„Liebeskummer ist der Hammer!“

Die Jungautorin Lina Wilms veröffentlichte am 15. März ihr Buch „Die Anderen nennen mich Schlampe“, einen Roman, der jungen Frauen Mut machen soll, viele Frösche zu küssen, um die grosse Liebe zu finden. Es ist ein Aufruf, nie den Glauben daran zu verlieren, auch wenn man sich noch so oft in den falschen Mann verliebt.

Der Glauben an die Liebe

Der Buchtitel ist ziemlich provokativ und wird leider viel zu oft missverstanden. Wer glaubt, es ginge darum ausschliesslich um die Auseinandersetzung mit dem Begriff „Schlampe“, der täuscht sich. Man kann das Buch gut mit der Jugendromanreihe „Freche Mädchen freche Bücher“ vergleichen, nur, dass er sich an eine Zielgruppe zwischen 16 und 30 Jahren richtet und auch sexuelle Erfahrungen darin vorkommen. Lina findet deshalb auch, der Roman eigne sich nicht für 10-jährige, dafür sei er dann doch zu ernst. Die Parallele zu den Büchern, die sie als junges Mädchen verschlungen hat, liege lediglich im Kitsch. Durch den Kontakt mit den Romanen habe sie schon früh begonnen, an die Liebe zu glauben und als sie dann älter wurde, wollte sie diesen Glauben weitergeben. Bis jetzt könne sie sich kein anderes Thema vorstellen, das könne sich über die Jahre aber vielleicht noch ändern.

Ich habe Lina im Café Sphères getroffen und mich von ihrer ehrlichen, intelligenten und sympathischen Art verzaubern lassen. Sie wurde 1989 als halb Deutsche, halb Schweizerin geboren und verbrachte die ersten Jahre im Rheintal, bevor sie mit ihren Eltern nach Bassersdorf zog. Mit acht Jahren schrieb sie ihre erste Kurzgeschichte über die kleine Mücke Micky und bereits mit 10 Jahren widmete sie ihr Schreiben vollkommen der Liebe. Als junge Erwachsene begann sie an der SAL „literarisches Schreiben“ zu studieren und arbeitet nebenher Teilzeit im Buchhandel.

„Ich habe es immer schade gefunden, dass Frauen sich wegen anderen zurückgenommen haben, das macht doch keinen Sinn“, meint Lina, als ich sie frage, ob das Schlampenthema ihr ein wichtiges Anliegen sei. Darum habe sie gefunden, man müsse den Frauen Mut machen, zu ihren Männern zu stehen. Sie hätten auch Liebe verdient, wenn sie offen dazu stehen würden, viele Männer geküsst zu haben. Dass irgendwann der Richtige kommen wird, daran glaubt sie fest. Wenn eine Frau hingegen von einem Mann zum nächsten springt, um sich selbst etwas zu beweisen, hat Lina kein Verständnis. Im Reinen sein mit der eigenen Sexualität findet sie sehr wichtig, das Motiv dahinter macht’s aus.

In Linas neuem Roman begibt sich die Protagonistin Raffi auf eine Reise, um die wahre Liebe zu finden. In jedem Kapitel wird die Beziehung zu einem neuen Freund geschildert, bis sie schliesslich im letzten den Richtigen findet. Raffi sehnt sich schon früh nach dem Verliebt sein und beschwört diese schöne Gefühle regelmässig wieder auf.

Raffi

Mit der Protagonistin verbindet Lina den Glauben an die Liebe, sie bezeichnet sich aber als kitschiger als Raffi. Ausserdem sei Raffi schlagfertiger und intelligenter als sie, was paradox ist, da sie diese ja erschaffen hat. Sie führt Interviews mit ihren Protagonisten, eine Methode des Creative Writing. Es seien dabei Antworten herausgekommen, die sie sich bewusst niemals überlegt hätte.

