Masturbation im Kollektiv feiern

Von Huren und Dominas über skurrile Fantasien und wilde Entdeckungen, bis hin zur Teenage-Geilheit. Das Sexfilmfestival „Porny Days“ zeigt insgesamt 70 Filme aus 20 verschiedenen Ländern rund um Sex, Porno, Erotik und Sinnlichkeit. Wir haben uns bereits ein paar Filme zu Gemüte geführt.

Alle tun es. Kaum gibt es etwas anderes, das alle Menschen, egal welcher Herkunft, so zentral betrifft wie Sex. Sex verbindet und polarisiert, wiegt sich in Extremen, dunkelste Abgründe und erregende Fantasien verbergen sich hinter dem Wort. Mehr Offenheit in dem Gebiet und eine Plattform für sexuelle Entfaltung und Erregung, Emanzipation und Experimente bieten die „Porny Days“. Das Sexfilmfestival distanziert sich einerseits von der kommerziellen Mainstream-Pornoindustrie und bietet dennoch viel Sex, Sex, und nochmals Sex – aus einer zum Teil gewagt experimentellen, zum Teil auch humorvollen Perspektive.

Szene aus "Good Night" von Muriel d'Ansembourg

Der Hauptfokus ist dieses Jahr gesetzt auf junge Lust, freie Entfaltung, experimentelle Praktiken und Sex als Beruf. Im Rahmen der „Opening Quickies“ bekommt das Publikum ab Freitag, 20.30 Uhr im Riffraff sechs einleitende Kurzfilme zu sehen. Am Festival wird Masturbation, körperliche Lust und Diversität im Kollektiv gefeiert, und zwar jenseits von klassischen Schönheitsidealen oder der herkömmlichen Porno-Darstellung. Man darf gespannt sein auf die "Masturbutopia"-Show, einer interaktiven Performance-Installation, an der sich Freiwillige in Ausschnitten oder in voller Pracht in einem mobilen Schaukasten zeigen können, wie sie wollen: Ob bekleidet, nackt, beim Masturbieren oder beim Sex.

Masturbutopia: Eine interaktive Performance-Installation von Daniel Hellmann & Theres Indermaur

Ein Konzert der „Sex Organs“ und Party im Kauz, Performances und Workshops im Tanzhaus sowie eine Debatte über Jugendsex, eine Lesung und der „Porny Brunch“ im Festivalzentrum Langstrassenkultur runden das Filmprogramm im Kino Riffraff ab. Diesmal sind es insgesamt 70 Filme, die das Riffraff vorführt und die sich irgendwo in der Zone zwischen künstlerisch-experimentellem Erotik- und dreckigem Rammel-Pornofilm bewegen.

Frei von Sitte und Moral

Sex und Exzess in der prüden Zwinglistadt. „Zürich macht sich frei“ zeigt ein Programm mit fünf Kurzfilmen, die Tabus aufzeigen und kritisieren. Ein Dokumentarfilm über die 1989 verstorbene Irene Staub alias Lady Shiva beispielsweise. Die einst bekannteste Schweizer Hure und Künstlermuse war quasi die Provokation in Person, eine „Zürcher Marilyn Monroe“ sozusagen. Von Konservativen wurde sie aufs Gröbste verschmäht, von Feministinnen belächelt, von Männern als Lustobjekt begehrt. Unzählige Gerüchte gibt es über die blonde Wucht. Der 1975 veröffentlichte Dokumentarfilm von Tula Roy zeigt die Zerrissenheit und das innere Doppelleben der Zürcher Sex-Ikone auf.

Zürcher Sexsymbol der 70er Jahre: Irene Staub alias Lady Shiva

Die freie Liebe wird an den „Porny Days“ richtiggehend gefeiert. „Schnick Schnack Schnuck“: sich frei fühlen und einfach alles machen, was man will. Die pornografische Komödie ist das Debut von Maike Brochhaus und handelt um ein monogames Paar aus der Provinz, das nach und nach so manche Konvention hinter sich lässt. Felix plant, mit einem Kumpel nach Amsterdam an ein Musikfestival zu gehen. Seine Freundin bleibt zu Hause, die beiden machen unabhängig voneinander wilde Sexerfahrungen und wagen einen neuen Blick auf das so lange so hoch gepriesene, aber nicht funktionierende monogame Beziehungskonstrukt. Eine Art Spielfilm, eine Art Porno, ein feministisches Pornoprojekt? Eine Art Mischung wohl, jedenfalls mit fortschrittlichem Gedankengut.

Filmszene aus „Schnick, Schnack, Schnuck“

Noch weitere Filme brechen Tabus, treten gesellschaftlichen Konventionen gegenüber. So etwa das Programm „Late Night Love“, das filmische und sexuelle Experimente anbietet. „Sonata“ von David Bloom spielt in einer mittelalterlichen Burg-Atmosphäre, in der exzessive Gangbangs ihren Platz finden. Ein halbes Dutzend Menschen, genüsslich ineinander verrenkt, sich berührend, sich leckend, sich rammelnd, mit dem höchsten Ziel des gegenseitigen Orgasmus’. Der Film geht weit und mündet in tabulosen Versuchen.

Experimenteller Film „Sonata“ von David Bloom

Verschiedene Formen des Flashs vereint der "Pickelporno" von Pipiloti Rist von 1992. Im Vergleich zum Titel geht’s hier weniger hart zur Sache, dafür wird man mit psychedelischer audiovisueller Kunst an vergangene LDS-Trips erinnert. Jeder Körperteil kommt in dem fast 10-minütigen Film vor, umgarnt von flashenden und skurrilen Sound- und Bildeffekten. Ein bisschen direkter, härter und penetranter gerammelt wird im „Spunk“ von Antonio Da Silva, der eine breitgefächerte Collage aus unzähligen verschiedenen Webcam-Gay-Szenen zeigt. Provokativ thematisiert der Film Homosexualität innerhalb der Pornoindustrie eines neuen Zeitalters, in Form von „digitalem Sex“.

