«Der Wald ist zur virtuellen Welt geworden»

Immer weniger Menschen wissen, was Natur bedeutet, wie sich das anfühlt. Das «Bergwaldprojekt» hilft den Städtern ihre Sinne zu öffnen und der Natur, sich zu entwickeln.

Das Jahr 1990 war für viele Bergregionen ein schlimmes Jahr. Laut der nationalen Plattform für Naturgefahren des Bundes, wurden auf dem grossen Sankt Bernhard Windböen von fast 270 Stundenkilometern gemessen. Die Verwüstung von Orkan «Viviane» war gross. So auch in Curaglia bei Disentis. Der Schutzwald, der das Dorf vor Lawinen schützen soll, wurde dem Erdboden gleichgemackt, die kleinen Häuser waren den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert. Das Bergwaldprojekt machte sich deshalb auf, um bei der Aufforstung des Waldes zu helfen.

Curaglia vor Orkan Viviane
Curaglia nach dem Orkan Viviane
Curaglia zehn Jahre Später nach der Aufforstung

«Bei der Aufforstung eines Waldes geht es nicht nur um das Bäumlipflanzen», sagt Ursi Di Giuliantonio vom Bergwaldprojekt. Nachdem die Setzlinge gepflanzt wurden, gehe es rund 30 Jahre, bis der Wald seine Schutzfunktion übernehmen kann. Deshalb müsse man immer wieder dafür sorgen, dass sich der Wald entwickeln kann. Das geht von Wildschutzmassnahmen, bis zur Schlagräumung. «Viele denken, wir gehen ein bisschen Pflänzli setzen, doch das ist falsch», sagt sie. Nicht richtig sei auch die Vorstellung, dass die Natur Hilfe benötige. «Der Wald kann nach einem Sturm auch 100 Jahre warten, bis er wieder nachgewachsen ist», sagt Di Giuliantonio, «aber wir Menschen nicht.»

Es ist die nachhaltige Symbiose zwischen Mensch und Natur, der sich das Bergwaldprojekt verschrieben hat. Dabei profitieren wir Menschen viel mehr, als dass uns etwa der Wald von Lawinen schützt: wir lernen die Natur wieder kennen. «Ich erinnere mich an einen 15-jährigen Jungen, der in seinem Leben noch nie im Wald war.» Gerade in den Städten seien die Naturreservate so klinisch sauber gehalten, dass man sich auch nicht getraue, etwas im Wald zu unternehmen. «Ich habe das Gefühl, dass der Wald für viele Städter zur virtuellen Welt geworden ist.» Aus diesem Grund vergrösserte das Projekt in den letzten Jahren ihre Angebote für Jugendliche und Kinder.

Harte Arbeit aber erfüllend

Das Programm ist anspruchsvoll. Tagwach ist um 6.30 Uhr, eine Stunde später geht’s los. Die Familien werden in Gruppen eingeteilt und je nach Arbeitsfähigkeit an verschiedenen Orten eingesetzt. «Bei uns können alle mitmachen», versichert Di Giuliantonio. So habe auch schon ein über 80-jähriger Mann im Wald eine Woche lang jeden Tag mit Schaufel und Pickel mitgeholfen. Gearbeitet wird bis zum Mittag, dann isst man in der Gruppe eine mitgebrachte Suppe, die man vorher auf dem Feuer erhitzt. Am Nachmittag geht es dann wieder zurück an die Arbeit. «Ausser mit Familien machen wir an drei Tagen am Nachmittag eine Exkursion», sagt sie.

Gerade für Kinder sei es wichtig, dass sie nicht nur in der Schule etwas lernen, sondern sich auch mit der Natur vertraut machen. «Es ist immer wieder erstaunlich, wie die Kinder fast am meisten mögen, wie sie jeden Tag voll motiviert sind.» Dementsprechend seien sie nach dieser Woche sehr müde aber überglücklich. Für Erwachsene bedeutet das Arbeiten im Wald Abschalten vom Alltag und den Kopf auslüften. «Zwar muss man bei uns auch arbeiten aber das unterscheidet sich natürlich enorm von einem Büroalltag.»

In den kommenden Herbstferien hat das Bergwaldprojekt noch offene Plätz bei einem ihrer Projekten. Mehr Infos gibt’s hier.

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