Das Tor zur Welt

Wie verändert die Nutzung digitaler Medien unsere Kinder? Haben touch screens Auswirkungen auf das Feinmotorik-Verhalten? Wir fragen nach im Kindergarten Kraftwerk 1 in Zürich-West.

Nichts kann wohl die persönlich geschriebene Postkarte aus den vergangenen Ferien als einzigartiges Souvenir ersetzen. Die Erinnerungen und Erlebnisse in den Worten der schwungvollen Handschrift des Freundes sind spürbar und Ausdruck einer individuellen Nachricht. Weshalb sonst sollte die Signatur eines grossen Schauspielers von Bedeutung sein? Warum unterzeichnet der Maler sein Kunstwerk mit seiner eigenen Handschrift? Wieso werden Verträge per Unterschrift besiegelt?

Die eigene Handschrift ist etwas einmaliges, etwas aussergewöhnliches. Sie spiegelt unseren Charakter und momentanen Gefühlszustand wieder und ist nur schwierig zu fälschen.

Immer noch beliebt- die Postkarte

So wie alles in unserem Leben, die Sprache und jeden einzelnen Buchstaben, haben wir auch das Schreiben irgendwann mal erlernt. Ganze Sätze zu bilden und grammatikalisch richtig zu formulieren. Dazu gehört auch wie ich den Bleistift passend in die Hand nehme. So einfach wie es klingt, ist auch der Umgang mit dem Schreibutensil erlerntes Verhalten, welches meist im Kindergarten erstmals bewusst gefördert wird.

Manuela Siedler vom Kindergarten Kraftwerk 1 an der Hardturmstrasse in Zürich-West weiss, wie wichtig das Thema Motorik für Kinder in diesem Alter ist: „Besonders die Feinmotorik ist uns ein grosses Anliegen.“ Grundsätzlich ist zwischen zwei Bereichen zu unterscheiden. „Es gibt die Grobmotorik, welche sich vor allem auf alle grossen Bewegungen bezieht. Hierzu zählt z.B. das Hüpfen und Gleichgewicht des ganzen Körpers sowie Hand und Fuss Koordination“, erzählt Siedler. Die Feinmotorik befasst sich mit kleineren Bewegungsvorgängen, welche meist mit den Händen ausgeführt werden. Dazu gehören das Greifen und Halten von Dingen, wie einem Stift und ist demzufolge auch verantwortlich wie wir das Schreiben erlernen. Siedler sagt: „Bei uns haben die Kinder unterschiedliche Spielzeuge zur Verfügung welche diese Eigenschaften trainieren.“ Das Einfädeln von kleinen und grossen Kugel für eine Kette oder die Klick-Bau Materialien helfen den Kindern auf einfache Weise feinmotorisch sensibilisiert zu werden.

Zeichnen auf dem iPad

In unseren doch so modernen Gesellschaft macht auch die digitale Technik vor dem Kindergarten nicht halt. Laut Lehrplan 21 müssen die Schulen den Nachwuchs fit für die digitale Herausforderung machen. Es wurden bereits mehrere Pilotprojekte gestartet bei denen digitale Medien zum Einsatz kamen. In der Primarschule Regensdorf haben mittlerweile über 1500 Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren ein Jahr lang mit iPads gearbeitet und dies „sehr erfolgreich“, sagt Medienpädagoge Steve Bass gegenüber dem Tages Anzeiger. „Bei uns im Kindergarten wurden Tablets bisher noch nicht eingesetzt. Ich habe jedoch bei meinen Praktika an anderen Orten erlebt, dass digitale Medien im Schulalltag angewendet wurden“, sagt Siedler. Zum anderen sei es ganz einfach auch eine finanzielle Frage ob sich die Schule dies leisten könne. Die einfache Handhabung der Programme und Funktionen solcher Tablets stellen besonders für Kinder einen grossen Reiz dar und sind im nu zu erlernen. Erwachsene sind oft selbst erstaunt, zu beobachten wie selbstverständlich Kinder mit iPhone und iPad umgehen können und oft besser Bescheid wissen als manch anderer.

Dennoch scheint es logisch, da Kinder bereits früh mit digitalen Medien in Berührung kommen. Je früher desto einprägsamer und schneller wird dieser Umgang gespeichert. So kommen nicht nur im Unterricht iPads zum Einsatz, sondern auch in Spielecken wie Migros und Co. werden die Bundstifte abgelöst von touch screens. Oder besser gesagt vom Zeigefinger, der auf dem digitalen Papier Wunder vollbringen kann. Kleinkinder bekommen ein völlig neues Verständnis was es heisst, etwas zu Malen oder zu Schreiben. Nicht der Filzstift in der Hand sondern der eigene Zeigefinger dient als neuer Taktstock. Farbe auswählen, Seite Blättern, alles Löschen und zu neuem Strich ansetzen- der Zeigefinger eröffnet die neue Welt.

Moderne Kinderspielecke

Noch ist unbekannt, wie sich der frühe Umgang mit digitalen Medien nicht nur auf das soziale Verhalten sonder besonders auch auf die Feinmotorik der Kinder auswirkt. Manuela Siedler vom Kindergarten sagt: „Bisher sind zumindest bei uns keine vermehrten Lernschwierigkeiten aufgetreten, welche die Feinmotorik betreffen. Dies kann jedoch bei jedem Kindergarten unterschiedlich variieren.“ Die Feinmotorik ist ein wichtiger Teil unserer Bewegungsvorgänge im Alltag und setzt auf natürliche Weise bereits nach der Geburt ein. „Alle Kinder müssen nach den zwei Jahren Kindergarten ihren eigenen Namen schreiben können“, so Siedler.

In vieler Hinsicht erleichtern digitale Medien unsere Kommunikation, dennoch werden sie die individuelle Handschrift nicht ersetzen. Die reale Welt lässt sich nicht antippen, wegwischen und magisch mit Zeigefinger und Daumen vergrössern. Noch nicht….

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