„Im Jahr verkaufen wir über 1 Million Teile“

Findet man in Brockenhäuser tatsächlich noch wahre Schnäppchen oder sind sie zu einem Highclass-Secondhand-Laden geworden? Das Zürcher Brockenhaus erstaunt schon mal mit auffallend hohen Preis und das Heilsarmee Brocki scheint als würde es nicht wirklich den Nerv der Zeit treffen. Wir haben beiden Vertretern auf den Zahn gefühlt.

Es ist viel zu kalt für einen Morgen im Herbst. Die Temperaturen sind über Nacht um mindestens sechs Grad gesunken, ohne dass ich Zeit gehabt hätte, mich darauf einzustellen. Da ich mich beim Anziehen strikt geweigert habe Socken anzuziehen, spüre ich, wie der frostige Wind an meinem Schienbein hinaufkriecht, während ich die Eingangstreppen des Zürcher Brockenhauses betrete. Die Türe öffnet sich automatisch, schon toll diese Technik! Schicke Möbel, ausgefallene Kleider, Raritäten; im Zürcher Brockenhaus fühlt man sich wie in der Grotte des Aladdin und seinen vierzig Räubern. Ich belausche zwei Freundinnen, welche eine alte Stehlampe mustern. Von weitem erhasche ich einen flüchtigen Blick auf den Preis und zucke innerlich zusammen. „Die werden immer teuer hier“, spricht die eine meinen Gedanken laut aus und wendet sich enttäuscht vom Sammelobjekt ab.

Beim Infostand im zweiten Stock melde ich mich an: Ich habe einen Termin mit Ueli Müller, dem Geschäftsführer. Die Frau hinter der Glasscheibe schielt kurz nach hinten ins Büro, er ist gleich soweit.

Morgen vor genau 110 Jahren, am 04. November 1904, eröffnete an der Pfalzgasse 6 das erste Brockenhaus der Schweiz seine Tür. Das Personal bestand aus einer Verkäuferin, einem Sortierer, der auch leichte Reparaturarbeiten ausführte, einer Schneiderin sowie einem Ausläufer zum Einsammeln von Warenspenden aller Art. Die Mitglieder des ersten Vorstands des Verein Zürcher Brockenhaus bestanden hauptsächlich aus Geistlichen aus verschiedenen Religionsgruppierungen. Der Name Brockenhaus kommt aus der Bibel, wo Jesus nach einer Speisung seinen Jüngern befiehlt: «Sammelt die übrig gebliebenen Brocken, damit nichts verloren gehe!» Bei der Suche nach einem geeigneten Namen für eine Sammel- und Verkaufsstelle für gebrauchte Waren, deren Ertrag zur Finanzierung seines sozialen Werkes diente, erinnerte er sich ein deutscher Pastor an die oben zitierte Bibelstelle und der Name war geboren! Es ist also naheliegend, dass die Herren im Verein Zürcher Brockenhaus mit diesem Namen uns an das spirituelle, gemeinnützige Wesen des Hauses erinnern wollten.

Ein grossgewachsener Mann mit einem freundlichem Lächeln kommt mir entgegen. „Setzen Sie sich doch.“

Würde in seinem nächsten Leben gerne Schreiner sein. Ueli Müller, ehemaliger Möbel Pfister Geschäftsführer ist passioniert von Möbel, Innendesign und Ästhetik

Sie sind nun seit sechs Jahren Geschäftsleiter des Zürcher Brockenhauses. Haben Sie in den letzten Jahren grössere Veränderungen miterlebt?

Veränderungen gibt es natürlich jedes Jahr. Aber es gibt konstante Veränderungen und dementsprechend Entwicklungen, die dahinter stecken. Wir haben festgestellt, dass wir schon lange nicht mehr nur für Bedürftige, die Kleider oder Möbel brauchen, oder für Sammler hier sind. Die meisten kommen zu uns aus Freude an Gebrauchtem und Second Hand, welches sie dann mit neuem ergänzen. Ein Gegenstand, welcher 50 oder mehr Jahre auf dem Buckel hat, der ist anders. Der erzählt eine Geschichte! Ich glaube eine Entwicklung der letzten Jahre ist bestimmt, dass man diese Geschichten der Gegenstände vermehrt schätzt. Darum geht man heute in Brockenhäuser. Der Anspruch an die Gegenstände hat sich im Gegensatz zu früher sehr gewandelt.

Seit einigen Jahren durchleben wir einen sogenannten „Vintage-Trend“, zurück in die alten Stuben. Diese Modeerscheinung muss dem Brockenhaus bestimmt geholfen haben.

Dieser Trend hat bestimmt mehr Menschen ins Brockenhaus getrieben aber aus reinem Abdeckungsbedürfnis kommen dafür weniger. Man darf nicht vergessen, 1934 waren wir das einzige Brockenhaus in der Stadt. Heute gibt es Hunderte von Vintage-Geschäfte in Zürich – mit dem Bedürfnis stieg also auch das Angebot. Dennoch stehen wir heute gut da, weil wir immer noch ein breites und gutes Angebot haben und das ist einer der wichtigsten Voraussetzungen für ein Brockenhaus.

