Gender Bending Rave

Vibratoren, Transsexualität, Musikproduktion, Geschlechterrollen. Im Supermarket und in der Photobastei geht das bisher in Istanbul veranstaltete Electronic Gender Bending Music Festival „Les Belles De Nuit“ in die dritte Runde. Frauen und Männer werden animiert, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Und ordentlich zu raven.

Die Electro-Szene ist breit gefächert. An den DJ-Pulten allerdings noch nicht. Das greift „Les Belles De Nuit“ mit vier musik- und performancereichen Tagen und Nächten auf, umrahmt von skurrilen Workshops und einer Podiumsdiskussion über die Generation der Musikproduzentinnen.

Istanbul Queer Art Collective (Bild: zvg)

Kunstschaffende geben mit ihren Werken und Performances in der Photobastei Anstoss zur Neuorientierung von Geschlechternormen. Männer und Frauen sollen sich und anderen mehr zutrauen, sei es technisch, handwerklich oder modisch. Die Vernissage "Gender Benders" geht noch bis am 15. November über die Bühne. Musikproduktion, Löten, Transsexualität, ein breites Spektrum an riesigen Themen, das das Festival unter einen Hut bringt. Dabei hat sich das Programm im letzten halben Jahr verdreifacht.

Natürlich darf dabei eines nicht fehlen. Und zwar der Rave. Vom Samstagabend bis Montagmorgen bieten im Supermarket nationale wie internationale Acts eine breite Palette an Technosound. Schweizerinnen wie Manon oder Raw Shan sind dabei, aber auch internationale DJs. Wie beispielsweise Aérea Negrot, bekannt für ihre Hybrid-Live-Acts und ehemalige Sängerin von Hercules&Love Affair, sowie Rroxymore aus Berlin, die mit Drum Machine, Keyboard und Co. am Start ist, oder Lena Willikens aus Düsseldorf.

Lena Willikens (Bild: zvg)

Die Liste ist lang. 40 Acts sind hinter den Plattentellern anzutreffen. Darunter auch die Initiantin und Festivalleiterin Nathalie Brunner alias DJ Playlove.

Von Istanbul nach Zürich-West

2012 merkt Nathalie Brunner, dass sie als einzige Frau von 30 Acts für ein türkisch-schweizerisches Musikfestival in Istanbul gebucht ist. „Es hatte auch weibliche Acts da. Aber nur als Besucherinnen, die nicht auflegten“, sagt die 34-Jährige, und erzählt von einem Gesellschaftsphänomen. Die Technik war lange eine reine Männerdomäne. „Die Frauen trauen sich noch nicht so über diese technische Hemmschwelle hinaus“, folgert Nathalie. Und organisierte 2013 mit diesem Hintergrund das erste, 2014 das zweite „Les Belles De Nuit Gender Bending Music Festival“ in Istanbul. Da die Freundschaft zwischen den Techno-Szenen in Zürich und Istanbul recht fortgeschritten ist, passte das recht gut.

Nathalie Brunner alias DJ Playlove in Istanbul (Bild: zvg)

Wie zum Beispiel Zürich und Berlin DJs austauschen, kommen viele Leute aus Istanbul nach Zürich, um aufzulegen und umgekehrt. „Es gibt einen regen Austausch, aber es waren bisher halt vor allem Männer, die sich da hin und her buchten“, sagt Nathalie. Das soll sich ändern. Nach zwei Mal Istanbul ist jetzt Zürich-West dran. "Les Belles De Nuit" hat sich diesen Sommer als Verein zusammengeschlossen, das Festival kam mit Hilfe von etwa 50 ehrenamtlichen Helfern zu Stande. In der Photobastei und im Club Supermarket wird inszeniert und rebelliert, getanzt und gelacht, betrachtet und diskutiert, umgewandelt und gelötet.

Bei den Vorbereitungen im „Supi“

Seit 18 Jahren steht der „Supi“ im Club-Mekka von Zürich-West, ist damit die älteste Location am Platz. Lange war unsicher, ob der Tanzschuppen weiterhin bestehen kann, für drei Jahre ist er nun vorläufig sicher. Nathalie legt regelmässig im Supermarket auf, früher auch öfters im Hive, und vor seiner Schliessung vor zweieinhalb Jahren hauptsächlich im Cabaret. „Meinem früheren Zuhause“, sagt sie, mit funkelnden Augen, ein bisschen nostalgisch beim Gedanken an ihr früheres Resident. Seit fast acht Jahren wohnt die gebürtige Wienerin in der Schweiz, jetzt im Zürcher Kreis 5.

Nathalie Brunner im Club Supermarket

Männer in Frauenrollen und umgekehrt

Dass Nathalie 2012 in Istanbul die einzige Frau unter 30 Acts war, war kein Einzelfall. Eine Umfrage von Female-pressue, einem internationalen Netzwerk von und für Frauen in der elektronischen Musikszene sowie der digitalen Kunst, zeigt, dass unter den gebuchten Künstlern nur 10% Frauen vertreten sind. Dieses Jahr wird der Spiess umgedreht, 10% der Männer beteiligen sich an den Acts. „Wobei die Männer bei uns eigentlich auch mit der Frauenrolle spielen“, sagt Nathalie Brunner.

