Streitaxt noch nicht begraben

Weitere Verschärfung im Streit zwischen der Autonomen Schule Zürich und der Stadt: Seit Monaten sucht die ASZ nach festem Raum für ihren Unterricht. Noch vor einer Woche hatte sie trotz Unterstützungsbeteuerung seitens der Stadt kein Obdach. Nun führt sie ihren Unterricht in den ehemaligen Räumlichkeiten der ZHdK am Sihlquai fort.

Einfahrt zum Hof beim Sihlquai 125

500 Quadratmeter an zentraler Lage in Zürich. Das war das Hauptkriterium der Autonomen Schule Zürich (ASZ) für eine neue Bleibe. An 13 verschiedenen Standorten hat das selbstorganisierte Bildungsprojekt in den vergangenen sieben Jahren unterrichtet. Letzte Woche fand der kostenlose Deutschunterricht der ASZ auf dem Zürcher Sechseläutenplatz und im Lichthof der Uni Zürich statt. Mit dieser Aktion machte das Kollektiv öffentlich auf seine missliche Lage aufmerksam.

Eine Aktion der ASZ von letzter Woche: Unterricht unter freiem Himmel. (Bild: zvg)

Jetzt findet die ASZ Unterschlupf in einem Teil der Räumlichkeiten am Sihlquai 125 und 131/133, wo die Zürcher Hochschule der Künste ZHdK bis letztes Jahr ihren Standort hatte, bevor sie ins Toni-Areal gezogen ist. Seit damals haben sich rund 150 Personen mit etwa 30 kleineren und grösseren Projekten installiert, um kreativ und innovativ tätig zu sein. Das Projekt am Sihlquai wurde von der Stadt in erster Linie lanciert, um jungen Stadtzürcherinnen und -zürchern eine nicht-kommerzielle Nutzung zu ermöglichen. Die von den Sozialen Diensten betriebene Raumbörse des Dynamos verwaltet das Projekt. Nicht mit der Raumbörse abgesprochen, wohl aber mit den Nutzerinnen und Nutzern im Haus, konnte die ASZ seit letzten Mittwoch die kostenlosen Deutschkurse dort weiterführen.

„Schmuckobjekt für urbane Vielfalt“

Bereits letztes Jahr, nach dem Umzug der ZHdK ins Toni-Areal, bewarb sich die ASZ um Räumlichkeiten am Sihlquai. Damals übergab der Kanton der Stadt Gebäude am Sihlquai 125 und 131/133. „Es war uns nicht möglich, für den Preis von 85 Franken pro Quadratmeter aufzukommen“, sagt eine ASZ-Vertreterin, die anonym bleiben möchte. Ohnehin sei der 260 Quadratmeter grosse Raum zu klein und für einen Schulbetrieb mit 500 Schülern und Schülerinnen ungeeignet gewesen. Es fehlten zudem ein Gemeinschaftsraum und eine Küche, welche für die ASZ als Treffpunkt eine zentrale Rolle übernehmen. Alles in allem hatte das Angebot für die ASZ einen bitteren Beigeschmack. Es machte für sie den Eindruck, als sei sie am Sihlquai unerwünscht, oder allenfalls in einem "Integrationsstockwerk, als Schmuckobjekt für urbane Vielfalt“ akzeptiert.

Sihlquai 125

Die Stadt Zürich hat einen anderen Blickwinkel. Sie fände den Einzug der ASZ am Sihlquai aber „bemerkenswert“, da die ASZ vor einem Jahr den Sihlquai noch abgelehnt habe. Niemand würde beim Sihlquai bevorzugt, „sondern ein vielfältiger Nutzermix angestrebt“, sagt Michael Rüegg, Sprecher des Sozialdepartements auf Anfrage. Das sei von Anfang an kommuniziert worden, deshalb habe die Stadt der ASZ die Räume angeboten. Die Stadt sicherte der ASZ seit 2013 ihre Unterstützung zu, als diese eine Petition mit 10‘000 Stimmen einreichte. Seit Sommer 2015 gibt es eine Delegation bestehend aus Vertretern des Präsidial-, Finanz- und Sozialdepartements, die im Austausch mit den ASZ-Vertretern die Raumsuche unterstützt.

