FASZINATION GRAFFITI

Nationale und internationale Graffitikünstler präsentierten am Samstag vor dem Schiffbau an einer Open Wall ihr kreatives Schaffen. Auch für unerfahrene Sprayer lagen Spraydosen zum Ausprobieren bereit. Hitzig zu und her ging’s nicht nur am späteren Bombers Battle, sondern auch mit „Bitch“-Debatten und 2Face Breakdance Battles im Moods.

Der Swiss Hip Hop Jam ging am Wochenende in die dritte Runde und bot mithilfe etablierter Writer, MCs, DJs, B-Boys und B-Girls spannende Einblicke in verschiedene Bereiche der Hip Hop-Kultur. Trotz Regen schafften es am Samstagnachmittag doch einige Interessierte zum Schiffbau, die Open Wall bekam laufend mehr Farbe und lockte neugierige Fussgänger an.

Dosen zum Ausprobieren

Die Vorbereitungen liefen bereits am Freitag auf Hochtouren, so gab es unter anderem Künstler aus dem Ausland, die beim Aufstellen der Open-Walls vor dem Schiffbau mithalfen. Beispielsweise Paparazzi aus Zypern oder Robert und Michael aus Deutschland.

Paparazzi (links) und Michael (rechts) am Samstagnachmittag bei der Arbeit

Vorgaben gab’s am Samstag kaum, die zwölf Graffitikünstler erhielten aber ein Grundthema „Legenden“, der Hintergrund war jeweils einheitlich. „Dabei macht sich jeder vorher Gedanken, bringt eigene Farben mit und nun setzen wir die Ideen um“, erklärt Robert, bevor er ein Bild vom 2010 verstorbenen Schweizer Graffitikünstler Dare in Angriff nimmt.

Michael (Stylewriting) und Robert (Gesicht von Dare)

Michael und Robert sprayen nebenberuflich, haben beide als Jugendliche begonnen und sind dann wie sie sagen „in der Graffitikunst hängengeblieben“. Beide sind nun das erste Mal am Swiss Hip Hop Jam 2015 und kreieren zusammen ein Gesamtbild. Michael hat dank eines gewonnenen Wettbewerbs die „White Card“ erhalten, wurde deshalb eingeladen und ist nun mit einer Stylewriting-Idee am Start.

Jung und Alt vor dem Werk von Hombre

Während die Organisatoren beim letztjährigen Writer-Line Up auf Spraykünstler wie Stick Up Kids-Mitglied Cantwo setzten, war dieses Mal Tasso vor Ort, der ein Wegweiser der Graffitikunst und Pionier einer ganzen Generation darstellt. Seine Technik begann mit Stylewriting und Characters, im Verlaufe der Zeit entwickelte er seinen Stil mit dem Graffoto, dem fotorealistischen Sprayen.

Tassos fotorealistisches Werk

Mit Fokus auf das Graffoto ist Tassos Motiv aufwändiger als andere und benötigt mehr Zeit. Folglich hat Tasso bereits am Freitagmorgen mit seinem Werk begonnen. Ausserdem sahen die Besucher der Pre-Party vom Freitagabend so bereits etwas. „Um die Leute aufzuwärmen“, sagt Fabian Florin, Koordinator der Graffiti-Sektion.

Tasso bei der Arbeit

Reiz des Verbotenen

Graffitikunst ist eine Grauzone. So liegen Graffiti und Illegalität nahe beieinander. Was ist Kunst, was Vandalismus? Ist es die Liebe zur Farbe, der Reiz des Verbotenen? Kreativität oder Selbstzerstörung? Oder ist es gerade die Mischung, die die „Faszination Graffiti“ erst ausmacht?

„Dass die Graffitikunst nicht sofort von der Gesellschaft anerkannt wurde, macht’s noch interessanter“, sagt Robert. Das Reizvolle an der Graffitiszene sei oftmals gerade das Funktionieren ausserhalb der herkömmlichen Kunstszene. Man gibt sich da rebellisch, setzt Zeichen. Wobei die Schweizer Graffitiszene im Vergleich zu Deutschland oder anderen Ländern einen positiveren Ruf geniesst, meint Michael.

Robert sprayt das Gesicht von Graffiti-Legende Dare.

Ob sich Graffiti in Zukunft vermehrt als Kunstform etablieren wird? Michael und Robert sind sich da sicher. Wobei Graffiti auch kommerzialisiert werde. „Es gibt immer mehr Graffiti-Ausstellungen, vielleicht auch wegen der ganzen Hipster- und Wir-sind-alle-cool-Bewegung, es ist halt auch gerade im Trend“, so Roberts These.

3 Minuten, 3 Dosen, 3 Letters

Stylewriting ist im Milieu eine Art Kommunikation. So findet diese Technik oft als eine Art „Markierung“ des Reviers von Gangs Gebrauch, zum Beispiel beim Trainbombing (Besprayen eines Zugwagens). Um buchstäblich Zeichen zu setzten, zur Provokation, nicht zuletzt für den Rausch. Das Trainbombing ist eine eigene Form der Street Art und lässt die Writer unter Zeitdruck und Gefahr in den Genuss des Adrenalin-Kicks kommen. Ist das Timing falsch, sind sie auf gut Deutsch am Arsch: Der Swiss Hip Hop Jam thematisiert genau das am Bombers Battle, einem Highlight des Hip Hop-Events.

