Grünau

Seit Dezember 2012 fährt die ursprünglich als Provisorium geplante Tramlinie Nr. 17 vom Zürich Hauptbahnhof in ein Quartier, das kaum einer kennt und erst seit der Tramdebatte die Aufmerksamkeit erhält, die es schon lange fordert – Die Rede ist von Grünau.

Spricht man mit wohnungssuchenden Zürchern – und wir Zürcher sind ja irgendwie immer auf Wohnungssuche - dann fällt einem folgende Gemeinsamkeit auf: Alle deaktivieren auf den Online-Suchportalen die Häkchen bei immer den gleichen Quartieren: Es sind Quartiere, in denen die Wohnungssuchenden nicht leben möchten, weil sie entweder abgelegen sind wie Leimbach, Affoltern oder Witikon. Oder weil sie als Problemquartiere abgestempelt unbeliebt sind, so wie Seebach oder Schwamendingen – oder eben Grünau.

Dabei könnte man doch annehmen, die Grünau sei ein Idyll in Stadtnähe. Man denkt an grüne und wilde Natur, an sonniges Wetter, fröhliche Farben, zwitschernde Vögel, vielleicht an Gewässer und vor allem an Ruhe. Warum aber wollen wir dort nicht wohnen? Wir haben uns aufgemacht, ein Quartier zu entdecken, das uns, und so geht es vielen Zürchern, gänzlich unbekannt war.

Mit dem Tram Nr. 17 fahren wir vorbei an kleinen herzigen Arbeiterhäuschen, an der Überbauung Kraftfeld, vorbei an der Stadionbrache und dann plötzlich sind wir da – Haltestelle Grünaustrasse. Vor uns eine schier endlos lange, kurvenlose Strasse, deren rechte und linke Seite statt alter Arkaden alte Wohnblöcke zieren. Grau in Grau – das Wetter ist schlecht – heisst uns Grünau willkommen.

Wir werden in einer kleinen Serie Quartierbewohner und Menschen, die sich im Quartier engagieren oder dort arbeiten vorstellen, denn sie sind es, die der Grünau Leben einhauchen.

Um die Aussagen der Einwohner besser verstehen zu können, muss man ein paar Dinge wissen. Viele Bewohner bezeichnen ihr Zuhause als Bermuda-Dreieck. Das Quartier Grünau ist abgeschottet wie eine Insel. Im Norden wird es durch die Limmat begrenzt, gleich dahinter befindet sich die Werdinsel, wo sich viele Zürcher am Wochenende in die Sonne legen und sich vom stressigen Alltag erholen. Im Osten begrenzen die Sportplätze Hardhof und die Europabrücke das Quartier. Und im Süden schneidet die Autobahn A1 das Quartier ab – der Lärm ist oft Gesprächsstoff im Quartier. Schon seit vielen Jahren wird eine Lärmschutzwand vom Quartier gefordert, aktuell ist der Bau der Lärmschutzwände auf 2015/2016 geplant. Neben dem Lärm ist ein anderes grosses Problem der Gestank.

Bei der Endhaltestelle des 17ers befindet sich die Klär- und Verbrennungsanlage Werdhölzli. Das gesamte Abwasser der Stadt Zürich wird dort gereinigt, rund 80 Millionen Kubikmeter Abwasser - die Hälfte des Wasservolumens des Greifensees. Und es kommt noch mehr! Das Stimmvolk beschloss am 3. März eine Erweiterung: Für 68 Millionen wird eine zentrale Klärschlammverwertungsanlage gebaut. Dann würden nicht mehr nur städtische Abwasser hier gereinigt, sondern der Klärschlamm aus dem ganzen Kanton würde mit zusätzlichen 1‘000 LKWS hierher verfrachtet. Die Wohnungen in Grünau sind entsprechend günstig, der Ausländeranteil sehr hoch und die soziale Durchmischung gering.

Abgegrenzt von anderen Quartieren leben die Bewohner ohne Poststelle, Apotheke und ohne eigenen Bankomat, den man dort eigentlich auch nicht braucht. Denn eine Shoppingmeile sucht man hier vergebens. Verwöhnte Louis-Vuitton-Töchter würden hier wohl eingehen. Es gibt kein einziges Kleidergeschäft, keinen Schuhladen und keine Boutiquen. Die einzige Einkaufsmöglichkeit ist die Migros Voj. Der Geschäftsführer setzt alles daran, dass es den Quartierbewohnern an nichts fehlt; Bei ihm gibt es neben dem üblichen Migros-Sortiment auch Wein und Alkohol. Denn auch in Grünau wollen die Menschen Feste feiern. Sogar seine Post aufgeben und abholen, oder Glückslose kaufen kann man in der etwas anderen Migros.

Auch plagt die Bewohner von Grünau die Angst vor Kriminalität und Gewalt. Denn demnächst werden auf dem Areal gleich neben dem bestehenden Asylzentrum Verrichtungsboxen aufgestellt.

Wie die Menschen im Quartier dennoch einen Weg gefunden haben, trotz allen Widrigkeiten, ein familiäres und herzliches Quartierleben zu führen, zeigen unsere Portraits.

Die Serie Grünau geht weiter mit einem Beitrag zum Dokumentarfilm: Grünau - Das Ziehen am Rande der Stadt - von Thomas Isler.

  • Fabian Reichle 03.4.2013 11.27 Uhr

    Das freut mich, mal was über die Grünau zu lesen! Danke dafür.

  • Philippe Keiser 03.4.2013 11.31 Uhr

    Bermuda-Dreieck beschreibt das Quartier wirklich passend. Ich musste zuerst auf der Karte nachschauen, wo sich Grünau überhaupt befindet. Bin gespannt, was es alles zum vergessenen Quartier zu berichten gibt.

  • domînik siegmann 04.4.2013 14.55 Uhr

    Tatsächlich super, der Bericht aus der Grünau. Fasst die Befindlichkeit hier ziemlich realistisch zusammen, scheint mir.
    Leider ist die Grünau auch hier im Westnetz nur marginal vertreten, eure interaktive Karte hört ja auch mitten in der Grünau auf... würde mich freuen, wenn dieser Bericht keine Eintagsfliege bleibt, sondern der Westnetz-Horizont auch zukünftig den ganzen Kreis 9 erfasst.

  • Emine Tekin 03.8.2017 23.04 Uhr

    Ich habe vor Jahren in Grünau gewohnt. Seit sie das alte Quartierviertel abgerissen haben, hat man die Beziehungen zwischen den Menschen zerstört.. Alle kannten sich und alle waren sehr glücklich.. nachdem die alten Wohnungen abgerissen wurden, starb Grünau aus..

Karte wird geladen ...

Logo Westnetz