DIE TÄNZERIN, DIE KNOCHEN KOCHT

Die drei Tätigkeiten Tanzen, Kochen und Essen bestimmen den Alltag von Marie-Louise Lo. Die 35-jährige Tanzlehrerin mit asiatischen Wurzeln hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht und ihr Hobby zum Gelegenheitsjob.

Ein One Day Portray aus Zürich West (mehr Infos ganz unten):

Fotos: celinewerdelis.com

Die grauen Wolken hängen tief an diesem Samstagmorgen und kein Sonnenstrahl vermag, durch die Nebeldecke zu dringen. Mit kleiner Verspätung fährt Marie-Louise Lo in ihrem bescheidenen Auto nach Zürich-West. Der Wagen scheint ein Abbild ihrer selbst zu sein. Man merkt, dass darin gelebt wird und seine Besitzerin viel unterwegs ist. Verschiedene Kleidungsstücke liegen auf der Rückbank und auf dem Beifahrersitz stapeln sich noch frische Lebensmittel vom letzten Abend. An diesem hatte sich Marie – wie sie ihre Freunde nennen – um die Verpflegung der isländischen Sängerin Emiliana Torrini gekümmert, die auf ihrer Tour in Zürich Halt gemacht hatte. Das Kochen hat Marie von ihrer chinesischen Mutter gelernt und verzaubert damit nicht nur ihr ganzes Umfeld. Auch Emiliana und ihre Crew beteuerten in einem E-Mail, dass sie noch nie ein «so schönes Catering» gehabt hätten. Da Marie an jenem Abend aber nur eingesprungen war, hat sie nun die Messlatte für ihre Kolleginnen vom eigentlichen Catering-Service gerade noch etwas höher geschraubt. Ihr ist es wichtig, die Spezialwünsche ihrer Gäste und Kunden immer zu beherzigen. Dafür schreibt sie alles feinsäuberlich und von Hand an: Ohne Tomate, ohne Salz, vegan und richtet es schön her: «Das Auge isst einfach immer mit, oder?»

Tanzlehrerin im Werk am Werk

Marie ist aber eigentlich Tanzlehrerin und arbeitet im Zürcher Tanzwerk 101 im gentrifizierten Zürich-West. Ehe sie in den Tanzsaal geht, kauft sie in der Migros noch ein isotonisches Getränk und schlendert kurz durch die Migros Outlet-Abteilung. Manchmal gäbe es da super Schnäppchen: «Wenn du ein grosses Essen für Freunde vorbereitest, lohnt es sich sehr, hier einzukaufen». Im Tanzsaal warten schon ihre Schüler und eine Freundin, die heute ausnahmsweise zur Unterstützung dabei ist. Marie hat sich am vergangenen Wochenende bei einem intensiven Burlesque-Tanzworkshop am Rücken verletzt und kann heute leider nicht mittanzen.

Marie-Louise Lo im Tanzwerk 101

«Eigentlich wollte ich ja Opernsängerin werden», sagt sie grinsend, «schliesslich macht das nicht jeder!» Sie begann ihre Tanzkarriere noch in Kinderschuhen mit Jazzballett und wusste schon bald, dass sie das Tanzen gerne eines Tages zum Beruf machen würde. Heute unterrichtet sie vorwiegend Burlesque, Jazz und HipHop. Im Tanzsaal bewegen sich die Schüler jetzt auch zu harten Bässen und HipHop-Beats. «Ich habe schon immer für andere Choreografien zusammengestellt, das mache ich einfach gerne.» Das sieht man: Trotz lädiertem Rücken stellt sie sich vor ihre Klasse, gibt den Takt an und zählt laut mit: «eins, zwei, drei,vier, fünf, sechs, sieben, acht». Eine Schülerin erwischt bei einem Tanzschritt immer wieder das rechte anstelle des linken Beins und Marie empfiehlt ihr, ein Hosenbein hochzukrempeln, damit sie sich erinnern kann, welches Bein sie benutzen muss. Und tatsächlich, beim nächsten Mal klappts! «Das ist jetzt meine neue Methode, die Hosenbein-Methode», sagt sie, sichtlich amüsiert über den Erfolg.