Emin Hasirci aka Mr. Rusl am Writen: Auf der Rückseite dieses Zugs sprayten die Teilnehmer später um die Wette.

Trainbombing am hauseigenen New York-Zug: Je drei Minuten hatten die rund 20 Writer Zeit, je drei Farben standen ihnen zur Verfügung, um je drei Buchstaben auf den Zug zu sprayen. Es gab zwar im Gegensatz zum realen Trainbombing nichts zu verlieren, aber einen coolen Preis (Dosen sind teuer): Der Gewinner bekam alle Dosenreste, die am Schluss des Events noch übrig waren.

3 Minuten, 3 Dosen, 3 Lettters: Der NYC-Train nach der ersten Bombers Battle-Runde

Youngster Graffiti

Früh übt sich: Resonanz fand die Open-Wall for Kids, wo Kinder und alle Spray-Neulinge die Möglichkeit bekamen, die hohe Kunst des Sprayens selbst auszuprobieren.

Platz für junge Kreativität

Schon letztes Jahr sei die Open Wall der Renner gewesen, sagt Bastian Sarott, Präsident der Swiss Hip Hop Society: „Die Leute merken so auch, dass es eben nicht so einfach ist, wie es oft aussieht.“ Wohl wahr.

Open Wall für Anfänger

„Säget Rapper zvil Bitch oder sinds eifach selber Bitches?“

Hiphop beeinflusst die Gesellschaft, ihre Lyrics auch. Wie steht’s mit dem „Bitch“ – Schlampe - in Raplyrics? Klischees als Vermarktungsmotoren: Die Schwarz-weiss-Weltdarstellung mit ihren Stereotypen bietet den Konsumenten hitzige Debatten und den Medien eine ganze Palette an provokativen Storylines.

Was Frauen in Videos von 50 Cent &Co. für einen Beitrag an die Emanzipation leisten, was „Bitch“ in unseren Köpfen konstruiert, inwiefern in Lyrics Sexismus verherrlicht wird: Darüber diskutierte Ugur Gültekin mit Joiz-Moderatorin Gülsha Adilji, Rapper Tommy Vercetti, 20 Minuten-Journalist Alpcan Özkul und Rapperin Amazhone im Foyer des Schiffbau.

Diskussion zum „Bitch“ in Raplyrics

Dabei mischte auch das Publikum mit, die Diskussion entwickelte sich zu einer regen Gender-Debatte. Ist „Bitch“ eine Art Vermarktungsstrategie? Gefällt es den Konsumenten einfach? Was spielen die Lyrics als Kunstform für eine Rolle? Inwiefern ist Sexismus mit Rassismus zu vergleichen? Wieviel können wir rechtfertigen?

B-Boys and B-Girls im Moods

Ebenfalls ein wichtiges Element des Hip Hop und am Samstag Teil des Swiss Hip Hop Jams: Das 2Face Breakdance Battle, wo 52 Tänzer und Tänzerinnen im Moods ihr athletisches Können unter Beweis stellten. Mit Elementen von Top Rocking, Powermoves, Freezes über Footworks ging’s im Moods schon am Nachmittag ab. Während DJ Turntill seine Platten auflegte, präsentierten die geübten „B-Boys“ und „B-Girls“ dem Publikum und der dreiköpfigen Jury echt coole Moves.

2VS2 Battles: Seit 2009 in der Deutschschweizer B-Boy-Szene etabliert.

Am meisten zu tun gaben den Organisatoren die musikalischen Einlagen. Bastian Sarott meint: „Die Graffitiorganisation ist im Verhältnis einfach, weil jeder weiss, was er zu tun hat.“ Anders bei den Music Acts, die jedes Mal anderes Equipment und andere Sets beinhalten.

Foto: ZVG

DJ Little Maze leitete den Samstagnachmittag ein, abends sorgten Acts wie DJ Cut Killer, Reks, Indigod, Track for Track, Kids Of The Stoned Age, Ali&LC One, Indigod, Makala und Eldorado FM im Exil für Stimmung bis in die frühen Morgenstunden.

Die Graffitiwand vor dem Schiffbau mit den Kreationen der Sprayer wurde am Ende des Swiss Hip Hop Jams 2015 entfernt. Irgendwie schade, da sie dem Erscheinungsbild des Schiffbau eine farbige Abwechslung verpasste. Für Nachhaltigkeit sorgte der Event in anderen Bereichen, sei es im Bereich der Kulturförderung oder in anregenden Gesprächen übers Frauenbild in Rap-Lyrics. Kreativität, Emotion und Schweiss ist geflossen, ein Spass war’s allemal, der Message entsprechend: Peace, Love, Unity - and having fun.

  • Sebastian Wüthrich 24.10.2015 20.02 Uhr

    Sehr interessant mal was aus der Graffiti Szene zu lesen.
    Thumbs up !

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