Kosmopolitismus oder Nationalstaat?

Der französische Philosoph Etienne Balibar ist bekennender Marxist. Seit einigen Jahren untersucht er wie individualistische und kosmopolitische Strömungen unsere Gesellschaft beeinflussen.

Kosmopolitismus ist die Ideologie, wonach sich eigentlich alle Menschen richten sollten. Basierend auf der Grundlage einer gemeinsamen Moral, würden alle Menschen zu einer einzigen weltoffenen Gemeinschaft werden.

Der ganze Erdkreis würde eine einzige Heimat mit verschiedenen Nationen sein. Eine Heimat mit einer von allen Nationen respektierten ökonomischen und politischen Struktur. Diesem Eine-Welt-Modell steht aber der Nationalstaat gegenüber. Im Kosmopolitismus gibt es keine Ausbeutungen, keine Feinde, demnach im Grunde auch keine Kriege, den Kosmopoliten verfolgen alle das gleiche Ziel: eine offene Welt. Das klingt in dieser Form vielleicht ein wenig naiv, aber ist gar nicht so weit hergeholt.

Der neue Kosmopolitismus

Unsere Welt ist von sozialen Ungerechtigkeiten gekennzeichnet. Am unteren Ende der Wohlstandspyramide sind unzählige Menschen im Kreislauf von Hunger, Armut und Schulden gefangen. Man muss nicht einmal zu weit ausholen. In einer osteuropäischen Kleinstadt verkauft ein mittelloser Mann seine Niere, damit ein Schweizer Geschäftsmann überleben kann. Im Nahen Osten herrschen Kriege, damit im Abendland geheizt werden kann. Das Schicksal von Menschen in Wohlstandsregionen ist gekoppelt mit dem Schicksal von Menschen in Armutsregionen. Wir sind schon alle voneinander abhängig, ob wir es verstehen wollen oder nicht. Der Gedanke des Weltbürgertums klingt unter diesen Umständen gar nicht so unerstrebenswert.

Viele verstehen den Ausdruck "Weltbürger" in erster Linie politisch. Seit ihren Anfängen kennt die Philosophie jedoch eine umfassendere Bedeutung. Im Zeitalter der Globalisierung gewinnt diese Bedeutung eine neue Aktualität. Denn wo unterschiedliche Kulturen dieselbe Welt miteinander teilen, dort braucht es auch ein kulturunabhängiges Denken. Nur wenige Philosophen haben ein derart umfassend kosmopolitisch geprägtes System entwickelt wie Immanuel Kant, der Weltbürger aus Königsberg.

Bekennender Marxist: Etienne Balibar

"Egaliberté" - Gleichfreiheit

Genauso wie bei Kant bewegt Etienne Balibar eine grundsätzliche Ächtung des Krieges dazu, kosmopolitisches Rechts- und Staatsdenken auszubauen. Balibar meint eine wachsende Verwirrung zwischen den historischen und politischen Kategorien des "Fremden" und des "Feindes" zu beobachten. Diese Verwirrung entstehe aus der Struktur des Nationalstaates heraus. In seiner Vorlesung "Towards a new Cosmopolitanism? Strangers not Enemies" welche er diese Woche in der ZHdK hielt, exemplifiziert der Philosoph, warum nationalstaatlichen Strukturen die Nationen zum "globalen Bürgerkrieg" führen und wie Kosmopolitismus diesen aufheben könnte.

Balibar animiert die Gesellschaft dazu den Begriff "Staatsbürgerschaft" ganz allgemein zu überdenken. Als er vor wenigen Jahren das Wort "egaliberté" (Gleichfreiheit: Jeder ist frei. Jeder ist gleich.) erfand und erläuterte, ging es ihm zunächst einmal um das "Recht auf Recht", dass jedem Menschen zustehen sollte und weniger um eine Kritik an die Staatsbürgerschaft. Heute erachtet er es aber als äusserst wichtig, dass "Recht auf Staatszugehörigkeit" nochmals zu definieren und deklarieren. In jeder Demokratie gibt es Verluste an Rechtlichkeit und Freiheit. Die Globalisierung drängt, mit ihrer kapitalistischen ökonomischen Macht, die Demokratie auf eine Form, die kein Ort der Gleichheit mehr sein kann. „Wenn die freie Marktwirtschaft als die eigentliche Grundlage der Demokratie verstanden wird, wird der Souverän der Demokratie zum ohnmächtigen Zuschauer des Anwachsens von Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Unfreiheit.“, sagte auch schon der deutsche Philosoph Hans Jörg Sandkühler.

Kosmopolitismus?

Demokratie existiert nicht

Für Balibar existiert Demokratie als solches nicht. Anders gesagt, es gibt Demokratie, aber es sollte keine demokratischen Staaten geben. Denn Demokratie sei etwas, das sich ständig verändern müsste. Es gäbe, so Balibar, ein unstabiles Equilibrium zwischen demokratischen und transdemokratischen Tendenzen, aber keine Demokratie. Der Anspruch auf eine gerechte weltbürgerliche Politik, die als "Kosmopolitismus" bezeichnet werden kann, müsste in einem Wert begründet werden, auf den alle Anspruch erheben können und in durchsetzbare Normen transformiert werden.

Weltbürgertum - Migration

Besonders in der Schweiz ist die Idee des Weltbürgertums, des Rechts auf Staatszugehörigkeit, angesichts der Migrationspolitik höchst interessant. Gemäss Balibar, haben alle das Recht auf eine Staatszugehörigkeit, Betonung auf "Zugehörigkeit". Der Kosmopolit braucht keine Nationalität mehr. Wie gesagt, es gäbe keine Fremde mehr, keine Feinde nur "co-citizens". Wenn Kosmopolitismus keine philanthropische Leerformel sein soll, dann muss die Perspektive einer kosmopolitischen Welt auf Menschenrechtsverhältnisse zielen. Menschenrechte, nicht als Ideal oder gar Utopie, sondern als positives Recht, das demokratisch zu erschaffen ist.

Wo bleibt die Identität im Weltbürgertum?

Wie ist ein Kosmopolit wirklich?

Folgt man Balibars Erläuterungen, dann scheint es, als sei der Kosmopolitanismus die reifere, erfahrene Schwester des Kommunismus, der klügere und globalisierte Cousin des Sozialismus, die Antwort zu den Problem des Nationalstaats und seinem ihm auszerrenden Kapitalismus.

Die Frage bleibt dennoch, was muss der Kosmopolit tatsächlich für Eigenschaften aufweisen? Wie können sich Menschen untereinander identifizieren, wenn Nationalität, Religion, in einer späteren, abstrakteren Vision des Kosmopolitismus, auch kulturelle Merkmale wie Traditionen plötzlich wegfallen? Wie definieren wir dann Identität?

Lesenswert:

‘A racism without races’: An interview with Étienne Balibar

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