Unschuld vs. Geilheit

Wer erinnert sich nicht an seine erste Geilheit oder an erste Sex-Erfahrungen in der Blüte seines Teenage-Daseins, wo der Bogen zwischen kindlicher Unschuld und dreckiger Verdorbenheit sich rapide zu spannen begann. „Bang Gang“ ist ein französischer Film der Regisseurin Eva Husson, der ein Teenage-Drama thematisiert, das gerade in der heutigen Zeit aktueller als je zuvor ist. „There’s a difference between idiots having sex and a girl getting railed by a bunch of dudes.“ Gruppensexszenen im highen Zustand, die im niemals vergessenden Internet landen. „You don’t get it? It’ll be online for life. You’ll always be Miss Warmth & Joy who was so high…“

Teenage-Paar in „Bang Gang“ von Eva Husson

„Bang Gang“ wurde erstmals am Toronto International Filmfestival 2015 aufgeführt. Die zwei Hauptdarstellenden Marilyn Lima und Lorenzo Lefebvre sind an der Schweizer Premiere am Samstagabend zu Gast und reden im Anschluss über die Darstellung von Jugendlichen im Film.

Szene aus "Bang Gang"

Um die freie junge sexuelle Entfaltung geht’s auch im italienischen Film „Short Skin“ von Duccio Chiarini. Ein 17-jähriger Junge, dem sein erstes Mal bevorsteht, der allerdings an einer Vorhautverengung leidet und sich dafür schämt. Ein weiteres Tabuthema zeigt „Arianna“ auf, der Film wird am Sonntagabend als Schweizer Premiere in Anwesenheit des Regisseurs Carlo Lavagna aufgeführt. Eine Zwanzigjährige wartet auf ihr erstes Mal, bis sie einem Familiengeheimnis auf die Spur kommt: Sie findet heraus, dass sie intersexuell ist.

Ausschnitt aus „Arianna“ von Carlo Lavagna

„Balkan Sex Melancholia“ ist ein Kurzfilmprogramm, das wiederum eine andere Sicht auf Sex zeigt. Mit Kurzfilmen wie „Shelters“ und „Boys, where are you“ geht Regisseur Ivan Salatic mit einer philosophischen Message an das Teenage-Sex-Thema ran. In einer Anmerkung warnen die Kuratoren Alexei Dmitriev und Vladan Petkovic vor falschen Vorstellungen. „While sex might be treated depressingly or pessimistically in these films, the activity itself in the region is quite the contrary.“

Phone Sex Grandmas und BDSM Dominas

Die Sex-Arbeit ist wohl die älteste überhaupt. Immer noch wird sie in der Gesellschaft nicht richtig akzeptiert, dafür von allen Seiten versteckt und totgeschwiegen. Hinter dem Beruf können tiefe Abgründe stehen. Dennoch muss Sex-Arbeit nicht immer negativ behaftet sein. Wie sieht eigentlich der Arbeitsalltag einer Prostituierten, einer „Phone Sex Grandma“, eines Callboys oder gar einer BDSM Domina aus? Letztere thematisiert „My day with Tarna“, ein deutscher Film von Chris Caliman. Ganz pragmatisch und detailliert redet die Domina über ihren Alltag und schafft einen anderen, einen vielseitigeren und menschlicheren Blick auf ihren „Job“.

Ausschnitt aus dem Animationsfilm „Sextricks“ von Fantoche

„Sex Work“ ist auch Thema im Spielfilm von Evangelia Kranioti „Exotica, Erotica, Etc.“. Die griechische Regisseurin hat insgesamt 16 Länder bereist, alleine an Bord nur unter Männern, um ihr Debut zu verwirklichen. Der Film feierte an der Berlinale 2015 seine Premiere. Neben rund zwanzig anderen Regisseuren, Produzenten, Schauspielern und Kuratoren kommt ein Special Guest aus San Francisco an die „Porny Days“: Die Queer-Feminist-Pornoproduzentin Syd Blakovich der Pink&White Productions zusammen mit Shine Louise Houston, der Pionierin des lesibisch/queeren Pornos. Blakovich wird am Samstagnachmittag am „Interaktiven Panel“ zur Online-Pornographie teilnehmen und kritischen Fragen auf den Grund gehen.

Szene aus dem Film „Crash pads guide to fisting“ von Shine Louise Houston

Was ist das Ganze jetzt? Nicht Pornographie, dafür irgendwas mit Kunst und Philosophie? Mit Fokus auf quere Praktiken, auf Sadomaso für Hartgesottene und Mauerblümchen-Sex für Weichspüler? Nun, die Bezeichnung steht natürlich allen Kritikern frei. Tatsache ist, dass die Sexfilme der „Porny Days“ eine andere Funktion haben als die herkömmlichen Filme der Pornoindustrie, die rein aufs Masturbieren ausgerichtet sind. Auch wenn sich dazu einige davon vollkommen eignen, steht der stimulierende Faktor nicht im Zentrum der „Porny Days“. Umso wichtiger die freie Entfaltung, das Experimentieren und der offene Umgang mit dem so breit gefächerten Phänomen Sex.

Bilder: Screenshots

  • michel bourquin 11.2.2016 12.25 Uhr

    schade habe ich das verpasst

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