Raffi hasst die Schule und hat ein Autoritätsproblem. Ich will von Lina wissen, was für eine Schülerin sie war, worauf sie meint, die Lehrer hätten sie sehr gern gehabt. „Ich war eine Art Alphatier der Klasse, der Puffer zwischen Schülern und Lehrern“. Mit beiden Parteien hatte sie ein gutes Verhältnis. Dies ging so weit, dass sie jeden morgen frei entschieden hat, ob sie zur Schule ging oder nicht. Dies konnte sie sich nur leisten, weil die Lehrer sie mochten. Sie habe sie auf Augenhöhe respektiert, aber trotzdem gewusst, was sie wollte.

Linas Weg zur Autorin

Eine Frage, die sich Lina oft gestellt hat ist, ab wann man sich Autorin nennen kann. Sie sei immer zu realistisch gewesen um zu behaupten, sie werde mit diesem Beruf ihre Brötchen verdienen und wollte eigentlich Radiomoderatorin werden. Als sie dann erste Erfahrungen bei Radio Zürisee sammelte, wurde ihr aber bewusst, dass das nichts für sie ist. Ab dann wollte sie es doch mit dem Schreiben versuchen. Als Autorin bezeichnet sie sich, seit ihr erstes Buch „How to fall sadly in love to be inspired“ herausgekommen ist, ein Roman der im Eigenverlag erschien und circa 80 Mal über Facebook verkauft wurde. Bis anhin hatte sie nie etwas veröffentlicht und die produzierten Texte immer für sich behalten. „In dem Moment, als ich Sachen von mir rausgegeben habe, bezeichnete ich mich selbst als Autorin“.

Inspiration

Linas Lieblingsbuch ist „Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak, wegen der Erzählperspektive und „weil er es schafft, Spannungsbögen von Anfang an aufzulösen und der Leser das Buch trotzdem beenden will“. Das sei eine Gabe, die nicht viele Autoren hätten. Ihre Lieblingsautorin ist Cecilia Ahern, Lina hat alle ihrer Bücher gelesen und stürmt gleich ins Büchergeschäft, wenn ein Neues herauskommt. Cecilia ist ihr sympathisch: „Sie ist eine junge Irin, die auch über die Liebe schreibt“.

Was Lina seit dem Anbeginn ihres Schreibens inspiriert, ist der Liebeskummer. Darauf deutet auch der Titel ihres ersten Romans hin. Wenn sie am Boden zerstört ist, lässt sie den Schmerz durchs schreiben raus. Inzwischen ist sie fähig, ihre Inspiration zu lenken, kann vergangene Gefühle wieder aufkommen lassen. „Ich kann mich so in Trance versetzen, dass ich das Gefühl habe, wieder 14 zu sein.“ Dafür hat sie Texte, die sie in jungen Jahren geschrieben hat und MSN-Gespräche mit Freunden die sie wieder in die Vergangenheit katapultieren, wenn sie diese liest. Bis heute führt sie regelmässig Tagebuch, das ist ihr sehr wichtig. „Wenn man seine Texte veröffentlicht, braucht man etwas, das nur einem selbst gehört“, findet sie.

Krimis könnte sie niemals schreiben, sie würde sich aber gerne an Pornos heranwagen. Von „50 Shades of Grey“ hält sie nichts, den einzigen Vorteil der Veröffentlichung sieht sie darin, dass man sich heutzutage locker in der Erotikabteilung eines Büchergeschäfts sehen lassen kann. Momentan, findet sie, werde nur Mist produziert. Die klassischen erotischen Romane von Anais Lin hingegen mag sie sehr. „Um gute Pornos zu schreiben, brauchst du einen riesigen Wortschatz, es ist sehr schwierig“.

Es geht um die Liebe

In Linas Roman wird ausschliesslich der Liebesaspekt der Protagonistin beleuchtet, andere Lebensumstände bleiben mehr oder weniger im Dunkeln.