In den Räumen vom Sihlquai 125

Freitag, 14.00 Uhr, im 1. Stock am Sihlquai 125: In einem grossen hellen Raum sitzen vier Gruppen, bestehend aus etwa 10-20 Schülerinnen und Schülern mit den verschiedensten Nationalitäten und Altersstufen auf den Schulbänken. Die Stimmung in dem Raum ist sehr entspannt. Die Teilnehmenden machen einen interessierten Eindruck, teils konzentriert über dem Aufgabenblatt, teils im Gespräch mit anderen.

Eine kleine beschreibbare Wandtafel als Hilfsinstrument am Sihlquai 125.

Jeweils zwei Lehrpersonen unterrichten die Klassen, welche die Benennungen Pfeil, Kreis, Dreieck, Viereck oder Spirale haben. Bei der ASZ ist der Austausch unter allen wichtig: Jeder Lehrer und jede Lehrerin sei gleichzeitig auch Schüler und Schülerin, alle arbeiten freiwillig. Jede Stufe hat andere Anforderungen, am wenigsten Vorkenntnisse benötigen die Schülerinnen und Schüler in der Stufe Pfeil. In der Klasse Dreieck/Viereck geht’s bereits um das Erlernen der Pronomen.

Er, sie oder es? Am Freitag im Unterricht der Gruppe Dreieck/Viereck.

Für den gratis Deutschunterricht gibt es keine Anmeldung, sondern es können alle mitmachen, die Deutsch lernen wollen. Das gibt einen Mix aus Flüchtlingen, Sans-Papiers und anderen Migranten. Das Schulbüro vermittelt den Interessierten am Anfang die Regeln und Grundsätze der Schule.

In einem Raum im Erdgeschoss am Sihlquai 125: Schülerinnen und Schüler der ASZ warten auf den Unterrichtsstart.

Neben den Deutschkursen organisiert die ASZ auch kulturelle Anlässe, Lesungen, Konzerte, und betreibt eine eigene Zeitung. Das Kollektiv finanziert sich selbst und ist als politische Institution tätig. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler wächst stetig. Der Grund dafür ist unter anderem, dass Asylkommissionen und Gemeinden ihre Klientel aus den Asyleinrichtungen teilweise direkt zur ASZ schicken.

Solidarität spürbar

Die Mieterinnen und Mieter der Gebäude am Sihlquai haben die ASZ mit offenen Armen empfangen, wie diese in einem offenen Brief vom Mittwoch erklärt. Das sticht hervor, die Reaktionen in den Gesprächen mit verschiedenen Nutzerinnen und Nutzern waren positiv. Leonia Brenner beispielsweise nutzt zusammen mit einem Freund ein Atelier am Sihlquai 125. Gleich neben ihrem Atelier steht ein Raum, der von verschiedenen Parteien benutzt wird, jetzt auch von der ASZ. Für sie sei das kein Problem. „Es ist ja auch nicht so, dass die ASZ die Räume einfach so übernommen hätte, sondern zuerst den Dialog mit den Leuten hier gesucht hat“, sagt die ZHdK-Studentin, die im Verein Refuture tätig ist. Dieser veranstaltet vom 27.-29. November ein REFUTURE Soli-Wochende, um in Zürcher Clubs und Gastrobetrieben Spenden zu sammeln, die zur Hälfte an die ASZ und an Watch The Med Alarmphone gehen.

Atelier (mittleres Tor) der Nutzerin Leonia Brenner.

Es gibt noch weitere Stimmen. Die Herausgeber der Zeitschrift „diePerspektive“ sind auch im Sihlquai 125 eingemietet. Conradin Zellweger, Mitgründer der Zeitschrift, sieht es als Bereicherung, einen Betrieb mit sozialer Komponente wie die ASZ im Haus zu haben. „Alle Leute waren sehr freundlich. Man hat von vielen Gesichtern ein Lächeln geschenkt bekommen“, erzählt er von seinen Eindrücken der letzten Tage.

Auch die Photobastei ist Nutzerin der Einrichtungen am Sihlquai 125 und gegenüber dem Einzug der ASZ positiv eingestellt. „Aus unserer Sicht passt das perfekt zusammen. Die Autonome Schule Zürich belebt den Ort, was auch im Interesse der Raumbörse sein dürfte“, sagt Romano Zerbini, Leiter der Photobastei. Und weiter: „Ein grosses Stück aktuelle Welt kommt ins Gebäude, das begrüssen wir sehr.“ Die Photobastei hat im Moment unabhängig von der ASZ-Situation eine Ausstellung der United Nations Relief and Works Agency UNRWA im Haus. „The Long Journey Of Palestine Refugees“ heisst die Fotoausstellung und findet noch bis am 6. Dezember statt.

