Das Selfie von früher

Retro-Effekt gefällig? Gegen ihn können Instagram und Co. einpacken. Einer der letzten analogen Fotoautomaten der Schweiz liegt in Zürich-West. Der Erinnerungswert seiner Fotos ist fundamental und hat schon viele Herzen weich werden oder höher schlagen lassen. Statten wir der Perle einen Besuch ab.

Wie ein Schmuckstück steht er da. Unauffällig und beständig, neben dem Helsinki-Club und dem Bogen 33, ein paar Meter vom Bahnhof Hardbrücke entfernt. Umgeben von goldigen Herbstfarben, mit kühner Bescheidenheit und dem Primetower im Rücken, der stolz in die Höhe ragt. Seit zweieinhalb Jahren ist der Fotoautomat hier in Betrieb, gilt als Stadtmöbel mit Kultcharakter. Damit ist er neben dem Fotoautomaten beim Goldbrunnenplatz der letzte Fotoautomat der Schweiz, der noch analoge Bilder produziert.

Analoge Pracht im Herbst

Der Unterschied zu neuen Fotoautomaten liegt im Detail. Während der analoge Fotoautomat auf chemischer Basis funktioniert und das Fotopapier belichtet und in verschiedenen Chemikalien entwickelt wird, erfasst die digitale Fotografie das Bild durch einen Sensor und speichert es auf eine Speicherkarte. Ähnlich wie das Verhältnis zwischen Vynil und MP3 sieht das Verhältnis zwischen Film und JPG aus: Die Qualität ist eine ganz andere. Die analogen Bilder wirken auf eine Art echter.

Das findet auch der Betreiber des Fotoautomaten, Patrick Frank. Auch er ist bereits als Kind und Teenager „immer in den Fotoautomaten rumgehängt“ und hat all die Streifen noch als Erinnerung zu Hause. „Ich hätte aber nie gedacht, dass ich mal selbst einen betreibe“, sagt Patrick.

Patrick Frank betreibt den Fotoautomaten seit zweieinhalb Jahren.

Patrick ist Komponist und Kulturtheoretiker und hat viele Jahre an der ZHdK studiert. Für ihn ist das Beitreiben des Fotoautomaten eine Nebenbeschäftigung, die dank der selbständigen Arbeitsweise zu seinen Hauptprojekten passt. Zu diesen zählt die Webplattform voicerepublic.com, die er letztes Jahr mit seinem Cousin gründete sowie sein aktuelles Kunstprojekt „Freiheit – die eutopische Gesellschaft“, welches im Auftrag des Donaueschinger Musikfestivals SWR über die Bühne geht. Für Patrick geht die Rechnung auf. Öfters setzt er sich auch kurz in den Fotoautomaten. Auch heute lässt er sich ablichten.

Patricks „Vintage-Selfies“: Gleich nach der Ausgabe noch feucht.

„Manchmal bin ich krank und brauche Hilfe vom Doktor“

Ach du alter Schwede! Die Rede ist vom Fotoautomaten. 40 Jahre alt ist er, und kommt aus Schweden. Von dort aus wurde er vor zweieinhalb Jahren direkt ins Quartier transportiert.

Aber auch ein Fotoautomat zeigt seine Altersschwächen. „Ich bin ein alter analoger Photoautomat. Manchmal bin ich krank und brauche Hilfe vom Doktor“, steht auf einem Fresszettel in kleingedruckter Schreibmaschinen-Schrift in der Vitrine vor dem Fotoautomaten. Erste Hilfe bietet Patrick. Die Chemie halte keine drei Wochen. Heute ist nur das Wasser knapp, Auffüllen ist angesagt.

Patrick versorgt den Fotoautomaten mit Wasser.

Fast jeden Tag kommt Patrick zum Fotoautomaten, um nach dem Rechten zu sehen. Manchmal, um den Automaten einer Blitzreinigung zu unterziehen, um dem Fotopapier Nachschub zu verleihen, oder um die Chemikalien zu wechseln. Manchmal auch, um den Platz von Partyüberresten wie Zigistummel und Bierflaschen zu befreien. Der Münzeinwurf verstopft, die Wände versprayt: So lebhaft der Standort neben Partys und Clubs auch ist, so wenig ist der Fotoautomat vor Vandalen geschützt. Das ist nervenaufreibend, aber der Fotoautomat ist zum Glück robust und nicht so schnell klein zu kriegen.

Die Innenwelt des Fotoautomaten: Die Fotostreifen werden im Kreis in die Chemikalienbäder getaucht.

Je nachdem bedarf es allerdings schon grösserer „chirurgischer Eingriffe“. Oder das Material ist knapp, weswegen der Fotoautomat auch schon geschlossen war. Um die Besucher zu informieren, greift Patrick zu einem moderneren Mittel. Mit Posts auf Facebook hält er die Fotoautomat-Fans von Zeit zu Zeit über seinen Zustand auf dem Laufenden. Zum Beispiel, wenn’s frische faule Eier alias stinkende Chemikalien gibt.

Das Schloss zur „Innenwelt“ des Fotoautomaten

Das Ritual

Die Bildqualität, die Erinnerung, aber auch der „rituelle“ Prozess in und um den Automaten herum ist bedeutend. Endlos mit Freunden bei den Passfotoautomaten rumhängen, zu fünft hereingepresst oder alleine. Grimassen schneiden, Positionen wechseln. Fünf Minuten warten, bis der Geruch nach faulen Eiern aufkommt und der Fotostreifen mit den vier quadratischen Schwarz-Weiss-Bildern in der Fotoausgabe erscheint. Die Bilder voneinander schneiden und sie aufteilen, aufeinanderstapeln und als Trophäe im Portemonnaie verstauen. Vor allem bei der Teenage-Generation waren die Streifen hoch im Kurs.

