Erfolgsstory auf Abwegen?

Am Mittwoch Abend ging es in Zürich-West heiss zu und her. Auf die Einladung von der Vereinigung Kulturmeile Zürich-West strömte das „Who is who“ des Quartiers in die Bay Arena im Viaduktbogen E um die Zukunft der Erfolgsstory „Zürich-West“ zu diskutieren. Mit dem Präsident der Kulturmeile und Besitzer des Restaurants „Les Halles“, Christoph Gysi, sowie einer illustren Gruppe aus Vertretern der Stadt und Charakterköpfen vom Kreis 5 war eine hitzige Debatte Programm. Bisweilen ging es bei der Podiumsdiskussion, die auf die Vorstellung der kürzlich durchgeführten Studie zu diesem Thema folgte, dann schon fast um Leben und Tod.

Mit Vertretern unterschiedlicher Berufstätigkeiten konnte das Thema des Podiums, nämlich die Belebung von Zürich-West durch einen erhöhten Besucherstrom, auf verschiedene Weise durchleuchtet werden. Als Ausgangslage diente die kürzlich durchgeführte Studie der Kulturmeile, die fragte, warum das Publikum nach Zürich West strömt. Zuletzt meldeten sich auch einige Zuschauer zu Wort, die teils vorhergehende Aussagen mit ihren eigenen Erfahrungen relativierten, sowie die Dringlichkeit der Thematik unterstrichen.

Das Podium in hitziger Diskussion (v. li. n. re.) Moderatorin Ines Troxler, Steff Fischer, Christoph Sättler, Daniel Schmid, Monika Klingele und Günther Arber.

Wie der Präsident der Kulturmeile, Christoph Gysi, zu Beginn erklärt, sei laut Studie 71% der Gewerbebetreibenden im Kreis 5 auf Laufkundschaft angewiesen. Der aktuelle Entwicklungstrend hin zu einem reinen Büroquartier sei somit gerade für diese Branche ein Problem. Interessant ist auch die Tatsache, dass Zürich-West oft als Aushängeschild der Stadt Zürich im internationalen Tourismus fungiert, wenn man genauer hinschaut, diese Anziehungskraft aber je länger je weniger zu spüren ist. Dies weil spannende Zwischennutzungen und alte Gebäude dem Bau-Boom der letzten Jahre weichen mussten, und vom verlockenden „Industrie-Chic“ heute nur noch das „chic“ übrig geblieben ist. Auch anderen ehemaligen Attributen der „Erfolgsstory“ Zürich-West wird von den einen Podiumsteilnehmern und Zuschauern offen nachgetrauert. „Der Escher-Wyss-Platz, der früher als Tor zu Zürich-West wahrgenommen wurde, ist heute zur Sahel-Zone verkümmert“, sagt Daniel Schmid, Liegenschaftsverwalter des Cinemaxx und Gastronom im Quartier. Laut Schmid könne Zürich-West erst dann als Quartier wahrgenommen werden, wenn das Augenmerk vom Grossen wieder auf die kleinen Dinge gelenkt wird. „Während im Baumboom von Zürich-West viele Veränderungen im Grossen passierten, gingen die kleinen Dinge vergessen“. Wie zum Beispiel Sitzbänke, die jeden öffentlichen Raum mit wenig „Kässeli“ sichtlich aufwerten können. Gysin verlangt ausserdem wieder „meh Dräck“: „Wir brauchen hier draussen ein Kongresshaus, wir brauchen ein Fussballstadion. Eine Stadt die lebt muss auch dreckig sein!“.

Für den Grundeigentümer Steff Fischer, der zugführend in der Entwicklung der Erdgeschossnutzung mitwirkt, ist der Grund dafür, dass Zürich-West aussterbe schnell gefunden: solange keine Kleinteiligkeit vorhanden sei, die eine effiziente Erdgeschossnutzung durch Läden und Kulturangebote ermöglicht, finde der Besucher keine Entschleunigung. „Wenn Leute schwatzen, stehen bleiben und in Schaufenster gucken, dann wird ein Quartier lebendig.“ Ist die Karawane von Zürich-West-Fans erst mal verschwunden, bleibe nur noch eine tote Atmosphäre übrig. Fischers eher pessimistischem Votum hält Monika Klingele vom Amt für Städtebau mit einer nüchterner Einschätzung der Ausgangslage entgegen. Sie sieht in Zürich-West nach wie vor eine unglaubliche Symbolkraft, die unter anderem auch gerade wegen gewissen aktuellen Spannungen und dem Austausch zwischen verschiedenen Interessegebieten seine Vielfalt auch in Zukunft behalten werde. Günther Arber, der für die Stadt Zürich die Stadt- und Quartierentwicklung leitet, unterstützt diese positive Auslegung des momentanen Zustands und betont mehrmals, dass die Stadt mit viel Engagement in der Übergangszeit von Planungs- zu Betriebsphase dabei sei. Er persönlich habe Zürich-West nie als einheitliches Quartier wahrgenommen, weshalb für ihn auch viel mehr eine Raumoptimierung in Bezug auf die ganze Stadt Zürich, als einer Quartierförderung im engen Sinne auf der Tagesordnung stehe. Seine überaus positive Einschätzung begründet Arber unter anderem damit, dass laut der Befragung in der anfangs vorgestellten Studie den Leuten nichts zu fehlen scheine, und sie im Allgemeinen sehr zufrieden seien.

Dieser recht harmonischen Einschätzung seitens der Stadt wird an diesem Abend aber mehrmals vehement widersprochen. So vorallem von Fischer und Schmid, wie auch Initiant Gysin, die Zürich-West nicht nur als Teil Zürichs, sondern auch als funktionierendes und belebtes Quartier wahrnehmen und spüren wollen. Schmids Visionen scheinen sehr realistisch und bescheiden, erklärt er doch: „Die Frage „was ist falsch gelaufen“ ist meiner Meinung nach nicht so wichtig. Viel mehr geht es doch darum, war wir heute machen können, damit es in unserem Quartier attraktiver wird!“. Etwas pointierter drückt es ein Zuschauer aus, der in der ganzen Sache die Unterstützung der Stadt vermisst. Der seit 1992 Zürich-West-Ansässige sagt: „Die Stadt scheint eigentlich eher zu bremsen, als zu fördern, und nebenbei geht der ganze Geist unseres Quartiers verloren“. Die Mehrheit des Publikums scheint ihm recht zu geben. „Aussensitzplätze? Lärm in den Strassen? Es ist ja alles verboten hier...“, so der O-Ton. Unterstützung bekommt die Vertretung der Stadt dann aber von einem Puls 5-Bewohner, der sich ebenfalls zu Wort meldet und erklärt, dass auch für ihn Zürich-West nicht ein Quartier im traditionellen Sinne, sondern eben eher ein Prozess sei. „Was sie alle nicht haben, ist Geduld“, beschwichtigt er die erhitzten Gemüter.

Ob sich tatsächlich mit ein bisschen Geduld nach dem ganzen Baumboom eine „nachhaltige“ Attraktivität Zürich-Wests einstellen wird, wird sich zeigen. Laufende Projekte, wie der Investoren-Wettbewerb beim Hardturmstadion, sowie eventuelle Erdgeschossnutzung im geplanten Asylzentrum auf dem Duttwilerareal oder frei werdender Raum bei der Kehrichtsverbrennungsanlage sind aber sicherlich ein Hoffnungsschimmer und zeigen zukünftigtes Potential zur Belebung des Quartiers.

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