Nachgefragt im Viadukt

Die Vorpremiere des Dokumentarfilms „Imagine waking up tomorrow and all music has disappeared“ von Stefan Schwietert findet in drei Wochen statt. Wie sähe eine Welt ohne Musik aus? Hier ein paar Stimmen aus dem Viadukt.

The17 ist Bill Drummonds Gesangsprojekt, um das es sich in Stefan Schwieterts Film dreht (wir berichteten). Drummond führt Gespräche mit Menschen aus aller Welt, befragt sie zur Bedeutung der Musik, zur Vorstellung, ohne Musik zu leben. Nun dasselbe im kleinen Rahmen in Zürich-West: Einzelne Stimmen im Viadukt, der Flaniermeile zwischen Josefswiese und Hardbrücke, äussern sich zu einem anregenden Gedanken.

Dabei habe ich den Befragten im Vorfeld keine detaillierten Informationen zum Projekt von Drummond gegeben und sie frei nach ihrer Vorstellung auf folgende Frage antworten lassen: Was wäre die Welt ohne Musikaufnahmen, ohne Instrumente? Was sind mögliche Folgen, Chancen, Konsequenzen?

IM VIADUKT …12 IM JENSEITS

Michael Mann: „Eine Welt ohne Kopfhörer würde die Menschen wieder zusammenbringen“

Michael Mann ist Leiter des Jenseits, einem offenen Wohnzimmer für junge Erwachsene, wo Philosophie, Musik, Konzerte, Yoga, Meditation, Seelsorge & Co, angeboten werden.

Welt ohne Musik: „Ich stelle mir vor, dass die Menschen mehr miteinander interagieren würden, hätten sie keine Kopfhörer. Ich kann mir auch vorstellen, dass man beispielsweise im Zug zusammen singen würde, wie früher. Früher haben die Leute auch mehr miteinander gesprochen, oder? Die Klanghölzer, also Schlaginstrumente wären wohl die ersten Instrumente, die begleitend zum Gesang hergestellt würden. Man kann pfeifen, beatboxen, a cappella singen… Da liesse sich einiges machen“

Bevorzugtes Medium: „Ich nutze meistens die digitalen Sachen. Eine CD-Sammlung, die man sehen und anfassen kann, hat aber auch ihren speziellen Reiz“

IM VIADUKT …13 IM KLANGWANDEL

Alessandro Luchena: „Die Welt würde untergehen“

Alessandro Luchena arbeitet seit November 2010 bei der klangwandel AG und ist stellvertretender Geschäftsleiter, Berater und Planer.

Welt ohne Musik: „In der Musik stecken Emotionen, die das Leben prägen. In unserem Zeitalter ist sicher die digitale Form der Musik die am meisten konsumierte. Der Verzicht des Musikkonsums würde den Leuten die Flexibilität (vor allem unterwegs) wegnehmen. Der Verzicht auf das Musizieren schränkt wiederum Musikschaffende in der Möglichkeit ein, Sound in verschiedenen Stilen zu generieren.“

Bevorzugtes Medium: Digital, im elektronischen Bereich „zu Hause“.

IM VIADUKT …14 IN DER ZEITHALLE

Alain Hunkeler: „Musik allein durch Stimmen zu ersetzen, stelle ich mir schwierig vor“

Alain arbeitet seit einem Jahr als Store Manager im Outwear-Shop der ZEITHALLE, wo es um „zeitlose und zeitgemässe“ Produkte geht. Neben dem Kleidersortiment verkauft er zusammen mit dem Funk/Soul-DJ Spruzzi Schallplatten. Er selbst macht vor allem Gebrauch von seiner mp3-Sammlung.

Welt ohne Musik: „Keine Instrumente, Aufnahmen, Ipods? Das wäre eine Katastrophe. Die Leute müssten sich umorientieren. Es läuft überall Musik: In den Läden, Clubs… Man müsste das durch Stimmen, Gesang überbrücken, allerdings stelle ich mir das echt schwierig vor. Ich glaube, wenn es nichts anderes mehr gäbe, würden die Leute anfangen, aus irgendwelchen Materialien Instrumente zusammen zu basteln.“

Bevorzugtes Medium: „Wenn ich unterwegs bin, brauche ich meistens meine mp3-Sammlung. Im privaten Bereich würden vor allem Schallplatten fehlen.“

Musik dient als Heilmittel, als Impuls. Sie ist unschuldig wie sündig und faszinierend, gibt uns Inspiration. Vor Beginn des 20. Jahrhunderts, des ausufernden „Streaming-Hypes“, wurde ihr nochmals andere Bedeutung beigemessen. Zu Musik marschierte man in den Krieg. An Zeremonien und Beerdigungen fand sie Gebrauch. Musik brachte gemäss dem Alten Testament die Mauern von Jericho zum Einsturz.

Was zu jeder Zeit verfügbar ist, verliert an Bedeutung. Deshalb ist es nicht so verkehrt, sich eine Welt ohne ständig frei zugänglicher Musik, ohne Youtube&Co. vorzustellen. Ohne Angebotsüberflutung einer Industrie, die sich den Regeln der Marktwirtschaft um ihres Überlebens willen beugen muss. Um die Musik auch heute noch als das zu sehen, was sie ist: Ein kostbares Gut in einer sich rasant entwickelnden Welt.

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