Fashion à la 8005

Bett raus, Mode rein; Hotelzimmer als Pop-up-Stores. Im 25Hours Hotel in Zürich-West konnten sich Modeinteressierte am Wochenende an der dritten Ausgabe des Fashionhotels mit den unterschiedlichsten Designern unterhalten und erhielten Einblick in die Vielfalt der Modewelt. Von veganem Nagellack zu BHs für kleine Brüste bis zu stimmungsaufhellenden Socken: An der dreitägigen „Autumn Edition 2015“ fanden auch Nischenlabels ihren Schauplatz.

Das Motto „8005 statt 0815“ wurde nicht unbegründet gewählt, sondern wie ich meine recht passabel. So war das Angebot breit gestreut, neben standhaften Labels hatten auch viele Jungdesigner und Branchen-Newcomer sowie Brands aus dem Ausland die Chance, ihre kreativen Ideen zu präsentieren. Um auch Modedesigns anzubieten, die man „zum Beispiel nicht an der Bahnhofstrasse findet“, so Tim Schlichting, Geschäftsführer der Eventagenur la folie Erlebniskultur GmbH, die hinter dem Projekt steht. Gerade in „Städten wie Zürich, wo jeder immer individueller sein will“, könne man sich als Modefan hier austoben: Einzelteile sind gefragt.

Check-In vor dem Fashionhotel

Das 25Hours Hotel liegt im Herzen Zürich-Wests: Neben dem Toni-Areal hat sich das Designer-Hotel in ein Mode-Tempel aka Fashionhotel verwandelt. „Warum gehst du so weit raus?“ Diese Frage hat Tim Schlichting am Anfang des Fashionhotel-Projekts oft gehört. Wahrscheinlich von Stammgästen der Shoppingmeile an der Bahnhofstrasse, denn „viele Leute gingen zum Shoppen nicht weiter als bis zur Hardbrücke“. Tim Schlichting sieht’s optimistisch: „Zürich-West ist schon ein Quartier, das erst gerade richtig entsteht, aber es ist ein cooles Quartier, es wird sich bestimmt auch entsprechend wandeln.“

Was erwartet uns also im Fashionhotel? Gehen wir rein und tauchen ein in die Welt der Designer, Labels und Modefans. Ein roter Teppich macht neugierig, leitet in die Lobby und eine Treppe hinauf zu den Pop-up-Stores.

„Stairway to Fashion Heaven“

Die Treppe emporgestiegen, dem Flur entlanggeschlendert, ein Zimmer namens „Erlebniszimmer Beauty“ entdeckt. Hier wird’s bereits ganz schön bunt: Unter den Nischen werde ich auf veganen Nagellack aufmerksam. Denn inmitten des Meinungskriegs zum neuaufkommenden „Veggie-Trend“ lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen. So verbergen sich hinter den bunten Farben der Kosmetikbranche mit Fokus auf tierische Inhaltstoffe und Tierversuche auch schwarze Seiten. Viel deutet auf einen bewussteren Konsum: Obwohl die Branche noch zu den Nischen gehört, scheint sie durchaus Anklang zu finden. „Tierprodukte braucht es hier nicht, das merken immer mehr Leute“, findet Bern Aerni, der letztes Jahr die Idee hatte, das Label exurbe cosmetics zu gründen. In Zusammenarbeit mit Künstlerinnen für die saisonalen Kollektionen setzt das Kosmetik-Startup ausschliesslich auf europäische Produkte.

Die veganen Farben von exurbe cosmetics.

Machen wir einen Szenewechsel in die 3. Etage Room 31: Laute Musik, Partystimmung und Luftballone laden ein, den Pop-up zu betreten. Auch hier geht’s ums „kunterbunte Detail“, allerdings in Form von Socken, die mir von der Decke und vom Stand aus entgegenspringen. Von Orange-Grün-gestreift über tigerente-ähnliche Motive: Wir sind im Pop-up-Store von Dilly Socks.

Dilly Socks-Kreationen: Seit Februar 2014 nur noch mit eigenen Designs.

Schwarze Füsse sind out. Das scheint die Philosophie hinter diesem Konzept zu sein. Oder? Claudio Lumbiarres, einer der drei Gründer des Webshops, stimmt zu, verweist aber auf die stimmungsaufhellende Wirkung bunter Socken. So bringen bunte Farben buchstäblich Farbe in unseren Alltag. Ausserdem habe das Tragen bunter Socken Einfluss auf die Ausstrahlung: „Wenn du zum Beispiel mit farbigen Socken an ein Personalgespräch gehst, wirkst du automatisch selbstsicherer.“ Mit der richtigen Einstellung jedenfalls. Und mit ein bisschen Mut. Irgendwie hat das was.

Mitgründer Claudio stellt seine Lieblingskreation vor.

Nun wieder hinunter in die 2. Etage, Room 20. Kommen wir von farbenfrohen Socken zu Kleidungsstücken für die pure Weiblichkeit: zum BH. Frauen mit sehr grossen Brüsten haben es im Gegensatz zum Durchschnitt schwer, geeignete BHs zu finden. Frauen mit sehr kleinem Brustumfang auch: Das wissen die beiden Köpfe hinter der Idee von AIKYOU, Gabriele Meinl und Bianca Rehdinger. AIKYOU ist eine Lingeriemarke aus Karlsruhe, Deutschland, die sich auf sehr kleine Brüste spezialisiert und dabei feminine Schnitte im Fokus hat. Denn kleine Brüste würden in unserer Gesellschaft so behandelt, als fehle etwas, als müssten sie erst „mit Push-ups und Bügeln in Form gebracht werden“.

