FLASH VON MARIGNANO 1515

„Marihuana 1515“: Jubiläen als Rausch? An der Podiumsdiskussion von Dienstagabend in der Photobastei diskutierten die beiden Geschichtsprofessoren Monika Dommann und Valentin Groebner über die Funktion von Marignano 1515 als Gesellschaftsdroge. Und darüber, was die historische Schweiz mit der Fifa gemein hat.

Nein, am Dienstagabend am "Marihuana 1515" in der Photobastei wurde nicht das gleichbenannte Arznei- und Rauschmittel in Form der weiblichen Hanfpflanze besprochen. Sondern die „Schlachten-Fantasy“ von 1515, das Mittelalter als Abenteuerspielplatz, das Jubiläum der Marignano-Schlacht, welches Medien, Politik und das Landesmuseum Zürich eingehend thematisiert haben.

Min Li Marti, „Dompteuse“ der Diskussion, schwingt einen Plüsch-Morgenstern. Sie sei im Frühjahr an der Eröffnung der Marignano-Ausstellung im Landesmuseum gewesen. Passend zum Thema habe sie sich im Vorfeld zwei Gläser Wein gegönnt. „Ich bin im Verlaufe der Ausstellung aber leider nicht in den Rausch gekommen, sondern habe mich gefragt: Warum zum Geier feiern wir das eigentlich?“

Stimmungsaufhellende Verjüngungsdroge

„Dieses Jubiläumsjahr hat für mich ganz spezifische bewusstseinserweiternde Qualitäten“, beginnt Valentin Groebner zu erklären, Professor mit Schwerpunkt Mittelalter und Renaissance an der Universität Luzern. Er verweist auf Geschichte als Verjüngungsdroge: Er fühle sich wie ein Jungspund an Veranstaltungen über mittelalterliche Geschichte, sagt der 53jährige Habsburger. Denn dort seien in erster Linie „Silver Surfers“ vertreten, darum bemüht, ihren Stolz auf die Väter zu verteidigen.

Geschichte fungiere als stimmungsaufhellende Droge. „Bei Diskussionen über Marignano geht es oft um relativ handfeste Phänomene von Altersdepression“, so Groebner. Am Jubiläum wolle man sich in dem Sinne nicht an Vergangenheit erinnern. „Man will sich an das letzte Mal erinnern, an dem man sich erinnerte.“ Jubiläen als religiöse Veranstaltungen. Als Streichung aller Schulden, als biblisches Jubeljahr, als spätantike Errungenschaft: Nach 50 Jahren würden alle Schulden erlassen.

Es geht nach Valentin Groebner immer um Erlösung, um „eine ganz eigentümliche Art von Erlösung durch Fantasie“. Um Klischees als Loops, Wiederholungsschleifen. Und um das märchenhafte Reden über Geschichte als „eine Art Trudi Gerster für Senioren“.

Die Schlacht von Marignano 1515 erinnert tatsächlich an die Fifa und Sepp Blatter: „Die Eidgenossenschaft vor 500 oder 700 Jahren war kein Staat, sie war eine Agentur“, ist sich Valentin Groebner sicher. Von ihrer Funktionsweise her, auch bezüglich Vertuschung und schmutzigem Geld, habe sie viel mehr mit der Fifa zu tun, als mit einem Gemeinwesen.

Von Theater, Lückentexten und sexy Corsagen

1941 produzierte die Prasens-Film AG unter der Regie von Leopond Lindtberg mit der Prominenz des Schweizer Films „Landammann Stauffacher“. Der Film hört vor der Schlacht am Morgarten auf: War die Verfilmung der Schlacht zu teuer, oder war es vielleicht ein dramatischer Trick der Produzenten? Dieser Frage geht Monika Dommann, Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich nach.

