«Das Bundesasylzentrum auf dem Duttweiler-Areal ist ein mutiger Entscheid»

Michael Braunschweig, Kirchenpflegepräsident der reformierten Kirche Zürich Industrie, über den Standort des geplanten Bundesverfahrenszentrum für Asylsuchende auf dem Duttweiler-Areal und die Angst vor dem Unbekannten Asylanten.

Seit dem zweiten Weltkrieg waren nie mehr so viele Menschen auf der Flucht wie jetzt. Die Flüchtlingskatastrophe nimmt jeden Tag grössere Ausmasse an. Was bedeutet das für die Schweiz?

Die Schweiz spielt, wie ganz Europa, eine zentrale Rolle. Denn der grosse Teil dieser Flüchtlingsströme kommen nach Europa. Wir sind über die Abkommen von Schengen und Dublin eingebunden in die europäische Asylpolitik und Sicherheitszusammenarbeit. In diesem Rahmen müssen wir unseren Verpflichtungen nachkommen.

Das heisst?

Es gibt die anhaltenden politischen Debatten über Kontingente, wer wie viele Flüchtlinge aufnehmen soll. Das ist vor dem politischen Hintergrund ja verständlich. Angesichts der Dimension dieser Flüchtlingskatastrophe ist es aber absolut dringlich, dass hier alle europäischen Staaten und ihre Zivilgesellschaften sich an der Bewältigung der Krise beteiligen.

Viele sehen die Schweiz als eine Insel, um sich nicht zuletzt auch von gewissen politischen Fragen zu distanzieren. Nun will die Lega-Partei im Tessin die Grenzen dicht machen, weil sie sich überfordert fühlen mit der Situation. Was sagt das aus?

Die Schweiz hat beim Thema Grenzen zumachen bei Flüchtlingskatastrophen eine bekannte, unrühmliche Geschichte. So löst man keine Probleme, sondern verschliesst sich vor ihnen. Menschlich halte ich das für einen nicht akzeptablen Weg und politisch ganz einfach für idiotisch – im etymologischen Sinn: also rein auf sich selbst bezogen.

Lassen wir mal die Politik weg. Es gibt Schweizerinnen und Schweizer, die sich mit der Not dieser Menschen auseinandersetzen und zum Beispiel in ihrer Wohnung Zimmer für Asylsuchende bereitstellen. Auch verschiedene Kirchen nehmen immer wieder Menschen in Not auf. Wäre das auch für euch eine Option?

Absolut. Wir überlegen uns das derzeit auch, denn wir haben Liegenschaften, in denen wir Menschen unterbringen könnten und die wir auch schon als sozialen Wohnraum zur Verfügung gestellt haben. Ich kann da der Diskussion natürlich nicht vorgreifen, aber das ist sicher etwas, das wir uns überlegen müssen: Wie tragen wir als Kirche mit unseren Ressourcen zur Bewältigung der Krise bei?

Für die SVP wäre es besser, wenn man die ganzen Bestrebungen der Schweiz hinsichtlich der Flüchtlingskrise ins Konfliktgebiet verlagern würde. Ist das sinnvoll oder nur die Abschiebung des Problems?

Vor Ort helfen ist wichtig. Ein grosser Teil unserer Hilfe wird ja auch dort geleistet. Das eine schliesst das andere aber nicht aus. Denn viele Menschen sind nun einfach schon mal hier. Es wäre deshalb politisch unklug und menschlich irritierend zu sagen, man müsse unser Verhalten hier im Inland nicht ändern, sondern alle Bestrebungen ins Ausland verlagern. Die Katastrophe hat nun mal ein Ausmass erreicht, angesichts dessen wir sowohl bei uns als auch vor Ort Hilfe leisten müssen. Die Massnahmen in den Konfliktherden greifen nicht von heute auf morgen, das braucht Zeit.

Es gibt aber auch Ängste in der Bevölkerung.

Ich verstehe, dass es diese gibt. Angst ist immer eine mögliche Reaktion auf Unbekanntes und mit menschlicher Not konfrontiert zu werden, wenn es einem selbst gut geht, kann zudem unangenehm sein. Man kann sich vor dieser Not verschliessen – aber dadurch flieht man letztlich nur vor ihr und trägt nichts dazu bei, sie zu beheben. Angst war noch nie ein guter Ratgeber. Die Herausforderung besteht darin, sich mutig gegen die eigenen Ängste zu stellen. Und da bin ich überzeugt, dass es eine menschliche Pflicht ist, sich diesen Problemen anzunehmen – nicht nur eine kirchliche.

Auf dem Duttweiler-Areal hier in Zürich-West soll bald ein Bundesverfahrenszentrum für 360 Asylsuchende gebaut werden. Die Kritik für dieses Projekt ist unüberhörbar – welche Haltung hat die reformierte Kirche im Kreis 5?

