Mit Bismarck den Fliehkräften trotzen

Zürich-Wests schickste Branche, der Galerie-Kunsthandel, findet sich diese Woche in toto in Basel. Was einen dort erwartet, was nicht zu verpassen wäre und wovon man daher schwadronieren könnte, falls man dann doch keine Zeit findet, erklären wir hier auf Grund ureigenster Erfahrungen und knallharter, ja hochexklusiver Eigenrecherchen.

Text: Haeammerli

Video Art Basel: Ana Roldán

Seien wir ganz unkritikerhaft populistisch und beginnen wir mit den beiden Werken, die DAS VOLK vulgo Besuchermehrheiten begutachten, handyfotographieren, begaffen, umstehen und beglotzen. Dann geht die Art Basel 2015 an die Zürich-West Galerie Räber von Stenglin, bei der Raphael Hefti eine gutschweizerischer Schweizer-Maschineindustrie-Maschine ein Objekt schleifen lässt, was auf Monitoren übertragen und realiter vollzogen wird.

Weil man kaum noch je wahrnimmt, wie produziert wird, es sei denn, irgendein hochpreisiges Retrounternehmen hat gerade eine uralte, uneffiziente und dafür umso luxuriösere Handproduktionstradition wieder belebt, was mit Reklamikertamtam in die Welt hinaus geblasen sein muss, weil man also nie sieht, wie all die Artefakte, die uns umgeben, hergestellt werden, wirkt das an der Art Basel dann umso kühner. Maschine und Produkt wirken frisch! Neu! Gewagt! (Fussnote für den Kunstinsider 1 & 2)

In der drehenden TV-Schüssel mit Bismarck

Ihr Berichterstatter gefangen in der Drehschüssel

Publikumsliebling Nummero zwo: Da stand man gleich beim Eingang der Art Unlimited und sah einen Herrn mit Rauschebart in einer Art Satelitenschüssel drehen. Man dachte: Wow. Er dreht UND schläft. Wow. Er dreht UND sitzt auf einem Stuhl. Wow. Er dreht UND liest.Wow, er dreht UND er telefoniert. Nächstentags rief ich an, um in der Schüssel ein Gipfeltreffen (G 2!) zu verabreden. Bismarck erklärte, man müsse den richtigen Moment abpassen, in dem die Höllenapparatur angehalten werden könne, und wer zu ihm wolle, habe mindsestens eine Stunde auszuhalten. Stolz darauf, nie seekrank und auch sonst beherzt zu sein, schlug ich - fernmündlich - sofort ein. Und kraxelte, als die Maschine endlich gestoppt war, behende hinein, und nach wenigen Minuten war mir kleinmütg und blümerant zumute.

Mag ja sein, dass man sich vor Mittag tatsächlich nicht ausschliesslich von Espressi ernähren sollte, aber anders können wir nicht. Blickte ich über den Rand der drehenden Riesenunterasse, war es wie ganz früher, wenn man, weil es nicht gleich gewirkt hatte, nochmals ein Haschkeks nachgeschoben hatte. Man möchte nicht mehr, kann aber aus der Nummer (hier: der Schüssel) nicht mehr raus. Ich friemelte mit Kamera, Funkmikrophon und Stativ, und hiess Bismarck immer wieder Tontests zu machen. Allein es nützte nichts, das Ding funktioniert nicht, und alles drehte. Julius von Bismarck erklärte galant, er sei ja gelegentlich Kameramann von professionellen Gnaden, ob er helfen könne, ob ich nicht vielleicht Sender und Empfänger vertauscht hätte? Ich schaute. Kamera, Stativ, Sender und Empänge drehten sich weiter, aber parbleu, von Bismarck hatte Recht! Und so kam dann doch noch ein Interview zustande (s.u.), bei dem ich permanent von Bismarcks Bart fokussierte, um bei der Sache zu bleiben.

Später hiess er mich aufstehen, wobei ich fast auf die Schnauze fiel. Dann vefügte er sich in sein Bett, denn der Mann wohnt während der Art sozusagen in der drehenden Schüssel, derweil ich mich an seinen Schreibtisch setzte und froh war, einen Band von Thomas Kapielski auf Mann zu haben, denn ich las. Wobei ich gelegentlich wieder abschweifte und dachte, das hat von Bismarck gut hingekriegt. Man sitzt da und die Anmutung ist wie immer an der Art, nur deutlicher: Um einen herum dreht der Wahnsinn der Kunstmassen, derweil man im ruhigen Auge des Sturmes sitzt, in dem es einem aber auch ein wenig sturm ist, ob all der Trabanten, die um einen herum zirkeln. Und obwohl man sich auf sich selber oder eine Sache (den Bart, das Bett, Kapielskis Roman) konzentriert, ist man sich doch immer gewahr, permanent wahrgenommen und fotographiert zu werden. (FN3) Die Einladung in Julius vn Bismarcks rotierender Scheibe hatte etwas von einer zufällligen Reisegefähtenschaft, plötzlich besteht man ein gemeinsames Abenteuer, man ist zusammen gewürfelt & geschweisst durch geteiltes Fährniss, und doch ist man auch bei sich. Keine Frage, der Mann ist ein guter, ein sehr guter Künstler und er hält was aus. Unsereins, der wir uns für kühn und wagemutig hielten, waren trotz aller Sozialisation mit Karl May noch mindestens eine Stude nach dem wir wieder festen Boden unter der Füssen hatten kleinlaut und mau.