Samstag ist Einkaufstag

Heute Abend erwartet Marie Gäste und daher nutzt sie die Zeit zwischen den Tanzlektionen, um einzukaufen. Mit ihrem Auto fährt sie zum Zürcher Schlachthof beim Letzigrund Stadion. «Ich kaufe das Fleisch am liebsten im Schlachthof ein. Hier weiss ich wirklich, woher es kommt». Fleisch wird also direkt beim Schlachthof gekauft und da ist es naheliegend, dass sie auch die weiteren Zutaten bei der Quelle besorgt. «Vom Catering meiner Mutter habe ich gelernt, wo ich was einkaufen muss. Es ist immer ein Abwägen von Preis und Qualität», erklärt sie und fährt weiter zum Asia Market an der Pflanzschulstrasse im Zürcher Kreis 4. Schon beim Einparkieren winkt sie einem Lieferanten zu– man kennt sich. Gewappnet mit mehreren Einkaufstüten betritt sie den Laden und nachdem man nur einen Fuss in den Market gesetzt hat, taucht man ab in eine andere Welt, fern östlich der Schweiz. Schliesst man hier die Augen und lauscht den fremdsprachigen Stimmen und atmet die asiatischen Düfte ein, könnte man gerade so gut in Bangkok auf einem Street-Market stehen.

Marie im Asia Market beim Einkaufen

«Mein Vater war Marktfahrer und hat die Asia Markets in der Schweiz mit aufgebaut», erzählt Marie beiläufig. Hier und da schüttelt sie jemandem die Hand, hält einen kurzen Schwatz und packt routiniert Produkte mit asiatischen Schriftzeichen in den Einkaufswagen. Schnell füllt er sich und ist spätestens, nachdem sie die Gemüseabteilung hinter sich gebracht hat, voll gepackt. Im Laden gibt es Dutzende, wenn nicht Aberdutzende Frucht- und Gemüsesorten, die Herr und Frau Schweizer wohl noch nie auf ihrem Teller hatten. Auf der Zielgeraden zur Kasse findet Marie noch frische vietnamesische Frühlingsrollen und einen Reisnudelsalat: «Das ist mein Mittagessen!Mmmh… ich liebe die frischen Produkte hier und gönn mir immer etwas». Noch ein paar Importbiere und dann geht’s zur Kasse: «Nicht für mich, ich trinke nicht, aber für meine Gäste heute Abend.»

Was wäre wenn...

Da sie bis zum Nachmittag nicht mehr unterrichten muss, nutzt sie die Zwischenzeit nicht nur fürs Einkaufen, sondern auch zum Wäsche machen. «Samstag ist auch mein Wäschetag, da ich an den anderen Tagen gar nie dazukomme» und fährt derweil mit den Einkäufen zurück nach Uster, im Zürcher Oberland. «Ich frage mich oft, was wäre, wenn ich nicht in der Schweiz gelandet wäre?» Marie hat acht Geschwister und ist die älteste. Ihre Mutter kommt aus China und ihr Vater aus Kambodscha. Während dem Kambodschanischen Bürgerkrieg in den 70er-Jahren mussten sie vor den roten Khmer flüchten:«Man hoffte, Platz in einem Flieger zu bekommen, wohin der ging, war zweitrangig. Hauptsache weg.» Der Flieger ihrer Eltern flog in die Schweiz und ihre Mutter war zu diesem Zeitpunkt mit Marie schwanger. «Wäre das Flugzeug in die USA geflogen,wäre ich da jetzt vielleicht ein Popstar», sagt sie grinsend. Weg aus der Schweiz will sie aber nicht, hier ist ihre Heimat, ihr Zuhause. Tanzlehrerin wurde Marie auch mehr durch Zufall. Nach einer absolvierten IT-Lehre fand sie nicht gerade einen passenden Job und sah das Inserat der Migros Klubschule, die eine Vertretung als Tanzlehrerin suchte. Spontan und ohne grosse Hoffnungen habe sie sich beworben und wurde überraschenderweise zum Vortanzen eingeladen. «Wir waren sechs Kandidaten und alle hatten Tanzausbildungen aus den USA, London und so, ich hatte nichts!», erzählt sie. Mit ihrer langjährigen tänzerischen Erfahrung, ihrem Charme und den Unterrichtsqualitäten konnte sie den Job jedoch für sich gewinnen. Das Feedback war immer gut: «So konnte ich von einer Vertretung in die andere hüpfen, bis ich irgendwann eine Festanstellung bekam.» Heute lebt sie vom Unterrichten und konnte ihre Leidenschaft zum Beruf machen.

