„Füür in Arsch, mach mal!“

Teils autobiographisch, teils erfunden, stets aber intuitiv: „Wintergast“ beginnt in Zürich-Schwamendingen und hat‘s auf die Schweizer Kinoleinwand geschafft. Mit dem Schwarz-Weiss-Roadmovie bringen Andy Herzog und Matthias Günter die Schatten des Autorentums an die Oberfläche.

Leere im Kopf. Druck in der Brust. Beherrsche dich. Du musst produzieren. Also überwinde dich. Reiss dich zusammen. Habe gute Ideen. Sei kreativ. Los!

Ablenkung hier, Abschweifung da. Es ist zum Verzweifeln. Stefan Keller, fast vierzig Jahre alt, schreibt seit fünf Jahren an einem Drehbuch für seinen ersten Kinofilm. Damals sah es vielversprechend für den Filmschulabsolventen aus: Er gewann den Schweizer Filmpreis mit einem Kurzfilm, bekam einen Vertrag angeboten. Seit da an geht nichts mehr. Stefan Keller steckt in einer Schreibblockade, welche sich zu einem Teufelskreis entwickelt.

Andy Herzog alias Stefan Keller in "Wintergast" (Bild: zvg)

Der Druck steigt. Der Schreibdruck, aber auch der finanzielle und psychische. Schliesslich kann Stefan Keller nicht mehr für den Mietzins seiner Wohnung aufkommen. Auch sein Vater unterstützt ihn nicht, rät ihm stattdessen, besser eine Handwerker-Lehre zu absolvieren. Einem „richtigen“ Beruf nachzugehen. An einem Tiefpunkt droht Stefan Kellers Beziehung mit seiner Freundin Christina in die Brüche zu gehen. Er sucht sich einen Nebenjob und reist alsbald durch die vorweihnachtliche Schweiz, um anonym Jugendherbergen zu testen.

Reise durch die Schweiz (Bild: zvg)

Schwarz-weisse Schweiz

Start: Zürich-Schwamendingen. Von da aus reist Stefan Keller in "Wintergast" nach Baden, weiter nach Zug, Solothurn, Basel, Bern, über Luzern, Lugano, bis Zermatt und quer durch die Schweiz nach Genf. Dabei macht er teils banale, teils skurrile Bekanntschaften, redet über den Sinn des Lebens, über Selbstmord, Babywunsch, Schicksalsschläge. Täglich ist Stefan Keller im Kampf gegen sich selbst. 2000 Seiten Drehbuch-Notizen haben sich angehäuft. Stefan Kellers Idee: Zwei Passagiere verwechseln auf Reisen ihre Koffer. Viel mehr Idee ist allerdings noch nicht vorhanden.

Skizze der Reise (Bild: zvg)

Die zwei Regisseure Andy Herzog, der den Hauptprotagonisten selbst spielt, und Matthias Günter, der die Funktion des Kameramanns übernimmt, kennen den Konflikt, in der Hölle zwischen Prokrastination und Perfektion gefangen zu sein. Durch eigene Erfahrung und neuen Ideen entsteht quasi eine Autobiographie. Die beiden spiegeln sich in Stefan Keller, der Film kommt entsprechend authentisch rüber.

2007 haben sich die beiden kennengelernt, arbeiteten anfangs unabhängig voneinander an den Drehbüchern, fügten ihr Material zusammen, erarbeiteten die Idee zu zweit. Im Dezember 2012 fingen die Dreharbeiten an. Die Crew bestand aus den beiden Regisseuren und dem Praktikant und Tonmeister Mike Selzen.

Spiegeln sich in Stefan Keller: Die Regisseuren Matthias Günter (links) und Andy Herzog.

Andy Herzog, ehemaliger Zürich-West-Bewohner und momentan im Quartier Wollishofen angesiedelt, wurde mitinspiriert von den sogenannten „Graphic-Novels“, also von Comics in Buchformat. Diese beinhalten zwar persönliche Geschichten von Menschen, aber auf eine unterhaltsame Art. Mit Nebenjobs als Bankentester, Putzmann oder Call-Center Agent, die einen Beitrag zur Filmidee leisteten, hielt er sich neben seiner Filmkunst als Regisseur und Schauspieler über Wasser. Matthias Günter lebt im Moment in Bern, wo er aufgewachsen ist. Er ist freischaffender Filmemacher, gleichzeitig auch als Art Director und Fachlehrer tätig. Die Qualitäten der beiden ergänzen sich, als Ergebnis kommt der „Wintergast“ zu Stande.