Was macht Zürich-West, was machen die Unsrigen! Oder: Lutz Guggisberg ist das neue Fischli Weiss

Auch hier wollen wir gleich bei den Besten anfagen: Obzwar die Drei-Monitor-Video-Installation Galaxy Evolution Melody von Lutz Guggisberg bei Bob van Oursow nicht taufrisch ist, schien sie uns ein Highlight der Art. Schon länger galt als kurrente Münze: Lutz Guggisberger stehen mit ihrem sperrigen Humor in der Tradition von Fischli Weiss, diesmal dachte man: Die füllen die verwaiste Planstelle aus. In dem Video rollen Kugeln ins Bild hinein und wieder raus, bilden sich Assemblagen von Zufälligstem, eigensinnige Anmutungen, bis wieder ein offensichltich von Hand und etwas diletantisch ins Bild geschobenes Holzstück alle anders anordnet. Schönheit und Humor! Und eine Verneigung vor den grossen Vorbildern.

An die man - ist es, weil man das als Schweizer so oft gesehen hat? Oder weil sie die Richtung so komplett vorgegeben haben? - sich wieder erinnernt bei Jose Dávila, dessen grade noch haltende filigrane Kompositionen bei der mexikanischen Galerie OMR uns entzücken. NEIN: Nicht zum Denken anregen, herausfordern, und sie forschen auch nicht nach Balancen oder explorieren irgend etwas, unsereins entzücken sie ganz schlicht und einfach.

Jose Dávila

Eine weiter Entdeckungen an der Art Unlimited: Wael Shawky, der - mit arabischem Hintergrund und gestützt auf das Buch Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht - mit Marionetten eine neue Geschichte der Kreuzzüge erzählt. An der Art sind die Marionetten in einer Art Enthno-Museum ausgestellt und erhöht. Zu Recht: Schon die Figuren sind phantastisch und auf Filme reagiert man an grossen Messen ja eher mit Panik. Keine Zeit, to much so see. So was schaut man sich dann zuhause an.

Marionette von Wael Shawky

An der Liste

Dafür geht man lieber speditiver durch die Art und verfügt sich dann noch an die Liste, die jüngere und auch wohlfeilere Werke zeigt. Zürich-West ist da mit BolteLang und ihrem Shooting Star, dem Maler Benjamin Senior, der mit Tempera arbeitet und irgendwo zwischen Renaissance, Comix und Illustrationen anzusiedeln wäre. Wobei das so gut gemacht ist, dass alles, was der Mann malt, meist gleich ausverkauft ist.

Benjamin Senior Bild & Anna Bolte

Wir empfehlen an der Liste weiter: Gleich um die Ecke von BolteLang ist die argentinische Galerie document art mit José Vera Matos, einem Peruanter der mit winziger Schrift ganze Bücher auf Leinwände überträgt. Wobei die Bilder immer einen abstrakte Anutung haben, die sich nur bei sehr genauem Hinsehen auflöst.

José Maros Vera: Abstrakte Bilder aus Schrift

Da wir bei den Latinos sind, könnte man noch die Galerie Jaqueline Martins mit Debora Bolsoni aus São Paulo anführen, auf die wir grosse Stücke halten.

Debora Bolsoni aus São Paulo an der Liste
Ana Roldán: Liste Basel

Oder aber Instituto de Visión aus Kolumbien, wo Ana Roldán ausstellt, die ich ja kaum besingen darf, da wir so sehr verbandelt sind, dass es inzwischen Kinder gibt. Und damit zurück an die Zentrale in Zürich West.

Fussnoten für Kunstliebhaber

Da wir hier unter uns sind, muss nicht jeder Stiefel erklärt werden, also zu FN 1: Konzeptkünstler-Variante: Sich einfach an einen Tag der offenen Türe in einem Produktionsbetrieb heften! FN 2: Als dialektischer Gegensatz steht, was ich für die entäuschendste, die grottenschlechteste Arbeit der ganzen Art Unlimited halte: Ein Video von Sarah Morris, das ein wenig um Frankreich kreist und sich bei Luxusgütern wie der Parfümherstellung festfährt: So etwas von einem mies gemachten Industriefilm! Morris' Sarah sollte Industriefilmer Industrieflilme machen lassen und bei ihren Leisten, i.e. der Kunst im engeren Sinn bleiben, aber ein dermassen mediokres Gewirk ist für eine Grosskünstlerin ihres Schlages rufschädigend, und dass weder sie selber noch ihre Dealer abgeraten haben, zeigt bloss, da ist jemand offenbar weit über die Stufe der Kompetenz zur Einschäztung eigener Werke hinaus katapulitiert worden. (Peter-Pan-Prinzip)

FN 3. Esse est percipi. Sein ist wahr genommen werden. Leitspruch des Solipsimus. Siehe Berkeley.

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