DANK VELOGANT ELEGANT DURCH DIE STADT

Diesen Samstag wurden in Zürich-West wieder Velos versteigert. Für mich war die Veranstaltung eine doppelte Premiere, die Auktion der Stadt Zürich war nämlich meine erste Versteigerung überhaupt. Diese Gelegenheit wollte ich nutzen, um trotz begrenztem Studenten-Budget einen zuverlässigen Begleiter für meine zukünftigen Abenteuer im Zürcher Stadtdschungel zu finden.

Als mein Kollege und ich kurz vor halb Zwei im Evangelisch-Reformierten Kirchgemeindehaus beim Limmatplatz eintreffen, bekommen wir von einem der Organisatoren die Auktions-“Spielregeln” in die Hand gedrückt. Doch mein Blick ist schon zum Hinterhof gerichtet, wo ich die in der Sonne glänzenden Auktionsobjekte erspäht habe. Zielstrebig gehe ich also nach draussen und bin erstaunt, wie viele Leute trotz Hitzetag den Weg an die Velogant gefunden haben. Bevor die Auktion beginnt, kann man die vielen Velos aus der Nähe betrachten und sich auch gleich seine Favoriten mit der zugehörigen Nummer notieren. Auch das Fernsehen ist heute da und will wissen, wieso man sein neues Gefährt an dieser Versteigerung und nicht etwa aus erster Hand beim Velohändler suche. Ich will mein Glück zuerst hier versuchen, weil ich hier ziemlich effizient zu einem fahrtüchtigen Velo kommen könnte das mit meinem budgetierten Bargeld bezahlbar ist. Zudem gefällt mir die Idee, einem herrenlosen Velo, das zurzeit tadellos aber arbeitslos ist, neuen Schwung in die Räder zu bringen.

Velo Nummer 65 zeigt sich bei meiner Inspektion von der besten Seite

Die Velos, die dicht beieinander in Reih und Glied stehen, lassen nichts zu wünschen übrig. Die Drahtesel sind überdies allesamt in bester Kondition, sodass man nach der erfolgreichen Ersteigerung sofort mit seiner neuen Trouvaille los düsen könnte. Der Mix aus Damenvelos, Mountain Bikes, Fixies sowie Fahrräder für Kinder bietet für jede Zielgruppe etwas, und so ist auch das Publikum am heutigen Tag sehr gemischt. Unter den Velos draussen in der Sonne entdecke ich dann auch schnell mein Wunschobjekt. Die Nummer 65 lockt mich nämlich schon von weitem mit seiner lila leuchtigen Farbe und stylischem Aussehen an.

Doch weil ich gehört habe, dass die Gebote bei den schickeren Modellen teilweise rasant hochschnellen können und somit das Prädikat "Schnäppchen" verpassen, bleibe ich bei meinem Fund nach der anfänglichen Euphorie dann doch eher zurückhaltend. "Das will ja sowieso jede Frau", denke ich mir, und schreite mit sehnsüchtigem Blick über meine Schultern weiter, ohne dass ich die Nummer aufgeschrieben habe. Mein Kollege winkt mir indes von der Tür zum Auktionsraum zu und macht mich darauf aufmerksam, dass die Velos draussen nur ein kleiner Vorgeschmack auf das ganze Auktionssortiment seien. Mein Mund bleibt vor Staunen offen stehen, als ich in den Saal trete. Erstens sind hier nochmals etwa doppelt so viele Velos wie draussen zur Schau gestellt, und zweitens ist der Raum dahinter gerammelt voll mit aufgeregten Auktionsteilnehmern.

Die Stühle sind alle besetzt und der grosse Rest der Besucher steht sich erwartungsvoll die Beine in den Bauch. So bleibt mir nur noch ein kurzer Augenblick um die zusätzlichen Velos zu betrachten und mir die Nummern zu notieren. Dann stelle ich mich ebenfalls ins Publikum und mache mich mental bereit meinen zukünftigen treuen Begleiter zu ersteigern. Die ersten drei Velos werden vom heutigen „Special Guest“, dem Stadtrat Raphael Golta, versteigert, der dies einem professionellen Auktionator gleich tut. Seinen Auftritt kann ich ganz entspannt verfolgen, da sich unter seinen Versteigerungsobjekten kein Damenvelo befindet.