"Wintergast"-Poster (Bild: zvg)

Der "Wintergast" in Schwarz-Weiss passt zur Jahreszeit, hebt die Stimmung hervor. Die ästhetische Reduktion sei das Ziel, sagt Matthias Günter. Im 82 Minuten langen Film spielen wenige Profi-Schauspieler mit, neben Andy Herzog zum Beispiel Sophie Hutter, die Stefans Freundin Christina spielt, oder Michael Neuenschwander, der in einer Begegnung mit Stefan Keller im Zug vorkommt. Daneben spielen hauptsächlich Laien und Zufallsbekanntschaften im Film mit.

Mit Improvisation ans Werk

Intuition drückt im Film durch, verhilft ihm zu Echtheit. Man fühlt mit Stefan Keller mit, hofft, er möge seine Blockade überbrücken. Während des Drehs hatte viel Improvisation Platz. Wobei die Regisseuren die meisten Szenen und den Plot zum Dreh geplant hatten. An der 3-Akt-Struktur wurde gefeilt, die Stationen waren grösstenteils im Vornherein klar. Da die Grundidee stand, konnten viele Szenen auch mit zufälligen Begegnungen gedreht werden. So kam eine Mischung aus Zufall und intuitivem Arbeiten zu Stande. Zufällig entstand beispielsweise eine Szene mit einem nigerianischen Flüchtling, mit dem Stefan Keller auf seiner Durchreise von Bellinzona nach Pontresina im Bus redet. Während des Gesprächs kommt zum Vorschein, welche unterschiedliche Probleme die beiden belasten. Hunger und Armut vs. Finanznot und Schreibblockade.

Stefan Keller bei der Arbeit als anonymer Jugendherbergentester. (Bild: zvg)

120 Stunden Filmmaterial hatte die Crew nach den Dreharbeiten zusammen, dann folgte der Schnittprozess, der das Material in 82 Minuten kürzen sollte. Schon nur einen Anfang zu finden sei schwer gewesen, sagt Matthias Günter. Was den beiden entgegenkam: Sie hatten keine Verpflichtungen gegen aussen. Nur gegenüber sich selbst. „Dabei hat es geholfen, dass wir zu zweit waren“, finden beide, denn so konnten sie sich gegenseitig auch einmal motivieren, wenn einer etwas pessimistischer unterwegs war.

Verhängnisvolle Kunst

Das Schreiben eines Drehbuchs ist nicht für jedermann geeignet. „Für mich persönlich eignet es sich besser, im Dialog mit anderen Menschen intuitiv zu arbeiten und danach Texte darüber zu schreiben“, sagt Andy Herzog. Drehbucharbeit sei eine verhängnisvolle Arbeit. „Es kann dazu führen, dass man jahrelang wie eine Kafka-Figur im Keller schreibt, immer wieder anfängt, nie zufrieden ist.“ Wie Stefan Keller zum Beispiel.

"Wintergast" an der Grenze zwischen Fiktion und Realität (Bild: zvg)

Das Aufschieben ist ein zentraler Teil des Films. Die Szenen, in denen Stefan Keller an seinem Laptop sitzt und nicht weiterweiss, aufsteht, sich ablenkt, wieder absitzt, dürften vielen vertraut sein. Wer kennt das nicht? Aber auch Perfektionismus kann in die falsche Strasse münden, in der Multioptionsgesellschaft Schweiz ein verbreitetes Phänomen. Oder aber der Druck der Torschusspanik, der im Film mit dem Babywunsch von Stefan Kellers Freundin Christina thematisiert wird.

Stefan Keller auf der Suche nach Ideen für sein Debüt-Drehbuch. (Bild: zvg)

Ein Buch zu schreiben bedeutet, sich selbst zu begegnen. Im Schreiben begegnet man seinen Ängsten und seinen Schatten, man begibt sich in den Schmerz. Wer will das schon? Und wenn man es tut, was folgt dann? Was ist das Ziel? „Oftmals ist es so, dass man hart um etwas kämpft, das man dann vielleicht nicht bekommt“, sagt Andy Herzog, aus eigener Erfahrung. "Man bewegt sich aus der Komfortzone heraus, überwindet sich selbst, und scheitert vielleicht. Dann wird einem klar, dass es für etwas anders gut war." Für etwas, an das man gar nicht gedacht hätte, das man nicht geplant hat.

Was braucht es zur Veränderung? Wo ist der Gipfel? Wie weit muss man fallen, um die Kraft zum Aufstehen aufzubringen? „Wintergast“ bringt offen und ehrlich und nicht ohne Witz zum Vorschein, was still in vielen Künstlern lauert.

"Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten. Dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schliesse ihn." - Ein im Film genutzter Zitatteil von Franz Kafka

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