Die Vielfalt der Geschlechter

Die Eintragung ins Geburtenregister des menschlichen Geschlechts hat noch deutlich Nachholbedarf. Trotz Gleichstellungsgesetz tut sich Zürich schwer mit diesem Thema. Für einmal ist Facebook diesbezüglich vorbildlich. Ein paar Überlegungen angeregt durch Wu Tsangs Ausstellung im Migros Museum und den Erläuterungen des Kurators Raphael Gygax.

Noch bevor ein Mensch geboren wird, stellt man meist bereits Vermutungen an, ob denn das ungeborene Kind ein Mädchen oder ein Junge sei. Möglichst bald soll per Ultraschall erkennbar sein, welches Geschlecht das Embryo besitzt, damit sich seine stolzen Eltern auf einen Namen einigen und das Kinderzimmer passend einrichten können.

Doch weshalb ist uns das Geschlecht eines Kindes so wichtig? Als Angehöriger einer Adelsfamilie, kann die Geburt eines Prinzen ja noch von Bedeutung sein, um das Bestehen des Stammbaumes zu sichern. In unseren Gegenden sind jedoch Könige und Grafen eher selten.

Nicht für alle Eltern ist die Frage des Geschlechts des Kindes vor der Geburt ausschlaggebend. Viel wichtiger ist das Ereignis an sich. Schliesslich wird ihnen ein neues Leben geschenkt, welches vor allem eines will: Als Mensch willkommen sein und geliebt werden! Unabhängig jeder Geschlechterfrage.

Mal Mann mal Frau, Dragqueen RuPaul

Wie regelt unser Recht und Gesetz die Eintragung des Geschlechts ins Geburtenregister? Des biologisch definierten Geschlechts eines Menschen?

Grundsätzlich wird hierzulande nach der Geburt des Kindes sofort erkannt oder festgelegt, welchem Geschlecht das Neugeborene zuzuordnen ist. Die nötigen Dokumente werden vom Spital ausgefüllt und dem Zivilstandsamt Zürich weitergeleitet. Darin ist vermerkt, welchen Vor- und Nachnamen das Kind trägt und unter welchem Geschlecht.

Doch nicht immer ist die Zuteilung eines Geschlechts eine so eindeutige Sache. Es gibt auch intersexuelle Menschen, die genetisch und/oder anatomisch weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeschrieben werden können. Für solche Fälle gibt es in Zürich zurzeit keine Möglichkeit, das Geschlecht als „Neutrum“ einzutragen.

In Deutschland ist z.B. seit 2013 ein Gesetz in Kraft, welches die Möglichkeit bietet, die Geschlechtsangabe im Geburtsregister vorerst offen zu lassen. Dies soll intergeschlechtlichen Menschen zu mehr Anerkennung verhelfen. Die neue Handhabung wirft jedoch viele Fragen auf. Bei dieser Regelung ist bislang völlig ungeklärt, ob sich Kinder ohne Eintragung irgendwann für ein Geschlecht entscheiden müssen, ob Erwachsene ihren Eintrag löschen lassen dürfen und auch, ob und wen Menschen ohne Geschlechtseintrag heiraten dürfen.

Norrie May-Welby, Sydney

Wegweisend in diesem Fragenkomplex war das australische Sydney. Es verabschiedete 2010 ein Gesetz, welches Norrie May-Welby ermöglichte, sich als erster Mensch als Neutrum in den Papieren einzutragen. Dieser Fall wanderte durch alle Instanzen bis vors oberste Gericht und sorgte weltweit für Aufsehen. Dieses entschied: „Für die meisten rechtlichen Angelegenheiten ist das Geschlecht eines Individuums irrelevant“.

Für das Kreisbüro in Zürich, welches für die Eintragung ins Geburtenregister zuständig ist, gehört die Gleichstellung und Gleichbehandlung von Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Identitäten zu den gesetzlichen Grundlagen. Der Stadtrat sehe in diesem Bereich aber noch einigen Handlungsbedarf- Beispiel Gleichstellungsgesetz.

Die geschlechtliche Vielfalt der Menschen sei jedoch bis anhin immer noch ein Tabu. Für Menschen, die sich weder in den Kategorien von Frau oder Mann wohlfühlen, gibt es keine Kästchen zum Ankreuzen.

Androgynes Model, Andrej Pejic

Eine beispielhafte Vielfalt bietet bisher eigentlich nur Facebook. Auf der social platform ist es mittlerweile möglich, für das eigene Profil zwischen 60 verschiedenen Geschlechterformen auszuwählen. Nicht nur männlich oder weiblich, sondern auch androgyn, transsexuell bis hin zu intersexuell. Dies sei, so Facebook, ein Zeichen des Respekts gegenüber der Verschiedenheit.

Es ist zu wünschen, dass auch die hiesigen Regelungen in Zukunft eine grössere Differenzierung zulassen. Das beschränkte Mann/Frau Schema trägt der Wirklichkeit nicht Rechnung. Am Ende zählt nur der Mensch.

Die Ausstellung von Wu Tsang "Not in my language" im Migros Museum, befasst sich intensiv mit diesem Thema und läuft noch bis zum 8. Februar.

Karte wird geladen ...

Logo Westnetz