Der Stadtrat Raphael Golta schlägt den Hammer

Als er vom eigentlichen Versteigerer abgelöst wird, schlägt mein Herz dann auch schon das erste Mal ein bisschen schneller: Die Nummer 7, die ich vorher draussen entdeckt und sofort auf meine Liste gesetzt habe, wird auf die Bühne gehoben. Sofort nachdem der Auktionator mit dem Startgebot von 50 Franken eröffnet hat, schnellen die Hände in die Höhe und der Preis wird flugs über 200 Franken getrieben. Ich schüttle ungläubig den Kopf, denn dies kratzt an meinem geplanten Limit, das ich mir vorher gesetzt habe. Bei 300 Franken ist dann doch fertig, und die junge Frau die vorher impulsiv ihre Hand gehoben hat, holt ihr frisch erstandenes Velo von der Bühne ab.

Je weiter die Auktion fortschreitet, desto tiefer sinkt meine Hoffnung, das Kirchgemeindehaus heute tatsächlich mit einem neuen Velo zu verlassen. Ich sehe meinen Kollegen etwas resigniert an, worauf er mir neuen Mut zuspricht. Einige Objekte später - sie kosten den Käufer im Durchschnitt rund 200 Franken - steht sie wieder da. Die lila Nummer 65 wird vom Auktionator als hübsches Damenmodell der Marke Gazelle vorgestellt. „Wer möchte diese Gazelle ausführen?“, fragt er darauf animierend und sogleich ist die neue Runde eröffnet. Die Hände schiessen wiederum im Sekundentakt in die Höhe und treiben das Anfangsgebot in Zehnerschritten hinauf. Als dieser Lauf bei den gebotenen 180 Franken unerwartet stagniert, überlege ich nicht lange und hebe meine Hand. Ich bin mit 190 Franken im Rennen um mein Traumvelo, das neben meiner Lieblingsfarbe auch mit seinem Retro-Aussehen besticht. Das Kontergebot kommt sogleich aus einer anderen Ecke, was mich aus meinen Träumereien reisst. Jetzt ist es wieder still im Raum und der Versteigerer will bereits den Verkauf einleiten. „Zum Ersten...“. Ich setzte mir ursprünglich die Limite von 200 Franken, da dies grösstenteils das Angebot der normalen Velohändler unterbieten würde. Trotzdem hatte ich noch ein paar kleinere Noten mit eingepackt, einfach so zur Sicherheit. „Zum Zweiten...“. Also vertraue ich auch jetzt auf mein Bauchgefühl das mir anrät weiter zu pokern und ich wage es, erneut die Hand empor zu heben. „220 Franken für dieses Damenvelo“, lässt der Versteigerer mein Gebot gelten und nachdem kein Konter kommt, beendet er – ich fasse es kaum – ganz offiziell mit den Worten: „Zum Ersten, zum Zweiten ... und zum Dritten!“. Völlig beschwingt gehe ich nach vorne und überreiche der Kassiererin die 220 Franken in bar mit einem riesen Lächeln. Ist zwar kein Spottpreis, aber dennoch fraglos ein Schnäppchen, was ich mir gerade eben gesichert habe.

Es ist noch nicht mal eine Stunde der insgesamt dreistündigen Auktion vergangen, da schreite ich jetzt in der Tat mit dem ersteigerten Velo in den Vorraum. Dahin folgt mir mein Kollege, der mir meine Siebensachen nachträgt, die ich in der ganzen Aufregung an meinem Platz gelassen habe. Er umarmt mich stolz und gratuliert mir zu diesem Glücksfang. Ein begeisterter Organisator der daneben steht bekräftigt dies und erklärt mir kurzerhand die Vorzüge der Gazelle. Die Freude lässt mich zappeln und es gibt kein Halten mehr. Beglückt schwinge ich mich auf den Sattel und reite auf meiner Gazelle in den Stadtsommer rein.

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