Doppelt gemoppelt

Diesen Mittwoch haben das Trio "Re-Tros" aus Bejing und die vier Jungs von „Ought“ aus Montréal das Sommerloch in der Konzertserie vom Bogen F gefüllt. Das Indoor-Sommerkonzert im heimeligen Ambiente unter dem Viaduktbogen war eine willkommene Alternative während der laufenden Open Air-Festivalsaison an diesem kühlen Sommerabend. Beide Bands schienen jeweils auf eine kleine aber feine Fangemeinde zählen zu können, was dazu beitrug, dass die Stimmung im Bogen F von Anfang an aufgeheizt war.

„Hallo, wir sind Re-Tros aus Bejing und spielen heute Abend für euch!“ Ja, der Frontmann von der chinesischen Band sprach tatsächlich Deutsch mit uns, und das erstaunlich akzentfrei! Meine Kollegin und ich schauten uns überrascht an. So wird man natürlich gerne als Konzertbesucherin begrüsst. Und es sollte für uns nicht bei dieser einen Überraschung bleiben. Dass dieser Konzertabend unseren Musikhorizont erweitern würde, war uns bewusst, da wir die Bands nicht kannten und ohne voriges Reinhören den Sprung ins kalte Wasser und an neue Ufer wagten. Tatsächlich wussten wir nicht einmal, welche Musikstile uns an diesem Abend erwarten würden. Als erprobte Konzertgängerinnen freuten wir uns aber genau darauf, denn nicht selten haben wir auf diese Weise schon eine neue Lieblingsband dazugewonnen.

"Re-Tros" aus Bejing

Deshalb blieben wir gespannt, was nach der überraschenden Begrüssung auf der Bühne passieren würde. Dann ging es auch schon los. Und wie! Die Band gab ab dem ersten Ton alles. Für unseren Geschmack war das fast zu viel, denn dadurch fühlte ich mich teilweise wie an einem spontanen Wohnzimmer-Konzert, bei dem improvisiert, ausprobiert und ja, vielleicht auch mal im Übermut etwas übertrieben wird. So haute also nicht nur der Drummer, sondern zuweilen auch der Frontmann sowie die kurlige Bassistin in die Trommeln. Sowieso schien der Frontmann, abgesehen von seinen vereinzelten deutschen Sätzen an das Publikum auf einer ganz bestimmten Mission, und vor allem in seiner eigenen Welt zu sein. Obwohl die Musik von „Re-Tros“ grundsätzlich mitreissend war, schien das Trio völlig in ihrem Musizieren abgesondert zu sein. Dementsprechend fehlte auch jeglicher Kontakt zu den Zuschauern, weswegen es teilweise schwierig war der Band überhaupt zu folgen.

Zudem wirkte das Set sehr hektisch. Die Bassistin war sichtlich überfordert damit, was darin resultierte, dass sie mehrmals ihre Brille verlor, die ihr in allem Eifer immer wieder von der Nase rutschte. Diese Situationskomik schien sie nicht weiter zu interessieren, und die kleine Chinesin mit Pagenkopf und engen Leggins wechselte sekundenschnell zwischen Bass, Schellenkranz, zweiter Stimme, Mini-Keyboard, Trommel und Cowbell hin und her. Dies versprach zweifellos viel Action, wozu auch der Frontmann einen Grossteil beitrug, war er doch stets mit vollem Einsatz an der Gitarre, Trommel, am Gesang oder mit den etlichen Mischgeräten an seinem DJ-Pult am Werk. Wie schon angetönt, war das für meine Begleitung und mich meist ein Ticken zu viel und ich fragte mich, ob sie so von dem eher spärlichen Gesangstalent ablenken wollten? Die ausgelassene Stimmung im Publikum relativierte meine kritische Einschätzung indes und ich glaube, dass dieser beschriebene „hyperaktive“ Drive von „Re-Tros“ wohl gleichzeitig auch Geheimrezept für ihren Erfolg ist. Denn gute Unterhaltung mit viel Abwechslung bieten sie ohne Frage. Zwar spielen diese Chinesen offensichtlich nicht nach dem Motto „Weniger ist mehr“, dafür wurde dem Publikum an diesem Konzert auch entsprechend viel geboten: treibende Beats, spannende Instrumentation und überraschende Gesangseinlagen, die vorallem zur Dekoration ihrer Musik diente. „Re-Tros“ gaben ein lautes, aber in sich stimmiges Gesamtpaket zum Besten, das keine Langeweile zulässt. Und wurden mit einem tanzenden Parkett belohnt, sobald sie mit ihrem Lied „Dying Atmosphere“ begannen, das auch hierzulande in jeden Club passen würde.

Die vier kanadischen Jungs von "Ought"

Nach einer kurzen Umbauphase betraten dann die vier -Jungs aus dem kanadischen Montreal mit Retro-Look die Bühne. Nachdem ich bei der ersten Band vor allem im Bereich des Gesangs mehr erwartet hatte, war ich jetzt gespannt auf den Leadsänger von „Ought“. Jedoch wurde mir wiederum ziemlich schnell bewusst, dass auch bei diesen Vieren nicht die Stimme des Frontmannes, sondern die aneinander reibenden Gitarre- und Bassklänge, und die vorantreibenden Rhythmen und Beats des Schlagzeugs im Mittelpunkt standen. Der Keyboarder schien dabei eher eine Nebenrolle einzunehmen und mehr für die Komplettierung des Bühnenbilds zuständig zu sein. So spielte er auch meistens nur mit einer Hand und war vor allem damit beschäftigt, seinen zerzausten schwarzen Lockenkopf zur Musik zu wackeln. Auf die Bühne passen diese Jungs wie die Faust aufs Auge, und da ich rein musikalisch vielleicht ein bisschen „unterfordert“ war, fand ich besonderen Gefallen daran, den blonden Bassisten zu beobachten. So erotisch wie ihn habe ich nämlich noch niemanden auf der Bühne Bass spielen sehen.

Der Sound von „Ought“ erinnerte mich stark an die Musik aus gewissen Coming-of-Age Filmen, wie beispielweise „The Perks of Being a Wallflower“. Der atmosphärische Sprechgesang und die affektierten „Uh-Ohs“ des Leadsängers waren zwar nicht sonderlich komplex, dafür fühlte man sich irgendwie aufgehoben bei den flotten Kanadiern. Nach dem zugegebenermassen etwas anstrengenden Konzert von „Re-Tros“ war ich also froh, dass „Ought“ einem nicht überforderte, und einem sofort mit ihrem Punkrock einlullte. Das Ambiente im Bogen F nahm das kanadische Quartett denn auch perfekt in sich auf. Zuweilen vergass ich sogar, wo ich eigentlich war, und wähnte mich in einer hippen, verrauchten Bar irgendwo in den USA, während ich mit dem Körper zur Musik wippte.

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