Der Schnauz, das Statement

Egal ob gezwirbelt wie bei Salvador Dalí, buschig wie bei Friedrich Nietzsche, pornös wie bei John Holmes: Schnurrbärte wurden diesen November weltweit gefeiert. In 30 Tagen liessen sich Männer einen Schnurrbart wachsen, um für die Gesundheit ihres Geschlechts einzustehen. Thomas Diener ist seit vier Jahren treuer Mo Bro und Mitgründer des "Movember"-Projekts in der Schweiz.

Bild: zvg

Männer sterben im Schnitt sechs Jahre früher als Frauen. Prostatakrebs ist nach Lungenkrebs bei Männern die zweithäufigste Krebserkrankung. Drei Viertel aller Selbstmorde werden von Männern begangen. Die „Movember Foundation“, die ihren Namen aus „Moustache“ und „November“ zusammenfügt, greift diese ernsten Themen auf heitere und humorvolle Art auf: Der Schnauz im November ist ein Statement der Männer für ihre physische und psychische Gesundheit. Seinen Ursprung hatte das Projekt 2003 in Adelaide, Australien, 2005 kam Neuseeland dazu, die Schweiz ist seit 2012 offiziell bei „Movember“ dabei.

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Bisher hat das Fundraising-Projekt weltweit insgesamt 622 Million Franken gesammelt, indem es Männer im November Schnurrbärte wachsen liess. Über 1000 Programme in den Bereichen Prostatakrebs, aber auch Hodenkrebs, seelisches Wohlbefinden und Bewegungsmangel wurden damit finanziert. Dabei konnte nicht nur mit dem Schnauzwuchs auf das Spenden aufmerksam gemacht werden, sondern auch durch Bewegung. So beteiligten sich dieses Jahr erstmals auch Frauen, die sogenannten Mo Sistas, um die Männergesundheit zu fördern.

Do it yourself in Zurich

Thomas Diener trägt normalerweise einen Vollbart. Seit vier Jahren ist der in Zürich-West angestellte PR-Manager ein Mo Bro. Damals, 2011, gab es noch keine offizielle "Movember"-Organisation in der Schweiz. Aufmerksam geworden auf die "Movember"-Foundation ist Thomas Kollege Ben Wey erstmals in Taiwan. „Das braucht’s auch in der Schweiz“, waren die beiden überzeugt und begannen 2011 zusammen mit Konstantinos Georgiou, auf eigene Faust Geld für die Prostata-Krebshilfe zu sammeln. Ein Jahr später kontaktierten die in Zürich wohnhaften Kollegen die offizielle "Movember"-Organisation, die zentral von London aus gesteuert wird. Diese hatte zu diesem Zeitpunkt vor, die Schweiz in das Projekt mit einzubringen. „Mit offiziellem Segen und auf offiziellen Wegen“ ging’s 2012 mit der „Movember Foundation Switzerland“ los, seither ist sie stetig gewachsen.

Thomas Diener "Ende Movember" im Sphères

Für manche Männer ist er ein treuer Begleiter, andere kommen gut ohne ihn aus. In den 80er Jahren war der Schnurrbart ein Symbol der Männlichkeit und galt als sexy. Bei „Movember“ geht’s um mehr, und zwar um die Aufmerksamkeit, die die Männergesundheit durch die Schnurrbärte erhält. Sich einen Schnauz wachsen lassen, auf seine Gesundheit aufmerksam machen und sich am Schluss gegenseitig feiern: Das klingt nach einem sinnvollen Spass. Das war auch der Beweggrund von Thomas und seinen zwei Kollegen, das "Movember"-Projekt in der Schweiz zu lancieren.

Schnurrbart von Thomas Diener

Über die Ästhetik des Schnurrbartes lässt sich streiten, die Reaktionen gehen auseinander. Auch für Thomas, der sich seinen Vollbart gewohnt ist und sich den Schnauz nach dem "Movember" wieder rauswachsen lassen wird. Gerade in der Schweiz seien Schnäuze oftmals schlicht nicht gefragt – auch unter der Damenwelt nicht. „Schnauz? Ehm nein, meine Freundin lässt das nicht zu“, hört Thomas oft von den Männern. Oder die Begründung, ein wichtiges Meeting stehe bevor. Thomas sieht das weniger eng. Vor einem Jahr war er selbst mit seinem "Movember"-Schnauz an einem Vorstellungsgespräch. Das hat sich offenbar gelohnt, oder hatte zumindest keinen negativen Einfluss: Den Job hat er bekommen.

Vergänglicher Hype?

Durch die Projektinitiierung haben sich spannende Bekanntschaften für Thomas Diener ergeben. Insgesamt kennt er "vielleicht so 20 bis 30 Mo Bros", erzählt er im Sphères. So viel Spass das Projekt auch macht, so sinnvoll es ist: Der Hype ist am Abnehmen. Das fällt unter anderem an den Abschlusspartys des Projekts auf. Während vor einigen Jahren der ehemalige Club Appartment 22 am Monatsende gefüllt wurde, fiel die diesjährige Gala-Abschlussparty am Samstag im Lima mit deutlich weniger Mo Bros und Mo Sistas aus.

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Die Teilnehmer und Teams mit der höchsten Spendensumme werden an den traditionellen "Movember"-Abschlusspartys weltweit geehrt, der schönste 30-Tageschnauz gekürt. Das fiel dieses Jahr in Zürich aus. Auch an der Kickoff-Party im Brisket Anfang November hatte es laut Thomas weniger Leute als in den Vorjahren. Thomas sieht das Problem in der grossen Auswahl, die Zürich bietet. „Da ist es einfach schwieriger, die Leute bei der Stange zu halten“, sagt er. Die Kickoff-Party in der Markthalle Basel war im Vergleich besser besucht.

"Dran bleiben!"

Das heisst aber nicht, dass sie kürzer treten, betont Thomas Diener. Neben ihm gibt es viele engagierte Mo Bros und Mo Sistas, die hoffentlich auch weiterhin dranbleiben, sich aktiv rasieren, bewegen, und miteinander kommunizieren. Zentral für die Verbesserung der Männergesundheit sind die Gespräche darüber - und zwar nicht nur im November, sondern das ganze Jahr lang.

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Immerhin hat die Schweiz mit 5120 Registrierungen dieses Jahr schon Spenden von fast einer halben Million Schweizerfranken gesammelt, die zu 83% für die Männergesundheit und zu 17% für das Sammeln und die Verwaltung des Projekts eingesetzt werden. Im Vergleich: Weltweit sind dieses Jahr bisher 505‘702 Registrierungen erfolgt, mit einer Spendensumme von fast 42 Mio. Schweizerfranken.

Die Spenden laufen noch bis Ende 2016 weiter. Der „Movember“ ist aber auch dann noch nicht ganz zu Ende, zumindest in Zürich-West nicht. Mit oder ohne Schnauz: Anfang Februar gibt’s in der Maag Halle eine Messe namens "Man's World", die das „Movember“-Projekt ebenfalls unterstützt und auf verschiedene Bedürfnisse des Mannes ausgerichtet ist.

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