Die Ruhe vor dem Sturm

Ganz direkt nach Hause geht es dann in Uster aber doch nicht. «Nur noch einen kurzen Stopp beim Türken, der hat einfach das beste Gemüse!», schwärmt Marie. Vollgepackt mit Gemüse in allen Grüntönen, die man sich nur vorstellen kann, steigt sie nach dem Zwischenstopp wieder ins Auto. Sie hat einen Parkplatz draussen vor der Siedlung, in der sie lebt, und muss zweimal laufen, bis sie alle Einkäufein die Wohnung transportiert hat. Zurzeit werden die Balkone saniert und rund um das Wohnhaus ist Baustelle. Eine Nachbarin spricht sie an, ob sie den Brief betreffend der Mietzinsreduktion auch schon unterzeichnet habe: «Wenn wir alle zusammenhalten, ist die Verwaltung unter Druck und muss handeln – ausserdem sind wir Mieter ohnehin im Recht.» Marie unterhält sich noch kurz mit der Nachbarin und verschwindet dann in ihre Wohnung. Die Küche ist klar das Herzstück. Es ist nicht eine dieser Küchen, in der alles perfekt aufgeräumt ist und man den Eindruck erhält, es sei zwar eine Küche, aber gekocht werde hier nie. Maries Küche ist das pure Gegenteil: Wer einmal in dieser Küche steht, will nicht mehr weg, so heimelig ist sie. Überall stehen kleine Dosen, gefüllt mit Leckereien und auf mehreren Regalen verteilt. Sie setzt sich an den Wohnzimmertisch, gönnt sich eine kleine Auszeit und isst ihr Mittagessen, das sie zuvor im Asia Market gekauft hatte. Derweil erzählt sie von ihrem Engagement bei Insieme, einem Verein, der sich für ein umfassendes Bildungs-, Beratungs- und Freizeitangebot, die Interessen sowie die Förderung von Menschen mit einer geistigen Behinderung einsetzt. Seit über drei Jahren unterrichtet Marie bei Insieme geistig behinderte Menschen: «Ich liebe die Zusammenarbeit. Das beweist mir immer wieder, dass jeder tanzen kann, ganz egal unter welchen Umständen. Tanzen befreit und weckt Emotionen.»

Vorbereitung ist alles

Nach ihrem Mittagessen im Wohnzimmer verschwindet sie auch schon wieder in die Küche. Die eingekauften Zutaten liegen auf dem erhöhten Küchentisch und sie beginnt mit dem Rüsten des Gemüses. Zum Nachtessen gibt es Sukiyaki. «Ich halte mich nicht an ein klassisches Rezept, es ist also eine à la Marie-Version.» Auf dem Schlachthof hat sie unter anderem auch Knochen gekauft, die sie jetzt für den Sud benutzt. Zusammen mit Gemüse in allen Farben hat das jetzt mehrere Stunden zu köcheln. Sie füllt gleich zwei riesige Suppentöpfe: «Der eine ist für heute Abend und den anderen brauche ich dann morgen.» Nachdem in der Küche alles soweit vorbereitet ist, wechselt sie von der Küche in die Waschküche und kümmert sich um ihre Wäsche. Sie versuche immer, so viel wie möglich parallel zu erledigen, gerade wenn es ums Haushalten gehe. Ihr Multitasking ist beeindruckend. Innert der knappen Stunde, die ihr verbleibt, ehe sie das Haus wieder verlassen muss, hat sie die Wohnung geputzt, das Bad gereinigt, Wäsche gemacht und den Sud für das Nachtessen gekocht. Diese heisse Brühe ist übrigens so lecker und intensiv im Geschmack, dass man wieder weiss, was eine richtige, frische Bouillon ist, fern von den Fertig-Würfeln.