Pop-up ohne Push-up: Dessous von AIKYOU

Dabei sei nicht die Brust falsch, sondern der BH, der oftmals nicht passe, so Gabriele Meinl. Sie setzt darum zusammen mit ihrer Kollegin auf Push-up-lose BHs, und wagt eine erfreuliche Prognose: Die Frauen würden zufriedener mit sich selbst. „Es gibt viele Frauen, die gar nicht das Bedürfnis haben, sich da verändern zu müssen“. Na geht doch. AIKYOU ist heute nicht an der Modeschau dabei: Im Oktober sei die Temperatur auch nicht passend: „Das wollten wir den Models nicht zumuten.“

Kundinnen nehmen einen BH von AIKYOU unter die Lupe.

Frauen suchen den passenden BH, Männer das passende Hemd. Sagt jedenfalls Atilla C. Cilingir vom House Of Shirts: Auch er hatte immer Mühe, passende Hemden zu finden. Inzwischen befinden wir uns gleich um die Ecke im Raum 13. House Of Shirts setzt auf ein wide-range-Angebot, auf europäische Stoffe und „In-House-design“.

Atilla mit einem Design von House Of Shirts

Atilla hat das Fashionhotel schon vor einem Jahr besucht, als er ein Ticket gewonnen hatte. „Da ist mir aufgefallen, dass es hier kaum Kleider für Männer gibt“, was er seinem Onkel erzählte: House Of Shirts ist nun das zweite Mal im Fashionhotel, ein Teil ihrer Kollektion wird an der Modeschau des Fashionhotels gezeigt.

Mit dabei an der Fashionshow: Hemden von House Of Shirts

Weiter im 2. Stock, Raum 11: Oh shit! Das ist mal ein Name. Thibaud von Ohshit.ch erklärt mir das Konzept: „Wir wussten nicht, wie wir den Laden nennen sollten, und so ist die ganze Zeit „shit, shit, shit“ gefallen.“ Da das Newcomer-Label Ohshit.ch z.B. mit seinen „Onesies“ auf junge Mode setzt, passe der Ausdruck zum Sortiment. Das sei jedes Mal eine Lachnummer, und das Ziel der Aufmerksamkeit hat der Brand jedenfalls bei mir erreicht.

Oh Shit! Einblick in den Pop-up von Ohshit.ch

Während sich Ohshit.ch auf junge Mode konzentriert, achtet The House Of Bags im Raum 15 der 2. Etage auf die Bedürfnisse älterer Kundschaft, was sich unter anderem am Preissegment zeigt. Der Online-Shop für Designertaschen besteht seit einem Jahr, ihre Philosophie ist: Labels sollen nicht in Massen eingekauft werden, sondern exklusiv, oder nicht wie bereits Tim sagte, „an der Bahnhofstrasse“ erhältlich sein. Dem Online-Shop ist dabei der persönliche Kontakt mit den Designern wichtig, wie Mitgründerin Sina Forrer erzählt.

Sina Forrer zeigt mir Designs des Labels The House Of Bags

Nochmals im 3. Stock angekommen, prangt ein Plakat an der Tür Nr. 43: „Always stay kindish“. Schon Kinder veranstalten Modeshows und wissen zum Teil sehr genau, was ihnen gefällt. Tatsächlich hat das Fashionhotel an der aktuellen Edition nur drei (von insgesamt 75) Labels, die ausschliesslich Kindermode vertreten. Eine weitere Nische also: Stadtlandkind.ch besteht seit zweieinhalb Jahren als Online-Shop. Für das Gründerpaar Tobias und Roberta Zingg sind Pop-ups Neuland. So sind sie auch das erste Mal mit ihrer Kollektion im Fashionhotel dabei. „Es ist spannend, aber man merkt schon, dass das Hotel eher für nicht-kinderaffine Leute ausgerichtet ist“, erzählen sie.

Always stay kindish – finden Stadtlandkind.ch

Ob jung oder alt, ob mehr oder weniger bestückt, ob sexy, gemütlich, farbig, elegant umhüllt: Immerhin haben insgesamt 8500 Besucherinnen und Besucher an der diesjährigen Edition den Weg zum Fashionhotel gefunden, um die 60 Pop-up-Stores, die 15 Marktstände sowie die Fashionshow mitzuerleben. Laut den Veranstaltern wird sich das Hotel das nächste Mal an der Spring Edition 2016 in einen Designer-Tempel verwandeln.

15 Kollektionen verschiedener Labels (darunter Ohshit.ch und House Of Shirts) zeigten die Models an der Fashionshow.

Fazit? Die freshe Stimmung und die Newcomer-Ideen im Fashionhotel inspirieren zum Entdecken. Daher lohnt sich ein Besuch für alle, die sich von dieser Art der Leidenschaft mitreissen lassen wollen. Und für diejenigen, die so gar nichts mit Mode anfangen konnten oder sich eine Pause von der Beautywelt gönnen wollten, gab’s in der Lobby musikalische Unterhaltung, unter anderem durch wohltuende Gitarrenklänge des Gitarren-Duos „Hermanos Gutierrez“.

Karte wird geladen ...

Logo Westnetz