Mit den Künstlern auf Tuchfühlung

Die Photobastei lud zu ihrem neuen Format " 3 x 10' ". Hinter dem kryptischen Titel steckt ein simples und gleichzeitig fruchtbares Konzept: Während je zehn knackigen Minuten plaudern drei ausstellende Fotografen aus dem Nähkästchen und weihen das Publikum in die Strategien und Hintergründe ihrer Arbeiten ein.

Im gemütlichen Wohnzimmerbereich der Photobastei-Bar haben sich rund dreissig Leute zum Auftakt der neuen Dienstagsreihe eingefunden, die zukünftig alle zwei Wochen stattfinden wird. Ich setze mich auf einen bequemen Sessel in der vordersten Reihe vor der Bühne, wo kurz nach halb Acht die erste Fotografin auf dem heissen Stuhl Platz nimmt. Romano Zerbini, der Initiator der Photobastei, stellt uns Anna Halm-Schudel, oder Anna Blume, wie er sie nennt, vor und führt anschliessend in das neue Format ein. Es sei vieles noch in einer gewissen Testphase, und technische Probleme würden heute Abend zusätzlich die Präsentationen der drei Künstler erschweren, erklärt Zerbini verunsichert. Das scheint aber niemanden zu stören, denn ein gewisses Improvisieren passt ja eigentlich genau zum kreativen Charakter der Photobastei.

Wir starten sogleich mit den ersten zehn Minuten und die Künstlerin des "Blumenmeers", Anna Halm-Schudel, bekommt das Wort. Das interessierte Publikum erfährt in dieser kurzen Zeit viel über Annas Beweggründe zu ihren Blumenbildern, denen sie in ihrem Schaffen die grösste Aufmerksamkeit widmet. Im jungen Erwachsenenalter habe dieser wiederkehrender Traum mit dem immer gleichen Sujet in verschiedenen Variationen begonnen, eröffnet Anna. Jedes Mal seien welkende Blumen involviert, und jedes Mal schaffe sie es nicht, sie zu giessen und damit wieder zum Leben zu erwecken. Trotzdem, oder gerade darum, machte Anna die Blumen zum Hauptfokus ihres künstlerischen Schaffens. Denn mit ihren Fotografien, die die Schönheit der Blumen zeigen, kann sie den deprimierenden Bildern ihrer Träume entgegenwirken und ihre Kunst wird sozusagen zu ihrem eigenen Heilmittel. Gleichzeitig wünscht sie sich auch, dass sie anderen damit Trost schenken kann. In ihrer aktuellen Ausstellung zeigt sie Blumen unter der Meeresoberfläche. Dies ist offensichtlich eine Antithese zu ihren Albträumen, in denen es jedes Mal an Wasser mangelt und die Blumen sterben müssen. Ausserdem werden die Blumen durch diese unbekannte Perspektive in ein völlig neues Licht gerückt und ihre Schönheit wird weiter ästhetisiert. In den 10 Minuten, die Zerbini heute Abend sehr grosszügig berechnet, verrät uns die Fotografin auch viel über ihr Leben und erklärt zudem die verschiedenen Techniken, die sie bei ihren Blumen-Bilderreihen angewendet hat. Ein Jahr lang habe sie zum Beispiel auch das Projekt "365 Blumen" durchgeführt, erklärt Anna stolz. Jeden Tag habe sie eine Polaroidaufnahme einer Blume gemacht, und das, obwohl sie oft grosse Auftragsarbeiten zu erledigen hatte. Auch zu diesem älteren Projekt zeigt sie uns eine kleine Bilderauswahl und schafft es, ihre Kunst gewissermassen dem Publikum zu übersetzen.