Marie in der Küche

Burlesque – professionell sexy

Zuhause ist nun alles vorbereitet für den Abend und ihre Gäste. Erneut packt sie ihre Tasche und fährt mit dem Auto nach Zürich in die Tanzschule. Burlesque steht nun auf dem Programm. Der Kurs ist gut besucht, die Damen tragen allesamt High-Heels und bewegen sich grazil über die Tanzfläche. Viele mögen bei Burlesque heutzutage spontan an Dita von Teese denken, an knappe Kleidung und erotisches Tanzen. Marie kennt die Burlesque-Szene in der Schweiz seit ihren Anfängen: «Burlesque ist ein Tanzstil, der deine femininen Vorzüge betont und bei meiner Körpergrösse sind High Heels ohnehin nie falsch.» Marie ist eher kleingewachsen und trägt auch etwas auf den Rippen, man muss keine Primaballerina in Size Zero sein, um professionell zu tanzen: «Solange ich tanzen kann, fühle ich mich wohl in meinem Körper und dieses Gefühl möchte ich auch weiter vermitteln.» Mit neckischem Blick ziehen Maries Tanzschülerinnen in der Choreografie ihre Mäntel aus, gefolgt von den Handschuhen, und die Musik, die aus den Boxen dröhnt, versetzt sie zurück in die goldenen 20er-Jahre. Nach dem Unterricht plaudert Marie noch mit einigen Teilnehmerinnen und diese wünschen ihr gute Besserung, da sie sich ausgerechnet in einem Burlesque Tanz-Workshop den Rücken verletzt hatte. Marie packt alles zusammen, schaltet die Musikanlage und das Licht aus und verlässt die Tanzschule wieder. Mittlerweile ist es schon Nacht draussen, die Tage im November sind kurz.

Open House – alle sind willkommen

Spontan hat sich noch Maries Schwester angemeldet zum Dinner, Sukiyaki à la Marie kann sich offensichtlich niemand entgehen lassen. Beim Sukiyaki stellt man das Caquelon mit der heissen Brühe auf ein Rechaud, wie zum Beispiel auch beim Käse-Fondue. Die ganze Vorrichtung muss sie noch bei ihrer Mutter abholen. Maries Zeitmanagement wird dadurch jedoch etwas durcheinander gebracht und sie befürchtet allmählich, die Gäste seien vor ihr da und müssten in der Kälte draussen warten. Fast zeitgleich mit den ersten Gästen kommt Marie dann aber zuhause an, deckt sofort den Tisch und fügt schmunzelnd hinzu: «Bei mir sitzt man auf dem Boden, ich finde das geselliger und so fehlt mir nie ein Stuhl, man weiss ja nie, wer am Ende alles zu Besuch kommt.» Nach und nach trudeln die Gäste ein und versammeln sich um den reich gedeckten Tisch. Erst jetzt merkt Marie, dass sie eine falsche Gasdose gekauft hatte und schickt zwei männliche Gäste los, um in der 24h-Tankstelle eine passende zu besorgen. Leider kommen sie mit leeren Händen zurück. Für kurze Zeit fürchtet Marie, dass ihr Sukiyaki ins Wasser fällt, doch dank einem Gast, dem es tatsächlich gelingt, das Gas von einer Dose in eine alte (aber passende) zu befördern, steht dem grossen Essen nichts mehr im Weg. Ausser ein Foto: «Diesbezüglich bin ich sehr asiatisch, ich liebe es, Food zu fotografieren!»

Je nach Vorlieben können die Gäste nun Gemüse, Meeresfrüchte oder Fleisch in den Sud tunken, kochen lassen und mitsamt mitgekochten Reisnudeln geniessen. Selbstgemachte Chutneys und Soja- sowie scharfe Chilisaucen stehen bereit, um dem Essen nach Belieben noch den letzten kulinarischen Schliff zu geben. Bis in die späten Abendstunden wird geplaudert, Geschichten ausgetauscht, man schaut sich alte Videos an und lacht ausgiebig. Erst nach Mitternacht verabschiedet Marie ihre letzten Gäste und geht auf direktem Weg ins Bett, denn auch ein Energiebündel wie Marie muss einmal Kräfte tanken.

One Day Portray

Hat dir dieser Text gefallen? Mehr davon kann es schon bald geben! One Day Portray ist ein Projekt von Gabriella Hummel und mir. Wir sind zur Zeit am Crowdfunden, damit wir noch viele solche Portraits schreiben können. Unterstützt uns hier:

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One Day Portray Gründerinnen Gabriella Hummel und Laura Brüllmann

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