"Fotografiere dich selbst"

Der analoge Fotoautomat ist ein Konstrukt einer früheren Zeit. In einer Zeit, in der man mehr Zeit hatte, so scheint es. Deshalb ist es praktisch, neben den zwei Stutz in der Tasche noch ein wenig Geduld mitzubringen. Sei es, weil der Fotoautomat vor lauter Kultstatus so viele Leute anzieht und sich eine Schlange bildet. Sei es wegen den fünf Minuten Produktionszeit. „Oh nei, so lang warte“, stöhnt eine Besucherin vor dem Fotoautomaten. Lacht aber dann über sich selbst. Ja, fünf Minuten sind viel in unserer schnelllebigen Welt. Vielleicht eine Chance, die Welt für fünf Minuten zu verlangsamen? Oder sich zusammen zu ärgern, und dann zusammen zu lachen. Fünf Minuten sind echt viel.

Stadtmöbel mit Kultcharakter

Aber warum war eigentlich effektiv Schluss mit den analogen Fotoautomaten? Gehen wir ein wenig zurück in der Geschichte. 1967 begann Christoph Balke, Geschäftsführer der Firma Schnellphoto AG mit der Herstellung der analogen Schwarz-Weiss-Fotoautoamten in der Schweiz. In den blühendsten Zeiten zählte die Schweiz 150 Automaten in 20 verschiedenen Kantonen.

Fotoautomat von der Seite

Die Schweizer Ära der analogen Fotoautomaten endete im Frühjahr 2007, als bekannt wurde, dass die Produktion von Schwarz-Weiss-Papier eingestellt würde. Die Firma Prontophot AG hat damals 98% der Standorte der Schnellphoto AG übernommen und sie mit digitalen Fotoautomaten versehen. Für die Zeit des analogen Fotoautomaten war dies in der Schweiz quasi das Ende.

Vor zehn Jahren war das „analoge Selfie“ noch offiziell als Ausweisdokument zugelassen. Seither hat sich durch gesetzliche Vorschriften und technische Fortschritte vieles verändert. Nun, vor zehn Jahren gab’s zum Beispiel auch noch keine biometrische Datenabfrage.

Früher noch als offizielles Ausweisdokument zugelassen: Das analoge Selfie.

Die quadratischen Schwarz-Weiss-Bilder wurden durch die buchstäblich „stinknormalen“ digitalen Bilder, aber abseits des Passbildgebrauchs auch durch virtuelle soziale Netzwerke ersetzt. „Das ist Facebook von früher“, lacht eine weitere Besucherin vor dem Fotoautomaten, zeigt auf ihre Fotos, zwei Kinder sind dabei. Heute messe man sich an der Anzahl der Facebook-Freunde, früher war’s die Dicke der Passfoto-Stapel. Wer am meisten Fotos mit verschiedenen Freunden hatte, so lautete der inoffizielle Wettkampf in ihren Teenage-Jahren. „Vorzugsweise mit verschiedenen Jungs natürlich.“ Das muss schon sein.

Eine Zeichnung rechts oben in der Fotobox

Platz für Kreativität

Setzen wir uns mal selbst hinein und auf den regulierbaren Hocker. Eine rote Wand zur Rechten, der Rest ist weiss, mit einigen Zeichnungen versehen. Ein Schlitz für den Münzeinwurf, daneben die rechteckige Scheibe mit dem Sensor. Ist der 2-Fränkler drin, blitzt uns die Scheibe entgegen, viermal nacheinander. Dazwischen einige Sekunden Zeit, um zu lächeln, die „Denker“-Pose einzunehmen, Fratzen zu schneiden. Oder was einem sonst noch so Kreatives in den Sinn kommt.

Läs anvisningarna först!

Im Gegensatz zu den neuen digitalen Fotoautomaten gibt’s keine automatische Bilderkennung, kein Sprachcomputer oder gar ein Touchscreen-Menu, um Sorte, Farbe, Anzahl oder den Preis zu bestimmen. Keine maschinelle Stimme, die uns Anweisungen gibt, wie beispielsweise, den Sitz richtig einzustellen, nicht zu lachen, den Kopf gerade zu halten. Zwar, zwei Anweisungen gibt auch unser Fotoautomat in Zürich-West. Und zwar auf Schwedisch! „Läs anvisningarna först“, steht da, was etwas wie „Lies vorher die Anweisungen“ bedeutet, und „Rätt högon höjd“ (Richtige Augenhöhe).

Fotoautomat von hinten

Eine richtige Herausforderung ist das, so mag man meinen, denn dank der Analogie kann man kein Bild auf einem Display löschen und einen anderen Versuch wagen. Die Spontanität dieser Momentaufnahme, die den Bildern und den Menschen Leben einhaucht, macht’s schliesslich aus. Handy, JPG, 2015 hin oder her, der Fotoautomat in Zürich-West hat’s geschafft, seinen Platz unter den momentan goldig leuchtenden Bäumen zu bekommen. Ein Stück Fotogeschichte hat bis heute überlebt. Und erfreut sich dank ihres Charmes einer umfassenden Beliebtheit.

  • karin möckli 12.11.2015 01.29 Uhr

    Ich bin so froh das es dass noch gibt!hab noch viele bilder die mein sohn mit seine gschpänli noch gemacht hat,danke dafür :)

  • Nathalie Plank 26.6.2017 11.53 Uhr

    :-( suche schon lange.... einfach, schöni schwarzwiss föteli, wie früher. Die neue photomat machen kein Spass mehr... zu viele schnickschnacks... hoffe sie kommen wieder ich vermisse sie...
    Am liebste möchti so eine vor en huus, mir wohnen an ein Wanderweg, ich glaub ich wär nöd due einzige wo würd Freud ha!

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