Wie erhalten Sie ein gutes Angebot?

Naja, in erster Linie bekommen wir unsere Ware. Alles beginnt in einem tiefgründigen Selektionsprozess. Die Qualität ist hier entscheidend. Wir sind auf qualitätsreiche Warenabholungen angewiesen. Im Allgemeinen ist unser Kredo aber ziemlich simpel: Alles was käuflich ist, das nehmen wir mit, es muss jedoch in einem guten Zustand und sauber sein! Wenn einem Tisch ein Bein fehlt, oder ein Sofa voller Flecken ist, können wir das nicht mehr annehmen. Wir bieten dann dem Kunden eine gesetzmässige Entsorgung, zu den Entsorgungstarifen der Stadt Zürich, an.

Das Zürcher Brockenhaus nimmt nicht alle Waren an. Sollte es sich umsonst deplatziert haben, muss es die Mitarbeiter für ihren Aufwand trotzdem dafür entlohnen.

Als kleines Kind kam ich oft mit meinem Stiefvater ins Brockenhaus. Wir haben sogar einmal ein Sofa für 40 Franken gekauft! Heute ist es nicht mehr so. Wie bestimmen Sie eigentlich Ihre Preise?

Dafür muss man die Kultur der Brockenhäuser etwas verstehen. Wir haben 28-30 Mitarbeiter in unserem Haus und alle sind bezahlt. Wir sind nicht quersubventioniert, sondern sind ein eigenständiger, selbsttragender Verein, der alle Marktleistungen erbringen muss. Wir messen unsere Löhne an den Detailhandel und ich kann mit Stolz behaupten, dass wir über dem Durchschnitt liegen. Sehen Sie, wenn wir zum Beispiel ein Sofa abholen müssen, sagen wir irgendwo in Altstetten, dann brauchen wir mindestens eine Stunde dafür. Das entspricht einer Kostenverursachung von 100 bis 150 Franken. Es ist also rein wirtschaftlich unmöglich, ein Sofa unter diesem Preis anbieten zu können.

Man wirft Ihnen vor, zum Teil alte Ikea Möbel teuer zu verkaufen.

Das ist vollkommen gelogen! Aber gegen solchen Vorwürfen wehren wir uns nicht mehr. Wir prüfen den Wert eines jeden Artikels vorher ganz genau ab. Falls der Artikel noch neuwertig ist, dann schreiben wir 40 Prozent vom Verkaufspreis ab. Wenn der Herstellerpreis sehr tief war, dann sind wir zwar etwas in der Klemme aber hoffen, dass wir das mit anderen Artikel wieder herausholen können. Wir können den wirtschaftlichen Aspekt nicht umgehen. Daneben gibt es natürlich auch den Faktor der Begehrlichkeit. Nehmen Sie beispielsweise einen Artikel wie den Glarusstuhl, den wollen zurzeit alle. In diesen Fällen kaufen wir solche Artikel auch ein, weil wir wissen, dass ein Bedarf danach besteht.

Wenn heute ein Restaurant schliesst, dann geben sie die alten Beizentische nicht mehr ins Brockenhaus, wie früher, sondern verkaufen es an den Meistbietenden. Es kommt schon vor, dass das Brockenhaus ein Sammelobjekt auch einkaufen muss.

Manchmal scheint es mir, als würde ich immer wieder über die gleichen Gegenstände stolpern. Wie lange bewahren sie die Artikel im Brockenhaus?

Im Durchschnitt etwa drei Wochen. Aber spannend ist das schon, sie schauen sich einen Gegenstand an, den ich nicht beachten würde und umgekehrt. Dieser Gegenstand mag seit einem Jahr hier sein, oder gleicht einem anderem. Auf jeden Fall haben wir eine starke Drehung der Ware. Im Jahr verkaufen wir über eine halbe Million Teile! Vom Kugelschreiber bis zum fünf Meter hohen Schrank.

Es gibt aber bestimmt Artikel, die sie nie loswerden…

Nein, fast nicht.

Tatsächlich? Dann ist das hier das beste Warenhaus!

Nein, ein Warenhaus folgt einem anderen Prinzip. Es hat Margen und handelt primär den Margen nach. Wenn wir nach drei Wochen merken, dass ein Artikel nicht wegkommt, dann gehen wir mit dem Preis runter, nach drei Wochen nochmals, und so weiter. So kommt eigentlich alles weg!

Wie wählen Sie ihre Mitarbeiter aus? Braucht man eine spezielle soziale Ader, um im Brockenhaus arbeiten zu können?