Erinnerungen aus ihrer Schulzeit im Jahr 1972 in Walchwil in der Innerschweiz: Monika Dommann erinnert sich an die Lückentexte zu Morgarten, sowie an kleine Theaterstücke, die „auf Buben zugeschnitten waren, mit Rollen als Sprecher oder Schreiber“. Auch Rollen für Mädchen hatten in dem Stück Platz: „Ich war im Rausch, als ich die Mittelalter-Wirtin spielen durfte.“ Schweizer Geschichte fokussiere auf Morgarten, auf Heimatkunde, am Schluss sei die Geschichte vollständig. Schweizer Geschichte, das war noch „Staatsbürgerunterricht für Buben“. Und: „Geschichte war jene Stunde, die meine Fantasie am meisten anregte.“

Nun sind wir beim Mittelalterfest in Zug angelangt, dem Monika Dommann vor zwei Wochen beiwohnte und dabei die Kostümvielfalt der heiteren Besucher im Visier hatte: Sexy Corsagen, Öko-Kinder, „Atomkraft: Nein danke“. Diese Art von Mittelalterfestlichkeiten bot viel Platz für teils politisierende, teils neutrale, auf jeden Fall schillernde Kostüme. Kostüme und Feierlichkeiten, die die „Mittelalterfreaks“ berauschten.

Selbstbestätigung politischer Institutionen

Obwohl Jubiläen, Volksfeste, Ausstellungen im Namen eines „Wir“ stattfinden, feiern sich entsprechende Institutionen selbst, findet Valentin Groebner. Es handle sich um Bedürfnisse politischer Institutionen nach Selbstbestätigung vor Publikum. Viele politische Slogans seien Versuche, uns in gelungene Happenings der Vergangenheit zurückzubeamen. Was Monika Dommann unterstreicht: „Man kann die These wagen, dass ein Teil der Lancierung von Marignano dazu dient, bestimmte Klientel für Wahlkämpfe anzusprechen.“

Das Lustige an Marignano sei ja, so erneut Groebner, dass das Ereignis unter Berufung auf Geschichte vermarktet wird: Marignano als vermeintliche Geburtsstunde der Schweizer Neutralität. Direkte Folgen von Marignano, oder etwa die Tatsache, dass die Schweiz vor Marignano der „chaotische und sehr korrupte Lieferant von Söldnern“ gewesen sei, würden so ausgeblendet. Rausch diene der „Ausserkraftsetzung nachprüfbarer Wirklichkeit“. Für quellenaffine Historiker eine bizarre Angelegenheit. Gibt es denn ein enthemmendes Mittel, um von dem High herunterzukommen? Satire wäre ein Mittel, sagt Monika Dommann. Diese sei zum Beispiel durch Charlie Chaplin in den 30er Jahren aufgekommen.

Als „erstaunlichen Thrill“ bezeichnet Valentin Groebner das Jahr 2015, allerdings sei dies ein endlicher Zustand. Darauf eine der Fragen aus dem Publikum: Ist es nicht etwas naiv, Rausch als endlich zu bezeichnen? Es gibt ja auch die Sucht nach Räuschen. „Wie können Sie das als Historiker behaupten?“ – Groebner repliziert: „Als Historiker bin ich nur für die Vergangenheit zuständig.“

Nun noch ein Blick auf die religiöse Pädagogik. „Vergessen Sie nicht, dass einige wichtige Jubiläen religiöse Erfindungen aus dem 14., 15, 16. Jahrhundert sind“, betont Valentin Groebner dem Publikum gegenüber. Der Papst habe 1300 Geld gebraucht und deshalb das Heilige Jahr ausgerufen. Die Protestanten haben im 16. Jahrhundert die 100-Jahre-Feier erfunden, um sich "gegen eine siegreiche katholische Gegnerformation publizistisch wieder Luft zu verschaffen“.

Schalchten-Fantasy berauscht uns in erster Linie, weil sie Fantasy ist. Jubiläen sind toll, weil uns vermeintliche Erinnerung an geschichtliche Ereignisse Grund zum Feiern gibt. Feiern hängt mit Emotion, mit Freude und Ausgelassenheit zusammen. Emotion wird darum von Institutionen aller Art instrumentalisiert, um Menschen für sich zu gewinnen. Weshalb so viel Trubel um vermeintliche Jubiläen – insbesondere in Zeiten vor Wahlkämpfen? Das darf nun jeder selbst beantworten.

Am Schluss der Veranstaltung der Gesellschaft offene & moderne Schweiz (GomS) verkündete Min Li Marti: „Marihuana gibt es leider keines. Aber es gibt eine Bar, um legale Rauschmittel zu kaufen.“

Titelbild: François Ier à Marignan von Alexandre-Évariste Fragonard

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