sind erste Entscheidungen von ihr gefragt: Sie kann wählen, ob sie ihre Arbeit auf dem Sofa, im silent room, auf dem touch down bench oder am gewöhnlichen Bürotisch erledigen möchte. Individuell abgestimmt auf ihr persönliches Tagesgefühl und den Arbeitsinhalt. Manchmal lassen sich die Dinge auch von Zuhause aus erledigen. Dennoch gilt immer noch: Nichts ist so wichtig, wie der persönliche Kontakt mit den Arbeitskollegen. „In den zufälligen Begegnungen während der Arbeit können wichtige Innovationen entstehen“, so Atzgerstorfer.

Dass sich Wohnen und Arbeiten immer mehr verflechten, ist nichts Neues. Die Digitalisierung und Mobilität machen es möglich. Arbeit muss nicht mehr zwingend ortsgebunden sein. Dies spart physische Arbeitsplätze und somit Geld. Ein Büro soll heute verschieden genutzt werden: Der Konferenztisch wird zum Mittagstisch und schliesslich zum allgemeinen Arbeitsplatz. Ein Raum soll ihres Erachtens aus dem Moment heraus neu und schnell umgestaltet werden können. In einem sogenannten „WG-Unternehmen“ zählen Kommunikation und Gemeinschaft. Flexibilität in der Arbeitsweise gehört zur Zukunft vieler Unternehmen.

Vitra Campus, Weil am Rhein

„Es sind die kleinen Nuancen, die den grossen Unterschied machen“, meint Atzgerstorfer. Alleine schon das Eintreten in einen Raum nehme Einfluss auf unser Befinden und könne unbewusst unser Verhalten bestimmen. Weshalb fühlen wir uns an gewissen Plätzen wohler als an anderen? Warum bleiben manche Sitzmöglichkeiten völlig unbenutzt, obwohl sie viel Platz bieten würden? Ein professioneller Einrichter weiss Bescheid.

Das Beispiel ZHdK

Die Zürcher Hochschule der Künste ist ein grosses Unternehmen: 1‘400 Räume, inklusive Kino und Konzertsaal, in denen rund 5‘000 Studierende und Dozenten arbeiten. Eine riesige Herausforderung, all diese Räume einzurichten und zu gestalten. Bereits die Grösse des Gebäudes lässt einen staunen. Die Tatsache, dass alleine der Weg vom Eingang bis zum eigentlichen Klassenraum oder Büro reichlich Zeit in Anspruch nimmt, beeinflusst unsere Raumwahrnehmung stark. Viele Räume der ZHdK haben spezielle strukturelle Anordnungen und sind durch Ecken, Lichthöfe und Säulen eingeschränkt.

Vitra war in mehreren Projekten der ZHdK involviert und konnten in der Planung Unterstützung bieten. „Das Haus ist sehr komplex und beinhaltet Ansprüche unterschiedlichster Art“, so Atzgerstorfer. Ein Raum müsse sich ständig neuen Bedürfnissen anpassen können und in Bewegung bleiben. Bei solch einem grossen Projekt wie der ZHdK war es extrem schwierig, alles zu planen. „Es ist immer von Vorteil, sich Gedanken zu zukünftigen Arbeitsweisen zu machen und Visionen mit einzubeziehen.“ Aber auch hier gelte ganz klar: Nichts ist für die Ewigkeit gebaut, es bleibt ein ständiger Prozess.

Die Flächeneffizienz ist ein Thema, welches viele Kunden von Vitra beschäftigt. Die Kunst, aus wenig Raum viel zu machen, ist eine reizvolle Herausforderung. Gleichzeitig müssen oft Richtlinien eingehalten werden. Wie möbliert man einen Raum, damit sich Menschen darin wohlfühlen und die Arbeitsprozesse stimmen? Fragen, welche sich Bettina Atzgerstorfer am Anfang eines jeden Projekts stellt. „Wir entwickeln mit dem Kunden spezifische Lösungen, die die Unternehmenskultur unterstützen und stärken.“

Konferenzraum der anderen Art, Google

Es braucht vom Unternehmen also eine gewisse Strategie, um eine passende Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Eines der wohl bekanntesten Beispiele in diesem Bereich ist Google. Das amerikanische Unternehmen ist Meister im Kreieren von angenehmen, individuellen und vielfältigen Arbeitsplätzen, um eine höhere Produktivität der Mitarbeitenden zu erreichen. Vitra konnte auch für den Internet-Riesen verschiedene Möbel liefern. „Google war für uns keine grosse Herausforderung, weil sie eine sehr klare Vorstellung von ihrem Konzept hatten.“ Die Themen, beziehungsweise Möblierungskonzepte für die unterschiedlichen Räumen standen bereits fest.

Der leere Raum

„Es geht weniger darum, einen Raum einzurichten, als eine Organisation im Raum zu platzieren. In diesem Fall spricht man von Prozessen“, meint Atzgerstorfer.

Es gehe um die Frage: Wer braucht wen zum arbeiten und wer muss mit wem kommunizieren? Um eine optimale Umgebung für den individuellen Arbeiter zu schaffen, ist die Planung der Kaffeeecke oder des Lounge Bereichs genauso wichtig, wie der Standort eines Sitzungszimmers. Erst danach können Flächenbeziehungen hergestellt werden und ganz zum Schluss wird ein Raum möbliert.

„Man kann ohne grossen Aufwand mehr als nur einen Tisch und Stuhl in den Raum stellen.“ Unterschiedliche Materialien von Möbeln etwa lösten verschiedene Reize aus und würden die unbewusste Wahrnehmung positiv oder negativ beeinflussen. Jeder Kunde sei einzigartig, jede Firmenphilosophie anders. „Wir versuchen, durch die Einrichtung das Individuelle zu unterstreichen.“

So präsentiert sich auch die Lokalität von Vitra an der Giessereistrasse als einzigartiger Mix: Die alte Fabrikatmosphäre des ehemaligen Schiffbaus schafft einen anregenden Kontrast zum modernem Office-Design.

  • René Schläpfer 23.3.2017 21.04 Uhr

    Guten Abend Frau Atzgenstorfer:-)

    Ich würde Sie gerne wieder einmal treffen :-) Herzlich :-)

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