Wir haben verschiedene Abteilungen. Was viele Leute nicht wissen ist, dass wir hauseigene Werkstätten führen. Diese werden von ausgebildeten Mitarbeitern unterhalten. In der Buchhandlung sitzt eine erfahrene Buchhändlerin. Schränke werden vom Schreiner aufpoliert, Sessel gepolstert, Lampen von einem Elektriker geprüft, Uhren untersucht, das alles braucht Fachkenntnisse. Aber ich gehe immer zuerst nach dem Charakter. Wir haben sehr engagierte Angestellte. Ich schaue, dass ich ihnen ein gutes Arbeitsklima bieten kann, schaffe soziale Vorteile, wie etwa unsere eigene Pensionskasse, nur für die Mitarbeiter. Bei uns falten die Mitarbeiter nicht den ganzen Tag irgendwelche Kleider zusammen, wie bei H&M, zum Beispiel. Wir sind keine Roboter, der Kunde ist hier nicht König, aber Gast. Und als Gast muss er sich auch benehmen! Ich achte auf gegenseitige Wertschätzung. Das schafft eine gute Atmosphäre, die unsere Kunden schätzen.

Die Bücherschwemme des Zürcher Brockenhauses. Das Brockenhaus kriegt über 5000 Bücher und verkauft etwa die Hälfte davon. Dass in unserer Zeit überhaupt noch Bücher gelesen werden, empfindet Ueli Müller als Rückwärtsentwicklung, ist aber froh darum. Gepflegt wir die Bibliothek von einer ausgebildeten Buchhändlerin. Die Bücher, welche das Haus nicht verkaufen kann, landen in der Papierentsorgung.
Das Brockenhaus entwirft in seinen Ateliers auch eigene Möbelstücke, die es im dritten Stock verkauft.

Wie macht das Brockenhaus Werbung?

Wir können uns keine Werbung leisten, weil wir gemeinnützig sind. Nicht betriebsnotwendiger Gewinn wird in verschiedene soziale Institutionen investiert. Das ist jedes Jahr rund um die 250‘000 Franken. Zusätzlich zu diesen Beiträgen haben wir uns verpflichtet, den Verein Elch, den Verein Pinocchio und die KLAMU (Klassenmusizieren der Musikschule Zürich) zu unterstützen. Werbung sind unsere rosa Lastwagen und unsere Papiersäcke.

Aus dem 109. Jahresbericht des Vereins Zürcher Brockenhaus: Das Zürcher Brockenhaus macht einen Betriebsertrag von über ein paar Millionen Franken, allerdings fliesst fast genau so viel wieder im Betriebsaufwand ein. 2014 wurde ein Beitrag von mehrere tausend Franken für Werbung budgetiert, hauptsächlich für Telefonbücher und Internetauftritte. Es kriegt Mitgliederbeiträge, die aber nicht sehr hoch sind und ein kleiner Betrag an Spenden. Genauere Zahlen dürfen nicht bekanntgegeben werden, klar ist aber, Werbung gilt wie bei einem normalen Unternehmen als betriebsnotwendig, wobei sich die Zahlen wirklich im Rahmen halten.

In hundert Jahren könnten im Brockenhaus nur noch Ikea und Designer Möbel sein, das wäre dann nicht mehr so spannend. Welche Zukunft prophezeien sie dem Zürcher Brockenhaus?

Das Brockenhaus vor 50 Jahren muss ziemlich langweilig gewesen sein. Möbel und Kleider waren alle sehr ähnlich. Auch ein Brockenhaus ist am Wandel der Zeit unterworfen und muss sich anpassen und diese Anpassungen müssen schneller stattfinden, als es in den letzten 50 Jahren der Fall war. Wir werden uns immer wieder an den Markt anpassen müssen, ich habe aber keinen Zweifel, dass wir Ware bekommen werden. Selbst in einer Deflation werden gewisse Sachen wieder eine Wertung haben. Ich glaube, wir müssen schlicht eine hohe Anpassungsfähigkeit haben, dann werden wir auch in hundert Jahren noch gemeinnützig tätig sein und ein tolles Haus haben. Am wichtigsten ist es, dass es Sinn macht. Und im Moment machen wir Sinn.

Für jeden Schrank der ohne Schlüssel kommt, wird einer geschmiedet.
Aus alt wird neu. Die Ateliers sind zu einem hohen Standart ausgestattet. Alte Möbel werden hier fachgerecht restauriert, gepolstert, geölt, angestrichen etc. Damit steigt der Verkaufspreis auf ein höheres Niveau.

  • Jutta Reith 11.2.2018 16.03 Uhr

    Mein Mann und ich sind Brocki-Fans (SH, Frauenfeld, St. Gallen). Leider stößt uns die Preisgestaltung immer mehr sauer auf. Der niedrigste Preis lag mal bei 50 Rp, wurde dann auf 90 Rp angehoben. Am Beispiel Bekleidung ist es nun so, dass es nur noch Preissprünge gibt - Beispiel: 1,90 - 2.90 - 4,90 - 8,90 - 14,90 - 18.90 - und höher. Setze ich das in Relation zu einem gut erhaltenem Stuhl für 19 SFR bleibt nur noch Kopfschütteln und Kaufverweigerung.

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