Nach einer kurzen offenen Fragerunde nimmt Christian Schwarz als zweites auf dem Sessel Platz. Der Möbelrestaurateur und selbsternannte "Chronist seiner Zeit" stellt uns seine Porträt-Fotografien des ausgestellten Projekts "Du liebe Zeit" vor und spricht über das dazugehörige Buch, das bald herauskommt. In einer groben Zeitspanne von sechs Jahren habe er sich diesem Projekt gewidmet, das ihm unzählige Lebensgeschichten der Porträtierten eröffnet hat und ihm Antworten auf die Frage: "Was ist Zeit?" gegeben hat. Christian gibt offen zu, dass sich seine Konzeption über die Jahre verändert hat, und zeigt uns dies auch anhand der Unterschiede bei der Ausführung des Porträtieren. Er habe zum Beispiel am Anfang nur den Protagonist ablichten wollen, und keinen Gedanken an den Hintergrund verschwendet. Immer mehr sei ihm dann aber bewusst geworden, dass auch der Hintergrund, also wo und wie die Person lebt, dazugehöre und aussagekräftig sei und so habe er diese Erkenntnis in den späteren Fotografien einfliessen lassen. Bei Christians Präsentation wird das Publikum zunehmend engagierter und stellt ihm bei der offenen Runde einige Fragen zur genauen Ausführung und dem Konzept. Ob die Protagonisten nicht lächeln durften, fragt jemand. "Ach, die sitzen halt einfach da und werden fotografiert", meint Christian ganz direkt. Er zeigt ein Foto mit einem Mann an der Bar, der tatsächlich dreinschaut wie drei Tage Regenwetter. "Er da, der schaut immer so drein. Der hat auch früher schon so geguckt!", sagt Christian schmunzelnd und fügt hinzu: "Ich mag halt einfach dieses aufgesetzte Lächeln nicht, dass viele aufsetzen wenn sie fotografiert werden." Weitere zehn Minuten sind um und Roman Zerbini dankt Christian Schwarz für das Mitmachen und empfiehlt uns noch einmal wärmstens das Buch "Du liebe Zeit", das wie erwähnt bald herauskomme.

Jetzt kommt Raja Läubli, die Jüngste im Bunde, auf die Bühne, und stellt sich anhand von ihrer aktuellsten fotografischen Arbeit, einem redaktionellen Auftrag der Coopzeitung, vor. "Das ist das, was ich momentan am meisten mache", gesteht sie uns. Dass sie in der Photobastei ausstellen wolle, sei ein ziemlich spontaner Einfall gewesen, eröffnet sie uns schmunzelnd. Sie wusste deshalb auch lange nicht, welches ihrer vergangenen Projekte sich für eine solche Ausstellung am besten eignen würde. Also entschied sie sich flugs, ein neues Projekt eigens für die Photobastei durchzuführen. So entstand also schlussendlich die kunterbunte Bilderwand mit dem Namen "Circus". Für alle, die ihre Ausstellung noch nicht gesehen haben, klickt sie einmal durch die Fotografien, die bis zum 20. September in den Räumlichkeiten der Photobastei an der Wand hängen, sodass jeder weiss, wovon sie spricht. Die junge Fotografin erzählt uns jetzt, begleitet von eindrücklichen Bildern, das "Making Of" zu den teilweise sehr intimen Bildern und stoppt immer wieder bei einem bestimmten Bild, um "die Geschichte dahinter" zu erläutern. Ihre witzigen Ausführungen zu der chaotischen Vorbereitungszeit bis hin zur tatsächlichen Ausstellung, die sie unter anderem mit Brocki-Besuchen und Bilderrahmen abschleifen verbracht habe, runden ihre zehn Minuten gekonnt ab. Aufgrund ihrer schlichten Präsentation und geradliniger Art verwundert es auch nicht, dass praktisch keine Fragen offen bleiben, und so schliesst Zerbini die 3 x 10 Minuten worauf ein wohlwollender Applaus ertönt.

Unterschiedlicher hätten die drei Fotografen und ihre allesamt zugänglichen Präsentationen nicht sein können, und so hält das neue Format genau das, was es verspricht. 3 x 10' vermittelt innert kürzester Zeit drei Einblicke in verschiedene Künstlerleben, verschiedene Arten der Fotografie, sowie verschiedene Strategien bei der Ausführung eines Fotoprojekts. Das ist schweizerische Effizienz, die funktioniert und zudem inspiriert.

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