Die Kritiker bringen ja immer dieselben Argumente: man müsse die Ängste in der Bevölkerung wahrnehmen. Diese Haltung ist in meinen Augen eine menschliche und politische Bankrotterklärung: Menschlich drückt man sich darum, die eigene Verantwortung wahrzunehmen und politisch offenbart man, dass man keine Vision gelingenden Zusammenlebens hat, sondern sich von diffusen Emotionen leiten lässt. Es ist für uns ein mutiger Entscheid, das Zentrum hier mitten im Quartier zu bauen und nicht irgendwo weg vom Geschehen. Wenn es dann zur Abstimmung kommt, stehen wir klar hinter dem Standort Duttweiler-Areal. Der Kreis 5 hat eine lange Tradition im Umgang mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und der Integration verschiedener sozialer Milieus.

Speziell ist, dass es eben mitten im Quartier gebaut werden soll, da wo Leben ist, da wo es unterdessen auch recht teuer sein kann, zu wohnen.

Damit sprechen Sie noch einen anderen wichtigen Aspekt an, was die Kritik am Vorhaben angeht: Der Standort mitten in diesem von anhaltendem Bauboom geprägten Quartier kann natürlich dazu führen, dass die Wohnlage weniger attraktiv wird und damit der Liegenschaftenwert und die Mietpreise sinken. Dass materielle Interessen zu einer ablehnenden Haltung beitragen können, liegt auf der Hand. Diese steht dann nicht unbedingt vor dem Hintergrund, dass etwas Ungewisses, Unbekanntes ins Quartier kommt. Auf der anderen Seite könnte sich deshalb gerade diese Standortwahl auf die nicht unproblematische Gentrifizierung in diesem Stadtteil auswirken und zu einer stärkeren sozialen Durchmischung beitragen.

Wie wichtig ist dieser integrative Charakter – also die Idee, ein Asylzentrum mitten in ein Quartier zu stellen?

Meist sind Asylunterkünfte irgendwo abgelegen in einem Dorf, weil man die Asylsuchenden von den städtischen Zentren weg haben möchte. Wie sich gezeigt hat, funktioniert dies aber nicht, weil die Menschen ohnehin in die Stadt gehen. In der Stadt ist es viel interessanter und man kann sich viel leichter beschäftigen als irgendwo auf dem Land. In der Stadt es auch einfacher Beschäftigungsprogramme für Asylsuchende aufzubauen und anzubieten und den Menschen eine gewisse Struktur zu bieten. Auf der anderen Seite steht die Quartierbevölkerung. Wir sehen uns mit der Frage konfrontiert: Was bedeutet das für uns selbst und wie gehen wir damit um, möglicherweise täglich Flüchtlingen und Asylsuchenden zu begegnen?

Argumentiert wird häufig, dass die kulturellen Unterschiede zu gross sind für ein Zusammenleben mitten in der Stadt.

Natürlich gibt es kulturelle Differenzen. Die Flüchtlinge und Asylsuchenden haben vielleicht andere Sitten, die wir uns nicht gewohnt sind. Da gibt es nur schon Konfliktpotential, wenn zum Beispiel jemand im Tram lauter spricht als alle anderen. Es war für Städte schon immer wesentlich, einer Vielfalt von unterschiedlichen Lebensformen und sozialen Milieus Platz zu bieten. Gerade darin besteht deshalb auch die Chance für die Bevölkerung im Quartier und in der Stadt: Sich von dem, was anders ist, herausfordern und in Frage stellen zu lassen, bietet die Chance, Toleranz zu lernen und menschlich zu wachsen.

Kann die Kirche da nachhelfen?

Wenn, dann nur bedingt. Zwar ist unsere Meinung öffentlich, man weiss, dass wir zu dem Verfahrenszentrum stehen, doch unsere Stimme ist dann doch sehr klein.

Aber es ist eine Stimme.

Natürlich, ja. Das war uns auch wichtig und deshalb stellen wir uns klar hinter den Entscheid der Stadt und des Bundes.

In der Kirchgemeinde gibt es sicher auch durchmischte Stimmen. Wie begegnet ihr diesen?

Natürlich gibt es auch kritische Stimmen bei uns in der Gemeinde. Am Flüchtlingssonntag stand der Gottesdienst unter dem Motto „Zuflucht gewähren – Menschen schützen“. Wir hatten deutlich weniger Besuchende im Gottesdienst und gerüchteweise gehört, dass die Flüchtlingsthematik bei vielen Gemeindegliedern nicht gut ankommt. Möglicherweise ist angesichts dieser Misere auch viel Ohnmacht und Angst in der Bevölkerung da. Hier haben wir als Kirche aber einen Auftrag: Wir können uns vor dieser globalen menschlichen Katastrophe nicht verschließen und müssen uns an der Lösung des Problems beteiligen.

Ist vielleicht diese Ohnmacht auch ausgelöst von der Grösse des Zentrums – 370 Plätze für Asylanten scheint vielleicht vielen zu viel für Zürich-West?

Es sind ja nicht alle immer auf einem Haufen in diesem Zentrum. Sie verteilen sich tagsüber in der ganzen Stadt. Angesichts des Bevölkerungswachstums von Zürich-West sind das nicht wahnsinnige Dimensionen. Auch die fast 900 Asylplätze, die man in der Region Zürich plant, sind im Vergleich zur Wohnbevölkerung verschwindend klein. Da findet man leichter eine Nadel im Heuhaufen.

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