Der Strichplatzmeister ist Herzig

Der Countdown läuft: In neun Tagen wird der Strichplatz Depotweg eröffnet. Westnetz war schon da. Seht selbst.

25% der hiesigen Männer hatten schon mal Sex mit einer Prostituierten. Etwa 15% zahlen regelmässig für einen Liebesdienst. Kein Wunder herrschte auch auf dem Strassenstrich am Sihlquai emsiges Treiben. Noch. Denn ab dem 29. August werden Sexarbeiterinnen und Freier am Sihlquai konsequent verzeigt. Die Strassenstrichzone wird vom Strichplatz in Altstetten abgelöst.

Wir wissen, wo's lang geht

Ein kleiner Rundgang gefällig? Will man eine kleine Spritztour über den neuen Platz machen, folgt man dem roten Schirm – das Symbol des Vergnügungsparkes. Der Strichplatz ist umzäunt und mit einem grünen Sichtschutz umgeben. Fährt man von der Aargauerstrasse in den Depotweg, passiert man einen Sichtschutz in Form eines Erdwalls (8) und biegt rechts in einen Rundlauf ein. Hier stehen kleine hölzerne Kabäuschen am Strassenrand, in denen idealerweise schöne Frauen in knapper Bekleidung stehen (5). Werden sich Freier und Dirne einig, fahren sie gemeinsam zurück Richtung Erdwall und parkieren für das Schäferstündchen in einer der Sexboxen (1). So einfach ist das

Plan des Strichplatzes der Stadt Zürich

Schön muss er sein

Ist Sex im Auto nicht unbequem? So mit Knüppel im Rücken und Türe im Steissbein? Ausser man fährt einen Bentley? Kommt jemand im Ferrari oder Smart, kann man immer noch mit der Wunschdame in die zehnte Sexbox verschwinden. Da gibt es zwei Stehkabinen. Eine Alternative sind die Prostituierten, die mit Wohnmobil ihre Dienste anbieten (7). „Wir haben versucht, den Strichplatz so attraktiv wie möglich zu gestalten“, sagt Michael Herzig vom Sozialdepartement, den Stadtrat Martin Waser als „Strichplatzmeister“ betitelt. Herzig obliegt die operative Verantwortung. „Abends sind die Sexboxen farbig ausgeleuchtet. Zwischenflächen wie der Erdwall werden begrünt.“ Na dann. Tagsüber sehen die Sexboxen eher wie Besamungsstationen für Rinder aus. Nachts sollen sie jedoch in rot, blau und grün erstrahlen. Die Holzwände hinter den Standplätzen der Bordsteinschwalben zieren vereinzelte Graffiti – der Strassenlook ist also auch gegeben. Und blüht die Anlage erst mal anständig, sieht es vielleicht nicht mehr ganz so trist aus. „Ziel ist es, die Situation für die Anwohner rund um den Sihlquai zu verbessern und den Sexarbeiterinnen ein würdiges und sicheres Arbeitsumfeld zu schaffen“, sagt Waser.

Die beleuchteten Sexboxen

Zürcher Verkehrspolitik: Ein Herz für Automobilisten

Für die Gunstgewerblerinnen liegen die Vorteile auf der Hand „Die Stadt ist Platzherrin und betreibt ihn. Die Kontrolle haben wir und nicht die Zuhälter. Wir wollen weniger Gewalt, bessere Gesundheit und weniger Belästigungen für die Sexarbeiterinnen“, sagt Herzig. Zugang haben deshalb nur Autofahrer, die alleine das Areal befahren. Fussgänger und Velofahrer bleiben draussen. Wer sich nicht an die Platzordnung hält, fliegt raus. Dafür sorgen Mitarbeiter der Frauenberatung Flora Dora, der sip Zürich und der Polizei. Der Platz ist profitabler als der Sihlquai. Die Wegzeiten fallen weg, da der Sex vor Ort passiert. Nach fünf bis zehn Minuten können die Frauen wieder an ihrem Stehplatz sein. Nach Herzigs Einschätzung liegen so 20 bis 30 Freier pro Nacht drin. Ein Thema ist die Gesundheit. Flora Dora hat einen eigenen, männerfreien Pavillon auf dem Gelände (2), wo sich die Sexarbeiterinnen zurückziehen, duschen, kochen, medizinisch untersuchen und beraten lassen können. „Für die respektablen Freier wird der Strichplatz ebenfalls einen hohen Nutzen haben“, sagt Herzig. Der Platz ist diskreter als die offene Strasse, Kameras sind nicht vorgesehen und gesunde Prostituierte versprechen mehr Spass und weniger lästige Folgen. Der Platz wird sieben Tagen die Woche von 19 Uhr bis 5 Uhr geöffnet sein. Zur Enttäuschung von Skateboardfahrern, Schaulustigen und Veloneulingen ist er tagsüber abgeschlossen. „Eine Tagesnutzung ist definitiv nicht vorgesehen“, sagt Waser.

Der Pavillon – hier dürfen nur Frauen rein

Durchdachte Details

Typisch für die Schweiz ist das Projekt sehr pragmatisch. Aber auch durchdacht. Die Beschilderung ist in einem freundlichen pink oder violett gehalten. Auch die Platzordnung gibt es als Tafel mit Piktogrammen. Jeder der Unterstände am Strassenrand ist mit einer Sitzmöglichkeit, Abfalleimern und Aschenbechern versehen. Zudem haben die Frauen die Möglichkeit, sich auf eine unbeleuchtete Bank auf der Rückseite der Seitenwand zu setzen. Vor den Blicken eines vorbeifahrenden und unbeliebten Freiers ist sie dadurch geschützt. Recycelte Plakate vergangener Aidskampagnen zieren die Sexboxen, brechen etwas die Stalloptik und halten zu sicherem Geschlechtsverkehr an. Zudem hat jede Box einen Notfallknopf, mit dem Scheinwerfer, Alarmlicht und Sirenen ausgelöst werden. Alles in allem spricht wenig gegen den Erfolg des Pilotprojektes in der Schweiz. Utrecht, Köln und Essen leben ähnliche Projekte vor. Ob Freier und Prostituierte die Zürcher Variante annehmen, zeigen die nächsten sechs Monate. „Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht“, sagt Waser. „Wir sind jedoch zuversichtlich“.

Die Sexboxen sind fertig

Neugierig geworden? Am Samstag den 24. August ist zwischen 11 und 15 Uhr Tag der offenen Tür. Eine einmalige Gelegenheit, den Platz auch zu Fuss und ohne sexuelle Absichten zu erkunden. Danach ist der Strichplatz nur noch für Beteiligte des horizontalen Gewerbes zugänglich. Weiter Informationen findet man hier.

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