Im Reich der Klänge

Die Suche nach Wurzeln, Einflüssen und Widersprüchen treibt die studierte Opernsängerin Shara Worden auf ihrem vierten Studioalbum «This Is My Hand» erneut an. Mit ihrer unverwechselbaren akrobatischen Stimme nahm sie gestern das Publikum im Bogen F auf eine abenteuerliche Expedition in die Parallelgalaxien des Avantgarde-Pop.

Es rauscht. Es knattert und knistert. Es klingt nach Revolution, nach Aufruhr, nach Krach. Es ist Tim Fite. Der amerikanische Selbstdarsteller aus Brooklyn eröffnete gestern im Bogen F den Konzertabend. Berauscht von seiner Musik, bewegte sich Tim Fite ekstatisch, rekelte und streckte sich wie eine Raubkatze behaglich aus, während er seine Lieder interpretierte. Lieder ist vielleicht zu hoch gegriffen, denn Tim Fite Kompositionen sind viel mehr ein kunstvolles Spiel im Kaleidoskop der Klänge. Die New York Times nannte ihn ein "ungezähmtes Original". Tatsächlich kommt Tim Fite auf der Bühne wie ein durchtriebenes aber intelligentes Enfant Terrible mit komödiantischem Talent rüber. "iBeenHACKED", sein neustes Album, ist eine satirische Meditation über das Vordringen von High-Tech-Geräten in unser modernes Leben. Der Künstler zeigte kurze Filme und Illustrationen, die er immer wieder mit humorvollen Anekdoten begleitete. Das Ganze hatte was von einer sehr persönlichen Folk-Rock-HipHop-Hymne auf unsere paradoxe Welt.

Tim Fite

Musik wie eine frische Brise, die in einer warmen Sommernacht die Haut kühlt, Melodien die einem Flügel verleihen und Altem neues Leben einhauchen. Das kann Shara Worden. Rock'n'Roll fand als erstes den Weg ins Kinderzimmer und Herz der jungen Shara und motivierte sie Gitarre zu spielen. Später machte sie eine klassische Ausbildung und veröffentlichte noch während dem Studium ihr erstes Album "Word", damals noch unter dem Namen Shara. Nach einer Tour mit Sufjan Stevens als cheerleading Kapitän, tritt Shara Worden nun unter dem Namen "My Brightest Diamond" auf. My Brightest Diamond beherrscht die formvollendete Fusion von Oper, Kabarett, Kammermusik und Rock. Sirenenhafter Gesang, komplexe Instrumentierung, eine durch Zeit und Raum fallende Stilbreite, erinnern an Kate Bush, Björk, Beth Gibbons.

My Brightest Diamond

Vor zwei Wochen startete My Brightest Diamond mit Tim Fite die "Hand in Hand" Tour um ihr viertes Studioalbum "This Is My Hand" zu präsentieren. Die Energie, welche die beiden auf der Bühne ausströmen, ist ansteckend. Vor allem wenn sie sich gegenseitig liebevoll und spielerisch anpöbeln und sich in ihrer Klangwelt verlieren.

Als man sie in einem Interview nach dem Arbeitsprozess hinter "This Is My Hand" fragte, antwortete die Sängerin und Multiinstrumentalistin, dass sie das ganze Album hindurch ein lebhaftes Bild vor Augen hielt: "Ich stelle mir eine Gruppe Menschen vor, die um ein Feuer versammelt, zusammen Musik machen, sich Geschichten erzählen oder einem Schamanen zuhören." Die Energie der Gruppe hat auch schon in der Vergangenheit Wordens Arbeiten genährt, wie zum Beispiel als sie erstmals ihren experimentellen Kabaret-Pop kredenzte.

Für die Sängerin versteht sich Musik als Wissenschaft, Forschungsobjekt, Luft zum Atmen. Das mit Hilfe von Keyboarder Zac Rae selbstproduzierte Album "This Is My Hand" ist eine erfolgreich gemeisterte Übung in perkussivem Kunst-Pop, welches Themen wie Selbstakzeptanz, Sinnlichkeit und Gemeinschaft erkundet.

Die Suche nach Wurzeln und Gemeinschaft hat man gestern auch im Bogen F gespürt, als die Sängerin das Publikum animierte mit ihr die Lead-Single "Pressure" zu singen. Das Lied beginnt mit einer galvanischen Drumline der Detroit Party Marching Band, bevor Wordens rauhe Stimme gegen einen rhythmischen Bläsersatz in die Höhe schnellt. Während der Rest der Welt sich langsam Schlafen legte, tauchte das Publikum unter dem Bogen F in eine Welt zwischen milden bruitistischen Geräuschen und avantgardistischem Pop, es knisterte subkutan.

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