MUSIK STATT MODE

Die neueste Edition der Konzertreihe Musik im Rausch hat dieses Wochenende das Modeatelier Lareida in Zürich-West in wohlklingende Musik getaucht. Die drei Vollblutmusiker verzauberten mit ihrem virtuosen Spiel und nahmen das Publikum mit in ein entrücktes Universum der klassischen und zeitgenössischen Musik. Wie ein seidiger Stoff umschmeichelten die sanften Marimbaklänge die der Violinen.

Als ich am Samstag Abend kurz vor halb neun in den Innenhof des Modeatelies Lareida trat, erwartete mich eine warme Atmosphäre trotz kühler Temperaturen. Am Eingang war eine kleine Bar positioniert, dahinter luden Stühle und Bänke mit roten Wolldecken zum gemütlichen Schwatz vor dem Konzert ein. Für dieses mussten wir das steile, mit romantischen Teelichtern dekorierte, Treppchen in der hinteren Ecke des Innenhofs hinaufsteigen. Wie die Produktionsleiterin Rona Diem bei der Begrüssung informierte, hatten die drei Musiker am Abend zuvor tatsächlich wie geplant unter freiem Himmel im lauschigen Innenhof gespielt. Diesen Abend war es dafür aber zu kalt und regnerisch, sodass das berauschende Konzert kurzerhand ins Atelier Tanz oberhalb des Innenhofs verlegt wurde. Wie sich herausstellte, passte auch die Ersatz-Räumlichkeit ausgezeichnet zum abendfüllenden Programm von Musik im Rausch, kam sie doch genauso anmutig daher wie die sorgfältig ausgesuchten Stücke für die spezielle Instrumentenbesetzung von Violinen, Bratsche und Marimba.

Deborah Marchettis innovatives Konzept, klassische Musik in ungewohnten Räumen erklingen zu lassen, funktioniert. Am zweiten Abend waren die Stühle fast bis zum letzten Platz besetzt und das abendfüllende Programm war äusserst kurzweilig. Die knackigen Stücke von Schostakowitsch stimmten auf einen musikalisch hochstehenden Abend ein und konnten bereits zum Anfang von dessen Qualität überzeugen. Zwischen den verschiedenen Musikmustern sprach Deborah Marchetti jeweils zum Publikum und lockerte mit den einen oder anderen Erklärungen und Witze die magische Atmosphäre im Raum immer wieder auf. Keine Spur von professioneller Abgehobenheit oder reinem Herunterleiern eines Repertoires; hier kommunizierten die Musiker direkt mit dem begeisterten Publikum.
Nach dieser stimmungsvollen Ouverture tauschte Mateusz Szczepkowski die Violine gegen seine Bratsche für die Goldberg-Variationen von Bach, die als nächstes auf dem Programm standen. Der Innovation von Musik im Rausch entsprechend übernahm hier die Marimba den Part des Cellos, weshalb Jacqueline Ott neben ihren vier Schlägern zwischendurch auch zwei Cello-Bogen zur Hand nahm. Otts Marimbaspiel verzauberte mich total und webte während den Bachvariationen einen wunderschönen Klangteppich, sodass das virtuose Spiel von Geige und Bratsche perfekt eingebettet wurde. So ähnelte die durchwegs präzise und gefühlsvolle Interpretation der drei Musiker derweil der Behutsamkeit eines Schneiders bei der Arbeit mit seinen kostbaren Stoffen. An diesem Abend wurden tatsächlich viele verschiedene Türen aufgemacht, wie Marchetti passend beschrieb. Das einzige Stück das meiner Meinung nach ein wenig aus dem Rahmen fiel und sich sehr stark von den weichen Formen und Farben des restlichen Abends abwich, war das Stück „Subito“ des polnischen Komponists Lutoslawski. Für mich war der Szenenwechsel ein wenig zu krass und das Stück zu schräg.

Die darauffolgende Pause liess mich dies aber schnell vergessen und die Musiker entführten auf eine magische Reise durch den im 2006 komponierten „Mondschatten“ des Schweizers David Philip Hefti. Dieses Stück lud, dem Namen entsprechend, richtiggehend zum Träumen ein und bestach ebenso durch die Optik. Während Mateusz im Schatten des gedimmten Lichts spielte erstrahlte Jacqueline, in einer weissen Bluse der Designerin des Ateliers gekleidet, wie im Mondlicht, was die makellose Vorführung der zwei auch visuell unterstrich. Danach überzeugte das Duo der Violinen von Ignaz Pleyel mit einer schlichten Romantik, lieblich präsentiert in einer Art Frage-und-Antwort Spiel. Zum Schluss interpretierte das Musiker-Trio dann Pärts „Fratres“, das laut Deborah durch seine schlanke Harmonik und gleiche Rhythmik etwas Magisches hat und so an einen anderen Ort zu tragen vermag. Ihre Beschreibung passte meiner Meinung nach eigentlich fast zum ganzen Programm, traf aber dann bei Arvo Pärts Komposition wirklich genau ins Schwarze. Dies bezeugten auch die begeisterten Rufe und Pfiffe im Schlussapplaus. Dieser erklang trotz der überschaubaren Publikumsgrösse von gut fünfzig Personen tosend, nachdem die drei Musiker mit Schostakowitschs Elegie und Polka als abschliessende Stücke einen stimmigen Bogen zum Anfang des Rauschs gespannt hatten.

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