90% weibliche Acts: Ist Les Belles De Nuit also vor allem eine Frauenveranstaltung? Nein, der Event sei bisher genauso von Männern wie von Frauen besucht worden. Auch unter den Helfern sind Männer vertreten. Der Workshop „Analog Music- und Studioproducing“ zum Beispiel wird von zwei Männern, Florin Büchel und Gabriel Roth, durchgeführt. Er hat zwar bisher mehr Anmeldungen von Männern bekommen, zieht aber auch recordinginteressierte Frauen an.

Produktionsworkshop am Samstag in der Photobastei: Analog Music- und Studioproducing.

Vorurteile gibt’s natürlich immer. „Es ist schwierig zu kommunizieren, dass wir keine Feministen-Kämpfergruppe sind, die mit erhobenem Finger dastehen und die Welt kritisieren“, sagt Nathalie Brunner. So wenig, wie das DJing eine Männerdomäne bleiben sollte, ist es umgekehrt. Musik sollte geschlechtlos sein. Auch elektronische Musik. Mit der neuen Generation der Musikproduzentinnen befasst sich die Podiumsdiskussion mit dem Titel „Unabashed Female Geeks: Ist The Face Of Sound Chaning?“, die heute Freitag ab 20.00 Uhr in der Photobastei stattfindet.

Mach’s dir selbst, und dann mach’s dir selbst

Eigeninitiative ist die Devise. „Do it yourself“ beim begehrten Spielzeug der Frauen, dem Vibrator. Im Rahmen eines Night Workshops im Supermarket steht ein Bausatz mit Elektroteilen zur Verfügung, sowie ein Lötkolben, mit dem der Vibrator unter Anleitung zusammengebaut wird. Am Schluss bekommen die Werkerinnen eine Handvoll Silikon-Pallets, welche im heissen Wasser weichgemacht werden. „Dann kannst du formen, was du formen möchtest“, sagt Nathalie, die selbst schon an dem Workshop von Effi Tanner mitgemacht hat. „Es geht da auch um eine gewisse technische Fähigkeit, die erlernt werden kann, hier an einem skurrilen Objekt.“ Wer also Samstagnacht des Ravens müde wird, kann im Raum neben dem Dancefloor basteln, was er basteln will.

„Dann kannst du formen, was du formen möchtest.“

Der Rave soll Spass machen und die Möglichkeit bieten, in einer gelösten Umgebung mit den Geschlechterrollen zu experimentieren. Nicht nur beim Vibratorenbau, sondern auch bei einer „Trans-Form-Aktion“ der Istanbul Queer Art Collective, die die Transsexualität zum Thema macht. Nathalie: „Stell dir einfach einen heterosexuellen Mann vor, der als Dragqueen verkleidet wird.“ Da giengen die Reaktionen der Männer auseinander. Das kann sich aber auch entwickeln. „Hey nein, echt nicht“ kann sich zu „Hey, okay, wow!“ formen. Viele Männer finden es interessant, diese Selbsterfahrung zu machen, sagt Nathalie, und merken dann zum Teil, dass der Effekt auf Frauen noch viel grösser sei, als wenn sie es nicht machen würden. Offenheit ist attraktiv.

Transsexualität: Ein Thema in der Photobastei

Dennoch, die Transsexualität ist auch heute noch ein Tabuthema, die transsexuelle Szene klein. Welche kulturelle Bedeutung hat Transsexualität in unserer Gesellschaft? Entspricht die Geschlechterrolle überhaupt dem 21. Jahrhundert? Darüber redet Dr. Oliver Pintsov von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Wien an einem Vortrag am Samstagnachmittag in der Photobastei. Er selbst arbeitet mit jungen Transsexuellen, die auf dem Weg zur Geschlechtsumwandlung sind. „Es wird da theoretisch zur Sache gehen, einerseits wissenschaftlich, aber auch hinterfragend“, sagt Nathalie. Der Vortrag von Dr. Oliver Pintsov ist frei.

Kunst in der Photobastei von Daniel Bolliger

Das Gender-Thema war wahrscheinlich noch nie so populär und durch digitale Plattformen so diskutiert heute. Frauenquote hier, Gleichstellung da, radikale Positionen an der Front: Feminismus-Debatten sind zum Verzweifeln. Der Begriff selbst ist mittlerweile schon zu einem Schimpfwort geworden, gibt Anlass zu weiteren Meinungskämpfen. Dass dabei emanzipierte Menschen, die anderen Mut zur Selbstentfaltung machen wollen, untergehen, ist selbsterklärend.

Wir brauchen Stereotypen, Klischees sind nicht gut oder schlecht. Es stellt sich aber die Frage, ob mit weniger Urteil, weniger Scham, dafür mit mehr Offenheit, vielleicht mit einem Schuss Humor von allen Seiten nicht mehr erreicht werden könnte. An das appelliert das viertägige Electro-Festival in Zürich-West. Nathalie Brunner: „Am Schluss geht's darum, Schranken zu öffnen und aufzulösen. Und dabei nicht zu vergessen, über sich selbst zu lachen.“

Lust aufs Löten bekommen?

Bereit zum Raven?

Offen für Neues?

Dann ab ins Supi und in die Photobastei.

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