Der Schwester Raffis fällt zum Beispiel alles in den Schoss und sie weiss genau, was sie will. Die Protagonistin hingehen kämpft sich ziemlich unwillkürlich durchs Leben, gerät an die falschen Männer und verrichtet Jobs, die nicht wirklich zu ihr passen. Auch der Grossteil ihre Freunde verschwindet im Verlauf der Geschichte, wobei der Leser nicht erfährt, warum und wohin. Das Verhältnis zu den Eltern wird auch nicht detailliert thematisiert, dass die Mutter sich viel mehr auf ihre ältere Tochter konzentriert und der Vater fast nie zuhause ist, hätte man viel mehr ausleuchten können. Diese Umstände haben laut Lina nichts im Buch verloren, es geht um die Männer der Hauptperson, das Kernthema bleibt konsequent aufrechterhalten.

An einer Stelle des Buches findet Raffi im Rückblick, sie habe sich wahrscheinlich nur in den Fussball spielenden Andreas verliebt, weil er gross sei und dass es auf die Grösse schlussendlich nicht ankomme. Auf die Frage, worauf es bei einem Mann denn dann ankomme, meint Lina: „Die Chemie muss stimmen. Man muss zu reden und zu lachen haben, sich fallenlassen können“. Ein schlauer Satz aus „Sex and the City“ kommt ihr dazu noch in den Sinn: Er ist schön, weil du ihn liebst, du liebst ihn nicht, weil er schön ist.

Der Ernst des Lebens

Im Verlauf des Buches wird oft der Wandel der Liebe beschrieben, welcher sich vom Kind zum Erwachsenen vollzieht. Unter „Erste Liebe“ fällt für die Protagonistin der Mann, bei dem sie ihr Umkreis stetig fragt, ob sie schon mit ihm geschlafen habe, wo also plötzlich Druck von aussen auftaucht. Ausserdem denkt sie zum ersten Mal ernsthaft daran, ihr gesamtes Leben mit diesem Mann zu verbringen. Ich will wissen, warum Beziehungen im Erwachsenenalter nicht gleichermassen unbeschwert sein können. Lina findet dazu, man erwarte später einfach viel mehr vom Partner. Als Kind ist Händchenhalten wahrscheinlich das Highlight überhaupt und man macht sich keine Gedanken darüber, ob der Junge dazu der Richtige ist oder nicht. Je älter man werde, desto mehr sehe man sich aber mit gesellschaftlichen Anforderungen konfrontiert wie zum Beispiel eine längere Beziehung zu führen oder an gewissen Anlässen gemeinsam zu erscheinen. Deshalb sei es quasi unmöglich, das Kindliche in der Beziehung weiterleben zu lassen. „Zusammen verrückt sein kann aber helfen“.

Raffis Eltern sind zusammen, eigentlich eine Rarität wenn man den Statistiken zur Scheidungsrate Beachtung schenkt. Ich frage Lina, ob dieser Umstand Einfluss hat an den hoffnungslosen Optimismus der Protagonistin ebenso wie an denjenigen von Romantikern im Allgemeinen. Sie findet darauf, es sei nicht ausschlaggebend. Andere Faktoren würden mitspielen, wie die Trennung der Eltern verlief, zum Beispiel. „Wenn du deinen Vater nicht mehr sehen kannst, weil deine Eltern verstritten sind, kannst du kein normales Verhältnis zur Liebe haben“.

Ich frage Lina, ob sie einen Nutzen in Liebeskummer sieht. „Liebeskummer ist der Hammer!“, findet sie darauf und lacht. Er dient ihr als Hauptinspirationsquelle, sie hat sich sogar einmal extra wieder auf einen Ex eingelassen, obwohl sie wusste, dass es mit ihm nicht funktionieren würde. Grund dafür war eine chronische Schreibblockade. Wenn ihr Leben stetig ohne Hochs und Tiefs weitergelaufen wäre, hätte sie nicht schreiben können, meint sie. Liebeskummer solle man ausleben, sich dagegen zu wehren sei falsch. Die 4 Phasen der Trauer könne man auch gescheiterte Liebe anwenden. „Alles, was dich auf den Boden wirft, macht dich stärker“.

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