„Gestern war ihr Telefon einsam“

Das sogar Theater inszeniert den Briefwechsel von Uwe Johnson und Max Frisch. Westnetz war da und hat anschliessend mit dem Literaturkritiker Peter von Matt gesprochen.

Ein Podium, darauf ein gelber Tisch mit roten Tischbeinen. Zwei Männer im Anzug mit gestreifter Kravatte betreten die Bühne. Man fragt sich, wieso ausgerechnet zwei Anzugträger Max Frisch und Uwe Johnson darstellen, soll das etwa eine Anspielung auf unsere konforme, wirtschaftsbestimmte Zeit sein? Die Schauspieler lesen Auszüge aus dem Briefwechsel von Uwe Johnson mit Max Frisch. Aufgelockert wird das Ganze mit einer Diashow: Frisch in Berzona, Frisch mit Marianne in Rom, Johnson in Berlin, Johnson und Frisch am Diskutieren. Eine nervöse Klaviermelodie begleitet die Bildsequenz.

Frisch spielt Boule

Die Briefe enthalten neben Diskussionen über die Arbeit auch die Trennung Frischs von Marianne, Johnsons Depression während seines Aufenhalts in England oder der Ekel Frischs vor seiner eigenen Schreibmaschine. Frisch und Johnson begegnen sich anfänglich vorsichtig und höflich. Mit der Zeit wachsen die beiden enger zusammen, doch der starke Respekt, den sie voreinander haben, lässt immer eine Distanz zwischen ihnen. Zugleich deckt der eine mit Sätzen wie „Gestern war ihr Telefon einsam“ oder „Sie richten sich gegen sich selbst. Tun sie das nicht.“ knallhart die Verletzlichkeit des anderen auf.

Frisch und Johnson

Die Texte sprechen für sich. Man könnte stundenlang der Begegnung von Frisch und Johnson zuhören. Und vor allem in Frischs Texten ist diese wohlbekannte Melancholie zu finden, die die Schwere des Lebens schonungslos aufzeigt, sie zugleich aber mit einem humorvollen Unterton wieder ins Erträgliche lenkt. Die Inszenierung begeistert.

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Nach der Vorstellung fange ich Peter von Matt ab, der auch im Publikum sass und spreche mit ihm über Max Frisch.

Literaturwissenschaftler Peter von Matt

Peter von Matt, wie hat Ihnen die Inszenierung gefallen?

Die Aufführung hat mich sehr beeindruckt. Ich fand es eine gute Zusammenstellung, es war ja eine Kombination aus verschiedenen Texten. Neben den Auszügen aus dem Briefwechsel gab es auch Stellen aus dem Berliner Journal, das kürzlich veröffentlicht wurde. Die Schauspieler haben ausgezeichnet gelesen, was nicht selbstverständlich ist. Der grössere Teil der Schauspieler muss immer was spielen. Es gibt selten welche, die den Text sprechen lassen, die hinter den Text treten. Das hat man ja auch am Publikum gemerkt. Man hat sehr gebannt zugehört.

Wie stehen Sie persönlich zu Max Frisch?

Ich habe ihn ja noch persönlich kennengelernt, 1979, als er die Max-Frisch-Stiftung gründete. Ich war Mitglied des Stiftungsrates. Die Treffen mit ihm waren immer toll. Wir waren keine Freunde, man kannte sich einfach. Frisch war in der Begegnung sehr sorgfältig. Man sprach sich mit dem Vornamen an, aber er bestand darauf, dass man sich siezte. Er hatte Angst vor Intimitäten und blieb immer klar auf Distanz und ich habe mich ihm nie aufgedrängt.

Seine Texte decken schonungslos die menschlichen Befindlichkeiten auf. Zugleich nimmt er ihnen mit ironischer Distanz ihre Schwere. Privat schien er eher ein schwieriger Mensch zu sein.

Frisch war eine sehr komplexe Person, die auch heftige Wutanfälle haben konnte. Er war nicht einfach. Aber so ist das mit diesen genuinen Leuten. Es ist unglaublich schwierig, solche Texte zu schreiben. Diese Menschen tragen eine grosse Last mit sich herum. Und das wirkt sich auf ihr Verhalten aus. Frisch hatte eine dämonische Art, Leute zu durchschauen. Ich dachte immer, er wisse genau, wie ich mich fühle. Dieses Gefühl des Durchschautseins, das man ja auch mit seinen Figuren im Text hat, war mir manchmal unheimlich.

Diese Eigenschaft, Leute zu durchschauen, beschreibt Frisch an Uwe Johnson.

Uwe Johnson ist anders. Er war sich immer sicher in seinem Urteil, auch wenn es nicht stimmte. Frisch hingegen hat in seinem Berliner Journal die Personen zwei, dreimal porträtiert. Er hat die Menschen zu ergründen versucht und wollte sie in ihrer Vielfalt darstellen. Darum ist auch diese Beziehung von Johnson zu Frisch so merkwürdig.

Warum?

Weil Johnson so apodiktisch war. Und er war auch viel jünger als Frisch, er hätte sein Sohn sein können. Aber er wurde zu einer Autorität für Frisch. Schliesslich hat Frisch ihm erlaubt, das ganze „Tagebuch 1966–1971“ (TB 2) zu lektorieren. Und Johnson hat ihm fast die ganze zweite Hälfte des TB 2 rausgestrichen! Da waren teilweise unglaublich gute Texte drin. Das sieht man jetzt auch im Berliner Journal, da sind Teile aus dem TB 2 drin. Frisch hat ihm fast die ganze Entscheidung überlassen. Johnson fand auch „der Mensch erscheint im Holozän“ kein gutes Buch. Am Schluss setzte sich Frisch gegen ihn durch und publizierte den Text trotzdem. Und „der Mensch erscheint im Holozän“ ist eines der besten Bücher, das er geschrieben hat.

Mich überrascht, dass Sie von Uwe Johnson als eine Autoritätsperson sprechen. Im Briefwechsel scheint es, als ob Johnson Frisch sehr ergeben sei.

Ja, aber letztlich hatte Johnson einen grossen Einfluss auf Frisch. Vielleicht war Frisch ja auch einfach fasziniert von seiner Ehrlichkeit. Frisch war viel unsicherer, als er wirkte. Er war sehr bescheiden und ging eigentlich immer davon aus, dass andere es besser wüssten als er. In der Öffentlichkeit strahlte er ein völlig anderes Bild aus. Aufgrund seiner politischen Texten schien er so bestimmt. Dabei war er ein sehr subtiler Mensch. Und er hat derart am Alter gelitten. Er wäre am liebsten immer dreissig Jahre jung geblieben. Es ist unerträglich, wenn man daran denkt. Darum war es auch so schwierig für ihn, sich von Marianne zu trennen. Er hatte wohl das Gefühl, er würde nie wieder eine jüngere Frau finden. Er war so verletzlich. Das machte ihn so rührend.

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