Bild aus der Ausstellung „The Long Journey Of Palestine Refugees“ in der Photobastei

Die ASZ hat am 5. November Statements von Kulturschaffenden und Politikerinnen/Politikern veröffentlicht, um deren Solidarität und Unterstützung der Forderung nach geeigneten Raummöglichkeiten publik zu machen. In dem besagten offenen Brief der ASZ vom Mittwoch ruft sie die Bewohnerinnen und Bewohner Zürichs auf, sich mit ihr zu solidarisieren.

Unterrichtsraum am Sihlquai 125

Wirtschaft vor Migration?

Eine Woche vor ihrem Auszug hat die Stadt Zürich der ASZ Räume in der Werkerei im nordöstlich gelegenen Zürich-Schwamendingen angeboten. Der ASZ war das zu wenig zentral, das Angebot unkonkret und zu überstürzt. "Die ASZ wurde mit einem völlig unausgereiften Plan überrumpelt, bei dem mehr Fragen offen als geklärt waren. Auch hier kann man aus Sicht der Schule nicht von einem fertigen Angebot sprechen", schreibt sie in einem heute Montag herausgegebenen Dokument.

Inzwischen wurde der Raum in der Werkerei Schwamendingen bereits von der zuständigen Immobilienfirma an andere Interessenten weitervermietet, wobei die Stadt der ASZ anbot, in anderen Räumen in der Werkerei einen Übergangsbetrieb einzurichten. Weitere Räume in der Werkerei seien erst ab Frühling 2016 frei. Es handelt sich um Räume, in denen das Wirtschaftsförderungsprojekt Blue Lion untergebracht ist, welches im Frühjahr 2016 selbst in die Räumlichkeiten am Sihlquai einziehen soll. Die ASZ erfuhr am Besichtigungstermin davon und fühlt sich von dem Angebot unter Druck gesetzt und als zu wählerisch diskreditiert. Die ASZ will den Eindruck vermeiden, zu wählerisch zu sein. Es ginge darum, genügend Platz zu haben und den Schulbetrieb für die rund 500 Lernenden zu sichern.

Fenster im Gang des Sihlquai 125

Dazu kommt, dass die ASZ selbstverwaltet ist und weiterhin ein kritisches Projekt gegen Rassismus und Ungerechtigkeit sein will. „Wir sind kein städtischer Leistungsanbieter, und das wollen wir auch nie werden“, sagt die ASZ-Vertreterin. Es könne nicht sein, dass die Stadt mit der Subventionierung gleichzeitig von der Freiwilligenarbeit der ASZ profitiere. In dem offenen Brief vom Mittwoch schreibt die ASZ, es sei ersichtlich, „dass es für die Stadtregierung offensichtlich eine Priorität darstellt, Wirtschaftsförderungsprojekte wie Blue Lion in günstige städtische Liegenschaften in der Innenstadt zu holen und migrantische Projekte an der Stadträndern anzusiedeln“.

Die Stadt Zürich wehrt sich gegen diesen Vorwurf. Sie sei immer daran interessiert gewesen, der ASZ Lösungen anzubieten. Sie zieht eine mit 155 Quadratmetern räumlich beschränkte Raumnutzung der ASZ am Sihlquai 125 in Betracht, wobei Mietpreise und Bedingungen gleich blieben wie für alle. „Sofern die ASZ gewillt ist, mit weniger Platz auszukommen, steht einer solchen Lösung nichts im Weg“, schreibt sie am Freitagnachmittag in einem Brief an die Nutzerinnen und Nutzer am Sihlquai. Als Priorität bestünden die versprochenen Reservationen, die eingehalten werden müssten.

Die Situation bleibt also prekär. Die ASZ unterrichtet vorerst bis Ende Monat am Sihlquai und hofft auf Solidarität, um die kostenlosen Deutschkurse für Flüchtlinge, Sans Papiers und andere Migranten sowie ihre kulturellen Veranstaltungen weiterhin anbieten zu können. Und zwar in „zentralen, festen, bezahlbaren und selbstverwalteten Räumlichkeiten in der Stadt Zürich“, wie die ASZ in ihrem Aufruf zur Solidarität betont. Die Gespräche sind weiter im Gang, die Auseinandersetzung zwischen Stadt und der ASZ noch nicht zu Ende. Unterdessen hat die ASZ eine Online-Petition "ASZ statt Wirtschaftsförderung im Stadtzentrum" gestartet.

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